29. Juni 2012

Primäre, sekundäre und tertiäre Quellen

Quellen sind nicht gleich Quellen, wie hier schon oft gesagt. Sie unterscheiden zu können, gehört zur "Informationskompetenz". Sie geht von einer quellenkritischen Haltung aus: Der informationskompetente, quellenkritische Student ist ein gewohnheitsmäßiger Quellenchecker.

Wie "Der Checker" aus der DMAX-Serie für Autofans schaut er den Quellen unter die Motorhaube, sucht nach Macken, Produktionsfehlern, Rost, Verschleiß und fehlenden Teilen. Und er wählt nur die Quellen aus, die seinen Ansprüchen genügen.

Das ist aber nicht nur Plausibilitäts- und Qualitätskontrolle. Quellen haben unterschiedlichen Charakter, und in der wissenschaftlichen Hierarchie sind manche Quellen von vornherein mehr wert als andere.

Eine wichtige Abstufung ist die zwischen primären, sekundären und tertiären Quellen. Für den "Checker" ist klar:
  • Je mehr Primärquellen man hat, desto besser. 
  • Sekundäre Quellen sind gut, aber wer selbst interpretieren will statt sich auf andere zu verlassen, knüpft sich die Primärquelle vor. 
  • Tertiäre Quellen sind in der Hackordnung ganz unten: Sie sind ein Hilfsmittel, um einen Überblick zu bekommen. Sie geben Orientierung über wichtige primäre und sekundäre Quellen. Fortgeschrittene Studenten nutzen für ihre Seminar- und Abschlussarbeiten tertiäre Quellen nur in der Anfangsphase einer Recherche. Nur blutige Anfänger zitieren ständig tertiäre Quellen.

Viele Studenten ordnen ihre Quellenverzeichnisse nach Art der Quelle: Bücher, Zeitschriften, Presse, Online... (siehe dazu diesen Blogpost). Deutlich intelligenter ist es, im Quellenverzeichnis nach Primär- und Sekundärquellen (und zur Not Tertiärquellen) zu sortieren. Denn aus wissenschaftlicher Sicht ist weniger wichtig, ob eine Quelle Buchpappdeckel hat oder nicht, als ihre Wertigkeit einzuschätzen.

Den Unterschied zu erkennen und die Einordnung fallen Studenten erfahrungsgemäß schwer. Außerdem gehen die Fachdisziplinen mit den Begriffen oft etwas unterschiedlich um; wirklich allgemeingültige Standards gibt es nicht. Und das Konzept ist etwas abstrakt, situations- und kontextabhängig. Das führt dann schnell zu Verwirrung. Versuchen wir's trotzdem:

Primäre Quellen
Primäre Quellen sind Originalmaterial -- sozusagen direkt vom Hersteller, "aus erster Hand" und Rohmaterial für den Wissenschaftler.

Sie sind Information im Urzustand -- noch hat sie niemand zusammengefasst, gefiltert, gedeutet, bewertet. Ihr Inhalt basiert oft (aber nicht immer) eher auf Fakten als auf Deutungen.

Einige Beispiele aus dem Feld der Wirtschaftswissenschaften: Eine Studentin hat eine unternehmens- oder branchenbezogene Aufgabe zu bearbeiten, und sie sucht dafür primäre Quellen aus dem Markt:Dokumente eines Unternehmens, Marktberichte eines Wirtschaftsverbands oder einer Unternehmensberatung, Branchen-, Firmen- oder Verbraucher-Statistiken, Meinungs- und Marktforschungsumfragen, Wirtschaftsberichte staatlicher Stellen und sonstige Regierungs- und Verwaltungsdokumente, Gesetze, Verordnungen oder Gerichtsurteile, Reden von und Interviews mit Managern und Marktakteuren, Teilnehmern oder Beobachtern aktueller Ereignisse (auf dem Markt und im Marktumfeld), aktuelle und vorrangig tatsachengestützte Presseberichterstattung über solche Ereignisse, Fotos, Diagramme, Karten aus diesem Umfeld. 

In rein wissenschaftlichem Zusammenhang sind primäre Quellen Forschungsberichte eines Wissenschaftlers, der selbst empirische Daten gesammelt und ausgewertet hat. Solche Daten sind quantitativ (z.B. Statistiken, Umfragen, Experimente) oder qualitativ (z.B. Interviews, Beobachtung, Dokumentenanalyse). Veröffentlicht werden die Forschungsergebnisse in einem wissenschaftlichen Aufsatz in einer Fachzeitschrift, in einem Buch oder in einem eigenständigen Bericht.

Sekundäre Quellen
Sekundäre Quellen enthalten Informationen ÜBER primäre Quellen. Das sind also Infos "aus zweiter Hand". Sekundärquellen fassen Infos aus primären Quellen zusammen. Sie liefern eine Auswahl, eine neue Zusammenstellung. Die Primärquellen werden gedeutet, interpretiert, bewertet.

Analog zum obigen Beispiel: Unsere Wiwi-Studentin sucht nach Analysen und Interpretation über eine Firma, eine Branche oder einen Markt. Nicht was eine Firma über sich selbst sagt, interessiert sie hier, sondern was andere über die Firma sagen -- Branchenexperten, Analysten, Wirtschaftsjournalisten, Wissenschaftler. Eine akademische Studie, die sich vorrangig auf Aussagen anderer stützt, ist in der Regel eine sekundäre Quelle.

Die Abgrenzungsprobleme sind nicht einfach. Wenn Professor Schmitz Daten des Statistischen Bundesamts verwendet und damit komplizierte Berechnungen anstellt, ist sein Forschungsbericht darüber dann eine primäre Quelle? Er hat die Daten ja nicht selbst gesammelt. Aber: Er erzeugt daraus etwas Neues, ein neues Original sozusagen. Primär oder sekundär? Wahrscheinlich überwiegend sekundär... mit etwas primärer Beimischung.

Wie sieht es bei Presseartikeln aus? Oben habe ich gesagt, dies sind  Primärquellen -- aber eingeschränkt: wenn sie aktuell und vorrangig tatsachengestützt über Ereignisse berichten. Wenn sie eher eine allgemeine Branchen- oder Trendanalyse machen, wenn sie Hintergründe aufzeigen oder kommentieren, sind sie eher als sekundäre Quellen einzuordnen. Denn sie sind weniger faktenbasiert, sie interpretieren vor allem, und sie sind auch stärker von einem bestimmten Ereignis entfernt.

Merke also: Wie man die Quellen einordnet, hängt von der eigenen Sichtweise, Zweck und Aufgabe ab, von der Distanz der Quelle zu einem Ereignis und davon, wie stark deutend die Quelle ist. Dieser Kontext verlangt also vom "Checker" ziemlich viel Urteilsvermögen. Ein und dieselbe Quelle kann primär oder sekundär sein.

Tertiäre Quellen
Viel leichter ist es, tertiäre Quellen zu identifizieren. Sie sind vor allem als Zusammenfassung von Primär- und Sekundärquellen gedacht, und ihr Zweck ist in der Regel, einen Überblick über ein Themengebiet zu geben, es zu ordnen und zu indizieren.

Dazu gehören Nachschlagewerke wie Lexika und Enzyklopädien, Wörterbücher, Glossare, Handbücher, Kompendien, Kataloge, Guides und -- wichtig! -- Lehrbücher für Schüler und Studenten.

Ein Lehrbuch mag von einem Forscher geschrieben worden sein, es ist aber keine Forschungspublikation. In der Regel bereitet es eine breite Thematik, die bereits in zahlreichen Sekundärquellen enthalten ist, didaktisch auf, ohne originäre eigene Forschung zu präsentieren und ohne sich direkt mit Primärquellen zu befassen (bestenfalls in Form von Beispielen, die aber nicht der wissenschaftlichen Untersuchung dienen, sondern der pädagogischen Vermittlung: Primärquellen werden nur reproduziert und dann eingeordnet, ggf. werden verschiedene Meinungen aus der Sekundärliteratur dazu vorgestellt). 

Qualitative Interviews -- Transkripte & Co.

In einer Abschlussarbeit selbst empirische Daten erheben und untersuchen -- das ist echtes Forschen und (leider) in vielen Fächern selten der Fall. Vor allem bei Bachelor-Arbeiten, denn eigentlich ist die Bearbeitungszeit viel zu kurz. Eine Studentin der Verwaltungswissenschaften will es aber wagen und hat in einem Landkreisamt gute,praktische Forschungsobjekte. Nun grübelt sie aber über diese Fragen:
  1. Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)? > Antwort: "Selbst forschen: Umfragen, Interviews, Dokumente auswerten und belegen" (28.6.12)
  2. Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)? > Antwort: "Graue Literatur und interne Dokumente" (29.6.12)
  3. Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg?
Der Antwort sei vorausgeschickt:
  • Es führt kein Weg daran vorbei, das mit dem Betreuer detailliert zu besprechen. Persönliche Vorstellungen und Vorlieben, wie empirische Daten und Methoden zu dokumentieren sind, variieren erheblich. 
  • Gerade bei BA-Arbeiten sind viele Betreuer willens, pragmatisch Ansprüche herunterzuschrauben und Kompromisse bei einigen Dokumentationsstandards einzugehen, um die Belastung bei der extrem kurzen Bearbeitungszeit zu senken. Siehe dazu auch den Blogbeitrag:  "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.10)
  • Lesen Sie im Detail nach, was Handbücher und Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur empirischen Sozialforschung dazu sagen.

Qualitative Interviews -- Transkripte & Co.

Frage 3. Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg?

Zunächst einmal: Qualitative Interviews müssen im Methodenteil erläutert werden -- wie quantitative Befragungen auch. Warum und nach welchen Kriterien wurde wer ausgewählt? Sind die Befragten Akteure/Handelnde/Entscheider, Betroffene, Experten? Wie haben Sie sie angesprochen? Wie wurden die Fragen entwickelt? Wie wurden die Antworten ausgewertet? usw. Irgendwo muss eine Liste der Interviewpartner erscheinen. Im Anhang können Kurzbiographien der Befragten eingefügt werden - oder eine Kurzbeschreibung deren Stellung (z.B.: Sachbearbeiter mit Zuständigkeit für X).

Im Hauptteil werden Sie in der Regel mit wörtlichen Zitaten arbeiten, mal länger, mal kürzer, dann auch mit Zusammenfassungen. Wörtliche Zitate sind vor allem dann geeignet, wenn der Befragte etwas sehr zugespitzt und plakativ ausdrückt, seine persönliche Einschätzung oder Meinung ausdrückt. Reine Faktenaussagen sollte man eher zusammenfassen.

Im Quellenverzeichnis sollte die Liste der Interviews in einer eigenen Rubrik erscheinen. Der Langbeleg enthält Informationen zum Namen des Befragten, zu seiner Position/Funktion, zu Ort, Zeitpunkt und Dauer des Interviews.

