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29. Juni 2012

Qualitative Interviews -- Transkripte & Co.

In einer Abschlussarbeit selbst empirische Daten erheben und untersuchen -- das ist echtes Forschen und (leider) in vielen Fächern selten der Fall. Vor allem bei Bachelor-Arbeiten, denn eigentlich ist die Bearbeitungszeit viel zu kurz. Eine Studentin der Verwaltungswissenschaften will es aber wagen und hat in einem Landkreisamt gute,praktische Forschungsobjekte. Nun grübelt sie aber über diese Fragen:
  1. Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)? > Antwort: "Selbst forschen: Umfragen, Interviews, Dokumente auswerten und belegen" (28.6.12)
  2. Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)? > Antwort: "Graue Literatur und interne Dokumente" (29.6.12)
  3. Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg?
Der Antwort sei vorausgeschickt:
  • Es führt kein Weg daran vorbei, das mit dem Betreuer detailliert zu besprechen. Persönliche Vorstellungen und Vorlieben, wie empirische Daten und Methoden zu dokumentieren sind, variieren erheblich. 
  • Gerade bei BA-Arbeiten sind viele Betreuer willens, pragmatisch Ansprüche herunterzuschrauben und Kompromisse bei einigen Dokumentationsstandards einzugehen, um die Belastung bei der extrem kurzen Bearbeitungszeit zu senken. Siehe dazu auch den Blogbeitrag:  "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.10)
  • Lesen Sie im Detail nach, was Handbücher und Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur empirischen Sozialforschung dazu sagen.

Qualitative Interviews -- Transkripte & Co.

Frage 3. Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg?

Zunächst einmal: Qualitative Interviews müssen im Methodenteil erläutert werden -- wie quantitative Befragungen auch. Warum und nach welchen Kriterien wurde wer ausgewählt? Sind die Befragten Akteure/Handelnde/Entscheider, Betroffene, Experten? Wie haben Sie sie angesprochen? Wie wurden die Fragen entwickelt? Wie wurden die Antworten ausgewertet? usw. Irgendwo muss eine Liste der Interviewpartner erscheinen. Im Anhang können Kurzbiographien der Befragten eingefügt werden - oder eine Kurzbeschreibung deren Stellung (z.B.: Sachbearbeiter mit Zuständigkeit für X).

Im Hauptteil werden Sie in der Regel mit wörtlichen Zitaten arbeiten, mal länger, mal kürzer, dann auch mit Zusammenfassungen. Wörtliche Zitate sind vor allem dann geeignet, wenn der Befragte etwas sehr zugespitzt und plakativ ausdrückt, seine persönliche Einschätzung oder Meinung ausdrückt. Reine Faktenaussagen sollte man eher zusammenfassen.

Im Quellenverzeichnis sollte die Liste der Interviews in einer eigenen Rubrik erscheinen. Der Langbeleg enthält Informationen zum Namen des Befragten, zu seiner Position/Funktion, zu Ort, Zeitpunkt und Dauer des Interviews.

Auf diese Angabe bezieht sich dann auch der Quellenbeleg im Haupttext (z.B. als Kurzbeleg "Interview Schulze, 2012"). Handelt es sich nicht um formale Interviews, sondern eher Gesprächsnotizen, ein Telefonat oder eine Email, ist die Belegweise "Schulze, persönliche Kommunikation, 20. Juni 2012" inzwischen üblich.

Im Idealfall dokumentieren Sie das gesamte Interview im Anhang in Form eines Transkripts. Ein Transkript ist die wörtliche Niederschrift der Ton- (oder gar Video-) Aufzeichnung -- wenn Sie denn eine gemacht haben.

Es ist auch möglich, Interviews nur mit einem Notizbuch zu führen. Diese Art Aufzeichnung ist natürlich nicht so genau; und sie verlangt etwas Übung -- Sie können ja nicht nur schreiben, Sie müssen auch das Gespräch führen; und wer kein Steno kann, ist möglicherweise sehr langsam beim Notieren. Aber nicht jeder Interviewpartner erlaubt eine Bandaufzeichnung. Manchmal stört sie die Gesprächsatmosphäre.

Ein simples "Abtippen" ist Transkription nicht. Sie können ein Gespräch mit allem, was dazugehört, nicht 100-prozentig in Textform wiedergeben. Bei den nichtverbalen Aussagen und Reaktionen, beim Gesprächskontext usw. ist das klar. Aber selbst das Gesagte erscheint bei vielen Transkripten nicht ganz so, wie es tatsächlich gesagt wurde.

Bei manchen Transkripten ist es nur eine sinngemäße Zusammenfassung. Bei anderen ist das Gesprächsprotokoll zwar wörtlich, aber sprachlich "geglättet": Nur wenige Menschen sprechen druckreif. Die im mündlichen Verkehr üblichen Stummelsätze, grammatisch chaotischen Bandwurmsätze, Verhaspelungen und Versprecher, die im Gespräch gar nicht weiter auffallen, sind bei einer penibel wörtlichen Niederschrift hinterher ein Graus: nämlich schlicht unlesbar!

Manche Wissenschaftler haben an der genauen sprachlichen Ausdrucksweise ein großes Interesse, Sprachforscher, Psychologen und Soziologen etwa. Da zählen auch die "Ähs" und "Mmmhs" und das Gestammel. In einer verwaltungswissenschaftlichen Abschlussarbeit ist das wahrscheinlich nicht so, da geht es um andere "Inhalte".

Sie werden sich also bei der Transkription eher darum bemühen, die Sätze möglichst nah an der wörtlichen Aussage, aber dennoch lesbar ins Schriftliche zu übertragen. Aus unvollständigen werden vollständige Sätze, Versprecher werden beseitigt usw. Das ist dann aber alles schon Interpretation -- oder um es ganz krass auszudrücken, Sie sind dabei, die Wirklichkeit zu verfälschen, zumindest zu verändern, Sie greifen in die Aussagen direkt ein. Machen Sie sich also klar, welche Entscheidungen Sie bei einer Transkription fällen müssen, welchen Regeln Sie folgen. Wichtige Hinweise dazu gibt das kleine "Praxisbuch Transkription" von Dresing und Pehl.

Transkription ist enorm zeitaufwändig und mühsam, sie erfordert äußerste Konzentration und penibles Redigieren und ständiges Überprüfen. Inzwischen gibt es Software (siehe dazu ebenfalls das "Praxisbuch"), aber der Computer nimmt Ihnen die Arbeit nicht vollständig ab. Für ein einzelnes Interview, das eine Stunde dauert, kann der Transkriptionsaufwand - je nach Methode - schon eine oder mehrere Tage in Anspruch nehmen.

Braucht man ein vollständiges Transkript? Die Frage hat zwei Seiten:
  • erstens die nach der eigenen Auswertung des Gesprächs, 
  • zweitens die nach der Dokumentation in der Abschlussarbeit.
Bei der eigenen Auswertung mag es ausreichen, die Aufzeichnung mehrfach abzuhören und dann die wertvoll erscheinenden Auszüge (also das, was Sie wörtlich zitieren wollen) zu transkribieren. Den Rest fassen Sie zusammen (am besten mit Notieren des Zeitzählers). Merken Sie später, dass Sie noch einmal zurück zur Aufzeichnung müssen, ist das ja kein Problem.

Dies gilt für "normale" Interviewauswertung. Wenn Sie anderes vorhaben -- z.B. eine formale und quantitative Inhaltsanalyse --, werden Sie dagegen ein Voll-Transkript benötigen. Wenn Sie sehr viele Interviews führen, fällt es schwer, die Übersicht über die Inhalte zu behalten. Nutzen Sie in einem solchen Fall z.B. Citavi oder eine andere mit Literaturverwaltung gekoppelte Wissensmanagement-Software, in der Sie Ihre Notizen und Zusammenfassungen komfortabel speichern und im Volltext suchen können.

Bei der Dokumentation müssen Sie mit dem Betreuer sprechen. Bei einer Bachelor-Arbeit gibt es nur 8-12 Wochen Bearbeitungszeit. So sollten Sie den Betreuer fragen, ob er auf vollständigen Transkripten besteht, die im Anhang abgedruckt werden müssen.


Meine persönliche Auffassung ist: Das muss nicht unbedingt sein, und der Zeitaufwand geht klar zu Lasten aller anderen Aufgaben, die bei einer Thesis zu erledigen sind. Wenn wir Studenten bei einer kurzen BA-Thesis dazu ermutigen wollen, selbst zu forschen, dann geht das nur unter eingeschränkten Ansprüchen. Allein die Vorbereitung, Terminvereinbarung, Durchführung, inhaltliche Auswertung von Interviews, Autorisierung (s.u.) der Zitate und das "Einbauen" in den Text kostet viel Zeit. Wenn ein Student von 8 Wochen BA-Bearbeitungszeit eine Woche netto nur mit Transkribieren beschäftigt ist, ist das arbeitsökonomisch fragwürdig.

Bei einer Master-Arbeit mit längerer Bearbeitungszeit ist der höhere Aufwand eher gerechtfertigt. Ich hatte auch schon Master-Studenten, die unbedingt Volltranskripte erstellen wollten -- weil sie in ihrer Literatur selbst von Transkripten anderer als Quellen profitiert haben und nun ihrerseits einen Beitrag zur Fortentwicklung des Themengebiets leisten wollten. Ehrenhaft.

Als Letztes: In der Regel wollen Interviewpartner das Transkript lesen und autorisieren, manchmal auch nachkorrigieren. Zumindest die Passagen, mit denen sie  tatsächlich zitiert werden.

Ob Sie das anbieten oder darauf eingehen, ist Ihre Entscheidung. Sie müssen sich mit dem Gesprächspartner auf Spielregeln verständigen, und zwar vorher! Es kann zwar sein, dass der Gesprächspartner einige zugespitzte Aussagen wieder "kassiert". Dann müssen Sie möglicherweise verhandeln, "was geht", wenn Sie die Passage "retten" wollen. Andererseits hat der Interviewpartner aber auch ein legitimes Interesse daran, dass er nicht in seinem eigenen Umfeld Ärger bekommt, weil er mit Ihnen gesprochen hat. Zur Not ist die Anonymisierung der Aussagen eine Lösung -- manchmal geht es nicht anders, und manches Interview findet nur unter dem Mantel der Anonymität statt. Zudem ist es so, dass sich in Transkripte Fehler einschleichen. Manchmal versteht der Interviewende etwas falsch, oder der Interviewte hat spontan eine fehlerhafte Aussage gemacht. Das Gegenlesen ist dann die Chance zur Korrektur oder Präzisierung. Das ist also nicht nur als Einschränkung, sondern auch als Verbesserungsmöglichkeit zu sehen.

