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10. Februar 2016

Deutsches Buch, englisches Original – was und wie zitieren?

Ein Student aus Österreich möchte in seiner Abschlussarbeit ein englisches Fachbuch von 1997 zitieren, hat aber nur die deutsche Ausgabe von 2001 auf dem Tisch. Es ist ihm aber aus fachhistorischen Gründen wichtig festzuhalten, dass das Werk 1997 erschien. Er fragt:

"Ich könnte nun einfach aus meiner deutschen Übersetzung von 2001 zitieren und diese in meiner Arbeit mit 1997 kennzeichnen. Abgesehen davon, dass man nicht sicher sein kann, dass der deutsch-sprachige übersetzte Inhalt auch 1:1 so im englischen Original vorkommt, scheint mir dieses Vorgehen nicht wissenschaftlich korrekt. Oder könnte man das notfalls auch machen?"

Und weiter: "Eine andere Vorgehensweise, die ich bereits in einer anderen Dissertation zur selben Problematik gesehen habe, ist, dass bei der  Erstnennung des Werks im Text beide Jahrzahlen angegeben werden: '[...] (Autor x, 1997, 2001).' Bei allen weiteren Erwähnungen dieses Werkes  wurde dieses es dann nur noch mit 'Autor x, 1997' angegeben und auf 2001 wurde kein weiteres Mal mehr Bezug genommen. Im Literaturverzeichnis wurden dann jedoch wieder beide Werke hintereinander angegeben, zuerst das englische Original von 1997 und gleich im Anschluss die deutsche Übersetzung von 2001. (beim Lesen dieser Dissertation hatte man den Eindruck, dass dem Autor ebenfalls nur die deutsche Übersetzung von 2001 vorlag und nicht das Original aus 1997)"

Die beschriebene Vorgehensweise in der Dissertation ist seltsam. Korrekt ist tatsächlich nur, das zu zitieren, was man vor Augen hat. Augenwischerei ist nicht statthaft. 

Wenn man etwas aus der deutschen Ausgabe 2001 entnimmt, muss man auch genau diese belegen! Dass es ein englischsprachiges Original von 1997 gab, ist eine vielleicht fachlich wichtige Einordnung, aber bibliographisch eine nicht weiter notwendige Zusatzinformation. Sie hat mit dem eigentlichen Quellenbeleg formal nichts zu tun.

Es ist aber grundsätzlich völlig in Ordnung, die deutsche Ausgabe zu zitieren. Übrigens sind vier Jahre Verzug bei der Übersetzung wissenschaftlicher Bücher keine lange Zeit.

Grundsätzlich kann man auch davon ausgehen, dass eine Übersetzung tatsächlich eine 1:1-Übersetzung ist -- wenn es eine gekürzte, veränderte oder erweiterte Ausgabe ist, sollte der Verlag das im Buch explizit angeben. Vielleicht hat der Übersetzer auch entsprechende Anmerkungen beigefügt.

Richtig ist, dass eine Übersetzung nicht nur sprachlich, sondern teilweise auch dem Sinn nach zu Veränderungen führen kann, die die Originalautoren vielleicht gar nicht beabsichtigt hatten. Manchmal ist das Original wirklich besser. Wer ganz sicher sein will, dass ein bestimmter Begriff oder eine Phrase so oder so auch im Original formuliert wurde und das Original zitieren will, muss sich definitiv das Original besorgen, etwa über die Fernleihe aus einer anderen Bibliothek. (Oft kann man solche Original-Checks aber auch leicht bei GoogleBooks oder in der Amazon-Vorschau vornehmen.)

Inhaltlich kann man das Problem aber ganz einfach im Text auffangen, Beispiel:
"1997 stellten Smith und Wesson in ihrem in Fachkreisen viel beachteten Buch The .357 Magnum Six Shooter (deutsch 2001 als Der Sechsschüsser im Magnum-Kaliber) ihr neues Modell vor. Sie betonten: "Blah blah blah, blah blah" (Smith & Wesson, 2001, S. 38)." 
Wenn es also fachlich wirklich nötig ist, auf das Erscheinungsdatum des Originals hinzuweisen, dann muss der Autor das im Text tun – ggf. in einer Fußnote statt im Fließtext.

22. Juni 2014

"Zitiert nach" – Quellenbeleg aus zweiter Hand

Ein Student fragt: "Im Rahmen meiner Quellensuche und -analyse ist mir mehrfach aufgefallen, dass oftmals die Bücher/Autoren in den jeweiligen Fachbüchern auf andere Quellen verweisen oder auf anderen Quellen basieren. Hinzu kommt das oftmals sehr weit zurückliegende Publikationsjahr der zitierten Quellen. Meine Frage ist, ob ich im meinem Text immer die 'Ursprungsquelle' zitieren muss oder auch das mir vorliegende Fachbuch als Quelle nutzen kann?"

Wenn man das tut, dann IMMER mit der Angabe "zitiert nach", also z.B. Müller, 1985, S. 15, zitiert nach Meyer, 2009, S. 326 (und nicht einfach Meyer ohne Müller). Außerdem sind BEIDE Quellen mit vollständigen bibliografischen Angaben ins Quellenverzeichnis aufzunehmen, UND Müller ist auch im Quellenverzeichnis mit dem "zitiert nach" zu kennzeichnen.

Das ist, wohlgemerkt, nur eine Krücke – und sollte eine Ausnahme sein. Mit anderen Worten, wann immer es geht, gilt: zurück zum Original!

Ja, das bedeutet Mehrarbeit. Vor allem, wenn es sich um Fachzeitschriften oder längst vergriffene Bücher handelt. Dann heißt es suchen, suchen, suchen, in mehrere Datenbanken einsteigen, möglicherweise gar kostenpflichtige Fernleihaufträge in der Bibliothek abgeben oder bei "Subito" bestellen, weil die Originalquelle nur in seltsamen Repositorien aufzufinden ist...

Und das alles wegen eines Halbsatzes oder einer kleinen Zahl?!?

Kein Wunder, dass Studenten (und oft genug auch Profiautoren und Wissenschaftler) dazu wenig Lust verspüren. Das vermindert die Arbeitseffizienz. Und: Vielleicht ist das Zitatzitat nicht perfekt, aber "gut genug"...

Ausnahmsweise ist ein "zitiert nach" in Ordnung. Eine ganze Batterie von "zitiert nach"-Stellen ist aber ganz sicher kein Ausweis wissenschaftlicher Qualität.

  • Superclevere Studenten wissen das natürlich und verzichten auf die Markierung "zitiert nach", damit es so aussieht, als sei es ein Zitat und kein Zitatzitat -- in der Hoffnung, dass es keiner merkt.
  • Nicht ganz so clevere Studenten denken sowieso nicht darüber nach und kennen den Unterschied nicht einmal.

Warum lohnt es sich, die Mehrarbeit auf sich zu nehmen?
  • Es gehört schlicht zum Handwerkszeug, die Originalfundstelle aufzuspüren. Gerade in Abschlussarbeiten wird erwartet, dass Studenten in der Lage sind, sich über Lehrbuchliteratur und einfach zu beschaffende Sekundärliteratur hinaus Spezial-Quellen zu erschließen. 
  • Zitatzitate werden bestenfalls geduldet, wenn es einen guten Grund gibt (z.B. wenn es sich um nicht veröffentlichte Archivmaterialien handelt). Faulheit ist kein guter Grund.
  • Vorsicht ist geboten: Nicht jeder Autor zitiert formal und inhaltlich korrekt.
  • Jeder Autor hat seinen eigenen Filter, seine eigenen Selektionskriterien. Die entsprechen nicht unbedingt der aktuellen Rechercheabsicht.
  • Das Original kann eine wertvolle Quelle sein. Vielleicht gibt es beim Original viel wichtigere und bessere Textstellen als die, die zitiert wurden. Oder die Quelle führt zu weiteren Quellen.
  • Manchmal sind die Originalquellen veraltet. Besonders bei Zahlen, Daten, Statistiken gilt: Achtung! Auch bei nicht quantitativen Fakten könnte es sein, dass sich der Kontext geändert hat.
  • Es kommt nicht selten vor, dass sich Autor A bei Autor B bedient, der wiederum schon bei Autor C abgeschrieben hat. Dann handelt es sich um ein Zitatzitatzitat. In so einer Kette kommt es zu Unschärfen und Fehlinterpretationen -- ähnlich wie beim alten Spiel "Stille Post" -- und auch zu schlicht falscher Wiedergabe.