Auf diese Angabe bezieht sich dann auch der Quellenbeleg im Haupttext (z.B. als Kurzbeleg "Interview Schulze, 2012"). Handelt es sich nicht um formale Interviews, sondern eher Gesprächsnotizen, ein Telefonat oder eine Email, ist die Belegweise "Schulze, persönliche Kommunikation, 20. Juni 2012" inzwischen üblich.

Im Idealfall dokumentieren Sie das gesamte Interview im Anhang in Form eines Transkripts. Ein Transkript ist die wörtliche Niederschrift der Ton- (oder gar Video-) Aufzeichnung -- wenn Sie denn eine gemacht haben.

Es ist auch möglich, Interviews nur mit einem Notizbuch zu führen. Diese Art Aufzeichnung ist natürlich nicht so genau; und sie verlangt etwas Übung -- Sie können ja nicht nur schreiben, Sie müssen auch das Gespräch führen; und wer kein Steno kann, ist möglicherweise sehr langsam beim Notieren. Aber nicht jeder Interviewpartner erlaubt eine Bandaufzeichnung. Manchmal stört sie die Gesprächsatmosphäre.

Ein simples "Abtippen" ist Transkription nicht. Sie können ein Gespräch mit allem, was dazugehört, nicht 100-prozentig in Textform wiedergeben. Bei den nichtverbalen Aussagen und Reaktionen, beim Gesprächskontext usw. ist das klar. Aber selbst das Gesagte erscheint bei vielen Transkripten nicht ganz so, wie es tatsächlich gesagt wurde.

Bei manchen Transkripten ist es nur eine sinngemäße Zusammenfassung. Bei anderen ist das Gesprächsprotokoll zwar wörtlich, aber sprachlich "geglättet": Nur wenige Menschen sprechen druckreif. Die im mündlichen Verkehr üblichen Stummelsätze, grammatisch chaotischen Bandwurmsätze, Verhaspelungen und Versprecher, die im Gespräch gar nicht weiter auffallen, sind bei einer penibel wörtlichen Niederschrift hinterher ein Graus: nämlich schlicht unlesbar!

Manche Wissenschaftler haben an der genauen sprachlichen Ausdrucksweise ein großes Interesse, Sprachforscher, Psychologen und Soziologen etwa. Da zählen auch die "Ähs" und "Mmmhs" und das Gestammel. In einer verwaltungswissenschaftlichen Abschlussarbeit ist das wahrscheinlich nicht so, da geht es um andere "Inhalte".

Sie werden sich also bei der Transkription eher darum bemühen, die Sätze möglichst nah an der wörtlichen Aussage, aber dennoch lesbar ins Schriftliche zu übertragen. Aus unvollständigen werden vollständige Sätze, Versprecher werden beseitigt usw. Das ist dann aber alles schon Interpretation -- oder um es ganz krass auszudrücken, Sie sind dabei, die Wirklichkeit zu verfälschen, zumindest zu verändern, Sie greifen in die Aussagen direkt ein. Machen Sie sich also klar, welche Entscheidungen Sie bei einer Transkription fällen müssen, welchen Regeln Sie folgen. Wichtige Hinweise dazu gibt das kleine "Praxisbuch Transkription" von Dresing und Pehl.

Transkription ist enorm zeitaufwändig und mühsam, sie erfordert äußerste Konzentration und penibles Redigieren und ständiges Überprüfen. Inzwischen gibt es Software (siehe dazu ebenfalls das "Praxisbuch"), aber der Computer nimmt Ihnen die Arbeit nicht vollständig ab. Für ein einzelnes Interview, das eine Stunde dauert, kann der Transkriptionsaufwand - je nach Methode - schon eine oder mehrere Tage in Anspruch nehmen.

Braucht man ein vollständiges Transkript? Die Frage hat zwei Seiten:
  • erstens die nach der eigenen Auswertung des Gesprächs, 
  • zweitens die nach der Dokumentation in der Abschlussarbeit.
Bei der eigenen Auswertung mag es ausreichen, die Aufzeichnung mehrfach abzuhören und dann die wertvoll erscheinenden Auszüge (also das, was Sie wörtlich zitieren wollen) zu transkribieren. Den Rest fassen Sie zusammen (am besten mit Notieren des Zeitzählers). Merken Sie später, dass Sie noch einmal zurück zur Aufzeichnung müssen, ist das ja kein Problem.

Dies gilt für "normale" Interviewauswertung. Wenn Sie anderes vorhaben -- z.B. eine formale und quantitative Inhaltsanalyse --, werden Sie dagegen ein Voll-Transkript benötigen. Wenn Sie sehr viele Interviews führen, fällt es schwer, die Übersicht über die Inhalte zu behalten. Nutzen Sie in einem solchen Fall z.B. Citavi oder eine andere mit Literaturverwaltung gekoppelte Wissensmanagement-Software, in der Sie Ihre Notizen und Zusammenfassungen komfortabel speichern und im Volltext suchen können.

Bei der Dokumentation müssen Sie mit dem Betreuer sprechen. Bei einer Bachelor-Arbeit gibt es nur 8-12 Wochen Bearbeitungszeit. So sollten Sie den Betreuer fragen, ob er auf vollständigen Transkripten besteht, die im Anhang abgedruckt werden müssen.


Meine persönliche Auffassung ist: Das muss nicht unbedingt sein, und der Zeitaufwand geht klar zu Lasten aller anderen Aufgaben, die bei einer Thesis zu erledigen sind. Wenn wir Studenten bei einer kurzen BA-Thesis dazu ermutigen wollen, selbst zu forschen, dann geht das nur unter eingeschränkten Ansprüchen. Allein die Vorbereitung, Terminvereinbarung, Durchführung, inhaltliche Auswertung von Interviews, Autorisierung (s.u.) der Zitate und das "Einbauen" in den Text kostet viel Zeit. Wenn ein Student von 8 Wochen BA-Bearbeitungszeit eine Woche netto nur mit Transkribieren beschäftigt ist, ist das arbeitsökonomisch fragwürdig.

Bei einer Master-Arbeit mit längerer Bearbeitungszeit ist der höhere Aufwand eher gerechtfertigt. Ich hatte auch schon Master-Studenten, die unbedingt Volltranskripte erstellen wollten -- weil sie in ihrer Literatur selbst von Transkripten anderer als Quellen profitiert haben und nun ihrerseits einen Beitrag zur Fortentwicklung des Themengebiets leisten wollten. Ehrenhaft.

Als Letztes: In der Regel wollen Interviewpartner das Transkript lesen und autorisieren, manchmal auch nachkorrigieren. Zumindest die Passagen, mit denen sie  tatsächlich zitiert werden.

Ob Sie das anbieten oder darauf eingehen, ist Ihre Entscheidung. Sie müssen sich mit dem Gesprächspartner auf Spielregeln verständigen, und zwar vorher! Es kann zwar sein, dass der Gesprächspartner einige zugespitzte Aussagen wieder "kassiert". Dann müssen Sie möglicherweise verhandeln, "was geht", wenn Sie die Passage "retten" wollen. Andererseits hat der Interviewpartner aber auch ein legitimes Interesse daran, dass er nicht in seinem eigenen Umfeld Ärger bekommt, weil er mit Ihnen gesprochen hat. Zur Not ist die Anonymisierung der Aussagen eine Lösung -- manchmal geht es nicht anders, und manches Interview findet nur unter dem Mantel der Anonymität statt. Zudem ist es so, dass sich in Transkripte Fehler einschleichen. Manchmal versteht der Interviewende etwas falsch, oder der Interviewte hat spontan eine fehlerhafte Aussage gemacht. Das Gegenlesen ist dann die Chance zur Korrektur oder Präzisierung. Das ist also nicht nur als Einschränkung, sondern auch als Verbesserungsmöglichkeit zu sehen.

Und noch einmal zum Zeitmanagement aus der Forschungspraxis:
  • Wenn Sie eine halbe oder eine Stunde mit einem Interviewpartner sprechen, entsteht daraus ein seitenlanges Volltranskript. 
  • Wenn Sie dem Interviewpartner nun Ihre 5 oder 10 Seiten zum Gegenlesen schicken, mag es viele Wochen dauern, bis das "OK" kommt. Wenn es sich um vielbeschäftigte Leute handelt, können Sie noch so drängeln -- das Lesen und Prüfen und Korrigieren eines solchen Transkripts hat geringe Priorität, ist mühsam und wird eben gern immer wieder verschoben. Das Risiko des Zeitverzugs aber tragen Sie! Und es hilft Ihnen nichts, wenn Sie für Ihre BA-Thesis 10 Interviews führen, aber bei fünf davon liegen die Transkript-Autorisierungen erst Tage oder Wochen nach Ihrem Abgabetermin vor.
  • Die Chance einer schnellen Autorisierung steigt, wenn der Interviewpartner nur ein paar Absätze mit Einzelzitaten überfliegen muss. Das spricht also auch dafür, kein Volltranskript im Anhang der Arbeit zu dokumentieren, weil es dann eben auch einer Abnahme/Abstimmung desselben bedarf. 

Will Ihr Betreuer unbedingt Volltranskripte, aber Sie möchten das Zeitproblem bei der Autorisierung beherrschen, wäre noch ein Kompromiss möglich: Sie lassen nur die tatsächlich verwendeten Zitate autorisieren. Die Volltranskripte kommen in den Anhang, werden aber für das Bibliotheksexemplar Ihrer Thesis gesperrt ("Sperrvermerk"), sind also für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Siehe auch die Posts:
Literaturtipp zur Transkription:

Dresing, T. & Pehl, T. (2011). Praxisbuch Transkription. Regelsysteme, Software
und praktische Anleitungen für qualitative ForscherInnen.
3. Auflage. Marburg: Dr. Dresing und Pehl GmbH. Online auf http://www.audiotranskription.de/Praxisbuch-Transkription.pdf [28.06.2012].

Graue Literatur und interne Dokumente

In einer Abschlussarbeit selbst empirische Daten erheben und untersuchen -- das ist echtes Forschen und (leider) in vielen Fächern selten der Fall. Vor allem bei Bachelor-Arbeiten, denn eigentlich ist die Bearbeitungszeit viel zu kurz. Eine Studentin der Verwaltungswissenschaften will es aber wagen und hat in einem Landkreisamt gute,praktische Forschungsobjekte. Nun grübelt sie aber über diese Fragen:
  1. Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)? > Antwort "Selbst forschen: Umfragen, Interviews, Dokumente auswerten und belegen" (28.6.12)
  2. Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)?
  3. Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg? > Antwort: "Qualitative Interviews -- Transkripte & Co." (29.6.12)
Der Antwort sei vorausgeschickt:
  • Es führt kein Weg daran vorbei, das mit dem Betreuer detailliert zu besprechen. Persönliche Vorstellungen und Vorlieben, wie empirische Daten und Methoden zu dokumentieren sind, variieren erheblich. 
  • Gerade bei BA-Arbeiten sind viele Betreuer willens, pragmatisch Ansprüche herunterzuschrauben und Kompromisse bei einigen Dokumentationsstandards einzugehen, um die Belastung bei der extrem kurzen Bearbeitungszeit zu senken. Siehe dazu auch den Blogbeitrag:  "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.10)
  • Lesen Sie im Detail nach, was Handbücher und Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur empirischen Sozialforschung dazu sagen.