Und noch einmal zum Zeitmanagement aus der Forschungspraxis:
  • Wenn Sie eine halbe oder eine Stunde mit einem Interviewpartner sprechen, entsteht daraus ein seitenlanges Volltranskript. 
  • Wenn Sie dem Interviewpartner nun Ihre 5 oder 10 Seiten zum Gegenlesen schicken, mag es viele Wochen dauern, bis das "OK" kommt. Wenn es sich um vielbeschäftigte Leute handelt, können Sie noch so drängeln -- das Lesen und Prüfen und Korrigieren eines solchen Transkripts hat geringe Priorität, ist mühsam und wird eben gern immer wieder verschoben. Das Risiko des Zeitverzugs aber tragen Sie! Und es hilft Ihnen nichts, wenn Sie für Ihre BA-Thesis 10 Interviews führen, aber bei fünf davon liegen die Transkript-Autorisierungen erst Tage oder Wochen nach Ihrem Abgabetermin vor.
  • Die Chance einer schnellen Autorisierung steigt, wenn der Interviewpartner nur ein paar Absätze mit Einzelzitaten überfliegen muss. Das spricht also auch dafür, kein Volltranskript im Anhang der Arbeit zu dokumentieren, weil es dann eben auch einer Abnahme/Abstimmung desselben bedarf. 

Will Ihr Betreuer unbedingt Volltranskripte, aber Sie möchten das Zeitproblem bei der Autorisierung beherrschen, wäre noch ein Kompromiss möglich: Sie lassen nur die tatsächlich verwendeten Zitate autorisieren. Die Volltranskripte kommen in den Anhang, werden aber für das Bibliotheksexemplar Ihrer Thesis gesperrt ("Sperrvermerk"), sind also für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Siehe auch die Posts:
Literaturtipp zur Transkription:

Dresing, T. & Pehl, T. (2011). Praxisbuch Transkription. Regelsysteme, Software
und praktische Anleitungen für qualitative ForscherInnen.
3. Auflage. Marburg: Dr. Dresing und Pehl GmbH. Online auf http://www.audiotranskription.de/Praxisbuch-Transkription.pdf [28.06.2012].

16. Mai 2012

Muss die "Fragestellung" eine Frage sein?

Zwei Studentinnen rätseln:
  • "wie die Fragestellung genau formuliert werden muss. Eher als eine Art Untertitel oder richtig als Frage?"
  • "ob die Fragestellung" wirklich als Frage formuliert sein muss oder ob es genügt, wenn man als Thema 'XXX' angibt?
Tja, ist eine Fragestellung eine Frage? Ja, konzeptionell schon. Ob man nun einen echten Frage-Satz mit Fragezeichen formuliert oder eher das zu erknobelnde Problem und die Lösungsziele skizziert, ist eher eine sprachliche Entscheidung. Gleichwohl sollten sich Autoren davor hüten, "Thema" und "Fragestellung" in einen Topf zu werfen.

Ein Thema  muss eingegrenzt werden, klar. Aber selbst wenn der Autorin das gut gelingt, hat sie immer noch unendliche Möglichkeiten, daraus Fragestellungen zu entwickeln.

In einem früheren Blogbeitrag(11.1.11) schrieb ich:
Studenten suchen meist nur "ein Thema". Professoren aber beharren darauf, dass Sie nicht nur ein "Thema" brauchen, sondern eine Fragestellung.
Das Thema ist der weit gefasste inhaltliche Gegenstand, mit dem sich eine Studie befasst (mehr oder weniger konkret). Eine Fragestellung ist dagegen ein Problem, das besser verstanden oder gelöst werden muss: Die Frage, die Sie mit Ihrer Arbeit beantworten. Daraus ist ein Untersuchungsziel zu entwickeln: die wichtigste Absicht oder der Zweck: Was wollen Sie erreichen? Dann entstehen die Forschungsfragen (immer mehrere): Fragen, die man in der Studie beantworten will. Wobei Haupt- und Nebenfragen zu unterscheiden sind. Bei der "Operationalisierung" schließlich geht es um das Zerlegen in viele Detailfragen, die Sie Schritt für Schritt bearbeiten können.
Je klarer sich die Autorin darüber ist, auf was sie eigentlich eine Antwort finden will, desto leichter wird auch die Bearbeitung. Wer nur ein "Thema" formuliert, neigt oft dazu, sich darum herum zu mogeln. Leider sind nicht alle Betreuer einer Arbeit in der Konzeptionsphase pingelig -- hinterher mosern sie aber trotzdem über Defizite bei der Fragestellung.

Der Titel der Arbeit hat übrigens mit der Fragestellung nicht unbedingt etwas zu tun. Im besten Fall lässt sich die Fragestellung aus dem Titel schon erkennen. Und manche Titel werden als Fragesatz formuliert. Eigentlich aber sind Fragestellungen deutlich zu komplex und differenziert, als dass sie sich in einen kurzen Titel quetschen ließen. Das geht also nur in Kurzform, wenn überhaupt. Die meisten Titel umreißen das Thema.

Die FH Nordwestschweiz schlägt vor, die Fragestellung nach einem Dreisatz zu entwickeln:
  1. Ich untersuche / arbeite an / forsche über … [THEMA]
  2. ...weil ich herausfinden möchte, wer / was / wann / wo / welche / warum / wie / ob … [FRAGE - ERKENNTNISINTERESSE]
  3. ...um zu zeigen, wie / warum / ob ... [FRAGE - ABSICHT]
(Beispiele hier)

Maier & Palme (WU Wien) schreiben, eine gute Fragestellung soll
  • eine klare Anleitung dafür geben, was zur Arbeit gehört und was nicht und
  • die Ableitung eines Arbeitsplanes erlauben.
Damit das gelingt, soll die Fragestellung...
  • "möglichst klare und präzise definierte Begriffe verwenden. Da Sie die Definition von Begriffen nicht in die Frage selbst packen können, beinhaltet eine gute Fragestellung neben der Formulierung der zu beantwortenden Frage auch noch eine Erläuterung und Präzisierung der wichtigsten darin verwendeten Begriffe. Stellen Sie sicher, dass Ihr Betreuer bzw. Ihre Betreuerin die von Ihnen formulierte Forschungsfrage genau so versteht wie Sie."
  • "keine offenen Enden oder vagen Formulierungen aufweisen. Hüten Sie sich vor Formulierungen wie 'alle damit verbundenen Auswirkungen', 'alle wichtigen Einflussfaktoren', etc. Was 'alle' sind, ist völlig unklar und jede(r) kann darunter etwas anderes verstehen. Versuchen Sie nicht, alles zu versprechen. Dieses Versprechen können Sie nicht einlösen. Sagen Sie möglichst genau, welche Einflussfaktoren und welche Auswirkungen Sie für wichtig erachten und in Ihrer Arbeit behandeln wollen."
  • "eine - nicht mehrere - Forschungsfragen aufwerfen. Natürlich kann man leicht zwei oder mehr Fragen in eine packen, wenn man sie mit 'und' verbindet. Beispielsweise: 'Wer wandert von Wien in das Wiener Umland, warum und wie wirkt sich diese Wanderung aus?' Diese Forschungsfrage stellt eigentlich drei Fragen, nämlich (1) wer wandert? (2) warum wird gewandert? und (3) wie wirkt sich diese Wanderung aus? Jede dieser Fragen erfordert eine andere Analysemethode und zum Teil auch andere theoretische Konzepte und Daten."



Ich hatte das mit den Forschungsfragen oben anders formuliert und meine, dass auch mehrere Forschungsfragen möglich sind -- unterscheide aber Hauptfrage und Nebenfragen. Ansonsten stimme ich den Kollegen aber zu.

Die Wiener führen weiter aus:
"Uns ist bisher noch keine Fragestellung unter gekommen, die zu eng gefasst gewesen wäre. Der Grund für diese Zweifel und etwaige damit verbundene Panik-Attacken liegt darin, dass Sie als Student bzw. Studentin typischerweise nicht wissen, wie umfangreich die wissenschaftliche Literatur und wie tiefgehend die Diskussion zu der von Ihnen gewählten Fragestellung schon ist. Das heißt nicht, dass genau diese Frage schon untersucht wurde, sondern vielmehr, dass zahlreiche Detailaspekte, auf die Sie bei der Bearbeitung dieser Frage stoßen werden, ausführlich diskutiert sind. Etwa: Die Frage, wie man Untersuchungsgebiete sinnvoll abgrenzt, wie verschiedene Konzepte miteinander in Verbindung stehen und sich auch unterscheiden, welche Probleme bei bestimmten Datenquellen auftreten, welche Vor- und Nachteile verschiedene mögliche Analysemethoden aufweisen, usw.

Sie sehen - hoffentlich -, dass auch in einer eng gefassten Fragestellung normalerweise genügend Material für Ihre wissenschaftliche Arbeit enthalten ist. Verfallen Sie also nicht in den Fehler, alles zu wollen oder zumindest alles zu versprechen."
Eng und präzise soll sie also sein, die Fragestellung. Das fällt nicht vom Himmel in den Schoß, sondern ist mühsam. "Ein Prozess der Präzisierung", sagen die Wiener Kollegen. "Natürlich schneiden Sie, je enger und präziser Sie eine Fragestellung formulieren, zahlreiche Aspekte - die ja auch irgendwie damit zusammen hängen - weg." Schwierig, ja. Das erfordert ein Ordnen, Sortieren, In-Beziehung-Setzen, Vergleichen, schließlich eine Rangfolge der interessantesten und bevorzugten Fragen, und dann eine Entscheidung.

Alles in allem: Wenn Sie eine echte Frage mit Fragezeichen stellen, also klar durch die W-Fragewörter "wer?", "was?", "wie?", "wo?", "wann?", "warum?" gekennzeichnet, ist es vermutlich für die notwendige Präzisierung am besten.

Und das muss dann auch in der Einleitung Ihrer Arbeit entsprechend differenziert erläutert werden. Dafür ist die Einleitung da.



Weitere Tipps:


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16. August 2011

Schreibblockade

Wenn's mal wieder länger dauert... hilft nicht immer ein Snickers. Schreibblockaden erlebt jeder Autor (auch Profs). Die meisten gehen vorüber, aber der Zeitdruck einer Haus- oder Abschlussarbeit erlaubt wenig Luxus, um Extrarunden zu drehen.

Eine Schreibpause ist eigentlich nicht schlimm: "Zeiten im Schreibprozess, in denen man nicht vorankommt, die aber zum Prozess dazu gehören. Das sind Phasen, in denen man sich etwas Neues zurechtlegen muss oder vor dem nächsten gedanklichen Schub steht", erläutert Ulrike Lange vom Schreibzentrum der Uni Bochum auf Zeit Online.

Ein Schreibzentrum, Schreibwerkstatt oder Textlabor ist eine Hochschuleinrichtung, an der man das wissenschaftliche Schreiben lernen kann (siehe dazu "Textlabors an Unis Schreiben kann man lernen", auch auf Zeit Online) -- leider gibt es davon in Deutschland nur wenige.