20. April 2013

Internetseiten -- sind das wirklich Quellen? Sind sie erlaubt?


Ein Student will "wissen, in wie fern wir nun bei unserer Belegarbeit Internetquellen benutzen dürfen. Nach meinem Wissen sind Internetseiten (Beispiel) nicht wirklich als Quellen anzusehen, oder liege ich da falsch? Die Themen sind alle sehr aktuell und daher wird es schwer sein immer Bücher zu finden."

Hmm, im Jahr 1993 wäre diese Frage noch normal gewesen, aber 2013... Welche Dozenten, Lehrer, Eltern haben da wohl früher mit mahnendem Zeigefinger vor dem Internet als Schmuddelkiste gewarnt...?

Für alles im Leben suchen wir Informationen im Web, aber nicht für eine Uni-Belegarbeit? Das wäre alltagsuntauglich. Heute reden wir ja eigentlich nur noch über unterschiedliche "Kanäle" für Inhalte -- ein Buch ist ein Kanal, das Internet auch, am Inhalt ändert es nichts.

Der springende Punkt ist doch nicht, dass eine Quelle digital und online verfügbar ist; sondern was sie für einen Charakter und Zweck hat. Es gilt, die Qualität zu beurteilen. Und dann geht es um die klassische Fragen nach "Zitierfähigkeit" (formale Qualität) und "Zitierwürdigkeit" (inhaltliche Qualität), die "im Internet" noch schwieriger zu beantworten sind als in der Bibliothek.


Pauschal ist "ein Buch" nie besser als "eine Internetquelle". Erstens gibt es ja auch Bücher, von denen man besser die Finger lässt: Dass es in einer Verlagsdruckerei hergestellt wurde und im Regal Ihrer Bibliothek Staub fängt, ist noch keine Qualitätsgarantie.

Zweitens gibt es auch ganze Bücher "im Internet", z.T. auch als mit der Druckversion identische Exemplare (wenn Sie in der SpringerLink-Datenbank ein Kapitel eines im Springer-Verlag erschienen wissenschaftlichen Werkes abrufen). Das gilt auch für viele andere Dinge, die es früher nur gedruckt gab -- etwa staatliche Dokumente und Publikationen wie die auf der von Ihnen genannten URL der Europäischen Kommission. Sie könnten auch nach Brüssel fahren und bei der KOM um eine Auskunft bitten; wahrscheinlich druckt man Ihnen dann aber auch nur das aus, was online zu lesen steht.

Vielleicht meinen Sie mit "Buch" nicht das Buch als Druckwerk per se, sondern "wissenschaftliches Buch". Also im Sinne von "Ergebnis wissenschaftlicher Untersuchung" und "akademisches Werk".

Klar, ein profundes Fachbuch eines renommierten Wissenschaftlers sieht in der Literaturliste einer studentischen Hausarbeit im Normalfall besser aus als irgendein Blogpost irgendeines Hobbyautors.

Aber die Frage ist doch, wonach man sucht.
  • Dabei geht es zum einen nicht nur um bevorzugte Formate oder Bequemlichkeit, sondern oft schlicht um Verfügbarkeit
  • Zum anderen geht es um den Untersuchungsgegenstand
  • Aus diesen Umständen ergibt sich der Zugang zu Quellen unterschiedlicher Art -- die ich natürlich alle kritisch zu prüfen habe.

Aktuelle Zahlen, Daten, Fakten...

Wer auf möglichst aktuelle "ZDF" aus ist, muss "im Internet" suchen. Wo denn sonst? Es gibt nur noch sehr wenige Bereiche, in denen (für breite öffentliche Benutzung gedachte) Informationen ausschließlich und zuerst in gedruckter Form vorliegen.

Wenn Sie Mitteilungen der Europäischen Kommission zur aktuellen Arzneimittelversorgung in der EU suchen, dann finden Sie diese online. Wenn Sie aktuelle Statistiken dazu suchen, finden Sie diese in den Fachpublikationen der Kommission, bei Eurostat o.ä. ebenfalls online. Wenn Sie Vergleichsdaten der Staaten haben möchten, finden Sie sie online bei den Stellen, die diese digital sammeln und auch den Auftrag haben, sie digital online zur Verfügung zu stellen.

Das sind (im Prinzip) seriöse Quellen für Daten und Dokumente, auch wenn sie "im Internet" stehen. Zudem sind es "primäre Quellen", und wenn Sie genau das brauchen, sind Sie "im Internet" genau richtig.

Die aktuellste verfügbare Zahl oder Aussage "im Internet" wäre mir ganz sicher lieber als eine veraltete in einem Buch; inbesondere dann, wenn das Buch nicht nur veraltet, sondern nur eine sekundäre oder tertiäre Quelle ist.

Denken Sie allerdings daran, dass Internetseiten unterschiedlich gut gepflegt werden. Auch auf professionell anmutenden Seiten großer Behörden, Einrichtungen und Unternehmen finden sich oftmals widersprüchliche oder veraltete Aussagen.

  • Achten Sie stets auf das Datum --  was Sie als erstes finden, ist nicht unbedingt tatsächlich die aktuellste Version. Wenn es eine externe Datenquelle gibt, suchen Sie die.
  • Überprüfen Sie die Plausibilität (z.B. aus dem Kontext oder Vergleich mit anderen Rubriken und dokumenten).
  • Hyperlinks sind praktisch, aber sind auch eine Falle: Sie führen oft zu Seiten oder Dokumenten, die nicht dieselbe Aktualität oder Verlässlichkeit haben wie die verlinkende Seite.
  • Bei der Neugestaltung oder dem Umzug von Internetseiten (Datenmigration) passieren oft Fehler, manche Seiten werden "vergessen".

Eine Batterie Zahlen und Fakten aus primären Quellen gibt außerdem in der Regel keine gute Antwort auf die Frage "was bedeutet das?" Eine systematische Einordnung, Beurteilung und Kontext werden Sie eher woanders finden. In wissenschaftlichen Studien etwa.

Wissenschaft gibt's nicht nur in Büchern

Wissenschaftliche Studien und Ergebnisse werden auch, aber längst nicht nur, in Büchern publiziert.

Für Studenten sind Bücher der erste übliche Zugang zur Wissenschaft. Wissenschaft begegnet ihnen ja zuerst als respektheischendes Lehrbuch. Ja, Bücherlesen ist wichtig. Bücher bilden auch den Stand der Wissenschaft ab. Aber: Studenten überschätzen Bücher.

