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29. Juni 2012

Primäre, sekundäre und tertiäre Quellen

Quellen sind nicht gleich Quellen, wie hier schon oft gesagt. Sie unterscheiden zu können, gehört zur "Informationskompetenz". Sie geht von einer quellenkritischen Haltung aus: Der informationskompetente, quellenkritische Student ist ein gewohnheitsmäßiger Quellenchecker.

Wie "Der Checker" aus der DMAX-Serie für Autofans schaut er den Quellen unter die Motorhaube, sucht nach Macken, Produktionsfehlern, Rost, Verschleiß und fehlenden Teilen. Und er wählt nur die Quellen aus, die seinen Ansprüchen genügen.

Das ist aber nicht nur Plausibilitäts- und Qualitätskontrolle. Quellen haben unterschiedlichen Charakter, und in der wissenschaftlichen Hierarchie sind manche Quellen von vornherein mehr wert als andere.

Eine wichtige Abstufung ist die zwischen primären, sekundären und tertiären Quellen. Für den "Checker" ist klar:
  • Je mehr Primärquellen man hat, desto besser. 
  • Sekundäre Quellen sind gut, aber wer selbst interpretieren will statt sich auf andere zu verlassen, knüpft sich die Primärquelle vor. 
  • Tertiäre Quellen sind in der Hackordnung ganz unten: Sie sind ein Hilfsmittel, um einen Überblick zu bekommen. Sie geben Orientierung über wichtige primäre und sekundäre Quellen. Fortgeschrittene Studenten nutzen für ihre Seminar- und Abschlussarbeiten tertiäre Quellen nur in der Anfangsphase einer Recherche. Nur blutige Anfänger zitieren ständig tertiäre Quellen.

Viele Studenten ordnen ihre Quellenverzeichnisse nach Art der Quelle: Bücher, Zeitschriften, Presse, Online... (siehe dazu diesen Blogpost). Deutlich intelligenter ist es, im Quellenverzeichnis nach Primär- und Sekundärquellen (und zur Not Tertiärquellen) zu sortieren. Denn aus wissenschaftlicher Sicht ist weniger wichtig, ob eine Quelle Buchpappdeckel hat oder nicht, als ihre Wertigkeit einzuschätzen.

Den Unterschied zu erkennen und die Einordnung fallen Studenten erfahrungsgemäß schwer. Außerdem gehen die Fachdisziplinen mit den Begriffen oft etwas unterschiedlich um; wirklich allgemeingültige Standards gibt es nicht. Und das Konzept ist etwas abstrakt, situations- und kontextabhängig. Das führt dann schnell zu Verwirrung. Versuchen wir's trotzdem:

Primäre Quellen
Primäre Quellen sind Originalmaterial -- sozusagen direkt vom Hersteller, "aus erster Hand" und Rohmaterial für den Wissenschaftler.

Sie sind Information im Urzustand -- noch hat sie niemand zusammengefasst, gefiltert, gedeutet, bewertet. Ihr Inhalt basiert oft (aber nicht immer) eher auf Fakten als auf Deutungen.

Einige Beispiele aus dem Feld der Wirtschaftswissenschaften: Eine Studentin hat eine unternehmens- oder branchenbezogene Aufgabe zu bearbeiten, und sie sucht dafür primäre Quellen aus dem Markt:Dokumente eines Unternehmens, Marktberichte eines Wirtschaftsverbands oder einer Unternehmensberatung, Branchen-, Firmen- oder Verbraucher-Statistiken, Meinungs- und Marktforschungsumfragen, Wirtschaftsberichte staatlicher Stellen und sonstige Regierungs- und Verwaltungsdokumente, Gesetze, Verordnungen oder Gerichtsurteile, Reden von und Interviews mit Managern und Marktakteuren, Teilnehmern oder Beobachtern aktueller Ereignisse (auf dem Markt und im Marktumfeld), aktuelle und vorrangig tatsachengestützte Presseberichterstattung über solche Ereignisse, Fotos, Diagramme, Karten aus diesem Umfeld. 

In rein wissenschaftlichem Zusammenhang sind primäre Quellen Forschungsberichte eines Wissenschaftlers, der selbst empirische Daten gesammelt und ausgewertet hat. Solche Daten sind quantitativ (z.B. Statistiken, Umfragen, Experimente) oder qualitativ (z.B. Interviews, Beobachtung, Dokumentenanalyse). Veröffentlicht werden die Forschungsergebnisse in einem wissenschaftlichen Aufsatz in einer Fachzeitschrift, in einem Buch oder in einem eigenständigen Bericht.

