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2. Juli 2012

Aus Abschlussarbeiten zitieren

"Darf man aus anderen Bachelor- bzw. Abschlussarbeiten zitieren?", fragt eine Studentin. Ja, man darf -- im Prinzip und mit Einschränkungen. Lesen Sie dazu den Beitrag "Studentische Hausarbeiten als Quelle? Zitierfähig, aber nicht zitierwürdig" (7.6.2011). Dieselben Hinweise und Warnungen gelten auch für Abschlussarbeiten.

Wieder einmal dreht sich alles um das Begriffspaar "zitierfähig und zitierwürdig".Alle Abschlussarbeiten sind - anders als Seminararbeiten - dauerhaft öffentlich in einer Bibliothek verfügbar (es sei denn, es gilt ein Sperrvermerk). Zusätzlich stellen viele Absolventen ihre Arbeiten bei Online-Anbietern (z.B. GRIN-Verlag, Hausarbeiten.de u.v.a.) gegen Entgelt ein, oder sie publizieren sie sogar in einem Verlag (meist nur Diplom- und Masterarbeiten). Auch damit sind sie dauerhaft öffentlich verfügbar. Rein formal sind Abschlussarbeiten zitierfähig.

Die Zitierwürdigkeit ist damit noch nicht gegeben. Entscheidend ist die inhaltliche Qualität, und die ist sehr kritisch zu überprüfen, wie im o.g. Blogpost ausgeführt.

Wie "gut" sind Abschlussarbeiten?

Es gibt wissenschaftlich sehr gute, weniger gute und ziemlich miserable Abschlussarbeiten. Nur weil jemand einen Abschluss geschafft hat und deshalb seine Abschlussarbeit in einer Bibliothek steht, sagt über die Qualität wenig aus: höchstens, dass sie in jedem Fall die Mindeststandards erfüllt.

Zwar haben Professoren (besonders bei Bachelor-Arbeiten allerdings häufig auch Nicht-Professoren!) die Arbeit betreut und begutachtet. Das ist aber nicht dasselbe wie wissenschaftlicher Peer Review bei einer Fachzeitschrift oder wenigstens das Lektorat bei einem wissenschaftlichen Verlag, der auf seine Reputation achtet.

Ob jemand exzellent oder gerade mit Ach und Krach seine Prüfung bestanden hat, ob Teile davon gut oder schlecht von den Gutachtern der Arbeit bewertet wurden, was deren Maßstäbe waren oder ob die Gutachter die Thesis überhaupt genau angeschaut haben -- das wissen Sie alles nicht.

Jedenfallls: Sie sollten die ganze Arbeit kennen. Flugs zu googeln und dann einen dreiseitigen Auszug bei GRIN auszuwerten -- das ist schlecht, weil Sie sich dann kein Gesamturteil bilden können. Zum Beispiel mag eine Passage sehr gut klingen, aber wenn Sie die Einleitung und den Schlussteil lesen, die Gliederung oder das Quellenverzeichnis ansehen würden, könnten diese Ihnen wichtige Hinweise geben, ob der Autor solide gearbeitet oder geschlampt hat.

Lassen Sie sich per Fernleihe die Arbeit aus der jeweiligen Hochschulbibliothek kommen, wenn die Thesis nicht in Ihrer eigenen Bibliothek eingestellt ist. 

Bachelor-Arbeiten: Abschlussarbeiten zweiter Klasse

Besonders vorsichtig wäre ich mit Bachelor-Arbeiten. Ohne irgendjemandem auf die Füße treten zu wollen: Bachelor-Arbeiten sind Abschlussarbeiten zweiter Klasse.

Lesen Sie dazu den Beitrag "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.2010). Eine Bachelor's Thesis erreicht nicht nur nicht den Umfang, sondern auch selten die Qualität einer Master-Arbeit. Selbstständige Forschung ist selten enthalten. Außerdem basieren Bachelor-Arbeiten vorwiegend auf Sekundärquellen, manchmal sogar stark auf Tertiärquellen wie Lehrbüchern und Lexika (dazu: "Primäre, sekundäre und tertiäre Quellen", 29.6.2012). Letzteres sollte nicht so sein, ist aber durchaus häufig.

Ob ein Bachelor-Abschluss wirklich ein wissenschaftlicher Abschluss ist, darüber wird unter Professoren seit jeher gestritten. Daraus ergibt sich die Frage, ob eine Bachelor-Arbeit wirklich eine wissenschaftliche Arbeit ist (oder nur so aussieht). Vom Umfang her ist sie einer Seminararbeit vergleichbar; viele der Papers, die meine Master-Studenten in einem Seminar schreiben, sind deutlich umfangreicher als die meisten Bachelor-Arbeiten. Und meistens besser.


Wenn Sie also Abschlussarbeiten heranziehen, dann möglichst Arbeiten auf höherem Niveau, also Master/Diplom (usw.).


Gründe, weshalb Sie Abschlussarbeiten zitieren wollen könnten 

Warum genau wollen Sie die Abschlussarbeit zitieren? Wirklich deshalb, weil...
  • die Arbeit besonders originelle Einsichten gewährt, die es anderswo noch nicht gab? 
  • sie sehr spezifisch Ihr Thema/Ihre Fragestellung trifft, das oder die so noch nicht aufgearbeitet wurde?
  • sie brandaktuelle Ergebnisse eines eigenen Forschungsprojekts präsentiert?
Wenn das so ist, haben Sie einen guten Grund. Auch ich als Professor habe bereits Abschlussarbeiten zitiert, weil sie wirklich einen guten Beitrag in der "wissenschaftlichen Community" geleistet haben -- durch exzellente Fallstudien, eigene Erhebungen, durchdachte Argumentation und Konzepte. Und weil es wirklich nichts Besseres gab.

Aber mal ehrlich: Vielfach...
  • bieten Studenten in ihrer Thesis nur eine Zusammenfassung der existierenden Forschung. Sie ist nur eine Sekundärquelle unter anderen, und dabei sicher nicht die beste Wahl, verglichen mit den Publikationen etablierter Wissenschaftler.
  • zitieren Studenten andere Studenten nur deshalb, weil die Arbeiten online oder offline komfortabel zu beschaffen sind. Mit anderen Worten: aus Bequemlichkeit.
Abschlussarbeiten zitieren – weil's bequem ist?

Fakt: Es ist viel einfacher, eine "passende" Abschlussarbeit zu finden als eine "passende" Studie eines Wissenschaftlers. Forscher publizieren Bücher (Monographien) -- aber selten. Sie publizieren weit mehr Aufsätze in Fachzeitschriften oder Buchkapitel; beides finden Sie viel schlechter durch Googeln, Sie müssen in mehreren Literatur-Datenbanken recherchieren oder Fachzeitschriften-Inhalte durchblättern oder sich die Inhaltsverzeichnisse von Büchern ansehen.

