Posts mit dem Label Essay werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Essay werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

25. Dezember 2010

Einen Text analysieren: Kritisches Denken und die CLUES-Formel

In Klausuren (Essayfragen), Belegarbeiten und bei Gruppen- und Hausaufgaben geht es oft darum, einen Text zu analysieren, z.B. einen Kommentar aus einer Zeitung oder einen Auszug aus einem wissenschaftlichen Artikel. Zunächst einmal: Was soll bei solchen Textanalyse-Aufgaben geprüft werden? Sie können zeigen,
  • dass Sie Ihre Analyse organisieren können,
  • dass Sie die Lektüre und Lernmaterialien eines Kurses gelesen und verstanden haben,
  • dass Sie ein Argument in einem eigenen Text entwickeln und formulieren können,
  • dass Sie zum kritischen Denken fähig sind.
    Was ist "kritisches Denken"?
    Das mit dem "kritischen Denken" ist für viele Studenten verwirrend – was soll das denn sein?
    • Geht es darum, den Text grundsätzlich negativ zu sehen und zu kritisieren? Nein. Es geht nicht um Ablehnung oder Zustimmung. Sie können einen Text mit "kritischem Denken" auseinandernehmen und ihm am Ende vollen Herzens zustimmen
    "Kritisches Denken" ist ein Ausbildungsziel an Hochschulen (Sie können das in den Studien- und Prüfungsordnungen der TH Wildau nachlesen). Kritisches Denken soll Klarheit herstellen und mehr produzieren als nur eine Beschreibung. Man kann einen Text lesen und darüber etwas schreiben, ohne es "kritisch" zu tun. "Kritisch" heißt, dass Sie genauer hinsehen, sich intensiv mit dem Text beschäftigen.

    Ein kritischer Denker nimmt eine Aussage nicht einfach hin, sondern untersucht sie, prüft sie, hinterfragt sie, stellt sie in einen Zusammenhang, wägt sie ab, vergleicht sie mit dem eigenen Wissen, gibt eine Bewertung ab. "Kritisches Denken" bezieht sich also auf Ihre Untersuchungs- und Urteilsfähigkeiten. 

    Das Ergebnis einer Analyse und Ihr Urteil sollen klar und glaubwürdig sein, genau, präzise formuliert, relevant und fair.

    Viele Studenten verwechseln Analyse mit einer Inhaltsangabe. Eine Analyse ist aber mehr als die Beschreibung eines Textes.
    • Eine Analyse nimmt den Text auseinander, leuchtet die Hintergründe seiner Argumente aus und bewertet diese auf der Grundlage eigenen Wissens. 
    • Sie sollen rational, also mit Hilfe Ihrer Vernunft, zu begründeten Schlüssen kommen. 
    • Sie sollen mehr in einem Text entdecken, als auf den ersten Blick erkennbar ist. 
    • Sie sollen Zusammenhänge herstellen, auf Argumentationsmuster hinweisen, problematische Stellen finden – und natürlich auch kritisieren, wenn es nötig ist.
    Das heißt also, für den kritischen Denker ist ein Text nicht einfach nur ein Text, sondern ein Problem: ein Problem, das gelöst werden will. Eine Textanalyse ist also die systematische und tiefe Problembearbeitung. Sie werden daran gemessen, ob Sie die "Problemhaftigkeit" erkennen und mit geistigen Werkzeugen bearbeiten. Hier geht es um Textverständnis, um Prioritäten (was ist wichtig?), um das Herausarbeiten der zentralen Informationen (Relevanz), um das Zwischen-den-Zeilen-Lesen (wovon geht der Autor aus, was impliziert er, ohne es offen zu sagen? Welche Ziele und Werte stecken hinter Argumenten?), um Interpretation der Informationen, um eine Bewertung der Logik (passen die Argumente zusammen, ist die Schlussfolgerung richtig?), um Schlüsse und Verallgemeinerungen.

    5 Schritte für die Textanalyse: CLUES-Formel

    Hilfreich bei der Textanalyse ist die CLUES-Formel. Das englische Wort clue heißt soviel wie Hinweis, Anhaltspunkt oder Schlüssel zum Verständnis. CLUES ist in diesem Fall eine Abkürzung für 5 Schritte einer Textanalyse.