Sekundäre Quellen
Sekundäre Quellen enthalten Informationen ÜBER primäre Quellen. Das sind also Infos "aus zweiter Hand". Sekundärquellen fassen Infos aus primären Quellen zusammen. Sie liefern eine Auswahl, eine neue Zusammenstellung. Die Primärquellen werden gedeutet, interpretiert, bewertet.

Analog zum obigen Beispiel: Unsere Wiwi-Studentin sucht nach Analysen und Interpretation über eine Firma, eine Branche oder einen Markt. Nicht was eine Firma über sich selbst sagt, interessiert sie hier, sondern was andere über die Firma sagen -- Branchenexperten, Analysten, Wirtschaftsjournalisten, Wissenschaftler. Eine akademische Studie, die sich vorrangig auf Aussagen anderer stützt, ist in der Regel eine sekundäre Quelle.

Die Abgrenzungsprobleme sind nicht einfach. Wenn Professor Schmitz Daten des Statistischen Bundesamts verwendet und damit komplizierte Berechnungen anstellt, ist sein Forschungsbericht darüber dann eine primäre Quelle? Er hat die Daten ja nicht selbst gesammelt. Aber: Er erzeugt daraus etwas Neues, ein neues Original sozusagen. Primär oder sekundär? Wahrscheinlich überwiegend sekundär... mit etwas primärer Beimischung.

Wie sieht es bei Presseartikeln aus? Oben habe ich gesagt, dies sind  Primärquellen -- aber eingeschränkt: wenn sie aktuell und vorrangig tatsachengestützt über Ereignisse berichten. Wenn sie eher eine allgemeine Branchen- oder Trendanalyse machen, wenn sie Hintergründe aufzeigen oder kommentieren, sind sie eher als sekundäre Quellen einzuordnen. Denn sie sind weniger faktenbasiert, sie interpretieren vor allem, und sie sind auch stärker von einem bestimmten Ereignis entfernt.

Merke also: Wie man die Quellen einordnet, hängt von der eigenen Sichtweise, Zweck und Aufgabe ab, von der Distanz der Quelle zu einem Ereignis und davon, wie stark deutend die Quelle ist. Dieser Kontext verlangt also vom "Checker" ziemlich viel Urteilsvermögen. Ein und dieselbe Quelle kann primär oder sekundär sein.

Tertiäre Quellen
Viel leichter ist es, tertiäre Quellen zu identifizieren. Sie sind vor allem als Zusammenfassung von Primär- und Sekundärquellen gedacht, und ihr Zweck ist in der Regel, einen Überblick über ein Themengebiet zu geben, es zu ordnen und zu indizieren.

Dazu gehören Nachschlagewerke wie Lexika und Enzyklopädien, Wörterbücher, Glossare, Handbücher, Kompendien, Kataloge, Guides und -- wichtig! -- Lehrbücher für Schüler und Studenten.

Ein Lehrbuch mag von einem Forscher geschrieben worden sein, es ist aber keine Forschungspublikation. In der Regel bereitet es eine breite Thematik, die bereits in zahlreichen Sekundärquellen enthalten ist, didaktisch auf, ohne originäre eigene Forschung zu präsentieren und ohne sich direkt mit Primärquellen zu befassen (bestenfalls in Form von Beispielen, die aber nicht der wissenschaftlichen Untersuchung dienen, sondern der pädagogischen Vermittlung: Primärquellen werden nur reproduziert und dann eingeordnet, ggf. werden verschiedene Meinungen aus der Sekundärliteratur dazu vorgestellt). 

25. Januar 2011

Die Zahl der zitierten Quellen

"Welche Anzahl an Büchern muss zitiert werden?", lautet eine Originalfrage eines Studenten.

"Ihnen wird die Antwort nicht gefallen", sagt der Computer in Per Anhalter durch die Galaxis. Die Ultimative Antwort: 42.

Auf unsinnige Fragen gibt es eben unsinnige Antworten, murmelt der Wissenschaftler... Aber Scherz beiseite, für Studenten ist das praktisch relevant. Sie wissen (oder ahnen zumindest), dass eine zu schmale Literaturgrundlage zu schlechter Bewertung führt. Aber wieviel ist nun "genug"? Oder "gut"? Oder "sehr gut"?