Wenn Sie sich auskennen im "Fachdiskurs" und die wichtigen Zeitschriften kennen, wenn Sie wissen, in welchen wissenschaftlichen Fachgesellschaften wer mit wem über was bei welchen Kongressen und Tagungen diskutiert, ist das einfach. Viele Studenten kennen sich aber nicht so aus. Selbst wenn sie Virtuelle Fachbibliotheken oder Akademische Suchmaschinen nutzen, fällt die Orientierung oft schwer.  

Die am besten geeigneten, spezialisierten, aktuellen Forschungsbeiträge zu finden, ist für Nichtexperten mühsam. Da ist der Griff zu Abschlussarbeiten, bei denen andere Studenten sich schon die Mühe gemacht haben, komfortabler. Die interessante Frage ist: Wieviel Mühe haben sie sich tatsächlich gemacht? Oder haben sie auch nur den bequemeren Weg gewählt?

Notabene: Es gibt viel mehr Studenten als Wissenschaftler, und Projekte von Studenten sind viel kürzer als Projekte von Wissenschaftlern. Der Output der Studenten ist größer. Insofern ist es bei oberflächlicher Recherche wahrscheinlicher, dass Sie auf eine aktuelle Abschlussarbeit stoßen als auf eine aktuelle Studie eines Berufsgelehrten.

Die Sache mit der Aktualität 
Überhaupt, das Aktuelle. Ich höre oft das Argument der Aktualität: Die Abschlussarbeit sei doch die aktuellste wissenschaftliche Veröffentlichung zu Thema X. Naja:
  • Erstens ist der Begriff  "wissenschaftliche Veröffentlichung" oder überhaupt "Veröffentlichung" sehr dehnbar. 
  • Zweitens basieren Abschlussarbeiten, wie oben gesagt, häufig auf Sekundärquellen; und wie aktuell diese wiederum sind, ist offen. Eine 2012 eingereichte Arbeit mag wesentlich auf Sekundärquellen der Jahre 1995 bis 2005 beruhen. Wie aktuell ist das denn?

Also: Aktuell nach welchem Maßstab? Wenn Sie die aktuellste wissenschaftliche Forschung haben wollen, dann suchen Sie in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, außerdem nach "working papers" und Einzelstudien, die von Lehrstühlen oder Instituten herausgegeben werden.

Suchen Sie nach Vortragsskripten und Präsentationen namhafter Wissenschaftler, von denen Sie bereits wissen, dass diese Experten für Ihr Thema sind. Gehen Sie auf die Homepages dieser Wissenschaftler und durchforsten Sie deren Publikationslisten und Neuigkeiten-Rubrik. Diese dürften relativ aktuell und gut gepflegt sein.

Suchen Sie nach aktuellen Tagungen, auf denen Forschungsergebnisse präsentiert werden. Diese werden meist von den wissenschaftlichen Fachgesellschaften veranstaltet, in denen die Forscher Mitglied sind. Fragen Sie Ihren Betreuer danach, wenn Sie sie nicht finden.

Fazit: Vorsichtig und selektiv vorgehen  
Alles in allem: Vorsicht mit Abschlussarbeiten. Im Zweifelsfall sind die Studenten, die sie geschrieben haben, nicht besser oder schlauer oder sorgfältiger als Sie. Die beste Art, mit Abschlussarbeiten umzugehen, ist:

Prüfen Sie die Qualität der ganzen Arbeit, insbesondere die Quellengrundlage. Bilden Sie sich ein Urteil, bevor sie auf den Stapel der bevorzugten Quellen kommt.

Nutzen Sie vor allem das Quellenverzeichnis der Arbeit, um leichter zu erfassen, was für ein Thema wichtig ist, welche Autoren, Fachzeitschriften oder auch Internetportale guten Zugang zu spezialisierter Literatur bieten. Aber verlassen Sie sich nicht darauf, dass der Student, der diese Quellen recherchierte, den perfekten Blick auf die Literaturlage hatte. Wahrscheinlich hatte er ihn NICHT.

Wenn Sie in einer Abschlussarbeit ungemein passende, originelle Passage finden, die Sie unbedingt zitieren wollen, prüfen Sie genau, ob diese wirklich originell ist -- oder nur eine Zusammenfassung anderer Quellen, seien es Fakten oder Zahlen (diese sind ja selten das Produkt studentischer Forschung) oder Argumente und Interpretationen (oftmals auch nur Varianten anderer Autoren). Wann immer möglich, gehen Sie anhand der Quellenbelege zurück zur Ursprungsquelle!


Denken Sie schließlich daran, dass Studenten Fehler machen und manchmal pfuschen. Eine großartige, treffende Passage aus einer Abschlussarbeit, die keinen Quellenbeleg hat, mag die Leistung des Autors sein. Oder auch ein Plagiat. Und das wollen Sie bestimmt nicht in Ihrer Arbeit haben.

29. Juni 2012

Qualitative Interviews -- Transkripte & Co.

In einer Abschlussarbeit selbst empirische Daten erheben und untersuchen -- das ist echtes Forschen und (leider) in vielen Fächern selten der Fall. Vor allem bei Bachelor-Arbeiten, denn eigentlich ist die Bearbeitungszeit viel zu kurz. Eine Studentin der Verwaltungswissenschaften will es aber wagen und hat in einem Landkreisamt gute,praktische Forschungsobjekte. Nun grübelt sie aber über diese Fragen:
  1. Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)? > Antwort: "Selbst forschen: Umfragen, Interviews, Dokumente auswerten und belegen" (28.6.12)
  2. Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)? > Antwort: "Graue Literatur und interne Dokumente" (29.6.12)
  3. Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg?
Der Antwort sei vorausgeschickt:
  • Es führt kein Weg daran vorbei, das mit dem Betreuer detailliert zu besprechen. Persönliche Vorstellungen und Vorlieben, wie empirische Daten und Methoden zu dokumentieren sind, variieren erheblich. 
  • Gerade bei BA-Arbeiten sind viele Betreuer willens, pragmatisch Ansprüche herunterzuschrauben und Kompromisse bei einigen Dokumentationsstandards einzugehen, um die Belastung bei der extrem kurzen Bearbeitungszeit zu senken. Siehe dazu auch den Blogbeitrag:  "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.10)
  • Lesen Sie im Detail nach, was Handbücher und Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur empirischen Sozialforschung dazu sagen.

Qualitative Interviews -- Transkripte & Co.

Frage 3. Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg?