Wissenschaftler bedienen viele Kanäle, nicht nur Bücher. Die Recherche nach wissenschaftlicher Literatur beginnt beim Buch, hört da aber nicht auf. Denn:
  • Bücher sind als Informationsvehikel sehr langsam.
  • Die meisten Wissenschaftler schreiben in ihrem Leben nur ein "richtiges" Buch, vielleicht zwei. (Gemeint sind Monographien.)
  • Viele Bücher sind Herausgeber-/Sammelwerke mit vielen Autoren, deren Einzelbeiträge sehr unterschiedliche Qualität haben. Oftmals sind sie nicht mal auf dem neuesten Stand, sondern wurden aus früheren Texten und Vorträgen des Autors "recycelt".
  • Bücher haben für viele Forscher keine Priorität. Für viele Fächer gilt sogar: Bücher sind die Ausnahme, nicht die Regel für wissenschaftliche Publikationen. 
Stattdessen publizieren Forscher hochspezialisierte Artikel in (Fach-) Zeitschriften, in Diskussionspapieren, in Konferenzbeiträgen, in Infodiensten von Instituten, in Blogs u.a. Das alles findet sich "im Internet", manchmal frei zugänglich, manchmal zugangsbeschränkt (aber verfügbar z.B. über die Zeitschriftendatenbanken der Bibliothek).

Für manche Wissenschaftler ist schnelle Öffentlichkeit wichtiger als für andere. Das sind vor allem die, die in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig sind (v.a. bestimmte Forschungsinstitute, Stiftungen und sogenannte Denkfabriken, siehe dazu z.B. das Branchenverzeichnis "ThinkTankDirectory", TT für Deutschland und für Europa). Dort wird im Wochentakt publiziert, es gibt viele frei zugängliche Schriftenreihen, Papers, Infodienste und Kurzstudien.

Für eine Seminar-Hausarbeit heißt das: Wenn Sie zeigen wollen, dass Sie richtig gut nach wissenschaftlicher Literatur gesucht haben, dann präsentieren Sie die ganze Bandbreite. 

In der Presse recherchieren -- wachsam und kritisch

Es gibt nicht zu allem und jedem bereits eine wissenschaftliche Untersuchung, schon gar nicht bei ganz neuen Themen, die sich schnell entwickeln.

Dennoch äußern sich Wissenschaftler dazu, ebenso wie andere Experten. In der Presse natürlich, deren Artikel Sie "im Internet" finden. Oder bei Veranstaltungen (z.B. Podiumsdiskussionen und Tagungen), die "im Internet" dokumentiert werden (oft in Newsletter- oder Blog-Form).

Allerdings: Wenn ein (hoffentlich fachkundiger) Professor etwas mit drei Sätzen in der Zeitung kommentiert, hat das natürlich nicht dieselbe Qualität wie eine eigenständig veröffentlichte Studie.

Ja: Es gefällt Professoren grundsätzlich nicht, wenn Studenten zu faul oder unfähig sind, in akademischen Quellen zu recherchieren. Das sollten Sie also immer tun. Eine Literaturliste, die nur aus ergoogelten Presseartikeln besteht, überzeugt nicht.

Aber mit rein akademischer Literaturrecherche kommen Sie bei aktuellen Themen ins kurze Gras. Dann kann es sein, dass Sie sich stark auf eine Presse-Recherche verlassen müssen. Das heißt, "im Internet" frei zugängliche Artikel oder über Presse-Datenbanken (NexisLexis, WISO, GBI-Genios).

Das ist ja auch fachlich sinnvollWirtschaftswissenschaftler sollen aktuelle Entscheidungen von Unternehmen und Entwicklungen auf Märkten und in Volkswirtschaften recherchieren, Politik- und Sozialwissenschaftler müssen Informationen aus der aktuellen Politik und Gesellschaft verarbeiten, usw. Praktisch heißt das doch, dass diese Informationen vorrangig "im Internet" zu finden sind, und dort nach wie vor häufig und einfach zugänglich in der journalistischen Berichterstattung.

Aber am Zwang, die Qualität beurteilen zu müssen, kommen Sie nicht vorbei. Denn:
  • Presseartikel beruhen oft nicht auf eigenen Recherchen der Journalisten, sondern auf PR-Quellen und Informationen aus zweiter und dritter Hand. 
  • Journalisten schreiben oft voneinander ab. Unter Zeitdruck googeln sie auch nur und kopieren, was sie "im Internet" finden.
  • Sie verzichten oft auf kritische Faktenkontrolle, die Überprüfung von Relevanz,  Vollständigkeit und Validität. Das gilt ganz besonders für Zahlen und Zitate!
  • Journalistische Arbeitsmethoden und Präsentationsformen anders sind als in der Wissenschaft. Journalisten sind eher Geschichtenerzähler -- ihnen genügt oft Plausibilität, sie brauchen keine wasserdichte Beweisführung. Sie berichten etwa von ein, zwei Fällen und behaupten dann einfach "Das ist kein Einzelfall..." Dem werden zwei, drei weitere Meinungen beigemischt, und fertig ist die Story. Das Resultat mag für den Leser informativ sein, aber Studenten sollten es stets kritisch beurteilen.
  • Richtig gut recherchierender Qualitätsjournalismus hat manchmal schon wissenschaftliche Qualität. Journalisten gehen in Archive, lesen Literatur, beschaffen gründlich und sorgfältig direkte Informationen und dokumentieren ihre Quellen penibel. Aber das ist selten.
Auf der Hand liegt außerdem: eine Sammlung von zehn knappen Meldungen, die zufällig aus beliebigen GoogleNews-Links kopiert wurden, ist sehr weit entfernt von einer systematischen Auswertung langer Hintergrundartikel aus führenden Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunksendern oder auch reinen Onlinemedien.

Presseartikel können für Sie ein Sprungbrett zu "besseren" Quellen sein. Zum Beispiel, wenn sich ein Journalist auf eine Entscheidung oder Handlung, ein Dokument, eine Statistik, eine Studie oder Expertenmeinung bezieht. Gehen Sie den Hinweisen nach, vervollständigen Sie die Infos. "Im Internet" können Sie oftmals die Originalquelle und weiterführende Materialien finden. Das ist eine klassische Ergänzungsrecherche.

Tipps zum Umgang mit Internetquellen 

Wenn Sie schließlich Ihre Quellen "im Internet" ausgewertet und verwendet haben, gibt es noch einige Besonderheiten beim Zitieren, Belegen und Auflisten zu beachten. Dazu finden sie noch Hinweise in älteren Posts:

7. Juli 2012

Selbstständige und unselbstständige Quellen im Literaturverzeichnis


"Sie haben angemerkt, dass selbstständige Quellen im Quellenverzeichnis der Belegarbeit in kursiver Schrift stehen. Was kann ich unter selbstständigen Quellen verstehen", fragt eine Studentin.

Ob sie kursiv gesetzt werden müssen, hängt vom Zitationsstil ab (bei manchen ja, bei anderen nein). Der Sinn der Sache ist es, die Hierarchie der Quellen klarer sichtbar zu machen. Anders als bei der inhaltlichen Quellenhierarchie (primär, sekundär, tertiär) geht es hier um eine rein formale Unterscheidung.

Manchmal verlangen Dozenten sogar, das Literatur- oder Quellenverzeichnis nach selbstständigen und unselbstständigen Quellen zu gliedern.

Also, was ist eine selbstständige Quelle? Eine, die selbstständig erschienen ist. Zum Beispiel ein Buch. Wenn Sie den Titel wissen, können Sie es im Handel oder einer Bibliothek ordern. Auch eine Zeitung oder Zeitschrift erscheint selbstständig. Solche Quellen haben Ordnungsmerkmale wie z.B. internationale standardisierte Nummern: Ein Buch hat immer eine ISBN (International Standard Book Number), ein Presseerzeugnis/Periodikum eine ISSN (International Standard Serial Number). Auch elektronische Periodika haben oft eine ISSN.

Anders ist es bei einem Aufsatz, der in einem Buch, einer Zeitung oder einer Zeitschrift erschienen ist. Wenn Sie den Aufsatz-Titel XYZ wissen, können Sie dem Bibliothekar nicht einfach sagen: "Guten Tag, ich möchte bitte einmal XYZ ausleihen." Sie können auch nicht XYZ bei Amazon bestellen. Für einen einzelnen Artikel gibt es auch keine ISBN/ISSN (allerdings: bei elektronischen Publikationen werden auch einzelne Artikel mit einer DOI-Nummer versehen, dem Digital Object Identifier).