Graue Literatur und interne Dokumente

Frage 2. Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)?

Wenn es sich um Veröffentlichungen handelt, ist das typische "Graue Literatur" -- grob gesagt Publikationen von Institutionen und Organisationen, die nicht in Bibliotheken und von Verlagen vorgehalten werden.
  • Dazu gehören bei einer Landkreisbehörde z.B. öffentliche Berichte, Broschüren, Merkblätter oder Formulare für Bürger, Pressemitteilungen oder auch veröffentlichte Reden des Landrats u.v.a. - online oder offline.  
  • Amtsblätter können Sie wie Zeitschriften belegen (es sind ja Periodika). 
  • Kreistagsvorlagen belegen Sie wie Parlamentaria und Rechtsquellen. 
  • Bei allen anderen veröffentlichten Materialien gibt es keine vollstandardisierte Belegweise: Versuchen Sie diese so genau wie möglich im Quellenverzeichnis zu beschreiben, also mit genauem Herausgeber/Autor, Erscheinungsdatum und -ort, Titel und Untertitel, ggf. Publikationsnummer (soweit angegeben), Art der Quelle (also z.B. Broschüre, Merkblatt...).
Bei wissenschaftlichen Quellenbelegen geht es ja immer darum, dem überprüfenden Leser zu ermöglichen, die Quelle selbst in Augenschein nehmen zu können, wenn er denn gewillt ist, eine Bibliothek zu nutzen. Davon ist bei Büchern und Periodika auszugehen, z.T. auch bei Internetveröffentlichungen (gleichwohl kann man fast das gesamte Internet als eine Art "Grauer Literatur" bezeichnen).

"Graue Literatur" ist für den Leser schwer zu beschaffen, manchmal gar nicht. Formal wäre es daher angezeigt, die verwendeten Veröffentlichungen im Anhang als Kopie/Faksimile zu dokumentieren. Nur so lassen sich die Quellen ja nachvollziehen.

Aber: Praktisch ist es eher sinnlos, damit einen gewaltigen Anhang zu füllen. Bezieht man sich aber auf bestimmte Passagen oder Seiten, oder ist der Kontext oder die Machart wichtig, ist eine Kopie eines Auszugs sinnvoll -- z.B. wenn man zeigen möchte, auf welche Art die Verwaltung mit dem Bürger über ein Thema kommuniziert.

Handelt es sich um nicht-veröffentlichte Materialien, sondern um Interna, dann gilt dies nicht als "Graue Literatur". Das sind "Dokumente". (Allerdings kann man auch bei veröffentlichten Papieren von Dokumenten sprechen, aber spalten wir hier keine Haare.)

Beispiele sind interne Berichte, Aktenvermerke, Protokolle, Briefe, Emails oder Intranetdokumente, Verträge, interne Statistiken, sonstige Gebrauchstexte, Dienstanweisungen, Vortragsmanuskripte, PowerPoint-Präsentationen, Urkunden, Organigramme, Geschäftsverteilungspläne, interne Geschäftsordnungen und Verfahrensregeln, Aktenpläne, Dienstvereinbarungen, Stellenpläne und -beschreibungen,  Jahres- und Tätigkeitsberichte, interne Untersuchungen, Haushaltsdokumente, Daten aus Benchmarking- und Kosten-Leistungs-Rechnung usw.

Diese Dokumente sind nun überhaupt nicht für einen Leser direkt zugänglich (es sei denn, sie sind bereits in einem öffentlichen Archiv). Wer also solche benutzt, hat eine besondere Verantwortung, Informationen über diese Quelle zu dokumentieren.
  • Was für eine Art Dokument ist es? 
  • Was sind die äußeren Merkmale, der Inhalt und die Aussagekraft? 
  • Was ist der Zweck, die Funktion? 
  • Ist es aktuell oder veraltet? 
  • Wie entstand das Dokument? Wann, wo? In welchem Kontext? 
  • Wie sind Sie an dieses Dokument gelangt?
Bevor Sie im Rahmen der Dokumentenanalyse (Überblick zur Methode: Uni Augsburg) zur großen inhaltlichen Interpretation starten, müssen Sie diese Fragen klären.

Vor allem gilt es zu prüfen, wie verlässlich die Quelle ist, ob sie vollständig ist, und wie man sie einordnen muss. Wenn Sie tatsächlich "Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können", in irgendeiner Akte vorfinden, ist Vorsicht geboten.

Im besten Fall gelingt es Ihnen, die fehlenden Informationen zu rekonstruieren -- durch Suche nach ähnlichen Dokumenten, durch Nachfragen o.ä.. Ob sich die detektivische Kleinarbeit lohnt, müssen Sie entscheiden. Fehlen Quelleninfos, und nutzen Sie die Quelle trotzdem, dürfen Sie den Leser über die Defizite nicht im Unklaren lassen. Machen Sie auch im Text Ihre quellenkritische Haltung deutlich. Erläutern Sie, warum Sie diese Quelle wie interpretieren und warum das legitim ist.

Natürlich müssen Sie wiederum genau im Quellenverzeichnis (Dokumente von Literatur trennen) bezeichnen, was für eine Quelle es ist -- und erneut ist eine Kopie des Dokuments, zumindest bestimmter Passagen, im Anhang sinnvoll. Ist die Quelle ganz zentral, gehört die Kopie eher in den Hauptteil.

28. Juni 2012

Selbst forschen: Umfragen, Interviews, Dokumente auswerten und belegen

In einer Abschlussarbeit selbst empirische Daten erheben und untersuchen -- das ist echtes Forschen und (leider) in vielen Fächern selten der Fall. Vor allem bei Bachelor-Arbeiten, denn eigentlich ist die Bearbeitungszeit viel zu kurz. Eine Studentin der Verwaltungswissenschaften will es aber wagen und hat in einem Landkreisamt gute,praktische Forschungsobjekte. Nun grübelt sie aber über diese Fragen:
  1. Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)?
  2. Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)?
  3. Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg?
Der Antwort sei vorausgeschickt:
  • Es führt kein Weg daran vorbei, das mit dem Betreuer detailliert zu besprechen. Persönliche Vorstellungen und Vorlieben, wie empirische Daten und Methoden zu dokumentieren sind, variieren erheblich. 
  • Gerade bei BA-Arbeiten sind viele Betreuer willens, pragmatisch Ansprüche herunterzuschrauben und Kompromisse bei einigen Dokumentationsstandards einzugehen, um die Belastung bei der extrem kurzen Bearbeitungszeit zu senken. Siehe dazu auch den Blogbeitrag:  "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.10)
  • Lesen Sie im Detail nach, was Handbücher und Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur empirischen Sozialforschung dazu sagen.

Onlineumfragen

Frage 1. Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)?

In jedem Fall muss klar erkennbar und nachvollziehbar sein, wie Sie zu den Daten gekommen sind. Der Leser soll Relevanz und Aussagekraft Ihrer Datenbasis beurteilen können. Das "Projektdesign" und Konzept der Umfrage ist im Text (Methodenteil) präzise zu erläutern. Dazu gehören die Entwicklung der Fragen, Auswahl und Rekrutierung der Befragten, Erhebungsmethode, Ablauf der Durchführung usw. Eher "technische" Angaben und ein Verlaufsprotokoll können z.T. in den Anhang ausgelagert werden.

Der Anhang ist auch eine gute Lösung, um die gesamten Rohdaten aus der Umfrage zu dokumentieren. Das sind ja oft große Tabellen, die man nicht unbedingt im Haupttext haben möchte. Im Anhang lassen sich die Daten aber in der Gesamtheit überblicken. Außerdem können Sie im Anhang z.B. Ihr Anschreiben an die Befragten dokumentieren

Im Hauptteil der Arbeit ist es meist sinnvoll, sich in der Darstellung und Diskussion jeweils einzelnen Ergebnissen zuzuwenden (Thema für Thema) und bei zusammenfassenden Übersichten mit Diagrammen zu arbeiten. Grafiken sind chic, aber nicht für alles benötigen Sie eine farbstrotzende Torte, Säulen, Stäbe oder Kurve: Übersichtliche Tabellen sind häufig eine gute Alternative und ebenso leicht zu erfassen. Wenn Sie dennoch ein Diagramm wählen, überprüfen Sie, welches Diagrammformat die Information am besten vermittelt.

Diagramme sollten eine hohe Informationsdichte haben. Unverzichtbar ist es bei Grafiken, nicht nur mit Prozentangaben, sondern auch mit absoluten Zahlen auszuzeichnen, Achsen und Skalen genau zu beschriften, eine Legende anzulegen, in der Diagrammbeschriftung die Grundgesamtheit (N) zu benennen, fehlende Daten oder "keine Antwort" anzugeben usw.

Wenn Sie eine Online-Umfrage durchführen, nutzen Sie wahrscheinlich ein Web-Tool. Solche Software hat meist eine Standardausgabefunktion für Tabellen und Grafiken. Schauen Sie sich diese genau an, und überprüfen Sie, ob und wie Sie diese verändern können. Manchmal ist es sinnvoll, die Daten in Excel zu importieren, weil Sie dort mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben.


Schließlich gibt es in Befragungen auch Optionen freier Texteingabe. Daraus können Sie wörtliche Zitate entnehmen. Achten Sie in der Belegweise darauf, dass der Leser diese nicht mit Literaturzitaten verwechseln kann.

24. Juni 2012

Rubriken fürs Quellenverzeichnis: Warum die Rubrik "Internetquellen" Unsinn ist - Alternativen

Quellenverzeichnisse sind oft schlicht alphabetisch nach Autor geordnet - manchmal auch nach Datum (Vancouver Style). Nun sind Quellen aber nicht gleich Quellen. Zwischen einer wissenschaftlichen Monographie und einem Blog-Post liegen Welten. Daher empfehlen viele Ratgeberwerke, das Quellenverzeichnis in Rubriken zu ordnen. Dafür spricht viel.

In studentischen Seminararbeiten gibt es allerdings oft nur zwei: "Bücher" und "Internetquellen". Das ist dann meistens Unfug.

Was passiert ist: Der Student hat sich 2-3 Bücher aus der Bibliothek geholt und den Rest online recherchiert. Gedruckte Fachzeitschriften oder sonstiges Druckwerk hat er gar nicht erst angesehen. Alles, was "im Internet" zu finden war, kommt nun in die Kategorie "Internetquellen". Die Rubrik umfasst dann aber meistens so ziemlich alles, was es so gibt unter der Sonne. Die Quellentypen haben überhaupt nichts gemeinsam -- außer dass sie "im Internet" sind.