Zunächst einmal: Qualitative Interviews müssen im Methodenteil erläutert werden -- wie quantitative Befragungen auch. Warum und nach welchen Kriterien wurde wer ausgewählt? Sind die Befragten Akteure/Handelnde/Entscheider, Betroffene, Experten? Wie haben Sie sie angesprochen? Wie wurden die Fragen entwickelt? Wie wurden die Antworten ausgewertet? usw. Irgendwo muss eine Liste der Interviewpartner erscheinen. Im Anhang können Kurzbiographien der Befragten eingefügt werden - oder eine Kurzbeschreibung deren Stellung (z.B.: Sachbearbeiter mit Zuständigkeit für X).

Im Hauptteil werden Sie in der Regel mit wörtlichen Zitaten arbeiten, mal länger, mal kürzer, dann auch mit Zusammenfassungen. Wörtliche Zitate sind vor allem dann geeignet, wenn der Befragte etwas sehr zugespitzt und plakativ ausdrückt, seine persönliche Einschätzung oder Meinung ausdrückt. Reine Faktenaussagen sollte man eher zusammenfassen.

Im Quellenverzeichnis sollte die Liste der Interviews in einer eigenen Rubrik erscheinen. Der Langbeleg enthält Informationen zum Namen des Befragten, zu seiner Position/Funktion, zu Ort, Zeitpunkt und Dauer des Interviews.

Auf diese Angabe bezieht sich dann auch der Quellenbeleg im Haupttext (z.B. als Kurzbeleg "Interview Schulze, 2012"). Handelt es sich nicht um formale Interviews, sondern eher Gesprächsnotizen, ein Telefonat oder eine Email, ist die Belegweise "Schulze, persönliche Kommunikation, 20. Juni 2012" inzwischen üblich.

Im Idealfall dokumentieren Sie das gesamte Interview im Anhang in Form eines Transkripts. Ein Transkript ist die wörtliche Niederschrift der Ton- (oder gar Video-) Aufzeichnung -- wenn Sie denn eine gemacht haben.

Es ist auch möglich, Interviews nur mit einem Notizbuch zu führen. Diese Art Aufzeichnung ist natürlich nicht so genau; und sie verlangt etwas Übung -- Sie können ja nicht nur schreiben, Sie müssen auch das Gespräch führen; und wer kein Steno kann, ist möglicherweise sehr langsam beim Notieren. Aber nicht jeder Interviewpartner erlaubt eine Bandaufzeichnung. Manchmal stört sie die Gesprächsatmosphäre.

Ein simples "Abtippen" ist Transkription nicht. Sie können ein Gespräch mit allem, was dazugehört, nicht 100-prozentig in Textform wiedergeben. Bei den nichtverbalen Aussagen und Reaktionen, beim Gesprächskontext usw. ist das klar. Aber selbst das Gesagte erscheint bei vielen Transkripten nicht ganz so, wie es tatsächlich gesagt wurde.

Bei manchen Transkripten ist es nur eine sinngemäße Zusammenfassung. Bei anderen ist das Gesprächsprotokoll zwar wörtlich, aber sprachlich "geglättet": Nur wenige Menschen sprechen druckreif. Die im mündlichen Verkehr üblichen Stummelsätze, grammatisch chaotischen Bandwurmsätze, Verhaspelungen und Versprecher, die im Gespräch gar nicht weiter auffallen, sind bei einer penibel wörtlichen Niederschrift hinterher ein Graus: nämlich schlicht unlesbar!

Manche Wissenschaftler haben an der genauen sprachlichen Ausdrucksweise ein großes Interesse, Sprachforscher, Psychologen und Soziologen etwa. Da zählen auch die "Ähs" und "Mmmhs" und das Gestammel. In einer verwaltungswissenschaftlichen Abschlussarbeit ist das wahrscheinlich nicht so, da geht es um andere "Inhalte".

Sie werden sich also bei der Transkription eher darum bemühen, die Sätze möglichst nah an der wörtlichen Aussage, aber dennoch lesbar ins Schriftliche zu übertragen. Aus unvollständigen werden vollständige Sätze, Versprecher werden beseitigt usw. Das ist dann aber alles schon Interpretation -- oder um es ganz krass auszudrücken, Sie sind dabei, die Wirklichkeit zu verfälschen, zumindest zu verändern, Sie greifen in die Aussagen direkt ein. Machen Sie sich also klar, welche Entscheidungen Sie bei einer Transkription fällen müssen, welchen Regeln Sie folgen. Wichtige Hinweise dazu gibt das kleine "Praxisbuch Transkription" von Dresing und Pehl.

Transkription ist enorm zeitaufwändig und mühsam, sie erfordert äußerste Konzentration und penibles Redigieren und ständiges Überprüfen. Inzwischen gibt es Software (siehe dazu ebenfalls das "Praxisbuch"), aber der Computer nimmt Ihnen die Arbeit nicht vollständig ab. Für ein einzelnes Interview, das eine Stunde dauert, kann der Transkriptionsaufwand - je nach Methode - schon eine oder mehrere Tage in Anspruch nehmen.

Braucht man ein vollständiges Transkript? Die Frage hat zwei Seiten:
  • erstens die nach der eigenen Auswertung des Gesprächs, 
  • zweitens die nach der Dokumentation in der Abschlussarbeit.
Bei der eigenen Auswertung mag es ausreichen, die Aufzeichnung mehrfach abzuhören und dann die wertvoll erscheinenden Auszüge (also das, was Sie wörtlich zitieren wollen) zu transkribieren. Den Rest fassen Sie zusammen (am besten mit Notieren des Zeitzählers). Merken Sie später, dass Sie noch einmal zurück zur Aufzeichnung müssen, ist das ja kein Problem.

Dies gilt für "normale" Interviewauswertung. Wenn Sie anderes vorhaben -- z.B. eine formale und quantitative Inhaltsanalyse --, werden Sie dagegen ein Voll-Transkript benötigen. Wenn Sie sehr viele Interviews führen, fällt es schwer, die Übersicht über die Inhalte zu behalten. Nutzen Sie in einem solchen Fall z.B. Citavi oder eine andere mit Literaturverwaltung gekoppelte Wissensmanagement-Software, in der Sie Ihre Notizen und Zusammenfassungen komfortabel speichern und im Volltext suchen können.

Bei der Dokumentation müssen Sie mit dem Betreuer sprechen. Bei einer Bachelor-Arbeit gibt es nur 8-12 Wochen Bearbeitungszeit. So sollten Sie den Betreuer fragen, ob er auf vollständigen Transkripten besteht, die im Anhang abgedruckt werden müssen.