Sie können das Buch oder die Ausgabe der Zeitschrift bestellen, in dem der Aufsatz erschienen ist, aber nicht direkt den Aufsatz. Unselbständige Quellen sind also Teil einer anderen Quelle. Sie sind unselbstständig, weil sie ohne das größere Werk (als Trägermedium sozusagen) nicht existieren würden. Ein Buchkapitel kann ohne Buch nicht erscheinen, ein Zeitschriftenaufsatz nicht ohne die Zeitschrift.

Bei Online-Quellen trägt die Logik auch. In der Regel gibt es eine Website (=Publikationsort im Web, also Trägermedium), die aus mehreren Seiten ("Webseite", nicht identisch mit engl. Website) besteht. Auf einer Seite kann auch z.B. eine doc- oder pdf-Datei stehen. Die einzelne Seite ist eine unselbstständige Quelle, die ohne die Website nicht erschienen wäre.

Unselbstständig? Dann zwei Quellen angeben, nicht nur eine

Praktisch heißt das: Wenn Sie eine unselbstständige Quelle im Literatur- oder Quellenverzeichnis belegen, müssen Sie zwei Quellen angeben. Nämlich Autor und Titel der unselbstständigen Quelle UND Herausgeber (eines Sammelbandes mit mehreren Aufsätzen) und Titel bzw. bei einer Zeitschrift nur der Titel derselben (ohne Hrsg. oder Verlag) und sonstige Angaben zur selbstständigen Quelle, mit denen Sie präzisieren, wo genau die unselbstständige Quelle zu finden ist.
Beispiel in unterschiedlichen Zitationsstilen zum Vergleich:
APA-Zitationsstil:
Kersting, N. (2004). Briefwahl im internationalen Vergleich. Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, 33(3), S. 341-358.
Chicago-Zitationsstil:
Kersting, Norbert. „Briefwahl im internationalen Vergleich.“ Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, 2004: 341-358.
MLA- und Turabian-Zitationsstil:
Kersting, Norbert. „Briefwahl im internationalen Vergleich.“ Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 2004: 341-358.
ISO690-Zitationsstil:
Kersting, Norbert. 2004. Briefwahl im internationalen Vergleich. Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft. 2004, Bd. 33, 3, S. 341-358.

Kersting ist hier der Autor der unselbstständigen Quelle. Es ist ein Aufsatz in einer Zeitschrift. Dessen Titel steht hier nicht kursiv. Die selbstständige Quelle ist die ÖZP. Ihr Name ist kursiv gesetzt. Vorteil: In einem Quellenverzeichnis kann ich so besonders schnell sehen, welche Zeitschriften verwendet wurden.

"33(3)" heißt bei APA 33. Jahrgang (bzw. Band 33), Heft 3. Merke: Bei manchen Zitationsstilen werden Jahrgang und Heft angegeben, bei manchen nicht. Die Seitenzahlen kommen hinterher. Der ganze letzte Teil ist nur dazu da, dass der Nutzer die unselbstständige Quelle schnell finden kann. Wenn ich nur diese Information hätte:
Kersting, N. (2004). Briefwahl im internationalen Vergleich.
...dann müsste ich ziemlich lange suchen, vielleicht fände ich das "Trägermedium" gar nicht.Wenn ich nur diese Information hätte:
Kersting, N. (2004). Briefwahl im internationalen Vergleich. Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft.
...dann könnte ich immerhin im Jahresregister der ÖZP nachsehen, in welcher der jährlich vier Ausgaben der Aufsatz erschienen ist. Das geht heute fix online, früher musste man richtig lange in dicken Registerbänden blättern oder Fachbibliographien wälzen.

Manche Zitationsstile verzichten auf die Jahrgangs- und Heftangabe, wenn (a) das Jahresdatum und (b) die Seitenangaben vorhanden sind -- den wissenschaftliche Zeitschriften haben die Eigenart, meist die Seiten eines ganzen Jahrgangs durchzunummerieren (die Seitenzahlen des 2. Heftes beginnen dort, wo die des 1. Heftes aufhören).

Den Computer die Quellen verwalten lassen

Trotz allem: Um dem Nutzer mühselige Ergänzungsrecherchen zu ersparen, gilt es, alle bibliographischen Angaben präzise anzugeben. Damit man keine vergisst und alles richtig formatiert wird (mit Punkten, Kommata, Klammern und auch Kursivschrift), ist es sinnvoll, ein Literaturverwaltungsprogramm oder die Quellenverwaltung von Word zu nutzen. Dann sortiert und listet der Computer alles so, wie es der gewählte Zitationsstil vorgibt. (Vorausgesetzt, die Eingaben sind richtig.)

Mehr zu verwandten Themen in den
Rubriken "Quellen", "Literaturverwaltung" und "Zitieren"

Blogposts

29. Juni 2012

Primäre, sekundäre und tertiäre Quellen

Quellen sind nicht gleich Quellen, wie hier schon oft gesagt. Sie unterscheiden zu können, gehört zur "Informationskompetenz". Sie geht von einer quellenkritischen Haltung aus: Der informationskompetente, quellenkritische Student ist ein gewohnheitsmäßiger Quellenchecker.

Wie "Der Checker" aus der DMAX-Serie für Autofans schaut er den Quellen unter die Motorhaube, sucht nach Macken, Produktionsfehlern, Rost, Verschleiß und fehlenden Teilen. Und er wählt nur die Quellen aus, die seinen Ansprüchen genügen.

Das ist aber nicht nur Plausibilitäts- und Qualitätskontrolle. Quellen haben unterschiedlichen Charakter, und in der wissenschaftlichen Hierarchie sind manche Quellen von vornherein mehr wert als andere.

Eine wichtige Abstufung ist die zwischen primären, sekundären und tertiären Quellen. Für den "Checker" ist klar:
  • Je mehr Primärquellen man hat, desto besser. 
  • Sekundäre Quellen sind gut, aber wer selbst interpretieren will statt sich auf andere zu verlassen, knüpft sich die Primärquelle vor. 
  • Tertiäre Quellen sind in der Hackordnung ganz unten: Sie sind ein Hilfsmittel, um einen Überblick zu bekommen. Sie geben Orientierung über wichtige primäre und sekundäre Quellen. Fortgeschrittene Studenten nutzen für ihre Seminar- und Abschlussarbeiten tertiäre Quellen nur in der Anfangsphase einer Recherche. Nur blutige Anfänger zitieren ständig tertiäre Quellen.

Viele Studenten ordnen ihre Quellenverzeichnisse nach Art der Quelle: Bücher, Zeitschriften, Presse, Online... (siehe dazu diesen Blogpost). Deutlich intelligenter ist es, im Quellenverzeichnis nach Primär- und Sekundärquellen (und zur Not Tertiärquellen) zu sortieren. Denn aus wissenschaftlicher Sicht ist weniger wichtig, ob eine Quelle Buchpappdeckel hat oder nicht, als ihre Wertigkeit einzuschätzen.

Den Unterschied zu erkennen und die Einordnung fallen Studenten erfahrungsgemäß schwer. Außerdem gehen die Fachdisziplinen mit den Begriffen oft etwas unterschiedlich um; wirklich allgemeingültige Standards gibt es nicht. Und das Konzept ist etwas abstrakt, situations- und kontextabhängig. Das führt dann schnell zu Verwirrung. Versuchen wir's trotzdem:

Primäre Quellen
Primäre Quellen sind Originalmaterial -- sozusagen direkt vom Hersteller, "aus erster Hand" und Rohmaterial für den Wissenschaftler.