    Das CLUES-Konzept (Zusammenfassung) geht zurück auf die Politikwissenschaft, wo Textanalyse zur Bearbeitung von Quellen und Dokumenten zentral ist. Konkret auf zwei amerikanische Professoren, Christine Barbour (Indiana University) und Matthew Streb (Loyola Marymount University), Autoren der weit verbreiteten Politiklehrbücher Keeping the Republic und Clued In to Politics. Man kann die Methode aber ohne Weiteres auf andere Fachdisziplinen anwenden. Kritisches Denken ist in jeder Wissenschaft gefragt.

    CLUES steht für:
    1. Consider the source and the audience.
    2. Lay out the argument and the underlying values and assumptions.
    3. Uncover the evidence.
    4. Evaluate the conclusion.
    5. Sort out the political implications.
    CLUES 1: Consider the source and the audience.

    Jede Art von Kommunikation hat einen Sender und einen Empfänger. Den Zweck eines Textes versteht man besser, wer für wen geschrieben hat. Wer also ist der Autor, wo erschien die Quelle, wo stehen Autor und Quelle? Und: Wer soll den Text lesen? Wer ist das Publikum? Was könnte die Leser an diesem Text eigentlich interessieren?

    Vorrangig geht es darum, die Absicht des Autors zu verstehen. Wenn man weiß, woher der Autor (und die Quelle) kommen, ist das ein zentraler Hinweis (eben ein clue) auf die Absicht.

    Nehmen wir eine Tageszeitung wie das Handelsblatt, eine Wirtschaftszeitung. Diese wird von Wirtschaftsjournalisten geschrieben, die für die Wirtschaft relevante Nachrichten und Hintergründe liefern wollen. Die Leser sind oft Manager, Investoren und andere wirtschaftsinteressierte Leser. Die wollen auf den Nachrichtenseiten Qualitätsjournalismus, "objektive", zumindest verlässliche, unabhängige und verlässliche, gut recherchierte Informationen. Das Ziel ist umfassende Information der Leser. Auf den Meinungsseiten hingegen geht es um Meinung, Kommentar, Einordnung und Urteil, um Interpretationen und ideologische (weltanschauliche) Richtungen. Hier sollen die Leser von einer bestimmten Position überzeugt werden. Das Handelsblatt vertritt dabei in der Regel eher wirtschaftsfreundliche, eher liberale und konservative Überzeugungen, ist eher "rechts von der Mitte" und nicht "links", ist eher für den Markt, eher gegen staatliche Eingriffe in das Marktgeschehen. Umgekehrt ist es bei Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau oder der taz. Das muss man wissen, das steht nicht oben drüber. Wenn man es weiß (und zeigt, dass man es weiß), hilft das bei der Analyse.

    CLUES 2: Lay out the argument and the underlying values and assumptions.

    Nun zum eigentlichen Inhalt des Textes. Mit was beschäftigt sich der Autor? Welche Argumente stellt er zusammen, wie baut er Argumente auf? Wo will er hin? Was ist sein Ausgangspunkt, welche Annahmen stecken dahinter?

    Hier geht es auch um grundlegende Werte, die dem Autor wichtig sind: Nehmen wir noch einmal das Beispiel eines Meinungsartikels aus einer Wirtschaftszeitung wie dem Handelsblatt. Der Autor kommentiert z.B. die Euro-Krise 2010: Was sollte die EU oder die deutsche Regierung tun oder nicht tun, und warum? Stellt der Artikel ausreichend klar, worum es dabei geht (auch die Begriffe, die der Autor benutzt)?

    Das Handelsblatt ist eine ziemlich gute Zeitung, aber nicht jeder Artikel ist ziemlich gut. Auch in einem solchen Blatt erscheinen Texte, die nicht so gut und klar argumentiert sind. Mancher Text ist oberflächlich gut formuliert, aber hinter der Rhetorik steckt ein unsauberes, unklares oder unlogisches Argument. Manches Argument wird hinter allerlei Kulissen versteckt. In der Analyse sollen Sie das entdecken und dann auch sagen, wenn etwas unklar ist. Lassen Sie sich nicht verwirren oder einschüchtern, räumen Sie den Sprachmüll beiseite und legen Sie das Kernargument offen, das übrigbleibt.