Meine persönliche Auffassung ist: Das muss nicht unbedingt sein, und der Zeitaufwand geht klar zu Lasten aller anderen Aufgaben, die bei einer Thesis zu erledigen sind. Wenn wir Studenten bei einer kurzen BA-Thesis dazu ermutigen wollen, selbst zu forschen, dann geht das nur unter eingeschränkten Ansprüchen. Allein die Vorbereitung, Terminvereinbarung, Durchführung, inhaltliche Auswertung von Interviews, Autorisierung (s.u.) der Zitate und das "Einbauen" in den Text kostet viel Zeit. Wenn ein Student von 8 Wochen BA-Bearbeitungszeit eine Woche netto nur mit Transkribieren beschäftigt ist, ist das arbeitsökonomisch fragwürdig.

Bei einer Master-Arbeit mit längerer Bearbeitungszeit ist der höhere Aufwand eher gerechtfertigt. Ich hatte auch schon Master-Studenten, die unbedingt Volltranskripte erstellen wollten -- weil sie in ihrer Literatur selbst von Transkripten anderer als Quellen profitiert haben und nun ihrerseits einen Beitrag zur Fortentwicklung des Themengebiets leisten wollten. Ehrenhaft.

Als Letztes: In der Regel wollen Interviewpartner das Transkript lesen und autorisieren, manchmal auch nachkorrigieren. Zumindest die Passagen, mit denen sie  tatsächlich zitiert werden.

Ob Sie das anbieten oder darauf eingehen, ist Ihre Entscheidung. Sie müssen sich mit dem Gesprächspartner auf Spielregeln verständigen, und zwar vorher! Es kann zwar sein, dass der Gesprächspartner einige zugespitzte Aussagen wieder "kassiert". Dann müssen Sie möglicherweise verhandeln, "was geht", wenn Sie die Passage "retten" wollen. Andererseits hat der Interviewpartner aber auch ein legitimes Interesse daran, dass er nicht in seinem eigenen Umfeld Ärger bekommt, weil er mit Ihnen gesprochen hat. Zur Not ist die Anonymisierung der Aussagen eine Lösung -- manchmal geht es nicht anders, und manches Interview findet nur unter dem Mantel der Anonymität statt. Zudem ist es so, dass sich in Transkripte Fehler einschleichen. Manchmal versteht der Interviewende etwas falsch, oder der Interviewte hat spontan eine fehlerhafte Aussage gemacht. Das Gegenlesen ist dann die Chance zur Korrektur oder Präzisierung. Das ist also nicht nur als Einschränkung, sondern auch als Verbesserungsmöglichkeit zu sehen.

Und noch einmal zum Zeitmanagement aus der Forschungspraxis:
  • Wenn Sie eine halbe oder eine Stunde mit einem Interviewpartner sprechen, entsteht daraus ein seitenlanges Volltranskript. 
  • Wenn Sie dem Interviewpartner nun Ihre 5 oder 10 Seiten zum Gegenlesen schicken, mag es viele Wochen dauern, bis das "OK" kommt. Wenn es sich um vielbeschäftigte Leute handelt, können Sie noch so drängeln -- das Lesen und Prüfen und Korrigieren eines solchen Transkripts hat geringe Priorität, ist mühsam und wird eben gern immer wieder verschoben. Das Risiko des Zeitverzugs aber tragen Sie! Und es hilft Ihnen nichts, wenn Sie für Ihre BA-Thesis 10 Interviews führen, aber bei fünf davon liegen die Transkript-Autorisierungen erst Tage oder Wochen nach Ihrem Abgabetermin vor.
  • Die Chance einer schnellen Autorisierung steigt, wenn der Interviewpartner nur ein paar Absätze mit Einzelzitaten überfliegen muss. Das spricht also auch dafür, kein Volltranskript im Anhang der Arbeit zu dokumentieren, weil es dann eben auch einer Abnahme/Abstimmung desselben bedarf. 

Will Ihr Betreuer unbedingt Volltranskripte, aber Sie möchten das Zeitproblem bei der Autorisierung beherrschen, wäre noch ein Kompromiss möglich: Sie lassen nur die tatsächlich verwendeten Zitate autorisieren. Die Volltranskripte kommen in den Anhang, werden aber für das Bibliotheksexemplar Ihrer Thesis gesperrt ("Sperrvermerk"), sind also für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Siehe auch die Posts:
Literaturtipp zur Transkription:

Dresing, T. & Pehl, T. (2011). Praxisbuch Transkription. Regelsysteme, Software
und praktische Anleitungen für qualitative ForscherInnen.
3. Auflage. Marburg: Dr. Dresing und Pehl GmbH. Online auf http://www.audiotranskription.de/Praxisbuch-Transkription.pdf [28.06.2012].

28. Juni 2012

Selbst forschen: Umfragen, Interviews, Dokumente auswerten und belegen

In einer Abschlussarbeit selbst empirische Daten erheben und untersuchen -- das ist echtes Forschen und (leider) in vielen Fächern selten der Fall. Vor allem bei Bachelor-Arbeiten, denn eigentlich ist die Bearbeitungszeit viel zu kurz. Eine Studentin der Verwaltungswissenschaften will es aber wagen und hat in einem Landkreisamt gute,praktische Forschungsobjekte. Nun grübelt sie aber über diese Fragen:
  1. Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)?
  2. Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)?
  3. Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg?
Der Antwort sei vorausgeschickt:
  • Es führt kein Weg daran vorbei, das mit dem Betreuer detailliert zu besprechen. Persönliche Vorstellungen und Vorlieben, wie empirische Daten und Methoden zu dokumentieren sind, variieren erheblich. 
  • Gerade bei BA-Arbeiten sind viele Betreuer willens, pragmatisch Ansprüche herunterzuschrauben und Kompromisse bei einigen Dokumentationsstandards einzugehen, um die Belastung bei der extrem kurzen Bearbeitungszeit zu senken. Siehe dazu auch den Blogbeitrag:  "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.10)
  • Lesen Sie im Detail nach, was Handbücher und Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur empirischen Sozialforschung dazu sagen.

Onlineumfragen

Frage 1. Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)?

In jedem Fall muss klar erkennbar und nachvollziehbar sein, wie Sie zu den Daten gekommen sind. Der Leser soll Relevanz und Aussagekraft Ihrer Datenbasis beurteilen können. Das "Projektdesign" und Konzept der Umfrage ist im Text (Methodenteil) präzise zu erläutern. Dazu gehören die Entwicklung der Fragen, Auswahl und Rekrutierung der Befragten, Erhebungsmethode, Ablauf der Durchführung usw. Eher "technische" Angaben und ein Verlaufsprotokoll können z.T. in den Anhang ausgelagert werden.