Die korrekte Antwort ist leider nicht viel besser als "42" – nämlich: "Das hängt davon ab." Vom Anspruch der Arbeit und dem Abschlussniveau (Bachelor, Diplom, Master), von der Literaturlage (wieviel und was ist zu einem Thema überhaupt erschienen), vom Untersuchungskonzept der Arbeit.

Richtig ist, dass Gutachter auf den Umfang des Quellen- und Literaturverzeichnisses schauen. Bei einer Bachelorarbeit mit nur fünf belegten Quellen zieht sich die Stirn des Professors zusammen. 15-20 darf man bei den meisten Themen schon erwarten, vielleicht aber auch 30, 40, 50. Je nachdem.

"Ich soll 50 Bücher durchlesen?! Ich bin doch nicht verrückt!" Das verlangt auch niemand. Auch aus Büchern nimmt man sich nur das, was man wirklich braucht: ein Kapitel, vielleicht nur eine Seite.

Zudem: Es geht es keineswegs nur um "Bücher". Ein Kandidat kann in seiner Arbeit möglicherweise gar kein Buch zitieren und trotzdem eine erstklassige Bewertung nach Hause tragen – weil seine anderen Quellen so gut und umfangreich sind.

Ein 5-Seiten-Artikel aus einer Zeitschrift kann für ein Thema viel besser sein als ein ganzes Buch, weil er genau zur Fragestellung der Thesis passt, während die verfügbaren Bücher das Thema nur am Rande erwähnen. Oder weil er brandaktuell ist, während die verfügbaren Bücher, auch und gerade "Standardwerke" (die in 17. Auflage), veraltet sind.

Wenn Sie eine Handvoll solcher perfekt passenden Aufsätze haben, ist das vielleicht alles, was Sie brauchen. Sie müssen Sie nur finden. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden Sie aber einen Mix von Quellen haben – einige sehr passgenau und ergiebig, viele begrenzt brauchbar, einige so lala bis fast irrelevant. Einige Bücher darunter und einige Nicht-Bücher.

Die Kritik an der Frage richtet sich also auf das Missverständnis, dass die ultimative Quelle ein Buch ist.

Der gefühlte Goldstandard

Sicher, (wissenschaftliche) Bücher sind für eine studentische Abschlussarbeit zunächst einmal der gefühlte Goldstandard, man wähnt sich auf der sicheren Seite:
  • Sie sind im Bibliothekskatalog und -regal bequem zu finden.
  • Profs verweisen gern und häufig auf "Standardwerke", die man kennen und benutzen soll.
  • Autoritäten zwischen Buchdeckeln sind uneingeschränkt zitierfähig und zitierwürdig. 
  • Bücher werden auch von anerkannten Fachautoren besonders viel zitiert.
  • Und wenn man nicht gerade eine hochspezielle Doktorarbeit oder Habilitationsschrift erwischt, ist die Chance groß, dass sich das Buch an ein breiteres Publikum richtet, also halbwegs verständlich ist.

Mit "Büchern" war bei der Frage vermutlich in erster Linie (wissenschaftliche) Sekundärliteratur gemeint. Ein Jurist beispielsweise arbeitet vorwiegend mit (Primär-) Quellen wie Gesetzestexten und Gerichtsurteilen plus Sekundärliteratur, also Fachtexten über die (Primär-) Quellen. Ein Betriebswirt mag als (Primär-) Quellen Zahlen, Daten, Fakten, Berichte eines Unternehmens ansehen und zieht zusätzlich Sekundärliteratur heran, z.B. über die Branche, über Unternehmensfunktionen und Tätigkeitsbereiche (etwa Marketing, Personalwesen oder Controlling).

Vor allem Bachelor-Abschlussarbeiten arbeiten fast ausschließlich mit Sekundärliteratur, weil der wissenschaftliche Anspruch etwas geringer ist (siehe dazu den Beitrag: "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied"). Bei einer BA-Thesis ist es auch akzeptabel, dass ein größerer Teil des Literaturverzeichnis aus Lehrbüchern und anderen Einführungswerken besteht, also Sekundärliteratur in Form von nicht allzu speziellen Monographien, und sogar Tertiärliteratur (Lexika, Handbücher usw.).