    Die Profs Barbour und Streb nennen ein Beispiel: Man will sich nicht von jemandem einlullen lassen, der sich als überzeugter Verfechter der Demokratie präsentiert, wenn man hinterher feststellen muss, dass der Autor ein völlig anderes Verständnis von Demokratie hat als Sie selbst. Wenn ein Autor also etwas als "demokratisch" darstellt, finden Sie also heraus, was er mit "demokratisch" eigentlich meint.

    CLUES 3: Uncover the evidence.

    Mit evidence sind Belege und Beweise gemeint. Nehmen Sie den Autor ins Kreuzverhör, überprüfen Sie, was er anbietet: Zahlen, Daten, Fakten, Erkenntnisse von Experten, historische Parallelen und aktuelle Beispiele – alles, was man zur Stützung eines Arguments beibringen kann. Das Beweismaterial sollte möglichst "hart" sein, also in der Wirklichkeit überprüfbar. Oder zumindest eine solide Begründung, die logisch ist, also in sich stimmig (Ableitung von einem Prinzip). Oder beides. Wenn es also eine saubere Begründung gibt – gut. Wenn ein Argument mit seinen Belegen dieser Überprüfung standhält, dann darf man das auch akzeptieren.

    Wenn es keine harten Fakten gibt und auch keine logische Ableitung, worauf stützt sich der Autor dann? Wenn Sie genau hinschauen, entdecken Sie vielleicht, dass der Autor nur "aus dem Bauch" heraus argumentiert. Er appelliert vielleicht an Ihr Gefühl oder allgemeine Wunschvorstellungen, oder er bezieht sich auf Gerüchte und Hörensagen, nennt keine genauen Quellen, bleibt im Ungefähren, hat keine Zeugen und belastbaren Materialien in der Hand. Das ist dann nicht überzeugend: weg damit! 

    CLUES 4: Evaluate the conclusion.

    Der Autor kommt zu irgendeinem Schluss. Ist sein Fazit richtig? Finden Sie es überzeugend? Warum? Oder warum nicht? Nachdem Sie den Text gelesen haben, hat sich bei Ihnen etwas verändert? Sehen Sie die Sache jetzt anders, in einem neuen Licht? Haben Sie etwas Neues dazugelernt? Passt das Neue zu dem, was Sie vorher gedacht haben? Wenn Sie den Schluss des Autors akzeptieren, bedeutet das, dass Sie Ihre eigene Einstellung oder Annahmen verwerfen müssen?

    Hier geht es noch einmal um Logik: Wenn A und B richtig sind, muss auch C richtig sein. Können Sie das nachvollziehen? Eine Aussage kann als richtig angesehen werden, wenn das Argument gut begründet ist. Was also ist die Begründungskette? Wie stichhaltig ist sie?

    Der Autor ist ein "Verkäufer", der mit seinem Leser ein "Verkaufsgespräch" führt. Er vermarktet seine Aussagen. Kaufen Sie, oder kaufen Sie nicht? Warum?

    CLUES 5: Sort out the political implications.

    In einem politischen Text geht es natürlich auch um die Analyse weiterreichender Folgen. Der Sinn der Sache ist es, die größere Bedeutung herauszuarbeiten. Wer A sagt, muss auch B sagen. Was ist in diesem Sinn der Wert einer politischen Aussage, die in einem Text gemacht wird? Ziehen Sie das Argument also "größer": Was sind die Konsequenzen, wenn man dem Autor folgt? Wohin führt das alles? Was macht den Text bedeutsam, was bedeutet er? Verändert es Ihr Verständnis der politischen Welt und wie sie funktioniert? Politik ist – nach der Definition von Harold Lasswell – immer auch die Frage "Who Gets What, When, How" , wer bekommt was, wann und wie? Und in der Politik geht es ums Gewinnen und Verlieren: Wer gewinnt, wer verliert, wenn man dem Autor folgt? Wer hat etwas davon?

    Nehmen wir an, im Handelsblatt schreibt ein Autor zur Euro-Krise 2010, der Euro-Rettungsschirm sei schlecht, weil er "fatale Fehlanreize" für internationale Anleger auf den Kapitalmärkten setze. Also den Leuten, die z.B. auf riskante Staatsanleihen Griechenlands oder unsichere Anlagen in der griechischen Wirtschaft gewettet haben, obwohl sie wussten, dass in Griechenland nicht alles mit rechten Dingen zugeht: "Gläubiger erhalten den Eindruck, dass sie von den Steuerzahlern Europas abgesichert werden. Das kann auf Dauer nicht gutgehen." Der Autor sagt dann, dass die Regierungen Europas auch von den Anlegern verlangen, dass sie die finanziellen Verluste mittragen.