Der Anhang ist auch eine gute Lösung, um die gesamten Rohdaten aus der Umfrage zu dokumentieren. Das sind ja oft große Tabellen, die man nicht unbedingt im Haupttext haben möchte. Im Anhang lassen sich die Daten aber in der Gesamtheit überblicken. Außerdem können Sie im Anhang z.B. Ihr Anschreiben an die Befragten dokumentieren

Im Hauptteil der Arbeit ist es meist sinnvoll, sich in der Darstellung und Diskussion jeweils einzelnen Ergebnissen zuzuwenden (Thema für Thema) und bei zusammenfassenden Übersichten mit Diagrammen zu arbeiten. Grafiken sind chic, aber nicht für alles benötigen Sie eine farbstrotzende Torte, Säulen, Stäbe oder Kurve: Übersichtliche Tabellen sind häufig eine gute Alternative und ebenso leicht zu erfassen. Wenn Sie dennoch ein Diagramm wählen, überprüfen Sie, welches Diagrammformat die Information am besten vermittelt.

Diagramme sollten eine hohe Informationsdichte haben. Unverzichtbar ist es bei Grafiken, nicht nur mit Prozentangaben, sondern auch mit absoluten Zahlen auszuzeichnen, Achsen und Skalen genau zu beschriften, eine Legende anzulegen, in der Diagrammbeschriftung die Grundgesamtheit (N) zu benennen, fehlende Daten oder "keine Antwort" anzugeben usw.

Wenn Sie eine Online-Umfrage durchführen, nutzen Sie wahrscheinlich ein Web-Tool. Solche Software hat meist eine Standardausgabefunktion für Tabellen und Grafiken. Schauen Sie sich diese genau an, und überprüfen Sie, ob und wie Sie diese verändern können. Manchmal ist es sinnvoll, die Daten in Excel zu importieren, weil Sie dort mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben.


Schließlich gibt es in Befragungen auch Optionen freier Texteingabe. Daraus können Sie wörtliche Zitate entnehmen. Achten Sie in der Belegweise darauf, dass der Leser diese nicht mit Literaturzitaten verwechseln kann.

4. April 2012

Aufsätze mit "Peer Review"

Bei der Literaturrecherche verlangt Ihr Professor, dass Sie bitteschön Forschungsaufsätze aus wissenschaftlichen Fachzeitschriften mit "Peer Review" heraussuchen sollen. Und nachweisen sollen Sie das auch noch.

Dummerweise gibt es keine Kataloge und Recherchetools, mit denen sich die Aufgabe leicht lösen lässt. Und Fachzeitschriften haben kein einheitliches Format oder Symbol, mit dem "Peer Review" angezeigt wird. Was das ist, ist für Studenten ohnehin ein Rätsel. Der Professor murmelt nur etwas von "Königsklasse" der wissenschaftlichen Qualität. Aber warum soll das besser sein als ein Buch oder ein sonstiger richtig guter Artikel?

Schnelleinstieg 1: Was ist "Peer Review"? 

Um in der "scientific community" Akzeptanz zu erhalten, richtet eine wissenschaftliche Fachzeitschrift ein Herausgeber- oder Redaktionsgremium ("editorial board") aus Wissenschaftlern ein. Es sind also keine Fachjournalisten und Profiredakteure, sondern Professoren und Forscher, die die akademische Güte garantieren sollen. Oft wird eine Fachzeitschrift von einer wissenschaftlichen Fachvereinigung herausgegeben, die rekrutiert ihre Leute also genau aus diesem Verein.

In einem solchen Gremium zu sein, bedeutet Prestige, wissenschaftliche Reputation -- und ein Quäntchen Macht über das, was die Fachdisziplin diskutiert. Das ist nicht nur ein Beirat, wie ihn praxisorientierte Zeitschriften oft haben.

Davon ist aber der Begutachtungsprozess getrennt zu sehen. Zwar entscheidet letztendlich das Redaktionsgremium, aber es bindet sich selbst an ein bestimmtes Verfahren: eben den "Peer Review". Es gibt auch andere Bezeichnungen. Englisch wird neben "peer-reviewed journal" auch von "juried journal" oder "refereed journal" gesprochen.

Mit "Peers" sind Kollegen gemeint -- Wissenschaftler sollen Wissenschaftler begutachten. Die "Reviewer" sind externe, unabhängige Gutachter. Auch als Reviewer tätig zu sein, ist ein Reputationsgewinn -- Honorar gibt es dafür sehr selten. Sie prüfen die eingereichten und vom Redakteur vorgeschlagenen Artikel, sie geben Hinweise und Korrekturtipps für den Autor, der den Aufsatz dann noch einmal überarbeiten kann (oder muss).


Nur wenn die Gutachter der Veröffentlichung zustimmen, wird veröffentlicht. Das Prestige einer Publikation ist oft umso höher, je höher die Ablehnungsquote ist.

Damit die Gutachter wirklich unabhängig sind, werden die Aufsatzvorschläge oftmals anonymisiert. Die Reviewer sind also "blind", sie wissen nicht, wer den Text geschrieben hat. Meist wird der Text von mehreren Personen  begutachtet.

Das ist ein ziemlich großer Aufwand, und das Verfahren dauert viele Monate; manchmal sogar Jahre. Ein halbes Jahr kann man meist rechnen, wissenschaftliche Zeitschriften sind also nicht brandaktuell. Bei den veröffentlichten Aufsätzen findet sich daher oft eine "article history", die anzeigt, wann der Aufsatz einging, wie er durchs Verfahren lief, wann er endgültig akzeptiert wurde. So kann man die Publikationsgeschichte etwas nachverfolgen und sehen, wie aktuell er ist.

Schnelleinstieg 2: Wie stellt man fest, ob die Zeitschrift einen "Peer Review" hat? 

Die "article history" gibt schon mal einen ersten Hinweis ("revised" heißt, der Autor musste wegen Gutachterkritik etwas ändern und neu einreichen; "accepted" heißt Annahme in der endgültigen Form.) 

Wenn Sie den Aufsatz in einer Zeitschriften-Datenbank finden, achten Sie auf Hinweise und Symbole. In manchen Datenbanken können Sie explizit nach "peer-reviewed scholarly journals" suchen (und alles andere von der Suche ausschließen). 

Der beste Weg führt zur Homepage der Zeitschrift. Das ist nicht dasselbe wie die Datenbank, die die Zeitschrift führt! Auf der Internetseite finden Sie in der Regel
  • eine Beschreibung des Ziels der Zeitschrift und ihrer inhaltlichen Schwerpunkte,
  • eine Darstellung des Herausgebergremiums und ihrer Gutachter sowie der Verbindungen zu wissenschaftlichen Vereinigungen,
  • eine Darstellung der Redaktions- und Veröffentlichungsverfahren,
  • "Hinweise für Autoren", die dort veröffentlichen möchten,
  • "Calls for papers", d.h. aktuelle Aufforderungen an Wissenschaftler, Beiträge für eine künftige Ausgabe mit Schwerpunktthemen einzureichen.
Der Nachweis für Peer Review kann sich an unterschiedlichen Stellen verstecken. Meist  findet er sich bei den "Hinweisen für Autoren". Manchmal wird darüber nichts explizit gesagt, aber wenn es Reviewer/Gutachter gibt, dann wohl logischerweise auch ein Review-Verfahren.