Eine echte Schreibblockade ist etwas anderes als eine Pause: "Von einer Schreibblockade würde ich sprechen, wenn es mit dem Schreiben über lange Zeit überhaupt nicht klappt und eine Person sehr darunter leidet", sagt Lange.  Das klassische Aufschieben sei natürlich auch verbreitet (Mañana-Prinzip: morgen, morgen...).

Ein Grund für Schreibblockaden ist einfach mangelnde Erfahrung und Defizite im Training. "Die Fähigkeiten zum wissenschaftlichen Schreiben werden immer noch zu wenig systematisch vermittelt. Viele Studierende sind mit ihren Fragen sehr alleine", weiß Lange.

So ist oft schon der Start ins Schreiben ein Problem:
Ein Hindernis ist häufig die Unklarheit darüber, was überhaupt zu tun ist. Was genau ist das Thema, was wird verlangt? Oft stellen Lehrende Themen, die nicht ausreichend eingegrenzt sind. Und viele Studierende suchen sich selbst in ihrer Begeisterung Themen, die ihnen zu groß sind. Das kann zur Folge haben, dass sie nicht anfangen können. Sie wissen ja nicht wo.
Das ist richtig: Je klarer die Grenzen definiert sind, desto leichter ist es meist auch, die Aufgabe zu strukturieren und ein Konzept zu entwerfen. Ist das Thema sehr breit und diffus, zerbricht man sich endlos den Kopf.

Lange gibt den Tipp, sich zu Beginn noch einmal mit den formalen und inhaltlichen Rahmenbedingungen zu beschäftigen -- vom Seitenumfang über den Anspruch an die Quellenauswahl bis zur Aufgabe (vorhandene Literatur zusammenfassen oder eigene Interpretation). Eine Fragenliste schreiben und damit noch einmal zum Dozenten zu gehen, lautet ihr Tipp.
"Auch über die einzelnen Arbeitsschritte sollte man sich Klarheit verschaffen. Die erste Fassung braucht noch nicht perfekt zu sein. Wenn das Anfangen schwer fällt, kann es hilfreich sein, erst einmal nur Ideen zu sammeln und zu ordnen. Oder man schreibt eine noch holprige Rohfassung, um diese dann sprachlich zu überarbeiten."
Fehlt das persönliche Interesse an einem Thema, kann man trotzdem eine positive Seite sehen: "Da ist es umso wichtiger, die Hausarbeit handwerklich anzugehen. Auch aus einer Arbeit, die einen inhaltlich wenig interessiert, kann man etwas lernen. (...) Man kann sich zum Beispiel vornehmen, eine besonders gute Gliederung zu entwerfen." Ziel sei es dann, sich von Hausarbeit zu Hausarbeit weiterzuentwickeln. "Über die Hausarbeiten sollen sich Studierende ja die für die Abschlussarbeit nötigen Fertigkeiten aneignen. Das Schreibenlernen ist ein langer Prozess, der nicht mit dem Abi abgeschlossen ist. Schreiben lässt sich nur durch Schreiben lernen."

20. Juni 2011

Wie schreibt man den Schlussteil?


Was liest der Gutachter Ihrer Arbeit als erstes? Den Schluss. (Oder die Einleitung und dann sofort danach den Schluss.) Was bei Krimis und dramatischen Werken den Spaß verdirbt, nämlich den Höhepunkt vorwegzunehmen, ist bei wissenschaftlichen Texten zentral: "Entscheidend ist, was hinten rauskommt", wusste schon Altkanzler Helmut Kohl.

Er wollte damals wohl ausdrücken, dass der Weg zum Ergebnis nicht so wichtig ist. Das ist in der Wissenschaft natürlich anders, denn jede Untersuchung muss präzise dokumentiert und nachvollziehbar sein. Was zwischen Einleitung und Schlussteil passiert, bleibt der Kern Ihres Projekts. Trotzdem ist es schlecht, wenn Sie Berge an Material zusammentragen und am Ende unklar ist, was Ihr Ergebnis ist und was das alles bedeutet. Genau darum geht es im Schlussteil: Was ist Ihr Ergebnis? Was bedeutet das alles?

Viele Namen, viele Funktionen
So ein Schlussteil hat unterschiedliche Namen. Manchmal heißt er „Zusammenfassung“ oder „Resümee“, „Fazit“ oder „Konklusion“. Und dann gibt es noch „Schlussbemerkung“ oder „Ausblick“. Damit sind allerdings sehr unterschiedliche Dinge gemeint, was Studenten dann auch verwirrt. 

Eine „Zusammenfassung“ fasst die Ergebnisse zusammen, ein „Ausblick“ hingegen lässt die Ergebnisse hinter sich und blickt darüber hinaus. Ein „Fazit“ oder eine „Konklusion“ zieht Schlüsse aus den Ergebnissen. Hier werden also nicht nur Ergebnisse festgehalten, sondern sie werden bewertet. Wertung ist mehr als Analyse: Hier kommt es stärker auf die Deutung (Kommentierung, Interpretation – was bedeutet das alles?) an. Und die eigene Position oder Meinung kommt zum Ausdruck.

Bei einer reinen Schlussbemerkung und einem Ausblick ist davon auszugehen, dass davor schon die Ergebnisse präsentiert und bewertet wurden.

Ein Schlussteil kann also unterschiedliche Funktionen beinhalten. Wenn ich hier von Schlussteil schreibe, dann meine ich den gesamten Schlussteil. Er umfasst drei Dinge:
  • Die Zusammenfassung der Ergebnisse
  • Die Wertung der Ergebnisse, Schlussfolgerungen
  • Ausblick: „Weiterspinnen“ und offene Fragen
Ein Schlussteil soll also mehr bieten als eine überblicksartige Zusammenfassung der Ergebnisse. Er geht darüber hinaus. Ein "runder" Schluss hat noch ein paar Pointen mehr zu bieten.

Zugleich aber ist er eng verbunden mit der Einleitung und dem "roten Faden" Ihrer Arbeit. Der Schlussteil bezieht sich explizit auf das, was Sie in Ihrer Einleitung als Leitfrage und Ziel der Untersuchung angekündigt haben, und er bindet den "roten Faden" fest.
Die Ergebnisse
Jede Untersuchung braucht ein Ergebnis. Was haben Sie herausgefunden? 

„Das habe ich doch schon im Hauptteil gesagt, wieso soll ich das wiederholen“, könnten Sie jetzt kontern. Ja, gut. Aber fassen Sie das zusammen, knapp und möglichst präzise. Geben Sie einen Überblick – was ist der Kern Ihrer Erkenntnisse?

Gehen Sie die Untersuchungsschritte noch einmal durch. Welche Kernaussagen hat jedes Ihrer Kapitel? Ziehen Sie zu jedem Kapitel ein Fazit. Legen Sie als Maßstab Ihre Einleitung an: Diese hat idealerweise definiert, was die Leitfrage und das Ziel jedes Untersuchungsschritts war. Im Schluss stellen Sie fest, ob Sie das Ziel (oder die Etappenziele) erreicht haben. Was hat jedes Kapitel zur Beantwortung Ihrer Fragestellung beigetragen? Und dann, insgesamt, losgelöst von den einzelnen Kapiteln/Untersuchungsschritten: Was ist die übergreifende Antwort auf Ihre übergreifende Frage?
Machen Sie kein neues Fass auf. Sie beziehen sich ausschließlich auf das, was Sie bereits im Hauptteil herausgefunden haben. Alle Erkenntnisse, Erläuterungen, Belege und Diskussionen gehören in den Hauptteil.
  • Fangen Sie nicht an, etwas Neues zu untersuchen,
  • Führen Sie keine neuen Fakten ein, 
  • präsentieren Sie keine neuen Quellen, 
  • diskutieren Sie keine Dinge, die nicht im Hauptteil stehen. 
  • Nur im absoluten Ausnahmefall sollten Sie Zitate anbringen – es sei denn, das Zitat fand sich schon im Hauptteil und ist so prägnant und treffend, dass Sie es hier unbedingt noch einmal ins Scheinwerferlicht stellen möchten.
In einer Einleitung werden oft Hypothesen aufgestellt, also Annahmen oder Vermutungen. Diese überprüft der Hauptteil. Es kann nun sein, dass Ihre Untersuchungsergebnisse die Annahme widerlegt. Dann ist es völlig in Ordnung (und wichtig), dies genauso zu schreiben. Auch das ist Wissenschaft: Hypothesen aufstellen, testen und verwerfen, wenn sie falsch waren. "Ich bin doch nicht blöd und widerlege mich selbst", könnten Sie sagen. Falsch gedacht: Ihr Gutachter wird das sogar als besonders wissenschaftlich hochwertig ansehen, wenn Sie so vorgehen.

Bewerten der Ergebnisse
Ergebnisse erklären sich nicht immer von selbst. Sie bedürfen einer Deutung, einer Kommentierung, einer Interpretation. Was bedeutet das alles? Was davon ist wichtig, was ist weniger wichtig? Nachdem Sie sich intensiv mit Ihrem Thema auseinander gesetzt haben, sollten Sie das einschätzen können. Anders gesagt: Was haben Sie gelernt?

Sie sollten sich auch mit der Frage befassen, wo die Grenzen Ihrer Ergebnisse sind. Wissenschaftler sprechen gern vom „Gültigkeitsbereich“. Für was und inwiefern sind Ihre Ergebnisse gültig, für was eher nicht? Welche Ergebnisse betreffen nur einen eng umfassten Gültigkeitsbereich? Wie weit darf man von Ihrem konkreten Ergebnis aus verallgemeinern? Hier sollten Sie zeigen, dass Sie differenzieren können und keine Pauschalwahrheiten verbreiten.

Im Verlauf Ihrer Arbeit haben Sie sich mit den Ergebnissen und Thesen anderer Wissenschaftler befasst. Vielleicht stehen Ihre Ergebnisse im Gegensatz dazu. Dann ist hier der Platz, um das pointiert darzulegen. Oder umgekehrt, Sie konnten die Ergebnisse anderer bestätigen. Zeigen Sie, wo Ihre Arbeit im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Arbeiten steht. Als Student sind Sie ja kein Einzelkämpfer, sondern gewissermaßen Mitglied der akademischen Community, Sie nehmen teil am wissenschaftlichen Diskurs über ein Thema. So sieht das auch Ihr Gutachter, also will er wissen, wo Sie sich positionieren. Auf wessen Seite stehen Sie? Oder zumindest: An wessen Ergebnisse finden Sie Anschluss?

Positionieren heißt auch, eine persönliche Stellungnahme abzugeben. Ihr eigenes Urteil, Ihre eigene Meinung ist nicht tabu – im Gegenteil. Im Schlussteil zeigen Sie Ihre Fähigkeit, urteilen zu können, und einen eigenen Standpunkt einzunehmen. Sie dürfen sortieren, gewichten, zuspitzen. Wichtig dabei ist, dass Sie argumentieren, warum Sie etwas so-und-so sehen. Begründen Sie also mit Bezug auf Ihre Untersuchungsergebnisse, wieso Sie zu welchen Schlüssen kommen.