Ist der wissenschaftliche Anspruch größer (Diplom- und Masterarbeit), desto wichtiger sind, allgemein gesprochen:
  •  Primäre Quellen, d.h. Informationen am Ursprungsort, noch nicht von Experten und Wissenschaftlern gesammelt, analysiert und interpretiert;
  • spezielle Sekundärliteratur, also hochgradig spezialisierte Monographien (keine Lehr- und Einführungsbücher), die für Experten und nicht für junge Studis geschrieben werden;
  • und aktuelle Sekundärliteratur, die "den Stand der Forschung" wiedergibt; also z.B. aktuelle wissenschaftliche Aufsätze in einer Fachzeitschrift oder in Sammelbänden (die oft aus Tagungen entstehen), oder Studien oder Diskussionspapiere von Instituten und Fachgesellschaften.
Bücher sind aus dieser Sicht schon deshalb problematisch, weil sie schnell veraltet sind. Ein Buch zu schreiben, dauert lange; es zu veröffentlichen und zu verkaufen, auch. Den aktuellsten Stand der Forschung findet man daher eher nicht in den Büchern, die eine Hochschulbibliothek im Regal stehen hat. Schon gar nicht in der vertrauten Lehrbuchsammlung. 

Die Nicht-Bücher sind aber auch viel schwieriger zu finden, zu verstehen und zu benutzen. Die Recherche ist anspruchsvoller. Wohlgemerkt, es geht hier nicht um schnelles Herbeigoogeln beliebiger Internetseiten, sondern um wissenschaftlich taugliche Quellen.


Wenn Bücher kaum eine Rolle spielen: Empirische Arbeiten 

In den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften dominieren zwei Arten von Abschlussarbeiten: Literaturstudien und empirische Studien. Bei der ersten Gattung dreht sich alles, wie der Name schon sagt, um die Aufarbeitung der Fachliteratur zu einem Thema (oft eher theoretisch orientiert). Da werden dann ganz sicher auch viele Bücher genutzt, und die Diskussion der Bücher steht im Mittelpunkt.

Bei der zweiten Gattung untersucht die Kandidatin dagegen selbst empirisch, d.h. sie sammelt selbst die Informationen, z.B. durch Beobachtung, Befragung, statistische Erhebung oder Dokumentenrecherche. Sekundärliteratur dient dann nur dazu, ein Konzept für die eigentliche Untersuchung zu begründen. Vielleicht vergleicht die Autorin ihre Ergebnisse noch mit denen einer anderen Studie. Bücher werden daher eine untergeordnete Rollen spielen.

Ein Beispiel. Zugegebenermaßen ein eher extremes, was die Zahl der Quellen angeht. Ich hatte gerade eine ziemlich gute Master's Thesis mit einem hohen forscherischen Eigenanteil auf dem Schreibtisch. Das Thema drehte sich um ein EU-Gesetzgebungsverfahren.
  • Die Autorin hat sich dafür in die Datenbanken gestürzt und rund 160 Quellen belegt.
  • ...davon gut 40 Dokumente aus den an der Gesetzgebung beteiligten Institutionen und über 100 Dokumente von Unternehmen und Verbänden (Positionspapiere, Stellungnahmen, Pressemitteilungen, Redeskripte und vieles mehr), außerdem Medienberichterstattung. Diese Dokumentenanalyse war der methodische Kern der Arbeit. 
  • Hinzugezogen hat sie eine Handvoll an wissenschaftlichen Texten, aber da das Thema so aktuell war, gab es zum Speziellen nicht viel. Die wissenschaftlichen Aufsätze und Bücher dienten vorrangig dazu, den Forschungsansatz zu begründen und einen Rahmen für die Analyse und Interpretation der Dokumente aufzubauen. Insgesamt waren das rund 25 Texte der Sekundärliteratur, davon vielleicht 2 Monographien, ein Dutzend Aufsätze aus Sammelbänden, der Rest Aufsätze aus Fachzeitschriften oder separat erschienene Studien. 
Das klassische "Buch", nämlich die Monographie eines Einzelautors, spielte also in dieser Thesis so gut wie keine Rolle. Auch die Bücher, die eine Sammlung von Aufsätzen darstellen, sind nur begrenzt wichtig. Die Frage von ganz oben, "Welche Anzahl an Büchern muss zitiert werden?", ist hier marginal. Der Dreh- und Angelpunkt der Untersuchung sind die primären Quellen, alles keine Bücher.

Wieviel ist genug?