Wichtig: Auch in einem "peer-reviewed journal" unterliegen nicht immer alle Beiträge einem Gutachterverfahren. Eine Zeitschrift kann z.B. mehrere Artikelkategorien haben: Forschungsaufsätze, kurze Beiträge zu Debattenforen, Leserbriefe, Buchrezensionen und Praktiker-Gastbeiträge, Mitteilungen von Fachverbände o.ä. In der Regel wird der Aufwand für den "Peer Review" nur für die großen Aufsätze, in denen Forschungsergebnisse präsentiert werden, betrieben.

Kontext


Was ist überhaupt eine "wissenschaftliche" Fachzeitschrift?



Ein bißchen Medienkunde: Schauen Sie einmal, was Wikipedia allgemein zu Fachzeitschriften und zur Untergattung der wissenschaftlichen Zeitschriften zu sagen hat.

Nicht alles, was als "Fachliteratur" klassizifiziert werden kann, ist eine Fachzeitschrift. Es gibt Fachbücher, Loseblattsammlungen, irgendwelche "Papers", Vortragsskripte, Präsentationen, Online-Dienste...

Eine Fz ist ein Periodikum, erscheint also regelmäßig (ob gedruckt oder online oder beides), und richtet sich an Experten. Experten können auch Praktiker sein. Tatsächlich gibt es viele Magazine, Wochen- und Monatsblätter oder sonstige Zeitschriftenformate, die vorrangig praxisorientiert sind -- oder sich an ein gemischtes Publikum aus Praktikern und Wissenschaftlern richten.

Eine streng wissenschaftliche Fachzeitschrift tut das nicht. Sie präsentiert vorrangig wissenschaftliche Forschungsergebnisse und führt akademische Debatten. Wissenschaftler schreiben für Wissenschaftler (ohne Rücksicht auf Studenten und Amateure). 

Typisch ist, dass die dortigen Aufsätze...
  • über neueste wissenschaftliche Erkenntnisse berichten (aktueller als die meisten Bücher)
  • immer Quellenbelege und ein langes Literaturverzeichnis haben
  • den Fachjargon ihrer Disziplin benutzen und typische Schlüsselbegriffe (key terms) ausweisen, mit denen Wissenschaftler z.B. den Bezug zu etablierten Theorien und Sachgebieten identifizieren
  • sich auf andere Wissenschaftler beziehen (Bezug zum Forschungsstand)
  • ausführlich Methoden und Datenanalysen diskutieren
  • einen langen, beschreibenden Titel haben (also selten "knackige" Headlines)
  • in der Regel deutlich länger als 5 Seiten sind.
Bei Praktiker-Fachzeitschriften werden sie das nicht in gleicher Weise finden. Dort sind die Aufsätze kürzer, Literaturbelege gibt es nicht oder nur wenige (im Sinne "weiterführender Literatur" als Lesetipps, nicht als Belegapparat), und der ganze Kontext ist weniger akademisch. Vielmehr bezieht er sich eher auf einen Beruf oder eine Branche, weshalb ich gern von praxisorientierten Branchen-Fachzeitschriften spreche.

Es gibt viele Merkmale, an denen Sie die Unterschiede zwischen wissenschaftlichen Fachzeitschriften, praxisorientierten Branchen-Fachzeitschriften und - im noch größeren Kontrast - Publikumszeitschriften leicht erkennen können (zum Vergrößern auf Tabelle klicken):

Unterschiede von Fachzeitschriften, erweiterte eigene Darstellung und angelehnt an eine Aufstellung der ProQuest-Datenbank (Scholarly Journals, Trade Publications, and Popular Magazines)

19. Dezember 2010

Interviews führen: Vom Umgang mit Experten

In Abschlussarbeiten befragen Studenten gelegentlich Experten zu ihrem Thema. Experteninterviews sind ein gängiges qualitatives Erhebungsinstrument in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Interviews kann man zum Beispiel verwenden, um Themen breit zu erkunden („exploratives“ Vorgehen) oder um bestimmte Thesen aus der wissenschaftlichen Literatur zu überprüfen.

Wichtig sind sie vor allem, wenn Sie während der Recherche wenig Schriftliches finden. Oder wenn Sie sich auf einen wenig bekannten Fall konzentrieren, z.B. eine Entscheidung in einem Betrieb oder etwas sehr Aktuelles. Zusammen mit anderen Quellen können Interviews flexibel zur Informationsbeschaffung dienen, wenn sie planmäßig und mit wissenschaftlicher Systematik geführt werden. Eine Alltagsplauderei sind sie ja nicht.

Bei Experteninterviews kommt es darauf an, das besondere Wissen der Experten anzuzapfen. Dabei geht es oft um Hintergründe einer Entscheidung oder eines Prozesses.

Wer sind die Experten? Experten sind manchmal unabhängige Beobachter, manchmal auch Entscheidungsträger und Beteiligte eines Sachverhalts, den man untersuchen will. Wer Experte ist, entscheiden Sie selbst – möglichst begründet.

Allerdings ist das erfolgreiche Führen von Experteninterviews Erfahrungssache. Erfahrung haben die meisten Studenten aber nicht. Viele Interviews gelingen auf Anhieb, weil die Gesprächspartner Studenten gegenüber offen sind und gern Auskunft geben. Aber manche Interviews sind nicht so ertragreich, wie sie sein könnten. Das ist dann enttäuschend. Manchmal kommt es sogar zu kritischen Situationen. Ein gewisses Risiko ist also immer dabei. Schließlich kosten Interviews viel Zeit für Vor- und Nachbereitung. Grund genug, sich solide über die Methode zu informieren.

Ein guter Einstieg sind Online-Einführungen zur Methode wie:
Auch die Bibliothek bietet einiges an Ratgebern zur empirischen Sozialforschung und speziell zu qualitativen Befragungen. Einfach mal im WebOPAC und im Regal stöbern, beispielsweise Atteslander (2008), Methoden der empirischen Sozialforschung – das Standardwerk erhält einen guten Überblick zur Interviewführung. Weitere Empfehlungen:
  • Bogner et al. (2005) Das Experteninterview: Theorie, Methode, Anwendung
  • Froschauer (2003) Das qualitative Interview
  • Nohl (2009) Interview und dokumentarische Methode: Anleitungen für die Forschungspraxis
  • Lehmann (2001) Das Interview. Erheben von Fakten und Meinungen im Unternehmen
  • Britten (2008) Interviews planen, durchführen, verschriftlichen
  • Gläser/Laudel (2009) Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse
  • Küsters (2009) Narrative Interviews: Grundlagen und Anwendungen
  • Martens/Ritter (2008) Eliten am Telefon: neue Formen von Experteninterviews in der Praxis.
Es gibt also eine ganze Menge Praxistipps, die die Konzeption und Durchführung von Experteninterviews sehr erleichtern. Sinnvoll ist es außerdem, sich einige Bücher, Aufsätze und Abschlussarbeiten anzusehen, die mit Experteninterviews gearbeitet haben. Im Methodenkapitel finden sich Erläuterungen, wie die Interviews zu Stande gekommen sind; im Haupttext lässt sich erkennen, wie der Autor Interviewzitate eingebettet und ggf. kommentiert hat.