Sie sind Information im Urzustand -- noch hat sie niemand zusammengefasst, gefiltert, gedeutet, bewertet. Ihr Inhalt basiert oft (aber nicht immer) eher auf Fakten als auf Deutungen.

Einige Beispiele aus dem Feld der Wirtschaftswissenschaften: Eine Studentin hat eine unternehmens- oder branchenbezogene Aufgabe zu bearbeiten, und sie sucht dafür primäre Quellen aus dem Markt:Dokumente eines Unternehmens, Marktberichte eines Wirtschaftsverbands oder einer Unternehmensberatung, Branchen-, Firmen- oder Verbraucher-Statistiken, Meinungs- und Marktforschungsumfragen, Wirtschaftsberichte staatlicher Stellen und sonstige Regierungs- und Verwaltungsdokumente, Gesetze, Verordnungen oder Gerichtsurteile, Reden von und Interviews mit Managern und Marktakteuren, Teilnehmern oder Beobachtern aktueller Ereignisse (auf dem Markt und im Marktumfeld), aktuelle und vorrangig tatsachengestützte Presseberichterstattung über solche Ereignisse, Fotos, Diagramme, Karten aus diesem Umfeld. 

In rein wissenschaftlichem Zusammenhang sind primäre Quellen Forschungsberichte eines Wissenschaftlers, der selbst empirische Daten gesammelt und ausgewertet hat. Solche Daten sind quantitativ (z.B. Statistiken, Umfragen, Experimente) oder qualitativ (z.B. Interviews, Beobachtung, Dokumentenanalyse). Veröffentlicht werden die Forschungsergebnisse in einem wissenschaftlichen Aufsatz in einer Fachzeitschrift, in einem Buch oder in einem eigenständigen Bericht.

Sekundäre Quellen
Sekundäre Quellen enthalten Informationen ÜBER primäre Quellen. Das sind also Infos "aus zweiter Hand". Sekundärquellen fassen Infos aus primären Quellen zusammen. Sie liefern eine Auswahl, eine neue Zusammenstellung. Die Primärquellen werden gedeutet, interpretiert, bewertet.

Analog zum obigen Beispiel: Unsere Wiwi-Studentin sucht nach Analysen und Interpretation über eine Firma, eine Branche oder einen Markt. Nicht was eine Firma über sich selbst sagt, interessiert sie hier, sondern was andere über die Firma sagen -- Branchenexperten, Analysten, Wirtschaftsjournalisten, Wissenschaftler. Eine akademische Studie, die sich vorrangig auf Aussagen anderer stützt, ist in der Regel eine sekundäre Quelle.

Die Abgrenzungsprobleme sind nicht einfach. Wenn Professor Schmitz Daten des Statistischen Bundesamts verwendet und damit komplizierte Berechnungen anstellt, ist sein Forschungsbericht darüber dann eine primäre Quelle? Er hat die Daten ja nicht selbst gesammelt. Aber: Er erzeugt daraus etwas Neues, ein neues Original sozusagen. Primär oder sekundär? Wahrscheinlich überwiegend sekundär... mit etwas primärer Beimischung.

Wie sieht es bei Presseartikeln aus? Oben habe ich gesagt, dies sind  Primärquellen -- aber eingeschränkt: wenn sie aktuell und vorrangig tatsachengestützt über Ereignisse berichten. Wenn sie eher eine allgemeine Branchen- oder Trendanalyse machen, wenn sie Hintergründe aufzeigen oder kommentieren, sind sie eher als sekundäre Quellen einzuordnen. Denn sie sind weniger faktenbasiert, sie interpretieren vor allem, und sie sind auch stärker von einem bestimmten Ereignis entfernt.

Merke also: Wie man die Quellen einordnet, hängt von der eigenen Sichtweise, Zweck und Aufgabe ab, von der Distanz der Quelle zu einem Ereignis und davon, wie stark deutend die Quelle ist. Dieser Kontext verlangt also vom "Checker" ziemlich viel Urteilsvermögen. Ein und dieselbe Quelle kann primär oder sekundär sein.

Tertiäre Quellen
Viel leichter ist es, tertiäre Quellen zu identifizieren. Sie sind vor allem als Zusammenfassung von Primär- und Sekundärquellen gedacht, und ihr Zweck ist in der Regel, einen Überblick über ein Themengebiet zu geben, es zu ordnen und zu indizieren.

Dazu gehören Nachschlagewerke wie Lexika und Enzyklopädien, Wörterbücher, Glossare, Handbücher, Kompendien, Kataloge, Guides und -- wichtig! -- Lehrbücher für Schüler und Studenten.

Ein Lehrbuch mag von einem Forscher geschrieben worden sein, es ist aber keine Forschungspublikation. In der Regel bereitet es eine breite Thematik, die bereits in zahlreichen Sekundärquellen enthalten ist, didaktisch auf, ohne originäre eigene Forschung zu präsentieren und ohne sich direkt mit Primärquellen zu befassen (bestenfalls in Form von Beispielen, die aber nicht der wissenschaftlichen Untersuchung dienen, sondern der pädagogischen Vermittlung: Primärquellen werden nur reproduziert und dann eingeordnet, ggf. werden verschiedene Meinungen aus der Sekundärliteratur dazu vorgestellt). 

Graue Literatur und interne Dokumente

In einer Abschlussarbeit selbst empirische Daten erheben und untersuchen -- das ist echtes Forschen und (leider) in vielen Fächern selten der Fall. Vor allem bei Bachelor-Arbeiten, denn eigentlich ist die Bearbeitungszeit viel zu kurz. Eine Studentin der Verwaltungswissenschaften will es aber wagen und hat in einem Landkreisamt gute,praktische Forschungsobjekte. Nun grübelt sie aber über diese Fragen:
  1. Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)? > Antwort "Selbst forschen: Umfragen, Interviews, Dokumente auswerten und belegen" (28.6.12)
  2. Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)?
  3. Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg? > Antwort: "Qualitative Interviews -- Transkripte & Co." (29.6.12)
Der Antwort sei vorausgeschickt:
  • Es führt kein Weg daran vorbei, das mit dem Betreuer detailliert zu besprechen. Persönliche Vorstellungen und Vorlieben, wie empirische Daten und Methoden zu dokumentieren sind, variieren erheblich. 
  • Gerade bei BA-Arbeiten sind viele Betreuer willens, pragmatisch Ansprüche herunterzuschrauben und Kompromisse bei einigen Dokumentationsstandards einzugehen, um die Belastung bei der extrem kurzen Bearbeitungszeit zu senken. Siehe dazu auch den Blogbeitrag:  "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.10)
  • Lesen Sie im Detail nach, was Handbücher und Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur empirischen Sozialforschung dazu sagen.

Graue Literatur und interne Dokumente

Frage 2. Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)?

Wenn es sich um Veröffentlichungen handelt, ist das typische "Graue Literatur" -- grob gesagt Publikationen von Institutionen und Organisationen, die nicht in Bibliotheken und von Verlagen vorgehalten werden.
  • Dazu gehören bei einer Landkreisbehörde z.B. öffentliche Berichte, Broschüren, Merkblätter oder Formulare für Bürger, Pressemitteilungen oder auch veröffentlichte Reden des Landrats u.v.a. - online oder offline.  
  • Amtsblätter können Sie wie Zeitschriften belegen (es sind ja Periodika). 
  • Kreistagsvorlagen belegen Sie wie Parlamentaria und Rechtsquellen. 
  • Bei allen anderen veröffentlichten Materialien gibt es keine vollstandardisierte Belegweise: Versuchen Sie diese so genau wie möglich im Quellenverzeichnis zu beschreiben, also mit genauem Herausgeber/Autor, Erscheinungsdatum und -ort, Titel und Untertitel, ggf. Publikationsnummer (soweit angegeben), Art der Quelle (also z.B. Broschüre, Merkblatt...).
Bei wissenschaftlichen Quellenbelegen geht es ja immer darum, dem überprüfenden Leser zu ermöglichen, die Quelle selbst in Augenschein nehmen zu können, wenn er denn gewillt ist, eine Bibliothek zu nutzen. Davon ist bei Büchern und Periodika auszugehen, z.T. auch bei Internetveröffentlichungen (gleichwohl kann man fast das gesamte Internet als eine Art "Grauer Literatur" bezeichnen).