Alles im selben Topf: Wissenschaftliche Fachzeitschriften-Aufsätze, Buchexzerpte aus GoogleBooks, Berichte und Studien, Konferenz- und Symposienbeiträge, Amtliches und Halbamtliches, Gesetzestexte und Gerichtsurteile, Artikel aus journalistischer Presse und Rundfunk, Unternehmens- und Verbände-Publikationen, Lexika, Statistiken, Datensätze, Videos und diverse Social-Media-Beiträge, was auch immer.

Genauso gut hätte der Student als Rubrik "Diverse Quellen und Allerlei" drüber schreiben können. Was natürlich nicht der Sinn der Rubrizierung ist.

Vor langer, langer Zeit war alles einfacher. Ein Buch war ein Buch, eine Zeitschrift eine Zeitschrift usw. Das Gedruckte dominierte die akademische Welt, und wenn man "graue Literatur" (also alles, was nicht Buch, Fachzeitschrift oder Presse war) zitierte, war das schon gewagt. Dann auch noch "Internet" zu zitieren, war etwas funky. Aber in jedem Fall die Ausnahme. Und "Internet", das hieß im Wesentlichen: simple HTML-Websites.

Heute gibt es praktisch jeden Quellentyp "im Internet". Zumindest aber, wenn nicht im freien Oberflächen-Internet im "Deep Web" verfügbar, jedenfalls in digitaler Form, vom E-Book in der Unibibliothek bis zum Fachzeitschriften-Aufsatz in der Datenbank eines wissenschaftlichen Verlags. Alles online abrufbar.

Also ist es sinnvoll, die Quellen nicht danach zu sortieren, ob sie digital sind oder nicht, sondern nach dem eigentlichen Charakter und Zweck der Quelle. Im Regelfall ist die formale Trennung immer noch so (davon ausgehend, dass alle digital und "im Internet" abrufbar sein können):
  • Bücher, 
  • periodische Werke (Fachzeitschrift, Zeitschrift, Zeitung, Newsletter usw.), 
  • "graue Literatur" (z.B. einzelne Forschungsberichte von Instituten, Veröffentlichungen staatlicher Stellen, von Unternehmen, Verbänden, Berufsorganisationen, kommerzielle und nichtkommerzielle Organisationen verschiedener Art -- bis hin zu Broschüren, Handzetteln oder gar Plakaten),
  • Beiträge zu Konferenzen, Tagungen, Symposien
  • Rechtsmaterialien
  • Sonstige Quellen (z.B. einfache Texte auf Websites, Film/Video/TV-Beiträge, unveröffentlichte Manuskripte, Online-Communities usw.)
Literaturverwaltungsprogramme (ob die eingebaute bei MS Word oder eine Extra-Software wie z.B. Citavi) sind da schon mal eine Hilfe: Sie zwingen dazu (oder ermöglichen es), vorgegebene Quellen-Kategorien auszuwählen.

Was davon genau nach wissenschaftlichem Standard zitierfähig und zitierfähig ist, sei jetzt einmal dahingestellt. Sinnvoll kann es sein, in Rubriken wissenschaftliche Literatur von nichtwissenschaftlichen Quellen zu trennen. Oder auch Primär-, Sekundär- und Tertiärquellen.

Was sonst noch zu trennen ist, hängt davon ab, woraus mein Quellenuniversum besteht.

Beispiel: In einer Seminararbeit zur Energiepolitik benötige ich diverse Artikel aus praxisnahen Fachmagazinen, Regierungs- und Parlamentsdokumente sowie amtliche Statistiken, Materialien von Verbänden der Energiewirtschaft, Materialien von sonstigen "Experten" -- die kommen von einer Unternehmensberatung, von Umwelt- oder Verbraucherorganisationen; und in einigen Blogs finde ich auch noch etwas.

All das ist zweifellos nach Charakter und Zweck anders als wissenschaftliche Bücher und Aufsätze. Sie bilden nicht nur Grundlagenliteratur, sondern sind Forschungsgegenstand. Im Fließtext behandle ich diese Quellen klar anders als die Ergebnisse akademischer Forschung. Im Quellenverzeichnis kann es sinnvoll sein, diese unterschiedliche Wertung durch Rubriken sichtbar zu machen. Z.B. "Amtliche Veröffentlichungen und Veröffentlichungen politischer Institutionen", "Veröffentlichungen von Interessengruppen", "Nichtakademische Fachpresse" und dergleichen. Dreht sich meine Arbeit ums Marktgeschehen, will ich möglicherweise nach Marktteilnehmern (kommerziellen Organisationen) und Nichtmarktteilnehmern (nichtkommerzielle Organisationen, sonstige Experten) trennen.

Geht man so vor, wird klar, dass es keine "One-size-fits-all"-Rubrikenkennung geben kann, es ist vom Inhalt der Arbeit abhängig. Rubriken muss man sich also passend selbst schaffen, statt auf ein "Schema F" zu hoffen.

Aufwändig? Ja, klar. Das ist nicht nur eine intelligente Vorgehensweise, sie zeigt auch, dass der Autor sehr quellenkritisch ist und Informationskompetenz zeigt. Und das dürfte dem begutachtenden Dozenten bestimmt ein paar Bonuspunkte wert sein.

Statista - trau, schau, wem

Statista.com erfreut sich bei Studenten immer größerer Beliebtheit -- kostenlose, leicht zugängliche Daten und nützliche Infografiken, die sich in jeder Seminararbeit gut machen.

Aber halt! Oft gibt es Missverständnisse oder ungenügendes Verständnis von dem, was Statista ist, was es anbietet, und wie man das Portal am besten nutzt. Darum hier ein paar Tipps -- und kleine Warnungen.

Zunächst: Statista ist keine Statistikbehörde, sondern ein kommerzieller Dienstleister. Das Unternehmen verdient Geld damit, Daten anderer einzusammeln, aufzubereiten und zugänglich zu machen. Statista erhebt selbst keine Statistiken.
Statista ist erst einmal "nur" ein komfortables Recherche-Tool, ein Katalog. 

Und: Statista bietet viel, aber das Beste ist nicht kostenlos. Studenten können aber auch an die hochwertigen Inhalte gelangen.

Nicht nur durch Gratis-Angebote zappen - Uni-Zugang nutzen

Studenten klicken sich meist durchs öffentlich frei zugängliche Web-Angebot. Dies ist nur ein kleiner Teil der Datenbank.

Wichtig: Wer alle Infos zur veröffentlichten Statistik sehen will, (z.B. den Herkunftsnachweis) muss sich ein Basisdienst-Konto freischalten lassen. Das ist erst einmal gratis.

Viele Angebote findet man zwar, sie sind jedoch gesperrt. Man braucht ein Premium-Account. Das kann sich der Student natürlich nicht leisten. Muss er aber auch nicht: Viele Hochschulbibliotheken haben Statista per Campus-Lizenz abonniert, so dass über die Uni oft die vollen Datensätze mit allen Infos für Studenten erreichbar sind!

Also: In die digitale Uni-Bibliothek einloggen und von dort aus in der gesamten Statista-Datenbank recherchieren. 

Woher stammen die Daten überhaupt? 

Statista wirbt damit, dass es 10.000 verschiedene Quellen hat. Allein diese hohe Zahl sollte misstrauisch machen. 

Gute, verlässliche Daten erheben ist teuer und aufwändig. Abgesehen von staatlichen Statistikämtern und öffentlichen Institutionen, die vom Steuerzahler unterhalten werden, haben Auftraggeber teurer Studien in der Regel kein Interesse daran, "einfach so" zum Nutzen der Allgemeinheit aufwändig erlangte Daten unters Publikum zu streuen.

Auftraggeber haben allenfalls ein Interesse daran, bestimmte Daten in die Öffentlichkeit zu bringen (und andere vielleicht nicht). Die Absicht: Sie können auf einen Werbeeffekt hoffen. Oder sie möchten Image-PR machen, mit den Daten etwas ins gute (oder schlechte) Licht rücken, eine Debatte beeinflussen oder anderes mehr.

Daher ist es sehr wichtig, dass Statista-Nutzer die Ursprungsquelle kennen – und sich einen Reim darauf machen, was die Absicht ist. Statista sagt:
"Zu jeder Statistik veröffentlichen wir die verfügbaren Metadaten wie Quelle, Veröffentlichungsdatum, Anzahl der Befragten usw. und machen so alle Angaben auf Statista überprüfbar. Aufbereitungen von Datensätzen erfolgen nach wissenschaftlichen Kriterien."
Klingt gut, aber: Das heißt noch nicht, dass die Ursprungsdaten streng neutral und nach allen Regeln wissenschaftlicher Transparenz und Methodik erhoben wurden. Und über die Selektivität der veröffentlichten Daten wissen wir damit auch nichts. Mag sein, dass die Leute bei Statista sehr sorgfältig sind. Aber sie sind nur Zweitverwerter. Sie zitieren nur.

An anderer Stelle sagt Statista:
"Statista kann Ihnen nicht die Entscheidung abnehmen, welcher Quelle und welcher Erhebung Sie Ihr Vertrauenschenken – oder welcher Methodik."

Das ist eben der Grund, weshalb Statista Herkunfts- und Metadaten transparent macht. 

Tatsache ist, dass Statista unter den 10.000 Quellen z.B. auch Pressemitteilungen von Verbänden und Unternehmen nutzt. Wie genau werden diese überprüft? Wird die Methodik unter die Lupe genommen? Wohl kaum so, wie die höchste Qualität es erforderlich machen würde. Statista ist kein Statistik-TÜV. Statista lebt davon, möglichst viele Daten ins System zu bringen -- und haftet nicht für Unfug und Manipulation, die darin stecken.

Beispiel: Da verbreitet etwa eine Internet-Partnervermittlung über Statista die Ergebnisse einer User-Umfrage übers Online-Flirten -- schon an der Formulierung der Fragen erkennt man, dass da kein Wissenschaftler am Werk war, sondern clevere Marketingleute.

Jeder kennt diese lustigen Web-Umfragen und -Abstimmungstools. Mit seriöser, repräsentativer und methodisch sauberer Sozialforschung haben sie nicht unbedingt etwas zu tun. Also kritisch bleiben.

Damit soll nicht gesagt sein, dass Statista eine Deponie für Datenmüll ist. Nein, bei Statista finden sich ebenso hochseriöse Daten. Nur muss man sich selbst die Mühe machen, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Allgemein: Der größte Teil statistischer Daten, die kostenlos in die Öffentlichkeit gelangen und von diversen Medien (Zeitungen, Portalen, Blogs und eben auch Statista) verbreitet werden, wird im Bereich der Marktforschung produziert. Es gibt gute und schlechte Marktforschung, vor allem aber ist sie meist Auftragsforschung, und auf Märkten gibt es Käufer- und Verkäufer-Interessen.