Kein Experte ist wie der andere: 10 Typen, die man in Interviews trifft

Speziell mit dem Verhalten von Befragten im Interview beschäftigt sich ein lesenswertes Paper von Kerstin Martens und Michael Brüggemann (Uni Bremen) „Kein Experte ist wie der andere: vom Umgang mit Missionaren und Geschichtenerzählern“ (TranState working papers 39, 2006).
Die Rolle, die der Experte im Interview einnimmt, so unsere These, ist dabei letztlich mitentscheidend für den Erfolg und die weitere Verwertbarkeit der durch ein Interview gesammelten Antworten. (...)

Der Beitrag entwickelt eine Typologie unterschiedlicher Interviewpartner und stellt deren jeweilige Besonderheiten dar. Experten lassen sich nach ihrem Kommunikationsstil (detailverliebt, anekdotenhaft, abstrahierend, ausweichend, contra-faktisch) und nach ihrer Intention, an einem Interview teilzunehmen (Informationsweitergabe, Persuasion), unterscheiden. 
Entlang dieser beiden Dimensionen lassen sich zehn Typen von Experten unterscheiden. Eine solche Typologie hilft, Herausforderungen an eine Interviewsituation (Zeitmanagement, Faktensammlung, Ermittlung von Meinungen) frühzeitig zu erkennen und Interviewstrategien (aktives Zeitmanagement, Konkretisierung, Konfrontation, Bekenntnisstrategie, Versachlichungsstrategie) zu entwickeln, um möglichen problematischen Verhaltensmustern, die solche Experten zeigen, entgegenzuwirken.“
Die beiden Forscher stellen ihre Ergebnisse in dieser Tabelle dar (um sie zu verstehen, sollte man allerdings den Text lesen):



Die beiden haben 10 Typen beschrieben, die man allerdings in Reinform in der Realität nicht antreffen wird. Die charakteristischen Verhaltensweisen haben die Autoren zugespitzt und abgegrenzt. Ihnen geht es um eine grobe Skizze. Außerdem lassen sie die „unproblematischen“ Interviewpartner außen vor, also das Glück eines Forschers, auf stets bereitwillig, umfassend und systematisch antwortende Experten zu treffen. Ihnen geht es mehr um diejenigen, die dem Interviewer Probleme bereiten können.

    Der Bürokrat

    Zunächst gibt es da fünf eher Informations-orientierte Typen. So trifft man häufiger den „Bürokraten“, insbesondere im staatlichen Verwaltungsbetrieb. Der ist rational und stets auf Korrektheit bei Details bedacht, hält aber seine eigene Meinung hinterm Berg. Der Interviewer erhält sachliche, technisch detailgenaue Infos.

    Das Problem: Bürokraten überfrachten das Interviews mit zu vielen Einzelheiten, und plötzlich kommt der Interviewer nicht mehr zu wichtigen Fragen, weil die Zeit abgelaufen ist. Die Herausforderung liegt insbesondere beim Zeitmanagement der Gesprächsführung. Außerdem muss man ganz schön drücken, um die Befragten zu eindeutigen Bewertungen und Preisgabe persönlicher Einstellungen zu bewegen.

    Der Geschichtenerzähler

    Dann sind da die Geschichtenerzähler. Sie sind sehr kommunikativ und plaudern munter drauflos. „Geschichtenerzähler antworten auch auf einfache Faktenfragen mit einer Anekdote, die aufschlussreich sein soll, aber nicht unbedingt den Sachverhalt trifft.“ Wie die Bürokraten verlieren sie sich oft im Detail. Unterbrechen lassen sie sich nur schwer. Wo bleibt dann der rote Faden im Interview? Auch hier ist Zeitmanagement kritisch. Andererseits sind die konkreten Beispiele und „Geschichten“ oft wertvoll, manchmal faszinierend.

    Der Analytiker

    Der Typ Analytiker findet sich oft bei Wissenschaftlern. „Sie nehmen den wissenschaftlichen Fragern viel Arbeit ab, denn sie abstrahieren und synthetisieren Information.“ Aber gerade weil sie das tun, wandert das Interview weg von konkreten Fakten, Details und genauen Beschreibungen hin zu allgemeinen Interpretationen. Der Analytiker will sich nicht einfach befragen lassen, sondern greift mitten hinein in die Forschungsarbeit des Interviewers („Mit dieser Frage wollen Sie sicherlich herausfinden, warum … Nun, das ist so...“).

    Der Skeptiker

    Skeptiker sind misstrauisch. Das sind Leute, die eher ungern kommunizieren und repräsentieren. Vielleicht haben sie ins Interview nur eingewilligt, weil ein Vorgesetzter das so wollte oder sie sich aus anderem Grund nicht entziehen mochten. Der Skeptiker will genau wissen, welche seiner Aussagen wie verwendet werden; diskutiert über die Spielregeln des Interviews oder sperrt sich auch mal bei Fragen. Er weicht aus, verweist auf andere, bleibt im Allgemeinen oder erzählt Selbstverständliches, gibt nichts Konkretes heraus. Konkrete Informationen muss man ihm aus der Nase ziehen – und scheitert bisweilen an dem Sturkopf.

    Der Pädagoge

    Hilfreicher sind die Pädagogen. Sie geben gern Infos und verpacken sie schön. Der Interviewer wird zum Schüler, den man belehren muss und für den man – zum Beispiel mit fiktiven Beispielen – Erklärungen der Wirklichkeit parat hat. Gut gemeint, aber für den Interviewer ist das eine Falle. Statt sich auf den Sachverhalt in der Realität zu beziehen, präsentiert der Pädagoge unpassende und ablenkende Beispiele. Immerhin ist der Mitteilungsdrang der Pädagogen so groß, dass man gut beim Konkreten nachfassen kann.

    Der Besserwisser

    Nun kommen die Autoren zu den fünf Typen, die eher überzeugen als Infos liefern wollen. Wer vor allem Fakten sammeln will, hat es mit diesen eher schwer. Dafür kann man bei Ihnen einiges zur Ideologie, zu Weltbildern, Perspektiven und Meinungen einsammeln. Weil sie aber überzeugen wollen, manipulieren sie den Interviewer aber auch immer ein bisschen. Und manchmal auf ziemlich dreiste Weise.