    Wie beurteilen Sie das? Ist das eine gute Idee? Ist das gute Politik? Ist es sinnvoll, dass Griechenland nur gerettet wird, wenn Banken, Investoren usw. mit die Zeche zahlen? Was wären die Konsequenzen einer solchen Bedingung für jede Rettungsaktion? Wenn es nicht nur um Griechenland geht, sondern um Irland, Spanien, Portugal, Italien oder welches Land auch immer? Was bedeutet ein solches Signal für die Kapitalmärkte, für die Wirtschaft Europas? Was spricht also insgesamt dafür oder dagegen?

    Beantworten können Sie das natürlich nur, wenn Sie die Zusammenhänge kennen. Darum ist das der anspruchsvollste Teil der Analyse. Sie müssen Ihr Kontextwissen nutzen, sonst funktioniert es nicht. Sie erkennen sonst nicht die Wichtigkeit bestimmter Aussagen, oder hängen fest, wenn Sie interpretieren müssen. Notwendig ist also der Hintergrund aus Buchlektüre, Vorlesungen, Erkenntnissen aus Diskussionen und Arbeitsgruppen.

    Sie verlassen hier ja den Text und gehen darüber hinaus. Es geht nicht nur darum, den Textinhalt zu sezieren, sondern eine eigene Position zu finden und zu begründen. Egal, ob Sie dem Text zustimmen oder ihn ablehnen.

    21. Dezember 2010

    Klausuren schreiben

    Ich mag keine Klausuren. Es gibt bessere Prüfungsformen für die wissenschaftliche Ausbildung. Aber Klausuren haben nun einmal ihren festen Platz an der Hochschule und in der Studien- und Prüfungsordnung. Als Hochschullehrer muss ich Klausuren entwerfen, die Studenten eine faire Chance geben, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zu zeigen.

    Zur Fairness gehören ein paar Tipps, wie man aus Klausuren das Beste herausholt. Im Folgenden gehe ich auf Klausuren in meinen Fächern ein (Europapolitik, Wirtschaftspolitik, Sozialsysteme in Europa, Internationales Management). Juristische Klausuren, Sprachfächerklausuren oder solche, bei denen Sie "rechnen" müssen, haben naturgemäß andere Schwerpunkte.

    Standardisierte Fragen
    Ankreuz-Fragen gibt es in mehreren Formaten. Im "Richtig/Falsch"-Format wird eine Aussage präsentiert, die entweder falsch oder richtig ist. Bei "Multiple Choice" gibt es, wie der Name schon sagt, mehrere Antwortmöglichkeiten auf eine Frage – sozusagen R/F-Fragen mit mehreren Optionen. Zudem sind Lückentext-Fragen und Kurzantwort-Fragen möglich.

    Eine lange Batterie von Fragen kann furchteinflößend sein. Wichtig ist zu wissen, dass die Fragen selten stets dasselbe Niveau haben, selbst wenn es für alle dieselbe Punktzahl gibt. Es gibt einfache, mittelschwere und schwere. Einige MC oder R/F-Fragen fragen ganz simpel nur nach einem Fachbegriff oder einer Tatsache. Andere erfordern eine Auseinandersetzung mit einem Konzept oder gar analytisches Denken. Einige sind vielleicht sehr speziell.

    Die Mischung ist im Idealfall so, dass der Großteil der Studenten den Großteil der Fragen richtig beantworten können, wenn sie halbwegs gut aufgepasst und sich den Stoff kontinuierlich angeeignet haben. Einige Fragen sind dagegen schwierig und erfordern etwas Knobelei. Das sind sozusagen die Fragen für "Einser"-Kandidaten

    Verschaffen Sie sich zunächst eine Übersicht über die Themengebiete, die mit solchen standardisierten Fragen abgeprüft werden.