Der Ausblick
Ein Ausblick lässt die Ergebnisse und ihre Bewertung hinter sich. Er blickt auf das, was darin nicht eindeutig enthalten ist. 

Hier dürfen Sie Aussagen darüber machen, wie sich Ihr Thema wohl weiterentwickeln wird und was die Zukunft bringt. Bei aktuellen Themen sollten Sie eine (begründete) Einschätzung liefern, was demnächst wichtig werden könnte, welche Entscheidungen anstehen, was in den nächsten Jahren passiert usw. Sie könnten auch explizit praktische Konsequenzen aufzeigen. Beispiel: Sie haben ein wirtschaftspolitisches Problem untersucht und zeigen auf, was der Gesetzgeber tun könnte, um eine schwierige Situation für mittelständische Unternehmen zu erleichtern.

Der Ausblick kann aber auch die wissenschaftliche Forschung einbeziehen. Zunächst einmal selbstkritisch: Was ist in Ihrer Untersuchung offen geblieben? Welches Puzzle ist noch nicht zusammengesetzt, welches Rätsel ungelöst? Was wissen wir jetzt immer noch nicht? Was konnten Sie nur am Rande aufgreifen oder was haben Sie ganz ignoriert, wäre aber auch interessant? Was würden Sie genauer erforschen, wenn Sie dazu Zeit und Gelegenheit hätten?

Wenn Wissenschaftler einen Ausblick schreiben, geben sie ihren Kollegen so Hinweise für die (gemeinsame) Forschungsagenda: Dies und das wäre noch zu untersuchen, das sollte man sich näher ansehen, hier sind einige Unstimmigkeiten aufgetaucht, die ich mir nicht erklären kann. Dabei kann es auch um Methoden und Arbeitsweisen gehen: Mit der Methode X kommen wir so nicht weiter, wir bräuchten einen Ansatz Y. Die Methode Z hat offensichtlich Probleme, wir könnten das Problem aber so-und-so in den Griff bekommen.

Das klingt vielleicht etwas negativ, weil es um Defizite geht. „Wieso sollte ich am Schluss schreiben, was ich alles nicht weiß?“, mögen Sie fragen. Weil auch das die Qualität wissenschaftlicher Arbeit ausmacht: zu zeigen, dass nicht alles abschließend gesagt ist und gesagt sein kann, und dass wissenschaftliche Neugier – als Suche nach der Wahrheit – unendlich ist. Es gibt immer Aspekte und Quellen, die man sich noch genauer ansehen kann. Präzise zu sagen, wo die Welt noch unklar ist, ist wichtig. 

Ein Student, der das zum Schluss seiner Arbeit tut, entblößt sich nicht, sondern zeigt die Fähigkeit zur Reflexion und zum Weiterdenken (und das ist gut!).

Allerdings: Das ist keine Einladung zum Philosophieren (oder Faseln). Im Ausblick schreiben Sie nicht, was sie sonst schon immer noch sagen wollten. Werden Sie also nicht zu persönlich, halten Sie kritische Distanz zum Thema und denken Sie daran, dass Sie eine wissenschaftliche Arbeit schreiben wollten, keine Parteitagsrede oder ein Gerichtsplädoyer. Gefragt sind weder Ihr allgemeiner Weltschmerz noch aufrüttelnde Appelle an die Weltöffentlichkeit.

1. Februar 2011

Hypothese


Eine angehende Wirtschaftsjuristin fragt: "Wenn ich in meine Arbeit eine Hypothese aufnehmen möchte, muss ich dann auch empirisch forschen?" Ihre Arbeit beschäftigt sich mit der Bagatellkündigung.

Nein. Eine Hypothese ist nur eine Annahme oder Behauptung, die im Zuge der Arbeit bestätigt oder widerlegt werden soll (wissenschaftliche Beweisführung). Wie Sie das machen, spielt dabei im Prinzip keine Rolle.

Allerdings wird der Begriff Hypothese vorwiegend in den empirischen Wissenschaften verwendet, wo es um Beobachtung und Messen geht, also um Erfahrung. Die Hypothese soll also durch Argumente auf Basis von Daten und Fakten belegt bzw. in Naturwissenschaften "bewiesen" werden. Wikipedia liefert eine Definition des Begriffs Hypothese. Werner Stangls Ausführungen sind eine gute Ergänzung.

In den Rechtsfächern geht es dagegen meist eher um die Auslegung von Gesetzen und anderen Normen, um die Anwendung der (juristischen) Rationalität (auf Einzelfälle) und nicht um Erfahrung, Beobachtung, Messen. Siehe zum Unterschied zwischen empirischen und nicht-empirischen Wissenschaften den Wikipedia-Artikel zu Empirie.

Allerdings kann es gerade in der Verbindung von Wirtschaft und Recht zu einer Kombination kommen. Wenn Sie die "Bagatellkündigung" untersuchen, also z.B. prominente Fälle wie den der Kaisers/Tengelmann-Kassierin "Emmely" oder diverse andere, die in den Medien bekannt geworden sind, dann können Sie natürlich erst einmal die verschiedenen Fälle zusammentragen, die Fälle beschreiben: Was passierte tatsächlich, wie verhielten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer, warum verhielten sie sich so, wer äußerte sich noch dazu - z.B. Betriebsräte, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Experten -, was waren die Kernpunkte der Kontroverse? Kommt es zu Urteilen oder zu ausgehandelten Vergleichen/Einigungen? Das ist erst einmal eine empirische, in diesem Fall wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Beobachtung. Wenn Sie eine eigene empirische Untersuchung vornehmen wollten, könnten Sie sehr unterschiedliche Dinge untersuchen. Dokumente, Medienberichterstattung, sogar eigene Interviews und Befragungen könnten eine Rolle spielen.

Bekanntlich gibt es in der Sache eine kontroverse Debatte darum, ob die "formaljuristische" Vorgehensweise fair ist oder nicht. Am Ende geht es um Gerechtigkeit -- und die Diskrepanz zwischen dem, was rechtlich meist korrekt ist . Man kann das aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln analysieren, z.B. aus der Perspektive des betriebswirtschaftlichen Personalmanagements. Wenn Sie solche Quellen betrachten, sind Sie immer noch auf empirischem Terrain.

Wenn Sie sich dagegen auf die arbeitsrechtlichen Entscheidungen konzentrieren, geht es um die Anwendung der Gesetze auf die jeweiligen Einzelfälle und ihre Begründung bzw. die juristischen Argumente von Anwälten und Gerichten. Das ist juristische Kasuistik und ist keine empirische Untersuchung mehr.
Insofern wäre es möglich, die Thesis in einen empirischen Teil und einen nicht-empirischen Teil zu gliedern. Der erste schlüsselt das soziale Phänomen der Bagatellkündigung in den Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf, der zweite untersucht die rechtwissenschaftliche Argumentation. Oder Sie konzentrieren sich in der Thesis auf eine der beiden Perspektiven und benutzen dafür die jeweils geeigneten wissenschaftlichen Werkzeuge.

25. Januar 2011

Abschlussarbeit zu zweit?

"Besteht die Möglichkeit, eine Abschlussarbeit zu zweit zu schreiben – und wäre dies sinnvoll?", fragt mich ein Student.

Wie es geregelt wird

Der erste Teil der Frage ist noch relativ leicht - und positiv - zu beantworten. In den Prüfungsordnungen gibt es dazu fast immer eine klare Regelung. Beispielsweise heißt es in den Musterprüfungsordnungen der BA- und MA-Studiengänge an der TH Wildau: Die "Thesis kann auch in Form einer Gruppenarbeit erbracht werden, wenn der als Prüfungsleistung zu bewertende Beitrag des einzelnen Kandidaten aufgrund der Angabe von Abschnitten, Seitenzahlen oder anderen objektiven Kriterien, die eine eindeutigeAbgrenzung ermöglichen, deutlich unterscheidbar und bewertbar ist ". Außerdem: "Eine Gruppenarbeit ist auf maximal zwei Kandidaten beschränkt." Diese Regelung ist an den meisten Hochschulen ähnlich formuliert.

In jedem Fall müssen Sie also so planen, dass am Ende abgrenzbare Teile herauskommen, über denen jeweils nur ein Name steht. Und mehr als ein Duett wird daraus ohnehin nicht (anders als z.B. oft bei Seminarhausarbeiten).

Das mit der Abgrenzung klingt leichter, als es ist. Bei Teamarbeit geht es ja nicht nur um Arbeitsteilung, sondern um Zusammenarbeit. Während sich auf viele Seiten nur einer von zwei Namen schreiben lässt, sind die Grundlagen, die Recherche- und Konzepttätigkeiten bei einer Thesis oftmals wirklich Teamsache. Oder einer von zweien hat hier überproportional viel geleistet, ohne dass das im Text sichtbar wird.

Dass gemeinsam eingereichte Arbeiten auch ein gemeinsames Projekt sind, wissen Profs natürlich auch. Und wenn es nicht haarsträubende Unterschiede zwischen den Teilen einer Abschlussarbeit gibt, werden sich die Gutachter bemühen, möglichst ähnlich zu benoten.

Ob es sinnvoll ist

Die Frage nach dem Sinn hat viele Aspekte. Die positiven Seiten:
  • Sie können ein komplexeres und umfangreicheres Thema bearbeiten, wenn Sie arbeitsteilig vorgehen. Was einer allein nicht schaffen kann, können zwei durchaus stemmen.
  • Zwei Köpfe wissen mehr als einer und produzieren mehr Ideen. Es ist immer ein Sparringpartner da, um Ideen abzuklopfen, Konzepte zu entwickeln, Probleme zu diskutieren. Das kann die eigene Produktivität und Kreativität erhöhen. In der Schreibphase hat man immer einen Lektor, der Texte kritisch und sachkompetent gegenliest.
  • Teamarbeit verhindert Isolation in der Abschlussphase (damit haben viele Studenten zu kämpfen). Man motiviert, diszipliniert und stützt sich gegenseitig.
Allerdings gibt es auch Risiken:
  • In einer entscheidenden Phase des Studiums ist Ihr Erfolg an den Erfolg des Partners gekoppelt. Erfüllt Ihr Partner Ihre Erwartungen und das in ihn gesetzte Vertrauen nicht, haben Sie zusätzliche Probleme am Hals. Es kann zu Enttäuschungen, zu Streit und Zerwürfnissen kommen. Sie stehen beide unter Druck. Das kann eine freundschaftliche Beziehung auch unter Stress setzen. Wer damit nicht so gut umgehen kann, wird sich möglicherweise schnell fragen, ob die Zusammenarbeit der größte Fehler des Lebens war. Statt sich gegenseitig zu helfen, blockieren Sie sich gegenseitig. Möglicherweise haben Sie sehr unterschiedliche Vorstellungen von Konzept, Inhalt und Ziel der Arbeit. Arbeitweisen und Arbeitstempo können unterschiedlich sein. Oder der eine ist ambitionierter als der andere. Die eine geht im Thema auf, die andere findet es mühsam und sperrig. Möglicherweise ist die Arbeitsteilung nicht gut gelungen. Die eine schreibt viel, der andere wenig usw. Schließlich kann es noch externe Umstände geben: ein Unfall, ein Familien- oder Beziehungsdrama oder anderes, was den Partner aus der Bahn wirft – unverschuldet zwar, aber eben auch für Sie eine Belastung.