Zurück zur Ausgangsfrage. Wieviel "genug" oder "gut" ist, kann Ihnen in Zahlen niemand sagen. Das entscheidet sich nach der inhaltlichen Qualität und Passgenauigkeit, mithin nach dem Erfolg Ihrer Recherche und dem Thema. Wenn Sie Glück haben, finden Sie schnell Quellen mit hoher Güte. 10 großartige, aussagekräftige Quellen sind besser als 50, die nur am Rande mit Ihrem Thema etwas zu tun haben. Aber das kann man vorher nicht wissen.

Schließlich kommt es darauf an, was Sie daraus machen. Manchmal haben Studenten Angst, dass Sie nicht genug Material zu einem Thema finden. Andere davor, dass sie zuviel finden. Es macht Ihre Thesis sicher nicht besser, wenn Sie Berge von Material auftürmen, die Sie nicht mehr bewältigen können. Weniger ist oft mehr.

Am Ende werden Sie nicht nach der schieren Quantität Ihrer Quellen bewertet, sondern nach Tiefgang in Darstellung und intelligenter Auswertung. Struktur und pointierte Aussagen zählen mehr als das kommentarlose Aneinanderreihen von Zitaten. Man kann also mit der Literatursuche viel Zeit verplempern, die besser in eine Auseinandersetzung mit der bereits gefundenen Literatur investiert wäre.

Eigentlich gibt es nur eine gültige Daumenregel, und sie bezieht sich nicht aufs Minimum, nicht aufs Optimum, sondern aufs Maximum. Wenn Sie bei einer hoffentlich gründlichen und systematischen Recherche und Lektüre merken, dass Sie nichts Neues mehr dazulernen oder sich das Altbekannte ständig wiederholt, dann sollten Sie mit dem Hinzufügen neuer Literatur aufhören.

Ökonomen sprechen hier vom "abnehmenden Grenznutzen" (1. Gossensches Gesetz). Sie können zwar ewig weiter nach Literatur suchen, aber mit jedem Text, den Sie jetzt noch finden, nimmt der Ertrag ab, den Sie davon noch haben. Anders gesagt, "Vollständigkeit" der Recherche kann nicht das Ziel sein. Man kann sich auch totrecherchieren. Eine Abschlussarbeit muss auch in dieser Hinsicht nicht perfekt sein; nur fertig werden muss sie.

19. Dezember 2010

Lesetechniken: Mehr aus einem Text herausholen

Mit dem Lesen haben Studenten oft Kummer. Man liest und liest und liest, und irgendwie ist der Ertrag nicht so, wie er sollte. "Warum geht das nicht in meinen Kopf hinein?"

Das hat oft etwas mit der Lesetechnik zu tun. Dass man ein wissenschaftliches Fachbuch nicht so "weglesen" kann wie ein interessantes Sachbuch oder einen Thriller, merkt jeder Student im ersten Semester.  Und im Vergleich zu Schulbüchern sind die an Hochschulen verwendeten Lehrbücher auch viel komplexer, viel weniger in kleine Bissen unterteilt, die man auf einen Haps verschlingen kann.

Worum es hier geht, das ist das vollständige analytische Erfassen eines Textes. Man muss "intensiv" lesen. Sonst funktioniert es nicht. Richtig, das ist mühsam. Man braucht viel Zeit, muss mitdenken, wiederholen, sich konzentrieren. Und deshalb ist das nur bedingt möglich, wenn man die Lektüre in Bus und Bahn verlegt oder hektisch in einer kurzen Pause erledigt.

Gekonnt lesen
Die Professorin Hania Siebenpfeiffer von der Uni Greifswald hat in einem nützlichen Handout "Gekonnt lesen" zu einer Lehrveranstaltung eine ganze Reihe von Tipps zum besseren Lesen parat. Sie unterscheidet erst einmal sechs Lesetechniken:

Punktuelles Lesen 
  • Sie lesen den Text nur in Teilen.
  • Sie unterbrechen Ihr Lesen und springen von Stelle zu Stelle.
  • Der Sinn entsteht aus einem Mosaik von Infos.
  • Ählich wie Hypertext, von Link zu Link: nicht-lineare Textstruktur, oft bei einzelnen Kapiteln aus Monografien.
Diagonales Lesen (‚Querlesen‘)
  • Sie überfliegen den Text
  • Sie erfassen die wichtigsten Textinhalte und Textstrukturen
  • „Anlesen“: Sie lesen einzelne Sequenzen (Stichprobe)
Kursorisches Lesen
  • in der Regel vollständige Lektüre des Textes, meist auf der Basis vorheriger diagonaler Lektüre
  • Sie heben einzelne Textstellen durch Markierungen hervor
  • Sie machen sich Notizen zu Unklarheiten
  • Sie teilen Argumentationsabschnitte ein
Sequenzielles Lesen
  • Voraussetzung ist die kursorische und diagonale Lektüre
  • Sie lesen den Text genau und vollständig
  • Sie vertiefen sich in einzelne wichtige Passagen (Sequenzen)
  • Sie lesen Absatz für Absatz
  • Sie machen sich Notizen zu den wichtigsten Argumentationsschritten
Intensives Lesen 
  • genaues und detailliertes Erfassen des Textes
  • Sie untersuchen einzelne Aspekte je nach Textgattung, z.B. Aussageabsicht, rhetorische Figuren, Argumentationsstrukturen etc.
  • Sie machen sich ausführliche Notizen zu Aufbau, Thema, Argumentation, Terminologie, Methode sowie eigene Assoziationen, Fragen und weiterführende Überlegungen
Rekapitulierendes Lesen
  • abschließendes ‚Überfliegen‘ des Textes in Hinblick auf den argumentativen Gesamtzusammenhang (‚roter Faden‘).
  • Sie überprüfen und ergänzen Ihre Notizen.
  • Sie frischen ihr Lektürewissen auf.
Im Idealfall lesen Sie also einen wichtigen Text mehrmals: Erst "quer" und kursorisch, dann sequenziell und intensiv, schließlich rekapitulierend.

"Wer hat denn Zeit für sowas?", mögen Sie jetzt fragen. Nun, man macht das nicht bei jedem Text, ganz klar. Aber wenn es wichtig ist, wenn etwas hängenbeiben soll und wenn Sie etwas gründlich verstehen und aufnehmen wollen, dann geht es nicht anders. Je komplizierter die Materie ist, desto notwendiger ist die Abfolge, die Siebenpfeiffer hier vorschlägt.

Das Gelesene festhalten
Jetzt haben Sie schon eine Menge getan, aber bei wichtigen Texten müssen Sie noch einmal ran. Es geht ums "Reflektieren und Archivieren", wie Siebenpfeiffer es nennt. Da bieten sich drei Techniken an: das Leseprotokoll, das Exzerpt und das Konzept.

1. Leseprotokoll
In einem Leseprotokoll, so Siebenpfeiffer, werden alle Überlegungen, Beobachtungen, Ideen und Einfälle, die sich während des Lektüreprozesses eines Textes ergeben, ihrem Erscheinen nach notiert und zwar in Ihrer eigener Sprache bzw. in eigenen Worten und losgelöst vom gelesenen Text.
  • Sie protokollieren also erst einmal ihren Leseprozess.
  • im Verlauf eines Leseprotokolls werden die Notizen immer "dichter", man baut automatisch die Gedankengänge zusammen.
  • Das Ziel ist es, die Ergebnisse der Lektüre festzuhalten, mit der Betonung auf Analyse: was bedeutet X oder Y, worauf bezieht sich der Autor, welche Querverbindungen gibt es?
  • Leseprotokolle sind daher oft umfangreich; man muss hinterher systematisieren und sortieren.
  • Man kann in regelmäßigen Abschnitten, z.B. am Ende eines Textabschnitts, das bisher Notierte bündeln und zu ersten Ergebnissen zusammenfassen.
2. Exzerpt
Wenn Sie "exzerpieren", lassen Sie Ihre eigenen Gedanken beiseite. Das Exzerpt ist eine Zusammenstellung wichtiger Inhalte des Textes, und zwar wortwörtlich. Es ist ein Auszug, ein Extrakt, eine gekürzte Version mit den wesentlichen Passagen eines Textes. Gewissermaßen eine verbundene Zitatesammlung.
  • Es geht nicht unbedingt darum, den gesamten Text wiederzugeben. Wenn Sie eine bestimmte Zielrichtung haben, ein bestimmtes Thema, eine Fragestellung (z.B. für ein Projekt, eine Belegarbeit oder Abschlussarbeit) dann werten Sie den Text genau danach aus: Sie nehmen nur das, was Sie brauchen und was "passt".  Sie müssen also bewusst auswählen.
  • Die Textpassagen sollen mit der genauen Angabe ihres Ursprungsortes (Texttitel, Verfasser, Ausgabe und Seitenzahl) abgeschrieben werden. Sie schreiben also direkte oder indirekte Zitate aus.
3. Konzept
Das Konzept legt die Argumentation, die Organisation, Aufbau und Ablauf eines Textes offen. Es geht also ausschließlich um die Struktur. Wörtliche Zitate und eigene Gedanken zum Text gehören hier nicht hin. Ziel ist es, sich einen Überblick über die zentralen Fragen und Argumentationsschritte zu verschaffen, gewissermaßen das tragende Skelett und ein bisschen vom Fleisch.
  • Die wesentlichen Fragen, die zu beantworten sind: Was ist der Gegenstand? Was ist das Thema? Welche These(n) hat ein Autor? Welche Hypothese(n) will der Autor überprüfen? Welche Fragestellung wird verfolgt? Wie plant der Autor seine Untersuchung? Wie verläuft die Argumentation? Welche Positionen aus der Forschung behandelt der Autor, woran (und an wen) knüpft er an? Was ist sein Ergebnis?
Leseprotokoll, Exzerpt und Konzept ergänzen sich und heben auf unterschiedliche Aspekte des Inhalts ab. Alle drei zusammen ergeben eine umfassende Darstellung, Analyse und Interpretation des Textes. Der Text wird zu einem wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand, wird geradezu erforscht.