Güte und Qualität der Erhebung sollte man abschätzen können. Repräsentativität ist so ein kritischer Punkt, aber auch zahlreiche andere Faktoren - von Auswahlkriterien über die Erhebungs- und Gewichtungsmethodik bis zur Frageformulierung. Selbst wenn keine Manipulationsabsicht besteht, können handwerkliche Fehler passieren, oder das Grundkonzept ist Mist.
Außerdem sollte man sich natürlich darüber klar sein, dass Statistik nicht gleich Statistik ist. Eine Meinungsumfrage ist etwas anderes als eine Güterzählung vom Zoll.

Im Zweifel zurück zum Original - keine Zitatzitate

Statista ist erst einmal ein komfortables Recherche-Tool, ein Katalog. Gerade in der wissenschaftlichen Arbeit sollte man aber nicht Statista als Quelle begutachten und zitieren, sondern zum Original gehen, wenn irgend möglich.

Viele Statista-Quellen sind nicht exklusiv bei Statista zu haben, sondern wurden anderswo bereits veröffentlicht -- oftmals eingebettet in größere Berichte oder angereichert um zusätzliche Daten und Präsentationen.

Verweist Statista unter einer hübschen Grafik etwa als Quelle auf den Branchenverband XYZ, wird man wahrscheinlich auf der Website von XYZ eine Publikation mit genau diesen Daten finden. Denn der Verband nutzt Statista als Veröffentlichungs-Plattform -- aber nicht als einzige. Möglicherweise sind beim Verband sogar noch hübschere Grafiken zu finden, vor allem aber wird der Kontext sichtbar. Und es gibt mehr zum Thema.

Ein anderes Beispiel: Wenn Statista etwas vom EU-Statistikamt Eurostat präsentiert, sollte man sich die Daten auch direkt bei Eurostat ziehen. Großer Vorteil: Dort lassen sich die Daten individuell zusammenstellen, außerdem ermöglichen Grafik-Tools diverse Darstellungsoptionen. Infografiken kann man sich also so bauen, wie sie für den Nutzer sinnvoll sind.

Studenten lernen im Studium, dass man Zitat-Zitate vermeiden soll. Wenn also Müller in einem Buch einen Aufsatz von Schmidt zitiert, und der Student möchte das Schmidt-Zitat in der Seminararbeit nutzen, sollte er den Schmidt-Aufsatz aufstöbern und daraus direkt zitieren -- statt sich darauf zu verlassen, dass Müller den Schmidt richtig zitiert hat.

So ist es auch bei Statistiken. Statista ist wie Müller, der Schmidt zitiert. Nutzen Sie Statista, um Schmidt zu finden, und dann schauen Sie sich Schmidt an -- und zitieren Sie Schmidt.

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29. Mai 2012

Internetquellen richtig angeben

Wie ist eine Online-Quelle zu belegen, bei der kein Autor zu identifizieren ist? Dass die üblichen Zitieranleitungen bei Internetfragen manchmal konfus sind, treibt Studenten oft die Tränen in die Augen. Dabei ist es (eigentlich) gar nicht so schwer. So auch bei dieser Frage:

"Ich habe eine Quelle, die heißt www.danmarkshistorien.dk. Reicht es aus, wenn ich diesen URL-Name in Klammern hinter den Abschnitt setze? Sobald ich den Link abspeichere über Citavi [Literaturverwaltung], wird mir auch auf manchen Seiten angezeigt, wann die Internetseite zum letzten Mal bearbeitet wurde. Sollte ich dann besser schreiben (www.danmarkshistorien.dk, 2011) ? Autoren habe ich leider nie zur Stelle, weil es sich meist keine Zeitungsartikel sind. Bei verwendeter Literatur kommt der komplette URL-Name inklusive Datum und am Besten noch die Zeit, wann ich die Seite zum letzten Mal geprüft habe." (Anmerkung: Verwendet wird APA-Zitationsstil mit Im-Text-Kurzbeleg vorn und Langbeleg im Quellenverzeichnis hinten in der Arbeit.)

Grundsätzlich: URLs gehören niemals in den Kurzbeleg, sondern als Fundstelle hinten in den Langbeleg. Gefordert ist im Kurzbeleg also immer der Name des Autors, alternativ des Herausgebers oder des Mediums.

Nun scheint der Name der Website aber identisch mit der Domain-URL zu sein:


Danmarkshistorien.dk heißt die Website, also das Medium (das www ist verzichtbar, denn das ist kein spezifischer Namensbestandteil). Sie könnten diesen Namen des Mediums anstelle des Autoren-/Herausgebernamens verwenden. Das ist durchaus üblich, so wie Sie z.B. auch einen Zeitschriftentitel anstelle eines Autors verwenden könnten, wenn Sie bei einem Zeitschriftentext keinen Autor identifizieren können.

Wenn Sie allerdings die Seite hinunterscrollen, sehen Sie, wer tatsächlich der Herausgeber von Danmarkshistorien.dk ist: nämlich Aarhus Universitet (Institut for Historie og Områdestudier). Das ist also die Alternative. Steht diese Angabe nicht gleich auf der Hauptseite, findet man sie im Impressum.



Beachten Sie bitte, dass Danmarkshistorien.dk nur die Domain ist. Dahinter befinden sich Hunderte von Einzelseiten

Wahrscheinlich möchten Sie einen Artikel von einer dahinter liegenden Einzelseite zitieren. Im Langbeleg müssen Sie dann auch die präzise URL als Fundstelle angeben, damit der Leser den verwendeten Artikel auch direkt wiederfinden kann. Also z.B. für den Lexikonartikel "Christian 2's eftermæler i Sverige og Danmark" die URL http://danmarkshistorien.dk/leksikon-og-kilder/vis/materiale/christian-2s-eftermaeler-i-sverige-og-danmark/.


Bleibt noch die Frage nach dem Datum. Im besten Fall ist auf der Einzelseite angegeben, wann der Artikel erstellt bzw. zuletzt bearbeitet wurde. Beim o.g. Artikel über Christian II. findet sich diese Angabe rechts unten: "Sidst redigeret 09.05.2012" (deutsch: zuletzt geändert am 09.05.2012). Wenn sich eine solche Angabe nicht finden lässt, können Sie entweder zu "o.D." greifen, also "ohne Datum" (das ist die saubere Variante) oder, wenn Sie die Seite 2012 abrufen, auch "2012", davon ausgehend, dass sie ja 2012 so im Netz zu finden ist.


Webtext-Ausschnitt
Dort rechts unten steht übrigens auch der Verfasser des Artikels über Christian II, nämlich: "Forfatter(e) Martin Alm". Womit dann auch das Hauptproblem gelöst wäre. Schließlich findet sich hier auch, wer als Herausgeber genannt werden soll: "Udgiver danmarkshistorien.dk" (also nicht Aarhus Universitet).

Ergebnis: Wenn der Martin Alm als Autor (Kurzbeleg: Alm, 2012) nicht ersichtlich wäre, würden Sie nach APA im Fließtext belegen: 
"Blah, blah blah blah" (Danmarkshistorien.dk, 2012) 

Und im Langbeleg des Literaturverzeichnisses:
Danmarkshistorien.dk. (9. Mai 2012). Christian 2's eftermæler i Sverige og Danmark. Abgerufen am 29. Mai 2012 von Danmarkshistorien.dk: http://danmarkshistorien.dk/leksikon-og-kilder/vis/materiale/christian-2s-eftermaeler-i-sverige-og-danmark/



Je nach Literaturverwaltungsprogramm und gewünschter Konvention könnte der höheren Präzision halber auch eine Uhrzeit des Abrufs angegeben werden. Im Allgemeinen ist aber das Tagesdatum akzeptabel.


Im Kurzbeleg soll nur das Erscheinungsjahr auftauchen, keine Tages- und Monatsdaten. Wenn Sie mehr als einen Artikel aus Danmarkshistorien.dk zitieren, sortieren Sie die Artikel nach Datum und legen dann als Jahr fest: 2012a, 2012b, 2012c...

16. Mai 2012

Muss die "Fragestellung" eine Frage sein?

Zwei Studentinnen rätseln:
  • "wie die Fragestellung genau formuliert werden muss. Eher als eine Art Untertitel oder richtig als Frage?"
  • "ob die Fragestellung" wirklich als Frage formuliert sein muss oder ob es genügt, wenn man als Thema 'XXX' angibt?
Tja, ist eine Fragestellung eine Frage? Ja, konzeptionell schon. Ob man nun einen echten Frage-Satz mit Fragezeichen formuliert oder eher das zu erknobelnde Problem und die Lösungsziele skizziert, ist eher eine sprachliche Entscheidung. Gleichwohl sollten sich Autoren davor hüten, "Thema" und "Fragestellung" in einen Topf zu werfen.

Ein Thema  muss eingegrenzt werden, klar. Aber selbst wenn der Autorin das gut gelingt, hat sie immer noch unendliche Möglichkeiten, daraus Fragestellungen zu entwickeln.

In einem früheren Blogbeitrag(11.1.11) schrieb ich:
Studenten suchen meist nur "ein Thema". Professoren aber beharren darauf, dass Sie nicht nur ein "Thema" brauchen, sondern eine Fragestellung.
Das Thema ist der weit gefasste inhaltliche Gegenstand, mit dem sich eine Studie befasst (mehr oder weniger konkret). Eine Fragestellung ist dagegen ein Problem, das besser verstanden oder gelöst werden muss: Die Frage, die Sie mit Ihrer Arbeit beantworten. Daraus ist ein Untersuchungsziel zu entwickeln: die wichtigste Absicht oder der Zweck: Was wollen Sie erreichen? Dann entstehen die Forschungsfragen (immer mehrere): Fragen, die man in der Studie beantworten will. Wobei Haupt- und Nebenfragen zu unterscheiden sind. Bei der "Operationalisierung" schließlich geht es um das Zerlegen in viele Detailfragen, die Sie Schritt für Schritt bearbeiten können.
Je klarer sich die Autorin darüber ist, auf was sie eigentlich eine Antwort finden will, desto leichter wird auch die Bearbeitung. Wer nur ein "Thema" formuliert, neigt oft dazu, sich darum herum zu mogeln. Leider sind nicht alle Betreuer einer Arbeit in der Konzeptionsphase pingelig -- hinterher mosern sie aber trotzdem über Defizite bei der Fragestellung.

Der Titel der Arbeit hat übrigens mit der Fragestellung nicht unbedingt etwas zu tun. Im besten Fall lässt sich die Fragestellung aus dem Titel schon erkennen. Und manche Titel werden als Fragesatz formuliert. Eigentlich aber sind Fragestellungen deutlich zu komplex und differenziert, als dass sie sich in einen kurzen Titel quetschen ließen. Das geht also nur in Kurzform, wenn überhaupt. Die meisten Titel umreißen das Thema.