  • Inhaltlich kann die Arbeitsteilung dazu führen, dass die Thesis nicht "aus einem Guss" ist. Der rote Faden geht verloren, die Argumentation wird unklar, die Arbeit zerfällt in mehrere Teile, die zu wenig aufeinander abgestimmt sind. Hier ist ein erheblicher Mehraufwand für die Textredaktion einzuplanen – das sind Studenten oft nicht gewohnt.
Das will sorgsam bedacht sein. Mit dem besten Kumpel oder der Herzblatt-Freundin ein gemeinsames Projekt zu bearbeiten, kann viel Freude machen und ein herausragendes Ergebnis produzieren. Oder eben persönlich wie inhaltlich zu Problemen führen, die man allein nicht hätte. Manchmal täuscht man sich eben im Partner – aber das ist auch im Arbeitsleben so.

Vertrauen ist gut, offene Kommunikation und etwas Kontrolle, sprich Verbindlichkeit in allen Absprachen und regelmäßige Überprüfung, sind besser.

Das wissen die meisten Studenten auch. Während des Studiums sind Lerngruppen und Teamprojekte oft beliebt. Kooperatives Lernen ist wertvoll. Beim letzten großen Projekt gehen die meisten aber lieber den eigenen Weg allein.

Im Zweifel wäre mein Rat: Wenn Sie mit jemandem zusammenarbeiten wollen, stimmen Sie sich über das Thema eng ab und planen die Kooperation (und, ganz wichtig, informieren Sie Ihre Betreuer über die Zusammenarbeit), aber melden Sie getrennt Ihre Themen an. So ist jeder klar für sich selbst verantwortlich. Das ist eine eindeutige "Geschäftsgrundlage". Auf der Basis lässt sich die Zusammenarbeit besser steuern.

12. Januar 2011

Formaler Aufbau einer Abschlussarbeit

Eine häufige Frage von Studenten: "Wie baut man eine Abschlussarbeit formal richtig auf?" Damit ist nicht die inhaltliche Gliederung gemeint. Vielmehr geht es um die typischen Teile einer wissenschaftlichen Arbeit. Ihre Gutachter werden bei der Bewertung als erstes prüfen, ob diese Grundelemente einer wissenschaftlichen Arbeit vorhanden sind und ob sie an der richtigen Stelle eingefügt wurden.

Die Antwort ist eigentlich ganz simpel: Der Textteil besteht aus Einleitungsteil, Hauptteil, Schlussteil. Dazu kommen vorne Deckblatt mit Titel, Abstract, Inhaltsverzeichnis, weitere Verzeichnisse (Abkürzungen, Abbildungen, Tabellen), ggf. ein Vorwort (nicht zu verwechseln mit der Einleitung) und hinten Literatur- und Quellenverzeichnis sowie Anhänge (z.B. einzelne Dokumente, Statistiken, Fragebögen und Interviewleitfäden als Erhebungsinstrumente). Die Reihenfolge ist fast immer genau so wie hier angegeben. Die meisten Hochschulen veröffentlichen dazu auch eine Anleitung und ein Formular bzw. eine Vorlage, insbesondere für das Deckblatt mit der "Titelei" (alles, was vor dem eigentlichen Textteil kommt).

Die meisten Hochschulen verlangen überdies eine "ehrenwörtliche Erklärung", dass sie die Arbeit nur auf Basis der angegebenen Quellen verfasst und an keiner anderen Hochschule als Prüfungsarbeit eingereicht haben – in einem vorgeschriebenen Wortlaut.

Informieren Sie sich also zunächst, was die Prüfungsordnung in Ihrem Studiengang formal vorschreibt. Erst dann konsultieren Sie in Ratgeberbüchern oder Internetportalen zum wissenschaftlichen Schreiben über alles andere.

Wichtig ist zu verstehen, dass jeder Teil einer wissenschaftlichen Arbeit eine bestimmte Funktion hat. Jeder Teil leistet etwas anderes. So sollte man die verschiedenen Verzeichnisse klar auseinanderhalten, Vorwort und Einleitung nicht verwechseln, die Bedeutung der Einleitung klar verstehen und vom Hauptteil abgrenzen usw.

Die formale Gliederung (nicht die inhaltliche) kann unterschiedlich erfolgen, hier gibt es von der Hochschule meist keine Vorschriften. Bei kurzen Belegarbeiten ist eine formale Gliederung oft verzichtbar, hier reichen Überschriften aus. Bei längeren Arbeiten, also praktisch allen Abschlussarbeiten, ist es dagegen sinnvoll, eine echte formale Gliederungsordnung zu haben, die die Hierarchie aller Textabschnitte deutlich macht. Sie kann numerisch (nur Ziffern, z.B. 1), 2), 3) oder I., II., III. oder 1, 1.1, 1.1.1 usw.) und alphanumerisch (Buchstaben und Ziffern, z.B. 1), a), i) oder I., A., 1.) erfolgen. Die numerische Klassifikation mit 1., 1.1, 1.1.1 usw. ist inzwischen die am häufigsten verwendete. Bei der Textverarbeitung Microsoft Word nutzen Sie dafür die Menüfunktionen „nummerierte Liste“ und „Liste mit mehreren Ebenen“.

Weitere Blogbeiträge:

11. Januar 2011

Ein Thema finden

Manche Studenten wissen schon mehrere Semester im voraus ganz genau, über welches Thema sie ihre Abschlussarbeit schreiben wollen. Für die meisten ist das eher ein schwieriges Unterfangen. Patentlösungen gibt es dafür natürlich nicht.

Mancher blättert erst einmal in alten Kursunterlagen. Ratgeberbücher zum wissenschaftlichen Arbeiten empfehlen gern Brainstorming, Mind-Mapping und diverse Kreativitätstechniken. Man kann aber auch Lektüre empfehlen, ein paar Stunden in der Bibliothek (auch in der Abteilung für Abschlussarbeiten) oder das Durchforsten von Internetportalen, auch von Anbietern von Abschlussarbeitensammlungen.

Wenn Sie schon eine Liste möglicher allgemeiner Themen haben, hier einige handfeste Tipps zur Entscheidung bzw. Erstellung einer "shortlist".

Interesse und Motivation: Das Thema sollte Sie so interessieren, dass Sie damit mehrere Monate ohne persönliche Quälerei verbringen können. Die Abschlussarbeit bringt oft schwierige Umstände mit sich, man arbeitet überwiegend allein, muss sich selbst motivieren und knifflige Probleme lösen. Dann hilft es sehr, wenn man das Thema wirklich mag und einen persönlichen Bezug dazu hat.

Zeitfaktor: Das Thema soll in der zur Verfügung stehenden Zeit sinnvoll, gründlich und solide zu bearbeiten sein. Dabei gibt es natürlich Unterschiede zwischen Bachelor- und Masterarbeiten. Das können Sie oft nicht selbst beurteilen, hier hilft nur Beratung durch den Betreuer.

Das Thema soll mit einer auch zeitlich passenden und den methodischen Fähigkeiten des Studenten entsprechenden Methode zu bearbeiten sein. So ist es ziemlich aussichtslos, eine quantitativ angelegte Befragung von 500 Personen sauber durchzuführen und auszuwerten, wenn man nur zwei Monate Zeit für eine BA-Thesis hat und noch nie eine längere Lehrveranstaltung zur empirischen Sozialforschung belegt hat. Mit Unterstützung des Betreuers kann man natürlich auch eine neue Methode anwenden, aber auch zum Kennenlernen der methodischen Finessen braucht man Zeit.

Sie sollten inhaltliche Vorkenntnisse mitbringen. Je weniger Sie über das Thema wissen, desto steiler ist die Lernkurve. Man kann sich vieles anlesen, aber die Einarbeitung kostet Zeit, und man kann sich dabei überfordern. Was ist, wenn Sie auf halbem Weg feststellen, dass Sie viel zu wenig Vorkenntnisse haben? Das frustriert möglicherweise.

Das Thema Ihrer Abschlussarbeit gibt Ihnen berufliches Profil auf dem Lebenslauf, bei einer Bewerbung macht es Sie für künftige Arbeitgeber interessant. Wenn Sie also ein klares Berufsziel vor Augen haben, sollte das Thema passen. Es sei denn, Sie entscheiden sich bewusst dafür, etwas völlig anderes zu bearbeiten – überlegen Sie sich das gut.

Studenten suchen meist nur "ein Thema". Professoren aber beharren darauf, dass Sie nicht nur ein "Thema" brauchen, sondern eine Fragestellung. Das Thema ist der weit gefasste inhaltliche Gegenstand, mit dem sich eine Studie befasst (mehr oder weniger konkret). Eine Fragestellung ist dagegen ein Problem, das besser verstanden oder gelöst werden muss: Die Frage, die Sie mit Ihrer Arbeit beantworten. Daraus ist ein Untersuchungsziel zu entwickeln: die wichtigste Absicht oder der Zweck: Was wollen Sie erreichen? Dann entstehen die Forschungsfragen (immer mehrere): Fragen, die man in der Studie beantworten will. Wobei Haupt- und Nebenfragen zu unterscheiden sind. Bei der "Operationalisierung" schließlich geht es um das Zerlegen in viele Detailfragen, die Sie Schritt für Schritt bearbeiten können.


Die größeren Schwierigkeiten macht nicht das Thema an sich, sondern dass, was darauf folgt: nämlich die Schritte vom Allgemeinen zum Spezifischen der Abschlussarbeit. Dabei werden Sie schnell merken, dass sich alles um die Eingrenzung des Themas (was bearbeite ich nicht?) dreht und das Konzept für die Untersuchung ("Forschungsdesign").

Ein Beispiel: Ein Student im Wildauer Studiengang "Verwaltung und Recht" möchte sich mit Personalveränderungen in unteren Verwaltungsbehörden Brandenburgs beschäftigen. Schönes Thema, er hat einen persönlichen Zugang dazu, es ist aber noch sehr allgemein. Was könnte die Fragestellung sein? Konkret entwickelt er: Das Problem des Führungskräftemangels als Ergebnis der Personalveränderungen in unteren Verwaltungsbehörden Brandenburgs. Sein Untersuchungsziel? Zu untersuchen, wie es zum Führungskräftemangel kommt und welche Möglichkeiten es im Personalmanagement gibt, das Problem zu begrenzen oder zu lösen. Jetzt beginnt er, einen Katalog möglicher Einzelfragen zu schreiben: u.a. wie zeigt sich der Führungskräftemangel? Wo? Wann? Unter welchen Bedingungen? Was ging ihm voraus, war er voraussehbar? Welche Folgen hat er? Wie kritisch sind die Folgen für das Funktionieren der Verwaltung? Wie wurde darauf reagiert? Welche Alternativen werden diskutiert?...