    Rechnen Sie überschlägig, wie viel Zeit Sie für die einzelne Fragen aufwenden können. Gesamtzeit der Klausur und Zeit für andere, nichtstandardisierte Klausurteile einbeziehen. Wenn der Teil mit den standardisierten Fragen 40% aller möglichen Punkte der Klausur umfasst, planen Sie auch nur 40% der Zeit dafür ein – und rechnen Sie das auf die Anzahl der Fragen herunter.

    Effiziente Klausurlöser gehen die Einzelfragen ziemlich schnell durch. Eine gute Regel ist es, den Fragenkatalog dreimal durchzugehen: Beim ersten Durchlauf beantworten Sie zunächst die für Sie einfachen Fragen. Halten Sie sich mit Fragen, die Sie nicht auf Anhieb beantworten können, nicht auf. Markieren Sie diese und gehen sofort weiter. Beim zweiten Durchlauf konzentrieren Sie sich auf die problematischen Fragen. Beim dritten Durchlauf überprüfen Sie alle Antworten und, wenn Sie auf eine Frage wirklich keine Antwort wissen, raten Sie bei den übriggebliebenen Fragen.

    In jedem Fall sollten Sie ALLE Fragen beantworten. Zumindest in meinen Klausuren gibt es keine Punktabzüge für falsche Antworten. Selbst wenn Sie raten müssen: Bei einer Richtig/Falsch-Frage haben Sie eine 50%-Chance, die korrekte Antwort anzukreuzen. Bei einer Multiple-Choice-Frage mit vier Antwortmöglichkeiten liegt die Chance immerhin noch bei 25%. Das ist besser als die Frage auszulassen (= 0%).

    Lesen Sie sehr genau. Flüchtiges Lesen der Frage kann sich rächen. Achten Sie vor allem auf Wörter, die die Frage/Aussage stark verallgemeinern oder stark begrenzen ("alle", "keiner", "jeder", "nie", "immer"). In der Wissenschaft geht es oft um Differenzierung und Einschränkungen, daher sollten Pauschalaussagen immer kritisch betrachtet werden. Heißt: solche Aussagen sind der Tendenz nach falsch.

    Etwas tricky sind negative Formulierungen (Verneinungen). Aufgrund der Frage-Antwort-Struktur lassen diese sich für den Autor einer Klausur mit Multiple-Choice-Elementen kaum vermeiden. Achten Sie also genau darauf, was die Verneinung beinhaltet. Streichen Sie das negative Wort (nicht, nie, Präfix un- usw.) und überprüfen Sie, ob die Aussage dann stimmt.

    Manchmal wird bei Richtig/Falsch-Fragen eine Aussage präsentiert, die aus zwei Teilen besteht: der eine Teil ist richtig, der andere nicht. Dann ist aber die Gesamtaussage falsch. Also genau lesen: Stimmt die Gesamtaussage?

    Wenn Sie die Frage gelesen haben, überlegen Sie zuerst ohne Blick auf die vorgegebenen Antworten, wie Ihre spontane eigene Antwort lauten würden. Und erst dann überprüfen Sie, welche der vorgegebenen Antwortmöglichkeiten dieser entspricht.

    Bei Multiple-Choice-Fragen: Nutzen Sie das Ausschlussverfahren: Streichen Sie die Antwortoptionen, die auf keinen Fall stimmen können. Gibt es mehrere "gute" Antworten, wählen Sie die "beste".

    Wenn Sie eine mögliche Antwort nicht verstehen, mag das nicht an Ihrer Unfähigkeit liegen. Dozenten bauen durchaus Antwortoptionen ein, die unsinnig und unlogisch sind und mit dem Thema der Frage nichts zu tun haben; bei Fachbegriffen kommen oft Begriffe vor, die ähnlich klingen wie der gesuchte richtige Begriff, die es aber nicht gibt oder die etwas völlig anderes bedeuten.

    Kurze und lange Essayfragen
    Bei kurzen Essayfragen geht es meist um Fachbegriffe und Konzepte, die man knapp und kurz beantworten kann. Wenn ein Antwort in 2-5 Sätzen gefragt ist, ist es ausgeschlossen, dass ein komplexer Sachverhalt differenziert erläutert werden soll. Es geht also nur darum, einige wenige Punkte präzise zu treffen, z.B. einen Schlüsselbegriff zu nennen und die damit zusammenhängende Problematik. Manchmal dreht sich die Frage um einen typischen Fall, der in der Lehrveranstaltung eingehender behandelt wurde – oder einen ähnlichen. Auch hier gilt: Lesen Sie die Frage genau.