"Graue Literatur" ist für den Leser schwer zu beschaffen, manchmal gar nicht. Formal wäre es daher angezeigt, die verwendeten Veröffentlichungen im Anhang als Kopie/Faksimile zu dokumentieren. Nur so lassen sich die Quellen ja nachvollziehen.

Aber: Praktisch ist es eher sinnlos, damit einen gewaltigen Anhang zu füllen. Bezieht man sich aber auf bestimmte Passagen oder Seiten, oder ist der Kontext oder die Machart wichtig, ist eine Kopie eines Auszugs sinnvoll -- z.B. wenn man zeigen möchte, auf welche Art die Verwaltung mit dem Bürger über ein Thema kommuniziert.

Handelt es sich um nicht-veröffentlichte Materialien, sondern um Interna, dann gilt dies nicht als "Graue Literatur". Das sind "Dokumente". (Allerdings kann man auch bei veröffentlichten Papieren von Dokumenten sprechen, aber spalten wir hier keine Haare.)

Beispiele sind interne Berichte, Aktenvermerke, Protokolle, Briefe, Emails oder Intranetdokumente, Verträge, interne Statistiken, sonstige Gebrauchstexte, Dienstanweisungen, Vortragsmanuskripte, PowerPoint-Präsentationen, Urkunden, Organigramme, Geschäftsverteilungspläne, interne Geschäftsordnungen und Verfahrensregeln, Aktenpläne, Dienstvereinbarungen, Stellenpläne und -beschreibungen,  Jahres- und Tätigkeitsberichte, interne Untersuchungen, Haushaltsdokumente, Daten aus Benchmarking- und Kosten-Leistungs-Rechnung usw.

Diese Dokumente sind nun überhaupt nicht für einen Leser direkt zugänglich (es sei denn, sie sind bereits in einem öffentlichen Archiv). Wer also solche benutzt, hat eine besondere Verantwortung, Informationen über diese Quelle zu dokumentieren.
  • Was für eine Art Dokument ist es? 
  • Was sind die äußeren Merkmale, der Inhalt und die Aussagekraft? 
  • Was ist der Zweck, die Funktion? 
  • Ist es aktuell oder veraltet? 
  • Wie entstand das Dokument? Wann, wo? In welchem Kontext? 
  • Wie sind Sie an dieses Dokument gelangt?
Bevor Sie im Rahmen der Dokumentenanalyse (Überblick zur Methode: Uni Augsburg) zur großen inhaltlichen Interpretation starten, müssen Sie diese Fragen klären.

Vor allem gilt es zu prüfen, wie verlässlich die Quelle ist, ob sie vollständig ist, und wie man sie einordnen muss. Wenn Sie tatsächlich "Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können", in irgendeiner Akte vorfinden, ist Vorsicht geboten.

Im besten Fall gelingt es Ihnen, die fehlenden Informationen zu rekonstruieren -- durch Suche nach ähnlichen Dokumenten, durch Nachfragen o.ä.. Ob sich die detektivische Kleinarbeit lohnt, müssen Sie entscheiden. Fehlen Quelleninfos, und nutzen Sie die Quelle trotzdem, dürfen Sie den Leser über die Defizite nicht im Unklaren lassen. Machen Sie auch im Text Ihre quellenkritische Haltung deutlich. Erläutern Sie, warum Sie diese Quelle wie interpretieren und warum das legitim ist.

Natürlich müssen Sie wiederum genau im Quellenverzeichnis (Dokumente von Literatur trennen) bezeichnen, was für eine Quelle es ist -- und erneut ist eine Kopie des Dokuments, zumindest bestimmter Passagen, im Anhang sinnvoll. Ist die Quelle ganz zentral, gehört die Kopie eher in den Hauptteil.

24. Juni 2012

Rubriken fürs Quellenverzeichnis: Warum die Rubrik "Internetquellen" Unsinn ist - Alternativen

Quellenverzeichnisse sind oft schlicht alphabetisch nach Autor geordnet - manchmal auch nach Datum (Vancouver Style). Nun sind Quellen aber nicht gleich Quellen. Zwischen einer wissenschaftlichen Monographie und einem Blog-Post liegen Welten. Daher empfehlen viele Ratgeberwerke, das Quellenverzeichnis in Rubriken zu ordnen. Dafür spricht viel.

In studentischen Seminararbeiten gibt es allerdings oft nur zwei: "Bücher" und "Internetquellen". Das ist dann meistens Unfug.

Was passiert ist: Der Student hat sich 2-3 Bücher aus der Bibliothek geholt und den Rest online recherchiert. Gedruckte Fachzeitschriften oder sonstiges Druckwerk hat er gar nicht erst angesehen. Alles, was "im Internet" zu finden war, kommt nun in die Kategorie "Internetquellen". Die Rubrik umfasst dann aber meistens so ziemlich alles, was es so gibt unter der Sonne. Die Quellentypen haben überhaupt nichts gemeinsam -- außer dass sie "im Internet" sind.

Alles im selben Topf: Wissenschaftliche Fachzeitschriften-Aufsätze, Buchexzerpte aus GoogleBooks, Berichte und Studien, Konferenz- und Symposienbeiträge, Amtliches und Halbamtliches, Gesetzestexte und Gerichtsurteile, Artikel aus journalistischer Presse und Rundfunk, Unternehmens- und Verbände-Publikationen, Lexika, Statistiken, Datensätze, Videos und diverse Social-Media-Beiträge, was auch immer.

Genauso gut hätte der Student als Rubrik "Diverse Quellen und Allerlei" drüber schreiben können. Was natürlich nicht der Sinn der Rubrizierung ist.

Vor langer, langer Zeit war alles einfacher. Ein Buch war ein Buch, eine Zeitschrift eine Zeitschrift usw. Das Gedruckte dominierte die akademische Welt, und wenn man "graue Literatur" (also alles, was nicht Buch, Fachzeitschrift oder Presse war) zitierte, war das schon gewagt. Dann auch noch "Internet" zu zitieren, war etwas funky. Aber in jedem Fall die Ausnahme. Und "Internet", das hieß im Wesentlichen: simple HTML-Websites.

Heute gibt es praktisch jeden Quellentyp "im Internet". Zumindest aber, wenn nicht im freien Oberflächen-Internet im "Deep Web" verfügbar, jedenfalls in digitaler Form, vom E-Book in der Unibibliothek bis zum Fachzeitschriften-Aufsatz in der Datenbank eines wissenschaftlichen Verlags. Alles online abrufbar.

Also ist es sinnvoll, die Quellen nicht danach zu sortieren, ob sie digital sind oder nicht, sondern nach dem eigentlichen Charakter und Zweck der Quelle. Im Regelfall ist die formale Trennung immer noch so (davon ausgehend, dass alle digital und "im Internet" abrufbar sein können):
  • Bücher, 
  • periodische Werke (Fachzeitschrift, Zeitschrift, Zeitung, Newsletter usw.), 
  • "graue Literatur" (z.B. einzelne Forschungsberichte von Instituten, Veröffentlichungen staatlicher Stellen, von Unternehmen, Verbänden, Berufsorganisationen, kommerzielle und nichtkommerzielle Organisationen verschiedener Art -- bis hin zu Broschüren, Handzetteln oder gar Plakaten),
  • Beiträge zu Konferenzen, Tagungen, Symposien
  • Rechtsmaterialien
  • Sonstige Quellen (z.B. einfache Texte auf Websites, Film/Video/TV-Beiträge, unveröffentlichte Manuskripte, Online-Communities usw.)
Literaturverwaltungsprogramme (ob die eingebaute bei MS Word oder eine Extra-Software wie z.B. Citavi) sind da schon mal eine Hilfe: Sie zwingen dazu (oder ermöglichen es), vorgegebene Quellen-Kategorien auszuwählen.