Er grenzt also erst einmal das inhaltliche Gebiet ein, dass er bearbeiten möchte. Er sucht nach einem konkreten Problem, einem Konflikt oder Dilemma – etwas, was eine Lösung benötigt. Dann versucht er das an Belegen aus der Literatur oder aus der Praxis festzumachen. Er stellt sich die Frage:  Was wissen wir noch nicht darüber? Was fehlt in der Literatur? In der Praxis? Was sollten wir noch wissen? Und er überlegt sich, was das Ergebnis seiner Untersuchung bringen soll – und wem. Er hat nämlich eine recht konkrete Zielgruppe vor Augen, für die die Abschlussarbeit ein paar Erkenntnisse produzieren könnte. In diesem Fall den Personalverantwortlichen und Leitern der Behörden, die er untersuchen möchte.

Eine Abschlussarbeit wird auch Thesis genannt. Das ist eigentlich ein ganz guter Begriff.  Eine "These" beschreibt nicht einfach das Thema oder eine Beobachtung, sondern präsentiert eine Vermutung, Behauptung, Prognose, Sichtweise, Meinung, Idee, Problemlösung, um die man streiten kann, die Argumente braucht und die verteidigt werden muss. Haben Sie eine "These"? Dann können Sie diese auch untersuchen.

So mancher hat diffuse Vorstellungen, welcher Themenbereich interessant wäre. Man muss aber die anderen Schritte auch gehen, in Gedanken durchspielen. Diskutieren Sie das im Gespräch mit dem Betreuer Ihrer Wahl!

Manche Studenten machen es sich einfach und wählen den Weg des (vermeintlich) geringsten Widerstands. Sie wählen ein "Standardthema" aus einem Lehrbuch oder aus einer Vorlesung. Die Wahl eines Themas für eine Abschlussarbeit ist aber sehr persönlich und bietet die Chance, ein Projekt für sich selbst zu wählen und sich beruflich Profil zu geben. Manchmal braucht man Mut, um ein unbekanntes Terrain zu erforschen. Wenn die Motivation stimmt, lassen sich die meisten Themen auch bearbeiten.

Die eigene Meinung

"An welchen Stellen einer Arbeit darf ich meine eigene Meinung einbringen?", hat mir ein Student als Frage aufgeschrieben.

Dahinter steckt die richtige Vermutung, dass Meinung "fehl am Platz" sein kann, dass sie nicht überall in einer wissenschaftlichen Arbeit erwünscht ist. 

Meinung heißt: subjektive Einstellung, Überzeugung, Ansicht, Bewertung, Beurteilung, Standpunkt, Rechtfertigung, Kritik, Position-beziehen, möglicherweise auf Basis einer Weltanschauung. Meinung ist also das, was nicht "objektives" Wissen ist (also unbestreitbare Fakten oder breit akzeptierte Theorien).

In den meisten modernen Wissenschaften gilt im Allgemeinen die Forderung, dass man beim Untersuchen einer Fragestellung bitteschön die eigene Meinung außen vor lassen soll, man soll beschreiben und erklären, aber nicht werten. Man darf das Ergebnis einer Untersuchen bewerten, aber die Untersuchung selbst soll von Meinungen nicht beeinflusst werden.

Nun ist es allerdings nicht immer ganz ganz klar, wo Fakten aufhören und Meinung beginnt. In technik- und naturwissenschaftlichen Fächern ist das einfacher, in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften schwieriger. In Wirtschaft, Politik, Recht hat man es oft mit normative Fragen zu tun: Was soll sein? Wie soll man handeln?  Hier geht es also ganz schnell um Werte und Ziele.

Daten und Fakten sprechen oft nicht für sich selbst. Notwendig ist also Analyse. Wenn ich aber etwas analysiere, gehe ich in vielen Fällen von Annahmen aus, wähle einzelne Analysepunkte aus, die Art, wie ich analysiere, ist bereits ein subjektiver Vorgang. Das gilt ganz besonders, wenn ich Texte (z.B. Dokumente, Aussagen, Gerichtsurteile) analysiere. Die kann ich ja nicht einer chemischen Analyse unterziehen, sondern muss sie interpretieren, um sie zu verstehen und nutzbar zu machen. Darüber zerbrechen sich die Wissenschaftsphilosophen seit Langem den Kopf.

Hilft aber nichts: Wer wissenschaftlich arbeiten will, muss sich zwar nicht der eigenen Meinung enthalten, aber zuallererst für andere nachvollziehbar darlegen, warum etwas allgemein (und nicht nur für einen selbst) "wahr" ist. Ausagen sollen unabhängig vom persönlichen Standpunkt akzeptabel, begründbar und überprüfbar sein, "intersubjektiv nachvollziehbar", wie es so schön heißt. Das Ergebnis soll auch für den akzeptabel sein, der eine andere Meinung hat.

Was nicht heißt, dass man Sachverhalte unkritisch oder gar oberflächlich behandelt: Analyse soll durchaus kritisch sein, soll abklopfen, auseinander nehmen, hinterfragen. Eine gute Analyse hat sehr viel mit kritischem Denken zu tun (siehe dazu diesen Blogbeitrag).

In der Analyse – die im Hauptteil einer Arbeit zu leisten ist – gibt es ein paar Spielregeln zu befolgen:
  • Distanz zum Untersuchungsgegenstand zeigen, soweit es irgend geht. Volle "objektive" Neutralität ist selten möglich, aber man kann sich bemühen (und zwar bewusst und demonstrativ).
  • Logisch argumentieren. Logik ist nachvollziehbar. 
  • Alle Argumente ausdrücklich und verständlich unterfüttern, belegen, begründen.
  • Sich auf andere Quellen berufen und vergleichen. Also zeigen, dass ein Analyseergebnis oder Schlussfolgerung logisch aus den wissenschaftlichen Arbeiten anderer ("Fachautoritäten") hervorgehen kann. Dass Ihre Analyse also durch andere gestützt wird.
  • Stets prüfen, ob man etwas auch anders sehen kann. Ein "einerseits, andererseits" zeigt dem Leser, dass man nicht nur eine einzige Sichtweise präsentiert, sondern alternative Sichtweisen nebeneinander stellt. Das schreibt man dann auch so auf. Man kann von "Ausgewogenheit" sprechen, damit ist vor allem das Zulassen anderer möglicher Interpretationen gemeint – das ist sozusagen eine Fairness-Regel. Erst prüfen, dann werten.
Das alles macht die Sache zwar nicht per se "objektiv", aber "intersubjektiv nachvollziehbar".

Das hat sogar sprachliche Konsequenzen. Aus gutem Grund ist es Gepflogenheit, dass in wissenschaftlichen Arbeiten möglichst kein "Ich" vorkommen soll. Eher spricht der Autor von sich in der dritten Person ("der Autor" statt "ich").

Also gibt es keinen Platz für die eigene Meinung? Doch. Aber:
  • Man muss sie von der Untersuchung abtrennen und kennzeichnen. Der Leser soll klar sehen können, wo die Interpretation der Sache in die Formulierung eines eigenen Standpunkts übergeht. Das muss man klar formulieren. Der Leser soll Meinung jederzeit erkennen können, sie soll sich nicht verstecken und nicht in die Untersuchung eingewoben sein.
  • Einen guten Platz hat eigene Meinung überall dort, wo ein Fazit gezogen wird (Konklusion, Schlussfolgerung). Also vor allem im Schlussteil einer Arbeit. Hier ist der Platz, um zuzuspitzen, prägnant mit Thesen aufzuwarten, seine Ergebnisse mit mehr Kontext zu gewichten, zu sortieren, Gedanken fortzuführen, den Faden weiterzuspinnen und Position zu beziehen.
Eigene Positionen muss man natürlich besonders gut begründen. Man muss auch selbstkritisch sein, das heißt zeigen, dass man die eigene Position durchaus in Frage stellt und Gegenargumente aufgreift. Als Autor müssen Sie also "mit sich selbst diskutieren".

Urteilsfähigkeit ist ein wichtiges Ausbildungsziel des Studiums. Professoren finden eigene Positionierungen von Studenten daher in der Regel gut – wenn sie erläutert und begründet werden, und wenn sie nicht völlig abwegig sind und sich nicht völlig von der Faktenlage lösen. Mit einer eigenen Position, einer eigenen Meinung zeigen Sie diese Urteilsfähigkeit. Aber, wie gesagt, im Vordergrund steht immer erst die Untersuchung – das Urteil muss warten, bis zum Fazit. Sonst wär's ja ein Vor-Urteil.

Der "rote Faden" in der Arbeit

"Wie behält man beim Schreiben einer Abschlussarbeit den sprichwörtlichen roten Faden?", fragt mich eine Studentin.

Was ist überhaupt ein "roter Faden"? Er dient der Orientierung. Autor und Leser wissen an jeder Stelle der Arbeit immer, worum es gerade und insgesamt geht. An diesem roten Faden sollten Sie die einzelnen Teile Ihrer Arbeit auffädeln.

Wikipedia weiß zum Thema: "Unter einem roten Faden versteht man ein Grundmotiv, einen Weg oder auch eine Richtlinie." Man kann daran eine durchgehende Struktur oder ein Ziel erkennen. Das Online-Lexikon verweist auf Goethes Wahlverwandtschaften – der Dichterfürst beschreibt den Kennfaden der britischen Marine: „Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören. Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden …“.