Die FH Nordwestschweiz schlägt vor, die Fragestellung nach einem Dreisatz zu entwickeln:
  1. Ich untersuche / arbeite an / forsche über … [THEMA]
  2. ...weil ich herausfinden möchte, wer / was / wann / wo / welche / warum / wie / ob … [FRAGE - ERKENNTNISINTERESSE]
  3. ...um zu zeigen, wie / warum / ob ... [FRAGE - ABSICHT]
(Beispiele hier)

Maier & Palme (WU Wien) schreiben, eine gute Fragestellung soll
  • eine klare Anleitung dafür geben, was zur Arbeit gehört und was nicht und
  • die Ableitung eines Arbeitsplanes erlauben.
Damit das gelingt, soll die Fragestellung...
  • "möglichst klare und präzise definierte Begriffe verwenden. Da Sie die Definition von Begriffen nicht in die Frage selbst packen können, beinhaltet eine gute Fragestellung neben der Formulierung der zu beantwortenden Frage auch noch eine Erläuterung und Präzisierung der wichtigsten darin verwendeten Begriffe. Stellen Sie sicher, dass Ihr Betreuer bzw. Ihre Betreuerin die von Ihnen formulierte Forschungsfrage genau so versteht wie Sie."
  • "keine offenen Enden oder vagen Formulierungen aufweisen. Hüten Sie sich vor Formulierungen wie 'alle damit verbundenen Auswirkungen', 'alle wichtigen Einflussfaktoren', etc. Was 'alle' sind, ist völlig unklar und jede(r) kann darunter etwas anderes verstehen. Versuchen Sie nicht, alles zu versprechen. Dieses Versprechen können Sie nicht einlösen. Sagen Sie möglichst genau, welche Einflussfaktoren und welche Auswirkungen Sie für wichtig erachten und in Ihrer Arbeit behandeln wollen."
  • "eine - nicht mehrere - Forschungsfragen aufwerfen. Natürlich kann man leicht zwei oder mehr Fragen in eine packen, wenn man sie mit 'und' verbindet. Beispielsweise: 'Wer wandert von Wien in das Wiener Umland, warum und wie wirkt sich diese Wanderung aus?' Diese Forschungsfrage stellt eigentlich drei Fragen, nämlich (1) wer wandert? (2) warum wird gewandert? und (3) wie wirkt sich diese Wanderung aus? Jede dieser Fragen erfordert eine andere Analysemethode und zum Teil auch andere theoretische Konzepte und Daten."



Ich hatte das mit den Forschungsfragen oben anders formuliert und meine, dass auch mehrere Forschungsfragen möglich sind -- unterscheide aber Hauptfrage und Nebenfragen. Ansonsten stimme ich den Kollegen aber zu.

Die Wiener führen weiter aus:
"Uns ist bisher noch keine Fragestellung unter gekommen, die zu eng gefasst gewesen wäre. Der Grund für diese Zweifel und etwaige damit verbundene Panik-Attacken liegt darin, dass Sie als Student bzw. Studentin typischerweise nicht wissen, wie umfangreich die wissenschaftliche Literatur und wie tiefgehend die Diskussion zu der von Ihnen gewählten Fragestellung schon ist. Das heißt nicht, dass genau diese Frage schon untersucht wurde, sondern vielmehr, dass zahlreiche Detailaspekte, auf die Sie bei der Bearbeitung dieser Frage stoßen werden, ausführlich diskutiert sind. Etwa: Die Frage, wie man Untersuchungsgebiete sinnvoll abgrenzt, wie verschiedene Konzepte miteinander in Verbindung stehen und sich auch unterscheiden, welche Probleme bei bestimmten Datenquellen auftreten, welche Vor- und Nachteile verschiedene mögliche Analysemethoden aufweisen, usw.

Sie sehen - hoffentlich -, dass auch in einer eng gefassten Fragestellung normalerweise genügend Material für Ihre wissenschaftliche Arbeit enthalten ist. Verfallen Sie also nicht in den Fehler, alles zu wollen oder zumindest alles zu versprechen."
Eng und präzise soll sie also sein, die Fragestellung. Das fällt nicht vom Himmel in den Schoß, sondern ist mühsam. "Ein Prozess der Präzisierung", sagen die Wiener Kollegen. "Natürlich schneiden Sie, je enger und präziser Sie eine Fragestellung formulieren, zahlreiche Aspekte - die ja auch irgendwie damit zusammen hängen - weg." Schwierig, ja. Das erfordert ein Ordnen, Sortieren, In-Beziehung-Setzen, Vergleichen, schließlich eine Rangfolge der interessantesten und bevorzugten Fragen, und dann eine Entscheidung.

Alles in allem: Wenn Sie eine echte Frage mit Fragezeichen stellen, also klar durch die W-Fragewörter "wer?", "was?", "wie?", "wo?", "wann?", "warum?" gekennzeichnet, ist es vermutlich für die notwendige Präzisierung am besten.

Und das muss dann auch in der Einleitung Ihrer Arbeit entsprechend differenziert erläutert werden. Dafür ist die Einleitung da.



Weitere Tipps:


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4. April 2012

Aufsätze mit "Peer Review"

Bei der Literaturrecherche verlangt Ihr Professor, dass Sie bitteschön Forschungsaufsätze aus wissenschaftlichen Fachzeitschriften mit "Peer Review" heraussuchen sollen. Und nachweisen sollen Sie das auch noch.

Dummerweise gibt es keine Kataloge und Recherchetools, mit denen sich die Aufgabe leicht lösen lässt. Und Fachzeitschriften haben kein einheitliches Format oder Symbol, mit dem "Peer Review" angezeigt wird. Was das ist, ist für Studenten ohnehin ein Rätsel. Der Professor murmelt nur etwas von "Königsklasse" der wissenschaftlichen Qualität. Aber warum soll das besser sein als ein Buch oder ein sonstiger richtig guter Artikel?

Schnelleinstieg 1: Was ist "Peer Review"? 

Um in der "scientific community" Akzeptanz zu erhalten, richtet eine wissenschaftliche Fachzeitschrift ein Herausgeber- oder Redaktionsgremium ("editorial board") aus Wissenschaftlern ein. Es sind also keine Fachjournalisten und Profiredakteure, sondern Professoren und Forscher, die die akademische Güte garantieren sollen. Oft wird eine Fachzeitschrift von einer wissenschaftlichen Fachvereinigung herausgegeben, die rekrutiert ihre Leute also genau aus diesem Verein.

In einem solchen Gremium zu sein, bedeutet Prestige, wissenschaftliche Reputation -- und ein Quäntchen Macht über das, was die Fachdisziplin diskutiert. Das ist nicht nur ein Beirat, wie ihn praxisorientierte Zeitschriften oft haben.

Davon ist aber der Begutachtungsprozess getrennt zu sehen. Zwar entscheidet letztendlich das Redaktionsgremium, aber es bindet sich selbst an ein bestimmtes Verfahren: eben den "Peer Review". Es gibt auch andere Bezeichnungen. Englisch wird neben "peer-reviewed journal" auch von "juried journal" oder "refereed journal" gesprochen.

Mit "Peers" sind Kollegen gemeint -- Wissenschaftler sollen Wissenschaftler begutachten. Die "Reviewer" sind externe, unabhängige Gutachter. Auch als Reviewer tätig zu sein, ist ein Reputationsgewinn -- Honorar gibt es dafür sehr selten. Sie prüfen die eingereichten und vom Redakteur vorgeschlagenen Artikel, sie geben Hinweise und Korrekturtipps für den Autor, der den Aufsatz dann noch einmal überarbeiten kann (oder muss).


Nur wenn die Gutachter der Veröffentlichung zustimmen, wird veröffentlicht. Das Prestige einer Publikation ist oft umso höher, je höher die Ablehnungsquote ist.

Damit die Gutachter wirklich unabhängig sind, werden die Aufsatzvorschläge oftmals anonymisiert. Die Reviewer sind also "blind", sie wissen nicht, wer den Text geschrieben hat. Meist wird der Text von mehreren Personen  begutachtet.

Das ist ein ziemlich großer Aufwand, und das Verfahren dauert viele Monate; manchmal sogar Jahre. Ein halbes Jahr kann man meist rechnen, wissenschaftliche Zeitschriften sind also nicht brandaktuell. Bei den veröffentlichten Aufsätzen findet sich daher oft eine "article history", die anzeigt, wann der Aufsatz einging, wie er durchs Verfahren lief, wann er endgültig akzeptiert wurde. So kann man die Publikationsgeschichte etwas nachverfolgen und sehen, wie aktuell er ist.

Schnelleinstieg 2: Wie stellt man fest, ob die Zeitschrift einen "Peer Review" hat? 

Die "article history" gibt schon mal einen ersten Hinweis ("revised" heißt, der Autor musste wegen Gutachterkritik etwas ändern und neu einreichen; "accepted" heißt Annahme in der endgültigen Form.) 

Wenn Sie den Aufsatz in einer Zeitschriften-Datenbank finden, achten Sie auf Hinweise und Symbole. In manchen Datenbanken können Sie explizit nach "peer-reviewed scholarly journals" suchen (und alles andere von der Suche ausschließen). 

Der beste Weg führt zur Homepage der Zeitschrift. Das ist nicht dasselbe wie die Datenbank, die die Zeitschrift führt! Auf der Internetseite finden Sie in der Regel
  • eine Beschreibung des Ziels der Zeitschrift und ihrer inhaltlichen Schwerpunkte,
  • eine Darstellung des Herausgebergremiums und ihrer Gutachter sowie der Verbindungen zu wissenschaftlichen Vereinigungen,
  • eine Darstellung der Redaktions- und Veröffentlichungsverfahren,
  • "Hinweise für Autoren", die dort veröffentlichen möchten,
  • "Calls for papers", d.h. aktuelle Aufforderungen an Wissenschaftler, Beiträge für eine künftige Ausgabe mit Schwerpunktthemen einzureichen.
Der Nachweis für Peer Review kann sich an unterschiedlichen Stellen verstecken. Meist  findet er sich bei den "Hinweisen für Autoren". Manchmal wird darüber nichts explizit gesagt, aber wenn es Reviewer/Gutachter gibt, dann wohl logischerweise auch ein Review-Verfahren.


Wichtig: Auch in einem "peer-reviewed journal" unterliegen nicht immer alle Beiträge einem Gutachterverfahren. Eine Zeitschrift kann z.B. mehrere Artikelkategorien haben: Forschungsaufsätze, kurze Beiträge zu Debattenforen, Leserbriefe, Buchrezensionen und Praktiker-Gastbeiträge, Mitteilungen von Fachverbände o.ä. In der Regel wird der Aufwand für den "Peer Review" nur für die großen Aufsätze, in denen Forschungsergebnisse präsentiert werden, betrieben.

Kontext


Was ist überhaupt eine "wissenschaftliche" Fachzeitschrift?