Was davon genau nach wissenschaftlichem Standard zitierfähig und zitierfähig ist, sei jetzt einmal dahingestellt. Sinnvoll kann es sein, in Rubriken wissenschaftliche Literatur von nichtwissenschaftlichen Quellen zu trennen. Oder auch Primär-, Sekundär- und Tertiärquellen.

Was sonst noch zu trennen ist, hängt davon ab, woraus mein Quellenuniversum besteht.

Beispiel: In einer Seminararbeit zur Energiepolitik benötige ich diverse Artikel aus praxisnahen Fachmagazinen, Regierungs- und Parlamentsdokumente sowie amtliche Statistiken, Materialien von Verbänden der Energiewirtschaft, Materialien von sonstigen "Experten" -- die kommen von einer Unternehmensberatung, von Umwelt- oder Verbraucherorganisationen; und in einigen Blogs finde ich auch noch etwas.

All das ist zweifellos nach Charakter und Zweck anders als wissenschaftliche Bücher und Aufsätze. Sie bilden nicht nur Grundlagenliteratur, sondern sind Forschungsgegenstand. Im Fließtext behandle ich diese Quellen klar anders als die Ergebnisse akademischer Forschung. Im Quellenverzeichnis kann es sinnvoll sein, diese unterschiedliche Wertung durch Rubriken sichtbar zu machen. Z.B. "Amtliche Veröffentlichungen und Veröffentlichungen politischer Institutionen", "Veröffentlichungen von Interessengruppen", "Nichtakademische Fachpresse" und dergleichen. Dreht sich meine Arbeit ums Marktgeschehen, will ich möglicherweise nach Marktteilnehmern (kommerziellen Organisationen) und Nichtmarktteilnehmern (nichtkommerzielle Organisationen, sonstige Experten) trennen.

Geht man so vor, wird klar, dass es keine "One-size-fits-all"-Rubrikenkennung geben kann, es ist vom Inhalt der Arbeit abhängig. Rubriken muss man sich also passend selbst schaffen, statt auf ein "Schema F" zu hoffen.

Aufwändig? Ja, klar. Das ist nicht nur eine intelligente Vorgehensweise, sie zeigt auch, dass der Autor sehr quellenkritisch ist und Informationskompetenz zeigt. Und das dürfte dem begutachtenden Dozenten bestimmt ein paar Bonuspunkte wert sein.

22. Februar 2012

Aus GoogleBooks zitieren?

GoogleBooks ist eine geniale Hilfe in der Online-Recherche, zweifellos. Bücher werden 1:1 gescannt und sind in der Regel im Volltext recherchierbar. Allerdings werden nur Auszüge zur Verfügung gestellt. Den Copyright-Streit lassen wir einmal außen vor.

Die zentrale Frage ist: Wenn ich ein Buch bei GoogleBooks auswerte, kann ich dann daraus zitieren und mit der URL von GoogleBooks belegen?

Die strenge Linie lautet:
  • Nein, Google Books ist nicht zitierfähig. Sie dürfen zwar bei GoogleBooks nachsehen (ähnlich wie in einer Nachweisdatenbank), müssen sich dann aber das Buch besorgen, es lesen und dann daraus zitieren.
  • Inhaltlich mahnt mancher Kollege, dass möglicherweise die wirklich wichtigen Aussagen des Buches gar nicht verfügbar sind und GoogleBooks nur kontextlose Ausschnitte darbietet. Damit ist der Kontext des Zitats nicht überprüfbar.
  • Manchmal wird nur eine Bestätigung geliefert, dass sich ein bestimmtes Stichwort auf einer Seite X befindet, aber mehr kann man nicht sehen.
Allerdings: Realistisch ist diese strenge Linie nicht.

Es ist davon auszugehen, dass GoogleBooks die gedruckte Ausgabe nicht verfälscht. Daher ist es aus meiner Sicht OK, ohne Verweis auf GoogleBooks einfach die Verlagsausgabe zu zitieren.

Der Vollständigkeit und Redlichkeit halber können Sie als Ergänzung angeben, dass Sie die elektronische Version bei GoogleBooks eingesehen haben. Da GoogleBook-URLs sehr lang sind, macht das ein Literaturverzeichnis aber auch nicht schöner. Links sollten so kurz wie möglich sein.

Bisher gibt es allerdings keine verlässlichen Zitier-Regeln für GoogleBooks. 
Wikiquote bietet eine Kurzanleitung für eine möglichst kurze Darstellung des GoogleBooks-Quellenbelegs.


Vorsicht beim Zitieren:

Ein Zitat würde ich tatsächlich nur dann verwenden, wenn ich bei GoogleBooks ausreichend Kontext erkennen kann, also mehrere Seiten lesen kann. Hier ist meine Urteilsfähigkeit gefordert: Verstehe ich die Passage richtig? Ist der Auszug ausreichend?

Wenn das nicht der Fall ist, mir das Buch aber wichtig erscheint, versuche ich es über eine Bibliothek (Fernleihe) zu besorgen.


Bei GoogleBooks zu recherchieren, ist manchmal sehr frustrierend, weil vieles fehlt. Insofern ist es eher ein Hilfsmittel für die Recherche, aber eben nicht dasselbe wie eine vollständige E-Book-Ausgabe.


Schließlich sei noch angemerkt, dass Online-Buchhändler wie Amazon sowie Verlags-Websites ebenfalls Textausschnitte zum virtuellen Durchblättern anbieten. Was bei GoogleBooks nicht verfügbar ist, findet man möglicherweise dort. Bevor man aber Stunden mit der Ergänzungsrecherche zu solchen Auszügen verbringt, ist es sinnvoller, sich das echte Buch über die Bibliothek zu bestellen.

7. Juni 2011

Studentische Hausarbeiten als Quelle? Zitierfähig, aber nicht zitierwürdig

"Ich habe eine interessante Hausarbeit von einem Studenten gefunden. Ist es angebracht, so etwas als Quelle anzugeben?", fragt mich eine Studentin. 

Erst einmal eine Gegenfrage: In der Vorlesung sitzen um Sie lauter Kommilitonen herum. Würden Sie deren Belegarbeiten vom letzten Semester zitieren wollen, wenn Sie eine Fachautorität brauchen?



Also: Eher nicht. Bei unkonventionellen Quellen prüfen Sie stets "Zitierfähigkeit und Zitierwürdigkeit". Das Begriffspärchen steht für wichtige Bedingungen, die eine Quelle erfüllen sollte, bevor sie unter das Dach Ihres Werkes schlüpfen darf.

Die Zitierfähigkeit ist simpel. Es geht hier um die Frage, ob Ihr Leser die von Ihnen genutzte Quelle schnell auffinden kann, um sie selbst zu prüfen. Denn Nachvollziehbarkeit der Argumentation anhand der Quellen ist ein Qualitätsausweis der Wissenschaft. Das ist formale Verfügbarkeit, möglichst eine dauerhafte: Bücher und Zeitschriften stehen in Bibliotheken (und sind prinzipiell per Fernleihe zu haben, auch Abschlussarbeiten) und sind im Buchhandel lieferbar, viele Dokumente sind in wissenschaftlichen Datenbanken abgelegt. Easy. Nicht so einfach ist es, wenn Sie eine Broschüre, ein Flugblatt oder gar interne Vermerke der CIA zitieren. Darum ist man manchmal gezwungen, solche Quellen im Anhang als Volltext/Kopie zu dokumentieren.  