Wenn der rote Faden verloren geht, hat das in studentischen Arbeiten meist zwei Gründe:
  • Der Autor weiß nicht so genau, was er untersuchen will. Die Fragestellung wurde nicht präzise entwickelt. Es gibt keine Leitfragen der Untersuchung, die darunter liegenden Einzelfragen wurden nicht benannt ("Operationalisierung"). Es gibt keine Hypothese, die überprüft werden soll.
  • Der Autor hat ganz viel Material gesammelt, aber es nicht ausreichend sortiert. Er verliert sich in Diesem und Jenem, kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen. Wichtiges wird nicht vom Unwichtigen getrennt. Zitate werden massenhaft angeführt, alle möglichen Detailinformationen aus allen möglichen Quellen verwendet, ohne Rücksicht darauf, ob diese dazu beitragen, eine Antwort auf die zentralen Fragen der Arbeit zu geben.
Ein wichtiges Hilfsmittel ist die Gliederung (Outline). Sie sollte die Basisorientierung liefern. Die Gliederung ist so etwas wie Ihr Einkaufszettel. Sie müssen Ihren Bedarf feststellen, den Einkauf organisieren, Prioritäten setzen. Sie bietet dem Autor Struktur für das Schreiben. Später ist sie Wegweiser und Leitplanke für den Leser. Sie muss nicht komplex oder kompliziert sein. Es ist sinnvoll, mit dem Allgemeinen anzufangen und später zum Speziellen hinzuarbeiten. Selbst wenn Sie die Gliederung mit Ihrem Betreuer abgesprochen haben und dieser sie in der Anfangsversion abgenickt hat, so sollten Sie sie als Arbeitsdokument betrachten, das sich im Verlauf des Schreibens verändern darf.
  • Merke: Eine Gliederung ist nicht dasselbe wie eine Fragestellung und Untersuchungskonzept. Es ist sinnvoll, sich zuerst genau zu überlegen, was man da überhaupt untersuchen will (und wie), bevor man eine Gliederung anlegt. Sonst bietet die Gliederung nur eine Schein-Orientierung, die den Autor (und später den Leser) eher in die Irre führt. Das ist wie eine falsche Landkarte.
Der Blogbeitrag "Wie schreibt man eine Einleitung?" gibt Ihnen Tipps dazu, wie die Grundfragen Ihrer Untersuchung geklärt werden (und dieser Beitrag sagt einiges zu den Unterschieden von Bachelor- und Master/Diplomarbeiten).

Wie macht man in der Gliederung den roten Faden deutlich? Eine gute Möglichkeit bietet das abgebildete Schema.


Nehmen wir an, die Einleitung formuliert eine übergeordnete Fragestellung und darunter drei zentrale Fragen, die im Einzelnen untersucht werden sollen. Der Hauptteil der Arbeit soll drei Kapitel haben. Jedes Kapitel untersucht eine der drei Fragen.

Jedes Kapitel beginnt mit einer Kapiteleinleitung, die erläutert, welche Frage aus der Einleitung hier untersucht werden soll. Kapitel 1 kümmert sich also um Frage 1, Kapitel 2 um Frage 2 usw. Am Ende jedes Kapitels wird ein Zwischenfazit gezogen. Hier werden die "Ergebnisse gesichert". Das heißt, hier wird eine Teilantwort auf die in der Einleitung formulierte Fragestellung gegeben.


Haben Sie die drei Kapitel fertig, haben Sie also drei Zwischenfazits geschrieben. Damit haben Sie schon den halben Schlussteil (auch Konklusion genannt, also Schlussfolgerung) so gut wie fertig. Dieser soll nämlich die Ergebnisse der Kapitel noch einmal zusammenfassen. "Das ist dann ja doppelt gemoppelt", werden Sie jetzt vielleicht sagen.

Aber keine Scheu vor Wiederholungen: Am Schluss soll ja das Gesamtergebnis präsentiert werden. Dazu müssen Sie logischerweise die Teilergebnisse zusammenziehen. Scheuen Sie sich nicht davor, die Einzelfazits der Kapitel einfach in den Schlussteil einzukopieren! Wichtig ist nicht das Neuformulieren des bereits Geschriebenen, sondern nur eine gute Verbindung zwischen den Teilergebnissen.


Natürlich muss nun auch noch eine Gesamtantwort auf die übergeordnete Fragestellung her. Das sollte Ihnen nun aber leicht fallen. Es ist eine Art Fazit aller Fazits. Bekanntlich ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile, insofern dürfen Sie nun noch etwas mehr Kontext, ganzheitliche Interpretation und Ausblick aufbieten.

Das mag etwas sehr schematisch wirken, aber meiner Erfahrung nach fahren die meisten Studenten beim Schreiben recht gut damit. Bei jedem Kapitel müssen sie sich überlegen, was genau das einzelne Kapitel zur Fragestellung beigetragen hat. Das ist eine Art Sicherheitscheck: Bin ich da, wo ich sein wollte?

Sie setzen mit jedem Zwischenfazit einen Meilenstein, der anzeigt, wie weit sie gekommen sind. Und weil in jedem Kapitel stets die Untersuchungsziele benannt werden und klar gesagt wird, ob und inwieweit sie erreicht wurden, bleibt immer erkennbar, wo sich die Untersuchung gerade befindet.

Zugespitzt formuliert: Der rote Faden lebt von Wiederholungen. Sie markieren die Etappenziele, sie garantieren die Sichtbarkeit der Untersuchungsziele. Deshalb sind Wiederholungen nicht nur nicht vermeidbar, sondern ausdrücklich erwünscht.

Klar: Einen Roman oder Thriller würde man so nicht schreiben. Aber eine wissenschaftliche Arbeit wird vor allem danach bewertet, ob die innere Logik von Untersuchung und Argument nachvollziehbar ist und der Autor das selbstgesetzte Ziel erreicht.

Siehe auch den Blogbeitrag: "Labern vermeiden: Der MEAL-Plan"

28. Dezember 2010

Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied

Wer eine Bachelor-Abschlussarbeit hinter sich gebracht hat, fühlt sich mehr oder minder gut informiert darüber, was eine Master-Arbeit mit sich bringt:

Sie ist halt etwas anspruchsvoller, etwas länger und zählt ein bisschen mehr.

Das ist nicht falsch, aber greift etwas zu kurz. Schon auf dem Papier, also rein formal, sind die Unterschiede erheblich. In der Praxis und von Qualität und Inhalt her können sie gewaltig sein.

Formale Unterschiede

Nehmen wir als Beispiel die Studien- und Prüfungsordnungen an der TH Wildau, speziell des Studiengangs Europäisches Management (B.A. und M.A.). Fangen wir bei den Credit Points (CP) an, die den Zeit- und Leistungsaufwand messen.
  • Für die B.A.-Abschlussarbeit sind magere 10 von insgesamt 180 CP fürs Studium vorgesehen (bundesweit sollen es bei Bachelor-Studiengängen zwischen 6 und 12 CP sein, sagt ein Kultusministerratsbeschluss, Wildau liegt also nahe der oberen Grenze). Eine mündliche Prüfung gibt es dazu nicht. Für die Bearbeitungszeit sind 8 Wochen vorgesehen.
  • Die M.A.-Abschlussarbeit hingegen nimmt 24 CP ein (bundesweite Regelung: 15-30 CP, Wildau ist hier erneut an der Obergrenze). Hinzu kommt die mündliche Prüfung ("Verteidigung der Thesis") mit 6 CP. Das sind also gewaltige 30 von insgesamt 120 CP . Die Bearbeitungszeit beträgt 18 Wochen, für den mündlichen Teil werden 4 Wochen Vorbereitungszeit angesetzt. Das gesamte letzte der 4 Semester Studienzeit ist also Prüfungszeit!
Im Vergleich scheint es also so, als sei die Bachelor-Arbeit eine Art Nachgedanke zum Studium, eine Art Sahnehäubchen auf der Suppe; während die Master-Arbeit ein Viertel des gesamten Studiums ausmacht.

Auch bei der Wahl des betreuenden Hochschullehrers gibt es einen formalen Unterschied. Der Betreuer (Erstgutachter) einer Master-Arbeit muss ein "echter" Professor der Hochschule sein. Beim B.A. ist das nicht so, hier kann auch ein anderer prüfungsberechtigter Dozent oder externer Lehrbeauftragter die Arbeit betreuen.

Inhaltliche Unterschiede

Sowohl die Bachelor- als auch die Master-Abschlussarbeit sind definiert als "wissenschaftliche Arbeit". Grundsätzlich gelten also dieselben Qualitätsmerkmale für die Prüfungsleistung. Wenn man aber genau hinschaut, sind die Ansprüche etwas unterschiedlich formuliert.
  • Die Bachelor-Arbeit "soll zeigen, dass der Kandidat in der Lage ist, innerhalb einer vorgegebenen Frist ein Problem aus seinem Fachgebiet selbstständig zu bearbeiten", heißt es in der Prüfungsordnung.
  • Die Master-Arbeit "soll zeigen, dass der Kandidat in der Lage ist, innerhalb einer vorgegebenen Frist ein Problem aus seinem Fachgebiet selbstständig nach wissenschaftlichen Methoden zu bearbeiten", sagt die Prüfungsordnung.
Der kleine, aber gravierende Unterschied: "nach wissenschaftlichen Methoden".

Das ist nun etwas interpretationsbedürftig. Der Verzicht auf die drei Wörter bei der Zielsetzung der Bachelor-Arbeit heißt nicht, dass der BA-Prüfling keine wissenschaftlichen Methoden anwenden muss (oder gar darf). Klar darf er. Und der Betreuer darf das explizit verlangen, bevor er einwilligt, Betreuer zu sein. 

In jedem Fall muss die Bachelor-Arbeit wissenschaftlich "sauber" sein, eklatante Verstöße gegen wissenschaftliche Grundsätze sind also inakzeptabel. Es gibt aber mehr Spielraum, die Abschlussarbeit stärker an der Praxis auszurichten und die wissenschaftliche Methodik weniger umfangreich darzulegen.
  • Als Ausbildungsziel für das Bachelor-Studium ist glasklar festgelegt, dass die Studenten "zu wissenschaftlicher und anwendungsorientierter Arbeit" und "zur Anwendung wissenschaftlicher Methoden und Erkenntnisse im Beruf" befähigt werden. Bei der Abschlussarbeit steht allerdings das Leitbild des "ersten berufsqualifizierenden Hochschulabschlusses" stärker im Vordergrund. Die Absolventen sollen relevantes Wissen reproduzieren, aber nicht produzieren können.
    Allerdings: Wenn Sie sich nach dem Bachelor-Abschluss auf ein Master-Studium bewerben, kann der wissenschaftliche Anspruch Ihrer Thesis wichtig sein. Insbesondere wenn Sie von einer FH an die Universität wechseln wollen, kann das entscheidend sein.
  • Hingegen hat das Master-Studium neben der Berufsvorbereitung die "Ausbildung von qualifizierten Absolventen für die angewandte Forschung" im Auge. Konkret heißt das, auch an der Fachhochschule ist die Wissenschaftlichkeit des Abschlusses zentral – bis hin zur Gleichberechtigung der FH- mit Uni-Absolventen, wenn sie promovieren wollen (also eine Doktorarbeit schreiben, die Königsklasse der wissenschaftlichen Arbeit).
Das Master-Studium soll "hochspezialisiertes und hochqualifiziertes" Wissen vermitteln. Was ist daran "hoch"? Unter anderem Wissen darüber, wie Wissenschaft Wissen schafft. Der Master-Kandidat soll also sehr viel präziser mit wissenschaftlichen Methoden umgehen können, soll die wissenschaftliche Literatur berücksichtigen, Forschungsergebnisse, Theorien und wissenschaftlichen Kontext im Kopf haben. An der FH ist das zwar auch "anwendungsorientiert", wie es so schön heißt. Trotzdem fließt in die Bewertung der Prüfungsleistung viel stärker die Wissenschaftlichkeit des Abschlussprojekts ein.