    Besserwisser geben gern ein Interview und wollen dabei zeigen, wie gut sie im Thema stehen. Sie sehen sich ja selbst als Experten und wollen auch so behandelt werden. „Die Anfrage nach einem Interview überrascht den Besserwisser nicht, sondern es erscheint ihm ganz natürlich befragt zu werden“. Nur sind sie leider Egozentriker. Statt auf Fragen zu antworten, wollen sie das Interview dominieren („Also wissen Sie, eigentlich ist das gar kein Thema für ein Forschungsprojekt, ich habe ja auch promoviert und …“). Der Besserwisser kritisiert dann schon mal ausführlich die Formulierung der Fragen. Auf einfache Sachfragen kommen nicht konkrete Aussagen, sondern viel Meinung.

    Außerdem neigen sie zur Anspielung: „Sie deuten ihr Insiderwissen an, geben es aber nur in kleinen Häppchen preis. Wenn sich die Fragende auf diese Strategie einlässt, wird sie gegebenenfalls zu interessanten Einsichten in die Weltsicht der Besserwisser kommen, aber möglicherweise von den eigentlichen Fragen abkommen.“ Immerhin plaudert der Besserwisser gern über Interna, wenn er sich damit selbst in ein gutes Licht setzt.

    Der Missionar

    Für den Typ Missionar ist das Interview ein Medium, um seine „Botschaft“ einem größeren Publikum zu vermitteln. Sehr gesprächig, mogelt er sich aber gerne um die eigentlichen Fragen herum und kommt immer wieder zu seiner „Botschaft“ zurück. Dadurch sinkt dann schnell der Informationswert  des Interviews. „Die Parabel ist ein wichtiges Element ihres Kommunikationsstil, allerdings ist Missionaren die Moral der Geschichte wichtiger als die sachliche Präzision.“

    Der Verkäufer

    Verwandt sind die Missionare mit dem Verkäufer. „Verkäufer sind die säkularisierte Form des Missionars. Oft findet sich dieser Typus in den mit der Außendarstellung befassten Stellen einer Organisation. Verkäufer wollen überzeugen, aber ihre Dogmatik bezieht sich weniger auf quasi-metaphysische Überzeugungen als auf ihr professionelles Interesse, ihre Institution ins beste Licht zu stellen.“ Ein Interview ist die Chance für ein „Verkaufsgespräch“. Verkäufer sind offen, hilfsbereit, vermitteln weitere Ansprechpartner.

    Unangenehm wird es dann aber bei kritischen Fragen. Das haben die Verkäufer nicht so gern, sie weichen aus und flüchten ins Abstrakte. „Insgesamt ist von ihnen eher unvollständige Information zu erwarten beziehungsweise von ihnen selektiv instrumentalisierte Information.“ Und wenn sie plaudern, stellt man hinterher fest, dass man die Infos genauso gut anderswo hätte bekommen können.

    Der Zyniker

    Weiter gibt es noch die Zyniker. Das sind die „Anti-Verkäufer“. Sie sind sehr nützliche Informationsquellen, weil sie gern und viel darüber reden, was schief läuft, was frustriert, was anders gemacht werden sollte. Sie sind so einseitig und ausweichend wie der Verkäufer, nur seitenverkehrt. 

    „Häufig lassen Zyniker ihrer Frustration freien Lauf, insbesondere wenn sie den Eindruck haben, nichts mehr verlieren zu können – daher fürchten sie auch nicht, dass ihnen ein Interview noch schaden kann. Sie glauben, die von der Organisation aufgrund ihrer Funktion und Position vorgegebene Rolle nicht mehr spielen zu müssen, weil sie sich schon am Ende ihrer persönlichen Karriereleiter sehen oder kurz vor der Pensionierung stehen.“

    Der Haken: Zyniker übertreiben, ohne dass man es merkt. Sie sind nicht immer so differenziert und sachlich, wie man es als Interviewer gern hätte.

    Der Demagoge

    Schließlich sind da die Demagogen. Eher eine seltene Spezies, weil sie an tiefschürfenden Einzelgesprächen mit Wissenschaftlern eher wenig Interesse haben und weniger oft Interviews geben. Sie hätten lieber ein großes Publikum. Das sind öfter große Tiere, an der Spitze einer Organisation, politische Leute. Im Interview sehen auch sie die Chance, das Bild in der Öffentlichkeit zu steuern oder den Forscher auf ihre Seite zu ziehen. „Sie wollen überzeugen, sind dafür aber auch bereit, bewusst Unwahrheiten zu verbreiten und zu manipulieren. Sie werden viel Negatives und Insiderwissen über ihre Gegenspieler verbreiten und vor keiner Übertreibung zurückschrecken. Über das eigene Verhalten und die eigene Gruppe werden sie entweder schönfärberisch oder zurückhaltend Auskunft geben.“ 

    Beim Gespräch muss man also auf der Hut sein. Die Demagogie und Irreführungen muss man erkennen. Sehr aufschlussreich kann das schon sein, wie da jemand argumentiert. Nur ist es schwierig, alles zu entschlüsseln, was der Interviewpartner einem erzählt. Was die Wahrheit ist und was nicht, das bleibt oft im Nebel.

    Strategien für den Umgang mit den Expertentypen

    Wie geht man nun mit diesen Typen um? Wie führt man das Interview so, dass der Ertrag groß ist und die Fallen vermieden werden? Wie lockt man die zögerlichen Experten aus der Reserve? Kann man spielerisch provozieren? Wie kommt man zurück auf den eigenen Interview-Leitfaden, den eigenen Fragenkatalog? Wie fragt man nach, um Konkretes zu bekommen? Wie unterbricht man einen Redeschwall und managt die zur Verfügung stehende Zeit? Wie wechselt man geschickt das Thema?

    Darüber haben die Autoren auch einiges zu sagen.
    „Informationsvermittlern kann mit einer Bekenntnisstrategie entgegnet werden; Experten, deren Intention es ist, die Forscherin von einem ihnen wichtigen Inhalt zu überzeugen, sollte man mit einer Versachlichungsstrategie entgegentreten. Drei weitere Strategien betreffen jeweils eine Teilmenge der dargestellten Experten: Detailverliebten und anekdotenreichen Erzählern muss mit aktivem Zeitmanagement begegnet werden. Abstrahierende und ausweichende Experten können mit der Konkretisierungsstrategie festgelegt werden. Wenn der Wahrheitsgehalt von Aussagen in Frage steht, hilft möglicherweise eine Konfrontationsstrategie.“ (Mehr dazu im Paper)