Ein bißchen Medienkunde: Schauen Sie einmal, was Wikipedia allgemein zu Fachzeitschriften und zur Untergattung der wissenschaftlichen Zeitschriften zu sagen hat.

Nicht alles, was als "Fachliteratur" klassizifiziert werden kann, ist eine Fachzeitschrift. Es gibt Fachbücher, Loseblattsammlungen, irgendwelche "Papers", Vortragsskripte, Präsentationen, Online-Dienste...

Eine Fz ist ein Periodikum, erscheint also regelmäßig (ob gedruckt oder online oder beides), und richtet sich an Experten. Experten können auch Praktiker sein. Tatsächlich gibt es viele Magazine, Wochen- und Monatsblätter oder sonstige Zeitschriftenformate, die vorrangig praxisorientiert sind -- oder sich an ein gemischtes Publikum aus Praktikern und Wissenschaftlern richten.

Eine streng wissenschaftliche Fachzeitschrift tut das nicht. Sie präsentiert vorrangig wissenschaftliche Forschungsergebnisse und führt akademische Debatten. Wissenschaftler schreiben für Wissenschaftler (ohne Rücksicht auf Studenten und Amateure). 

Typisch ist, dass die dortigen Aufsätze...
  • über neueste wissenschaftliche Erkenntnisse berichten (aktueller als die meisten Bücher)
  • immer Quellenbelege und ein langes Literaturverzeichnis haben
  • den Fachjargon ihrer Disziplin benutzen und typische Schlüsselbegriffe (key terms) ausweisen, mit denen Wissenschaftler z.B. den Bezug zu etablierten Theorien und Sachgebieten identifizieren
  • sich auf andere Wissenschaftler beziehen (Bezug zum Forschungsstand)
  • ausführlich Methoden und Datenanalysen diskutieren
  • einen langen, beschreibenden Titel haben (also selten "knackige" Headlines)
  • in der Regel deutlich länger als 5 Seiten sind.
Bei Praktiker-Fachzeitschriften werden sie das nicht in gleicher Weise finden. Dort sind die Aufsätze kürzer, Literaturbelege gibt es nicht oder nur wenige (im Sinne "weiterführender Literatur" als Lesetipps, nicht als Belegapparat), und der ganze Kontext ist weniger akademisch. Vielmehr bezieht er sich eher auf einen Beruf oder eine Branche, weshalb ich gern von praxisorientierten Branchen-Fachzeitschriften spreche.

Es gibt viele Merkmale, an denen Sie die Unterschiede zwischen wissenschaftlichen Fachzeitschriften, praxisorientierten Branchen-Fachzeitschriften und - im noch größeren Kontrast - Publikumszeitschriften leicht erkennen können (zum Vergrößern auf Tabelle klicken):

Unterschiede von Fachzeitschriften, erweiterte eigene Darstellung und angelehnt an eine Aufstellung der ProQuest-Datenbank (Scholarly Journals, Trade Publications, and Popular Magazines)

17. März 2012

Komma, Kommas, Kommata

In wissenschaftlichen Arbeiten wird stets auch die Form bewertet. Dazu gehört der angemessene sprachliche Ausdruck und die Einhaltung sprachlicher Regeln. Erhebliche Mängel können zu Punkt- und Notenabzug führen, durchaus eine ganze Note. Einerseits, weil sie die Lesbarkeit verschlechtern; andererseits, weil sie ein Signal für Nachlässigkeit sind -- nach dem Prinzip: wer schon bei der Sprache schlampt, nimmt es auch mit der Sorgfalt beim Inhalt nicht so genau. Ob das unfair ist, darüber mag man lange streiten. Allerdings gehört zur akademischen Qualifikation eben auch ein akademisches Sprachniveau ohne größere Defizite.

Was Gutachtern die Haare grau macht und besonders ärgert, sind oft Zeichensetzungsfehler. Sie finden sich viel häufiger als Rechtschreib- und Grammatikfehler.

Warum ist das ein echtes Problem? Im Deutschen sind Kommata dabei sehr wichtig, weil akademische Sätze oft recht lang sind und ohne richtig gesetzte Beistriche schwerer verständlich sind, ja manchmal ihren Sinn verlieren.

Viele Studierende sind leider beim Kommasetzen unsicher und ungeübt -- aus welchen Gründen auch immer. Während des Hochschulstudiums gibt es aber nur wenige Gelegenheiten, um Schwachstellen auszubügeln. Die Hochschule geht einfach davon aus, dass das in der Schule gelernt wurde -- und ignoriert die Realität.

In der Regel wissen die Studenten, dass sie Schwächen haben. Sie sind aber auch selbst dafür verantwortlich, etwas dagegen zu tun. Denn es ist ja sehr ärgerlich, wenn die Mühe mit einer Seminar- oder Abschlussarbeit durch formale Mängeln entwertet wird. Zu empfehlen ist zweierlei:
  1. Die Kommaregeln wiederholen. Dafür gibt es viele Übersichten im Web (einfach "Kommaregeln" googeln), auch Videos.
  2. Kommasetzen üben. Online finden sich diverse Trainingsseiten. Hin und wieder eine halbe Stunde lang Übungen zu absolvieren, das ist eine gute Investition der eigenen Zeit.
Beispiele:

24. Februar 2012

"Zitierkartelle" und "Zwangszitate" in Fachzeitschriften

Dass sich Wissenschaftler gern gegenseitig zitieren und "Zitierkartelle" bauen, wissen Studenten in höheren Semestern meistens. Vielleicht auch, dass akademische Fachzeitschriften umso höhere Reputation einfahren, je häufiger sie zitiert werden.

Wie stark dabei aber manipuliert wird, ist nicht für Studenten, sondern auch für die meisten Profs ein Schocker: Eine Studie in Science ("Coercive Citation in Academic Publishing") enthüllte jüngst die skandalöse Dimension. Fürs deutsche Publikum fasst sie Olaf Storbeck im Handelsblatt-Blog zusammen ("Das schmutzige Geschäft mit Zwangszitaten").

Des Pudels Kern: Die Fachzeitschriften drängen Autoren dazu, in ihre Texte Extra-Zitate aus dem Blatt einzubauen, damit es im Zitate-Ranking noch weiter steigt. Sie drängen nicht nur, sondern sie zwingen auch -- wer's nicht tut, wird nicht veröffentlicht.

Die Herausgeber und Redakteure scheinen dabei völlig schamlos vorzugehen, wie man den Schilderungen aus der Befragung von 6700 Wissenschaftlern entnehmen kann. Die Autoren der Studie halten sie nicht für Einzelfälle. Das Übel hat System.


Die Befragten verurteilen die Nötigung natürlich -- sind aber mehrheitlich bereit, das Spiel mitzumachen, wenn sonst die Veröffentlichung in einer renommierten Publikation nicht möglich wäre.

So viel zum Thema wissenschaftliche Ethik!

Die Studie enthält sogar eine "Schwarze Liste" der besonders auffälligen Fachzeitschriften -- es sind überwiegend betriebswirtschaftliche Blätter (u.a. Journal of Business Research, Journal of Retailing, Marketing Science, Journal of Banking and Finance, Information and Management, Applied Economics, Academy of Management Journal, Group and Organization Management, Journal of Consumer Psychology, Psychology and Marketing).

22. Februar 2012

Aus GoogleBooks zitieren?

GoogleBooks ist eine geniale Hilfe in der Online-Recherche, zweifellos. Bücher werden 1:1 gescannt und sind in der Regel im Volltext recherchierbar. Allerdings werden nur Auszüge zur Verfügung gestellt. Den Copyright-Streit lassen wir einmal außen vor.

Die zentrale Frage ist: Wenn ich ein Buch bei GoogleBooks auswerte, kann ich dann daraus zitieren und mit der URL von GoogleBooks belegen?

Die strenge Linie lautet:
  • Nein, Google Books ist nicht zitierfähig. Sie dürfen zwar bei GoogleBooks nachsehen (ähnlich wie in einer Nachweisdatenbank), müssen sich dann aber das Buch besorgen, es lesen und dann daraus zitieren.
  • Inhaltlich mahnt mancher Kollege, dass möglicherweise die wirklich wichtigen Aussagen des Buches gar nicht verfügbar sind und GoogleBooks nur kontextlose Ausschnitte darbietet. Damit ist der Kontext des Zitats nicht überprüfbar.
  • Manchmal wird nur eine Bestätigung geliefert, dass sich ein bestimmtes Stichwort auf einer Seite X befindet, aber mehr kann man nicht sehen.
Allerdings: Realistisch ist diese strenge Linie nicht.

Es ist davon auszugehen, dass GoogleBooks die gedruckte Ausgabe nicht verfälscht. Daher ist es aus meiner Sicht OK, ohne Verweis auf GoogleBooks einfach die Verlagsausgabe zu zitieren.

Der Vollständigkeit und Redlichkeit halber können Sie als Ergänzung angeben, dass Sie die elektronische Version bei GoogleBooks eingesehen haben. Da GoogleBook-URLs sehr lang sind, macht das ein Literaturverzeichnis aber auch nicht schöner. Links sollten so kurz wie möglich sein.

Bisher gibt es allerdings keine verlässlichen Zitier-Regeln für GoogleBooks. 
Wikiquote bietet eine Kurzanleitung für eine möglichst kurze Darstellung des GoogleBooks-Quellenbelegs.


Vorsicht beim Zitieren:

Ein Zitat würde ich tatsächlich nur dann verwenden, wenn ich bei GoogleBooks ausreichend Kontext erkennen kann, also mehrere Seiten lesen kann. Hier ist meine Urteilsfähigkeit gefordert: Verstehe ich die Passage richtig? Ist der Auszug ausreichend?

Wenn das nicht der Fall ist, mir das Buch aber wichtig erscheint, versuche ich es über eine Bibliothek (Fernleihe) zu besorgen.


Bei GoogleBooks zu recherchieren, ist manchmal sehr frustrierend, weil vieles fehlt. Insofern ist es eher ein Hilfsmittel für die Recherche, aber eben nicht dasselbe wie eine vollständige E-Book-Ausgabe.


Schließlich sei noch angemerkt, dass Online-Buchhändler wie Amazon sowie Verlags-Websites ebenfalls Textausschnitte zum virtuellen Durchblättern anbieten. Was bei GoogleBooks nicht verfügbar ist, findet man möglicherweise dort. Bevor man aber Stunden mit der Ergänzungsrecherche zu solchen Auszügen verbringt, ist es sinnvoller, sich das echte Buch über die Bibliothek zu bestellen.

16. Februar 2012

Warum sich Professoren über wissenschaftliche Fachzeitschriften aufregen

Beiträge aus wissenschaftlichen Fachzeitschriften gelten neben Monographien als das Nonplusultra der Literaturauswertung in einer studentischen Arbeit. Aus gutem Grund: Hier findet man die aktuelleste und anspruchsvollste Forschung.