Den Aufwand treibt man, wie gesagt, nicht bei jedem Text. Aber genau zu wissen, wie man lesen kann, und dann über die richtige Lesetechnik und Lektüreauswertung zu entscheiden: das man die Schlüsselkompetenz des wissenschaftlichen Lesens aus.


Buchtipp
Otto Kruse (2010): Lesen und Schreiben.  Reihe: Studieren, aber richtig, 184 Seiten, UTB / UVK ISBN: 978-3-8252-3355-6 (UTB: 3355), 14,90 Euro.

    Lehrbücher lesen

    Studenten lesen vor allem Lehrbücher (engl. auch: Textbook, Coursebook). Was ist eigentlich ein Lehrbuch, und wie unterscheidet es sich von einem Fachbuch? Und vor allem: Wie liest und nutzt man es am besten?


    Lehrbücher sind für die Lehre da, ist ja logisch. Sie werden von (Hochschul-) Lehrern geschrieben, oft auf der Basis von Überblicksvorlesungen, die die Autoren gehalten haben. Im Idealfall sind Lehrbücher auf die Anforderungen eines bestimmten Fachstudiums abgestimmt. Und: Sie werden von Professoren ausgesucht, oft als Pflichtlektüre, die einen Kurs begleiten soll und Grundlage für Klausuren und andere Prüfungen dient. Bibliotheken kaufen daher auf Vorschlag der Professoren größere Mengen stark nachgefragter Grundlagenliteratur für ihre Lehrbuchsammlungen.
     
    Ob sie sich tatsächlich fürs Lernen gut sind, darüber haben Studenten sehr unterschiedliche Ansichten. Nicht jedes Buch, auf dem "Lehrbuch" draufsteht, ist auch wirklich für Lernende – vor allem Anfänger – geeignet.
    • Gerade im deutschsprachigen Bereich wird mit dem Etikett "Lehrbuch" eher lax umgegangen – jegliche Art von einführendem Text kann das Prädikat bekommen (meist in der Hoffnung einer hohen Auflage). Im englischsprachigen Textbook-Markt investieren Autoren und Verlage häufig deutlich mehr Mühe in Gestaltung, didaktische Aufbereitung und Service für die Lernenden – dafür sind solche Bücher auch meist viel teurer.