Darum ist die Abschlussphase auch viel länger als beim Bachelor. Was die Wissenschaftlichkeit angeht, werden eher Minimalansprüche gestellt – zum Beispiel beim Umgang und Beleg von Quellen.


Dass der Bachelor-Kandidat hingegen erst einmal die Breite der zum Thema passenden Fachliteratur durchackert und die wesentlichen Ergebnisse der Forschung in seine Abschlussarbeit einfließen lässt, kann man genauso wenig erwarten wie die Durchführung aufwändiger empirischer Untersuchungen (z.B. quantitative Befragungen, umfangreiche Statistik- oder Dokumentenanalysen). Dafür reicht einfach die Zeit nicht. Und meistens auch nicht das dafür notwendige Wissen.

Wenn dagegen ein ganzes Semester zur Verfügung steht, darf man vom Kandidaten ein umfangreiches und gut begründetes Forschungsprojekt erwarten. Das heißt konkret: 
  • breitere Literaturbasis: es soll erkennbar sein, dass der Student sich intensiv mit der Literaturrecherche beschäftigt hat und seine Arbeit an Fach- und Forschungsergebnisse anschließt.
  • spezialisiertere Recherche: Ein Bachelor-Student wird vor allem Sekundärliteratur heranziehen (also Lehr- und Einführungswerke, Grundlagenliteratur, Lexika) und diese bei Spezialfragen durch relativ einfach zugängliche und beschaffbare Fachquellen (z.B. Web-Recherche) ergänzen. Von einem Master-Studenten kann man erwarten, dass er weit  tiefer schürft und Fundorte für Spezialisten erschließt. Er zeigt, dass er sich in der Fachwelt bestens auskennt. Beispielsweise heißt das systematische Recherche in wissenschaftlichen Datenbanken, um aktuelle Studien und Fachaufsätze aus (auch internationalen) wissenschaftlichen Zeitschriften zu finden.
  • sicherer Umgang mit Primärquellen und eigene Untersuchungen: Statt sich auf Darstellung, Analyse und Interpretation anderer Autoren zu verlassen, soll ein Master-Student in der Lage sein, sich wissenschaftliches "Rohmaterial" zu beschaffen. Er soll den Apfel also selbst pflücken und putzen. Egal, ob es um betriebliche oder Branchen-Daten, Gerichtsurteile, Marktforschungsdaten, EU-Statistiken, Börsenkurse, Parlamentsprotokolle oder Positionspapiere von Verbänden geht: der Master-Student arbeitet viel stärker mit "Rohmaterial". Dazu muss er nicht nur wissen, wo er es findet, sondern vor allem, was man damit macht (und was man damit nicht machen darf). Er muss ordnen, sortieren, filtern, abwägen, bewerten, und das nach wissenschaftlichen Maßstäben und nicht "irgendwie".
Die Master-Arbeit: Eine Forschungsarbeit?

Heißt das, eine Master-Arbeit ist definitiv eine Forschungsarbeit? Nein und Ja.
  • Nein, weil sie nicht im Regelfall völlig neues wissenschaftliches Wissen produzieren soll (wie z.B. eine Doktorarbeit). 
  • Ja, weil sie ein Problem mit Hilfe wissenschaftlicher Forschungswerkzeuge bearbeitet und, wenn das Problem neuartig ist, auch zu neuen Antworten kommen kann.
Am Ende geht es darum, wieviel "Neues" in einer Arbeit produziert wird (das ist auch eine Frage des Umfangs), wie relevant es ist, mit welchem methodischem Aufwand und wie eigenständig der Student vorgeht.
  • Es gibt Master-Arbeiten, die bereiten eigentlich nur "altes" Wissen auf, stellen es zu einer bestimmten Fragestellung zusammen oder wenden es auf einen "üblichen" Fall an. Das ist dann eher keine Forschung. Insbesondere dann nicht, wenn es schon viele wissenschaftliche Beiträge (auch Abschlussarbeiten) zum Thema gibt. Es mag dann für den Studenten neu sein, nicht aber für die Wissenschaft. Der Student reproduziert im Wesentlichen schon Bekanntes, nur mit einem speziellen Zuschnitt.
  • Andere Master-Arbeiten betreten inhaltlich Neuland: durch eine aktuelle Untersuchung mit besonderem Zuschnitt, durch das Ausleuchten von Forschungslücken, durch Auswertung bisher ungenutzter Quellen, Sammlung empirischer Daten, wo es bisher keine gab, durch innovative Neuauswertung alter Daten, einen anspruchsvollen Vergleich, eine umfangreiche Fallstudie mit erheblichem Informationswert, oder die Entwicklung neuer Konzepte mit einer gewissen Komplexität. Das ist dann eher Forschung, ob nun anwendungsnah oder nicht.
Das war übrigens auch zu Zeiten von Diplom- und Magister-Arbeiten so. In manchen steckte viel Forschung, in anderen nur ein bisschen, in anderen gar keine. Das hängt oft von externen Faktoren ab:
  • dem Betreuer: Erwartet er von Ihnen eine Arbeit mit Forschungscharakter? Forscht er selbst? Beteiligt er Sie an seiner eigenen Forschung, bearbeiten Sie ein Teilgebiet eines größeren Forschungsprojekts? Sind Sie Teil eines Teams? Ist das Ziel eine Präsentation auf einer wissenschaftlichen Konferenz oder eine wissenschaftliche Publikation?
  • der Fachkultur: In manchen Fächern geht es bei Abschlussarbeiten oft um praktische Projekte, z.B. wenn Sie in der Wirtschaftsinformatik ein Programm schreiben oder in Technik- und Naturwissenschaften Labortests durchführen. In Wirtschafts- und Sozialwissenschaften werden häufig empirische Daten erhoben oder Fallstudien konzipiert, die Projektcharakter haben. In Rechtswissenschaften werden Sie dagegen selten "Projekte" definieren.
  • dem Betrieb: Wenn Sie die Arbeit als Werkstudent/Praktikant mit oder in einem Unternehmen oder einer Organisation schreiben, hat diese/s Interesse an wissenschaftlicher Forschung oder eher nicht?
Eine Master-Arbeit darf durchaus praxisorientiert sein, zum Beispiel auf die Lösung eines praktischen Problems in einem bestimmten Fall ausgelegt sein. Das ist dann "angewandte Forschung". Auch bei praktischen Problemen muss aber die wissenschaftliche Methode stets erkennbar sein, selbst wenn die Arbeit sich verhältnismäßig wenig mit Theorien und Forschungsergebnissen beschäftigt. Wenn Sie also z.B. einen Marketingplan für ein Unternehmen oder eine Organisation erarbeiten, werden Sie anders als bei einem Konzept, das nur in einem Unternehmen entwickelt wird, auch wissenschaftliche Bezugspunkte zur Marketingforschung darlegen und die Methode der Marketingplanerstellung diskutieren müssen. Das wäre bei einer BA-Arbeit anders, hier wäre der "blanke" Marketingplan eher akzeptabel (je nach Anleitung Ihres Betreuers).

Klar ist: Jede Abschlussarbeit sammelt systematisch Informationen und wertet sie aus, um eine Frage zu beantworten. Das ist "Recherche". Die Abgrenzung zwischen Recherche und Forschung ist schwierig. Im Englischen gibt es diese gar nicht, research heißt gleichermaßen "Recherche" wie "Forschung". Research findet in einer Master-Arbeit ganz sicher statt. Das hochtrabende deutsche Wort "Forschung" klingt immer nach einem Ziel wie den Nobelpreis in Astrophysik. Wenn man es aber nicht so hoch hängt, ist eine Master-Arbeit de facto eine Forschungsarbeit im weiteren Sinne.

Nun ist die Frage, wie wissenschaftlich die Recherche ist. Das hat mit den Quellen zu tun, aber eben auch mit den verwendeten Methoden. Ein hoher Forschungsanspruch setzt voraus, dass es ein umfassendes Forschungskonzept (research design) gibt: ein nachvollziehbares und detailliertes Konzept, wie man die Fragestellung in Einzelfragen zerlegt und wie man diese mit bestimmten Untersuchungsschritten systematisch, verlässlich und überprüfbar beantwortet. Mit der Methodik muss sich der Master-Kandidat also viel stärker auseinandersetzen und darlegen, warum er welche Methode anwendet – und z.B. zeigen, dass er ähnliche wissenschaftliche Untersuchungen kennt und darauf aufbaut.

Eine Master-Arbeit ist (noch) keine Doktorarbeit, aber sie nähert ihr sich an. Eine Master-Arbeit dauert Monate, eine Doktorarbeit Jahre – und Doktoranden haben keine festen Bearbeitungs- und Abgabefristen. Von einem Master-Studenten wird – im Gegensatz zu einem Doktoranden – nicht erwartet, dass er eine relevante Forschungslücke füllt und die Wissenschaft einen Sprung nach vorn bringt. Die Master-Arbeit erledigt aber das, was für den Doktoranden ebenfalls nötig ist: Sie soll – unter Anleitung des Betreuers – den aktuellen Forschungsstand zu einem Spezialthema erschließen. Der angehende Doktor würde darauf nun seine eigenständige, neuartige Forschung aufbauen, und zwar weitgehend allein (ohne Anleitung eines Betreuers).

Ihr "Meisterstück"

Professoren hören Vergleiche mit dem Handwerk nicht gern, aber hier trifft es den Nagel auf den Kopf: Die Bachelor-Arbeit ist einem Gesellenstück vergleichbar, die Master-Arbeit einem Meisterstück.
  • Der Geselle zeigt mit dem Abschlusswerk seiner Ausbildung, dass er sachgerecht erlernte Fähigkeiten beherrscht, um ein solides Werkstück herzustellen, das den allgemeinen Standards des Berufs entspricht. 
  • Der Meister hingegen (der ja nach der Meisterprüfung selbst einen Meisterbetrieb führen darf) muss darüber deutlich hinausgehen, muss einen anspruchsvollen, ja kunstvollen Beweis seines Rundum-Könnens abliefern. Dazu gehört eine eigene "Handschrift", eine persönliche Note, ein Beleg seiner Selbstständigkeit in seinem Fach. 
Eine gelungene Master-Arbeit gibt Ihnen Profil, akademisch wie beruflich. Ein halbes Jahr ein wissenschaftliches Projekt mit hohem Anspruch durchzuführen, ist kein Klacks. Das erfährt Wertschätzung, auch von Personalchefs. Eine Master-Arbeit kann eine Eintrittskarte in den Beruf sein, nicht nur als formale Qualifikation. Gute Master-Arbeiten haben zudem die Chance, als Buch veröffentlicht zu werden und so viele Leser in Praxis und Wissenschaft zu erreichen, die das Buch natürlich auch kritisch lesen werden. Das muss man wollen.