    Lange Essayfragen geben Ihnen dagegen Raum, um Ihr komplexes Wissen auszubreiten und anzuwenden. Hier kann es um Theorien und Thesen gehen, bei denen es keine pauschal richtige Antwort gibt. Vielmehr ist gefragt, dass Sie einen Ansatz entwickeln, ein Problem analytisch aufdröseln, Ihr Wissen auf einen größeren Fall anwenden, eine Argumentationskette anlegen, differenzieren und erläutern – möglicherweise interpretieren und eine persönliche Position vertreten.

    Bei langen Essays haben Studenten oft Schwierigkeiten mit der Konzept- und Zeitplanung. Der Sinn eines Essays ist, dass Sie eine überzeugende, in sich stimmige Argumentation vorbringen können. Ihr Essay mag am Ende kurz wirken, aber wenn es solide strukturiert und präzise formuliert ist, bringt es Ihnen volle Punktzahl. Umgekehrt gilt: Labertexte, bei denen ein Student fehlendes Wissen mit vielen Worten kaschiert, beeindrucken nicht. Wenn Sie einfach drauflosschreiben, vergessen Sie möglicherweise wichtige Dinge. Unbedingt vorher eine Skizze über die Inhalte anfertigen, die hineinmüssen (im Sinne einer Checkliste). Und bitte geben Sie die Skizze mit ab, denn wenn Sie nicht fertig werden, kann ich Ihnen immerhin noch Punkte geben für die dort enthaltenen Ideen, selbst wenn sie nicht ausformuliert wurden.

    Wenn Sie argumentieren, stützen Sie Ihre Argumente Beispiele aus der Vorlesung und aus Ihrer Lektüre, zitieren Sie, zeigen Sie Bezüge zu in der Lehrveranstaltung diskutierten Fragen auf. Kratzen Sie nicht nur an der Oberfläche, vermeiden Sie zu allgemeine Aussagen, werden Sie konkret.

    Achten Sie auch hier auf die Frageformulierung. "Beschreiben Sie..." heißt etwas anderes als "Vergleichen Sie..." Wenn dort steht: "Interpretieren Sie kritisch und formulieren Sie eine eigene Position", dann will ich sehen, dass Sie über die Text- oder Datengrundlage hinausblicken, etwas kritisch betrachten und eine Meinung vertreten können – egal, ob pro oder contra, so oder so, nur nicht einerseits-andererseits, wischi-waschi. Hier zählt Positionierung und Originalität.

    "Open Book"
    In manchen Klausuren ermögliche ich, Lehrbücher und Lernmaterialien bei der Klausur zu benutzen. Das soll Sie von der Strategie "Auswendiglernen" abhalten und etwas den Druck nehmen.

    Dadurch wird die Klausur aber nicht per se einfacher. Es liegt auf der Hand, dass es in einer solchen Klausur weniger um die Reproduktion von einfachem Faktenwissen als vielmehr um Problemverständnis und Zusammenhänge geht. Eine Open-Book-Klausur prüft Ihre Fähigkeit, das Gelernte auf neue Fragestellungen oder Fälle anzuwenden, neue Texte (z.B. einen Zeitungskommentar) zu analysieren und zu strukturieren.

    Die zugelassenen Bücher und Mitschriften werden Ihnen nicht helfen, wenn Sie diese nicht kennen. Wenn Sie die Klausurzeit mit wildem Blättern und Suchen verschwenden, kostet Sie das viel zu viel Zeit. Beschäftigen Sie sich also vorab intensiv mit Buch- und Materialorganisation, ordnen Sie Ihre Papiere und das Buch (z.B. durch Markierungen, Klebezettel, Kurznotizen).

    Arbeiten Sie zunächst die Fragen durch, für die Sie Buch und Mitschriften nicht benötigen. Fragen, bei denen Sie nachschlagen müssen, bearbeiten Sie erst später.

    In Essayfragen können Sie aus dem Buch zitieren, um Ihre Argumente zu stützen. Schreiben Sie aber bitte keine Zitate-Parade. Weniger ist mehr: Der Schwerpunkt liegt auf Ihren eigenen Gedanken.