    Zurück zur Ausgangsfrage: Lehrbücher sollen Fachbücher sein, die der Aus- und Weiterbildung dienen. Typisch ist, dass sie
    • für Anfänger verständlich sind, also in einer Sprache verfasst werden, die nicht allzu viel Vorwissen und Fachjargon verlangt (leider scheitern Lehrbuchautoren oft genau daran).
    • Fachvokabeln einführen, definieren und auf Sachverhalte und Theorien anwenden. Fachbegriffe werden weniger vorausgesetzt als bei Fachbüchern, die sich ausschließlich an Experten wenden. Oft gibt es zum Wiederholen oder Nachschlagen ein Glossar (am Ende von Kapiteln oder des Buches).
    • Informationen sehr konzentriert und kompakt aufbieten. Da wird nicht allzu viel hin- und hergewendet (im Sinne von Pro und Contra), sondern dargestellt. 
    • überdurchschnittliche viele Übersichtsgrafiken, Tabellen, Definitionsboxen, Merksätze, Schlagwörter und Randbemerkungen einbinden. Auch diese dienen der besseren Vermittlung.
    • die Kapitel als eine Art Lektion konzipieren. Da gibt es meist eine Einführung oder einen Kapitelüberblick (oft mit Lernzielen am Anfang) und am Ende Zusammenfassungen
    • "Navigationshilfen" zur Orientierung einsetzen: Im Vergleich zu anderen Fachbüchern finden sich mehr Überschriften und Zwischenüberschriften. Ein gutes Lehrbuch ist auf den ersten Blick gut organisiert.
    • Fragen zum Verständnis oder zum Zusammenfassen einzelner Konzepte und/oder Fragen zur Diskussion auflisten, oft am Ende eines Kapitels. Solche Fragen sind dafür gedacht, dass Studenten sie zum erneuten Durcharbeiten und als "Testfragen" zur Vorbereitung für Prüfungen benutzen (was Studenten leider selten tun, es sei denn, der Professor gibt das als Hausaufgabe auf).
    • auf weiterführende Literatur sowie auf externe Quellen verweisen, z.B. auch Weblinks.
    Companion Websites: Begleitende Internetseiten zum Lehrbuch
    Zu den neueren Trends deutscher Lehrbucherlage (in den USA ein ziemlich alter Trend) gehören Internetseiten oder ganze Lernportale ("companion websites"). Was findet man dort? 
    • ergänzende Literaturhinweise,
    • Linklisten,
    • Zusammenfassungen und PowerPoint-Folien, die nach Kapiteln gegliedert sind,
    • Multimedia (z.B. Videos und interaktive Grafiken)
    • Glossare,
    • Online-Tests zum Abprüfen des Lernerfolgs,
    • Aktualisierungen, Ergänzungen und Korrekturen zum Buch.
    Also eine ganze Menge Mehrwert – wenn man es denn nutzt. Ein Beispiel sind die Angebote der UTB-Verlagsgruppe "UTB-Mehr-wissen", vor allem für die Reihe der Bachelor-Lehrbücher. (Dafür muss man sich anmelden, manchmal gibt es den Zugangsschlüssel nur mit Bucherwerb.)

    Professoren weisen manchmal darauf hin, sie nutzen und integrieren das jedoch noch eher selten. Trotzdem nachschauen, ob der Verlag zusätzliche Materialien zur Verfügung stellt. Das gilt ganz besonders für englischsprachige Textbooks, da die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es eine "Companion Website" gibt.

    Tipps zum Lesen von Lehrbüchern
    Auch wenn ein Lehrbuch gut verständlich und eingängig ist: Einmaliges Lesen führt selten dazu, dass man das Wissen vollständig aufnimmt. Man muss Lehrbücher "durchackern", positiv formuliert: sich das Wissen aktiv erarbeiten. Zum Beispiel durch:
    • Zusammenfassen wesentlicher Inhalte in eigenen Worten.
    • Herausschreiben wichtiger Fachbegriffe – lernen Sie diese wie Vokabeln einer Fremdsprache, z.B. mit einem Partner, der Sie abfragt. Gibt es eine Begleit-Seite im Internet, findet sich dort manchmal auch ein "Vokabeltrainer".
    • Durcharbeiten der Verständnis- und Diskussionsfragen am Kapitelende.
    • eingehender Beschäftigung mit Beispielen. Können Sie eigene Beispiele hinzufügen?
    Besonders sinnvoll ist es, wenn Sie Fragen zu einem Kapitel herausschreiben und die Frage in der Lehrveranstaltung stellen. (Professoren mögen das.)

    Ganz wichtig ist, dass Sie verstehen, wie Ihr Lehrbuch das Wissen organisiert. Studenten nehmen Inhaltsverzeichnis und die Erläuterungen für den Gebrauch (z.B. in Vorwort/Einführungen) oft nicht wirklich wahr. Es lohnt sich aber, hier genau hinzusehen:
    • Inhaltsverzeichnis: Wie ist es aufgebaut? Können Sie die Logik des Aufbaus erkennen?
    • Wenn Sie ein einzelnes Kapitel lesen, machen Sie sich ein Bild davon, wo es im Buchaufbau steht.
    • Achten Sie auf Erläuterungen zur Gliederung oder Symbole für Lernhilfen.