Auch als Student sollte man aber das System der Fachzeitschriften verstehen. Wie das mit dem "Peer Review", also der Qualitätskontrolle funktioniert zum Beispiel -- und warum welche Beiträge in welcher Art Zeitschrift erscheinen oder auch nicht. Und wer überhaupt hinter den Fachzeitschriften steckt.

Seit einiger Zeit kritisieren viele Wissenschaftler das System der Fachzeitschriften. Und auch die Bibliotheken klagen über horrende Abo-Gebühren und die Preispolitik der Wissenschaftsverlage -- was unter anderem zu Abbestellungen führt, so dass auch Studenten nicht mehr darauf zugreifen können.

„Die großen, profitorientierten Wissenschaftsverlage pressen so viel Geld aus der akademischen Welt heraus, wie es der Markt hergibt“, heißt es in einem von zwei lesenswerten Beiträgen, die das System erklären, im Handelsblatt:
  • Teure Wissenschaft: Forscher boykottieren Fachverlag Weil der Fachverlag Elsevier angeblich Wissenschaftler und Bibliotheken ausbeutet, haben Forscher zum Boykott aufgerufen. Ob das ein Umdenken bei den hohen Abogebühren bewirkt, ist jedoch zweifelhaft.
  • Dennis Snower: "Herausgeber können Gott spielen" Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, ist ein scharfer Kritiker der etablierten Fachzeitschriften . Im Interview erklärt er, warum Verlage und Herausgeber zu viel Macht haben und wieso er ein neues, kostenloses VWL-Journal gegründet hat.

29. Januar 2012

Bildquellen und Abbildungsverzeichnis

Eine Studentin fragt nach der richtigen Belegweise für Abbildungen nach APA (Zitationsstil und Formatierungsweise): "Ich habe 2 Abbildungen in meinem Paper. Benötige ich dafür ein extra Abbildungsverzeichnis oder soll ich die Quelle direkt unter die Grafiken schreiben?"

Hier geht es eigenlich um drei Dinge: Abbildungsverzeichnis, Bildunterschriften und Quellenverzeichnis. 

Ein Abbildungsverzeichnis ist kein Quellenverzeichnis. Die klassische Variante dient dem schnellen Überblick über alle Abbildungen, darum steht es als Service für den Leser in der Regel vorn. Sein Inhalt sind die Auszeichnungen der Abbildungen, sprich die Bildunterschriften (ggf. verkürzt).

Bei nur zwei Abbildungen im ganzen Paper erscheint mir ein Abbildungsverzeichnis allerdings verzichtbar.

Jede Abbildung muss eine Bildunterschrift haben. Sie gibt kurz den Inhalt der Abbildung an, ggf. erläutert sie Details, um das Verständnis zu erleichtern. Da Abbildungen normalerweise im Text aufgegriffen und erklärt werden, sollte dies aber nicht zu lang ausfallen. Und schließlich wird hier die Quelle der Abbildung benannt, bei APA aber nur als Kurzbeleg (z.B. "Müller, 2009, S. 26"). Das Grundprinzip bei APA ist: Kurzbeleg im Text vorn, Vollbeleg mit allen bibliographischen Angaben hinten im Anhang. Genauso macht man es auch bei Abbildungen.

Egal, ob es ein Abbildungsverzeichnis gibt oder nicht, die Quellen der Abbildungen müssen in jedem Fall belegt werden. Quellen gehören immer in das Quellenverzeichnis. Es ist für das Quellenverzeichnis unerheblich, ob man aus der jeweiligen Quelle Buchstaben, Zahlen oder Bilder zieht. Meist ist es ja ohnehin so, dass die Abbildungen aus Quellen stammen, die auch im Text zitiert werden. Ein separates Quellenverzeichnis nur für Abbildungen wäre dann Doppelmoppel.

13. Oktober 2011

Ich-Form

"Darf man wirklich nicht die Ich-Form benutzen? Muss ich immer 'man' schreiben?", fragt eine Studentin.

Der Streit ist uralt. Dreht er sich nur um eine Stilfrage? Geht's um persönlichen Geschmack?

Nicht ganz. In den meisten Wissenschaften ist die Haltung, dass die Autorin so weit wie möglich hinter der Materie zurücktreten soll. Wissenschaft soll so objektiv und unbelastet von persönlichen Einschätzungen und Einlassungen sein wie möglich. Das drückt sich auch im Stil aus. "Ich" soll inhaltlich gar keine Rolle spielen.

Allerdings: Das ist eher eine Konvention mit Symbolwert -- und vielfach fragwürdig.
  • Ein Text wird nicht automatisch objektiver, nur weil der Autor das "Ich" sprachlich versteckt.
  • Ein Text wird nicht lesbarer und schöner, wenn ein Autor umständliche Passivkonstruktionen benutzt ("Es wird untersucht" oder "Kapitel 3 untersucht" statt "Ich untersuche...") oder gar ständig "man" verwendet.
  • Manche Autoren schreiben in der dritten Person: "Der Autor...", "Der Verfasser...". Studenten kostet das viel Überwindung, es ist ja auch ziemlich komisch, sich beim Schreiben von sich selbst zu distanzieren.
Aus meiner Sicht ist das "Ich" selten wirklich problematisch. In Einleitung und Fazit ist das "Ich" oft eine natürliche Form. Dies pauschal als Fehler und Formatverletzung zu werten, ist übertrieben. (Ich hätte hier auch schreiben können: "Dies..., halte ich für übertrieben." -- Sie sehen, ich kann meine wertende Meinung ausdrücken, ohne "Ich" zu verwenden, trotzdem ist es eine Meinung.)

Allerdings gibt es Studierende, die die sachorientierte Argumentation nicht gut beherrschen und einen wissenschaftlichen Text mit einem Erguss persönlicher Meinungen verwechseln. Da wimmelt es dann von persönlichen Bezügen: "Ich finde", "Ich meine", "Ich denke".

Das führt manchmal auf die falsche Bahn, denn der Autor führt sich selbst als Autorität anstelle einer Quelle oder eines Sacharguments ein.


Das "Ich" lenkt den Leser auch ab. Sie sollten also einen guten Grund haben, wenn Sie im Haupttext ein "Ich" verwenden. Meistens ist es vermeidbar, ohne die Sätze zu verrenken.

Ansonsten gilt: Sprechen Sie mit Ihrem Professor, ob er "Ich" erlaubt oder nicht. Fragen Sie ihn aber auch, warum er das so sieht.

Schließlich: Wir Deutschen sind da im internationalen Vergleich besonders leicht zu kitzeln. Die deutsche Sprache bietet viele Möglichkeiten, den einfachen aktiven Satz zu umgehen, und das ist selbst im Alltag ständig zu beobachten (wie dieser Satz mit zwei "zu" beweist). Eine kulturelle Eigenheit. Im Englischen finden sich viel mehr "Ich" und "Wir", auch in der Wissenschaftssprache; "one" (im Sinne des deutschen "man") sieht man selten, Passivkonstruktionen ebenso.

16. August 2011

Schreibblockade

Wenn's mal wieder länger dauert... hilft nicht immer ein Snickers. Schreibblockaden erlebt jeder Autor (auch Profs). Die meisten gehen vorüber, aber der Zeitdruck einer Haus- oder Abschlussarbeit erlaubt wenig Luxus, um Extrarunden zu drehen.

Eine Schreibpause ist eigentlich nicht schlimm: "Zeiten im Schreibprozess, in denen man nicht vorankommt, die aber zum Prozess dazu gehören. Das sind Phasen, in denen man sich etwas Neues zurechtlegen muss oder vor dem nächsten gedanklichen Schub steht", erläutert Ulrike Lange vom Schreibzentrum der Uni Bochum auf Zeit Online.

Ein Schreibzentrum, Schreibwerkstatt oder Textlabor ist eine Hochschuleinrichtung, an der man das wissenschaftliche Schreiben lernen kann (siehe dazu "Textlabors an Unis Schreiben kann man lernen", auch auf Zeit Online) -- leider gibt es davon in Deutschland nur wenige.

Eine echte Schreibblockade ist etwas anderes als eine Pause: "Von einer Schreibblockade würde ich sprechen, wenn es mit dem Schreiben über lange Zeit überhaupt nicht klappt und eine Person sehr darunter leidet", sagt Lange.  Das klassische Aufschieben sei natürlich auch verbreitet (Mañana-Prinzip: morgen, morgen...).

Ein Grund für Schreibblockaden ist einfach mangelnde Erfahrung und Defizite im Training. "Die Fähigkeiten zum wissenschaftlichen Schreiben werden immer noch zu wenig systematisch vermittelt. Viele Studierende sind mit ihren Fragen sehr alleine", weiß Lange.

So ist oft schon der Start ins Schreiben ein Problem:
Ein Hindernis ist häufig die Unklarheit darüber, was überhaupt zu tun ist. Was genau ist das Thema, was wird verlangt? Oft stellen Lehrende Themen, die nicht ausreichend eingegrenzt sind. Und viele Studierende suchen sich selbst in ihrer Begeisterung Themen, die ihnen zu groß sind. Das kann zur Folge haben, dass sie nicht anfangen können. Sie wissen ja nicht wo.
Das ist richtig: Je klarer die Grenzen definiert sind, desto leichter ist es meist auch, die Aufgabe zu strukturieren und ein Konzept zu entwerfen. Ist das Thema sehr breit und diffus, zerbricht man sich endlos den Kopf.

Lange gibt den Tipp, sich zu Beginn noch einmal mit den formalen und inhaltlichen Rahmenbedingungen zu beschäftigen -- vom Seitenumfang über den Anspruch an die Quellenauswahl bis zur Aufgabe (vorhandene Literatur zusammenfassen oder eigene Interpretation). Eine Fragenliste schreiben und damit noch einmal zum Dozenten zu gehen, lautet ihr Tipp.
"Auch über die einzelnen Arbeitsschritte sollte man sich Klarheit verschaffen. Die erste Fassung braucht noch nicht perfekt zu sein. Wenn das Anfangen schwer fällt, kann es hilfreich sein, erst einmal nur Ideen zu sammeln und zu ordnen. Oder man schreibt eine noch holprige Rohfassung, um diese dann sprachlich zu überarbeiten."
Fehlt das persönliche Interesse an einem Thema, kann man trotzdem eine positive Seite sehen: "Da ist es umso wichtiger, die Hausarbeit handwerklich anzugehen. Auch aus einer Arbeit, die einen inhaltlich wenig interessiert, kann man etwas lernen. (...) Man kann sich zum Beispiel vornehmen, eine besonders gute Gliederung zu entwerfen." Ziel sei es dann, sich von Hausarbeit zu Hausarbeit weiterzuentwickeln. "Über die Hausarbeiten sollen sich Studierende ja die für die Abschlussarbeit nötigen Fertigkeiten aneignen. Das Schreibenlernen ist ein langer Prozess, der nicht mit dem Abi abgeschlossen ist. Schreiben lässt sich nur durch Schreiben lernen."