Das Internet hat vieles verfügbar gemacht, was früher nicht so einfach verfügbar war. Dazu gehören auch studentische Hausarbeiten, weil Studenten gern versuchen, mit ihren Seminarleistungen über kommerzielle Hausarbeiten-Plattformen ein paar Euro dazuzuverdienen. Wenn die Arbeit dort eingestellt ist, ist sie formal verfügbar.
  • Fazit 1: Wenn die studentische Hausarbeit dauerhaft verfügbar ist, kann man sie als formal zitierfähig bezeichnen.
Anders sieht es bei der Zitierwürdigkeit aus. Das ist kein rein formales Kriterium. Vielmehr geht es um die inhaltliche Qualität. Ihre Quellen sollten seriös, anspruchsvoll und aktuell sein. Außerdem sind Primärquellen zu bevorzugen. Eine studentische Hausarbeit ist eine Sekundärquelle, möglicherweise dem Charakter nach sogar eine Tertiärquelle, wenn sie sich überwiegend oder ausschließlich mit anderen Sekundärquellen beschäftigt, also z.B. vorrangig wissenschaftliche Literatur über ein Thema auswertet, ohne eigene Forschungsergebnisse zu präsentieren, oder, noch schlimmer, nur Einführungswerke und Lehrbücher heranzieht. Das ist als wissenschaftliche Quelle nicht anspruchsvoll genug. Gute (!) Abschlussarbeiten mit hohem Anspruch darf man in begründeten  Fällen als Quellen heranziehen; die meisten studentischen Hausarbeiten erreichen jedoch in 90% aller Fälle nicht das geforderte Niveau. Zitieren sollten Sie sie also nicht -- es sei denn, es gibt einen sehr guten Grund dafür (z.B., wenn ein studentisches Forschungsprojekt dahintersteckt, bei dem Daten erhoben wurden, eigene Interviews geführt wurden u.a.)
  • Fazit 2: Studentische Hausarbeiten aus einer Lehrveranstaltung gelten in der Regel als nicht zitierwürdig. 
Merke: Studentische Hausarbeiten sind nicht per se schlecht. Im Zuge einer Recherche können Sie Ihnen helfen, interessante Aspekte kennenzulernen. Lesen Sie sie also, achten Sie auf die Bezugsquellen, werten Sie die Bibliographie aus. Holen Sie sich dann aber die wertvollen Quellen dieser Hausarbeit selbst auf den Schreibtisch. Wenn die Studentin oder der Student ordentlich gearbeitet hat, sind die Quellen ja verfügbar.
  • Fazit 3: Nutzen Sie studentische Hausarbeiten vorrangig zur Information, um Ihre eigene Recherche voranzutreiben. 
Studenten machen Fehler, das ist ihr gutes Recht - schließlich sind sie ja Lernende. Seminararbeiten sind Übungsaufgaben, mehr nicht. Wenn Sie im Internet eine studentische Arbeit finden, haben Sie keine Garantie dafür, dass dort kein Unsinn steht. Besonders übel ist es, wenn in der Arbeit Plagiate versteckt sind.

Manchmal ist eine Note angegeben. Das ist aber eine Angabe, die der Anbieter selbst macht. Und wer gibt schon "3,7" für eine Arbeit an, die er verkaufen will? Und selbst wenn es wirklich eine "1,3" war -- wer sagt, dass der Dozent diese Arbeit wirklich genau gelesen hat? Die üblichen Anbieter-Plattformen überprüfen die Arbeiten inhaltlich nicht.
  • Fazit 4: Werten Sie studentische Arbeiten mit besonders kritischem Auge aus. Tappen Sie in keine Falle. 

25. Januar 2011

Die Zahl der zitierten Quellen

"Welche Anzahl an Büchern muss zitiert werden?", lautet eine Originalfrage eines Studenten.

"Ihnen wird die Antwort nicht gefallen", sagt der Computer in Per Anhalter durch die Galaxis. Die Ultimative Antwort: 42.

Auf unsinnige Fragen gibt es eben unsinnige Antworten, murmelt der Wissenschaftler... Aber Scherz beiseite, für Studenten ist das praktisch relevant. Sie wissen (oder ahnen zumindest), dass eine zu schmale Literaturgrundlage zu schlechter Bewertung führt. Aber wieviel ist nun "genug"? Oder "gut"? Oder "sehr gut"?

Die korrekte Antwort ist leider nicht viel besser als "42" – nämlich: "Das hängt davon ab." Vom Anspruch der Arbeit und dem Abschlussniveau (Bachelor, Diplom, Master), von der Literaturlage (wieviel und was ist zu einem Thema überhaupt erschienen), vom Untersuchungskonzept der Arbeit.

Richtig ist, dass Gutachter auf den Umfang des Quellen- und Literaturverzeichnisses schauen. Bei einer Bachelorarbeit mit nur fünf belegten Quellen zieht sich die Stirn des Professors zusammen. 15-20 darf man bei den meisten Themen schon erwarten, vielleicht aber auch 30, 40, 50. Je nachdem.

"Ich soll 50 Bücher durchlesen?! Ich bin doch nicht verrückt!" Das verlangt auch niemand. Auch aus Büchern nimmt man sich nur das, was man wirklich braucht: ein Kapitel, vielleicht nur eine Seite.

Zudem: Es geht es keineswegs nur um "Bücher". Ein Kandidat kann in seiner Arbeit möglicherweise gar kein Buch zitieren und trotzdem eine erstklassige Bewertung nach Hause tragen – weil seine anderen Quellen so gut und umfangreich sind.

Ein 5-Seiten-Artikel aus einer Zeitschrift kann für ein Thema viel besser sein als ein ganzes Buch, weil er genau zur Fragestellung der Thesis passt, während die verfügbaren Bücher das Thema nur am Rande erwähnen. Oder weil er brandaktuell ist, während die verfügbaren Bücher, auch und gerade "Standardwerke" (die in 17. Auflage), veraltet sind.

Wenn Sie eine Handvoll solcher perfekt passenden Aufsätze haben, ist das vielleicht alles, was Sie brauchen. Sie müssen Sie nur finden. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden Sie aber einen Mix von Quellen haben – einige sehr passgenau und ergiebig, viele begrenzt brauchbar, einige so lala bis fast irrelevant. Einige Bücher darunter und einige Nicht-Bücher.

Die Kritik an der Frage richtet sich also auf das Missverständnis, dass die ultimative Quelle ein Buch ist.

Der gefühlte Goldstandard

Sicher, (wissenschaftliche) Bücher sind für eine studentische Abschlussarbeit zunächst einmal der gefühlte Goldstandard, man wähnt sich auf der sicheren Seite:
  • Sie sind im Bibliothekskatalog und -regal bequem zu finden.
  • Profs verweisen gern und häufig auf "Standardwerke", die man kennen und benutzen soll.
  • Autoritäten zwischen Buchdeckeln sind uneingeschränkt zitierfähig und zitierwürdig. 
  • Bücher werden auch von anerkannten Fachautoren besonders viel zitiert.
  • Und wenn man nicht gerade eine hochspezielle Doktorarbeit oder Habilitationsschrift erwischt, ist die Chance groß, dass sich das Buch an ein breiteres Publikum richtet, also halbwegs verständlich ist.

Mit "Büchern" war bei der Frage vermutlich in erster Linie (wissenschaftliche) Sekundärliteratur gemeint. Ein Jurist beispielsweise arbeitet vorwiegend mit (Primär-) Quellen wie Gesetzestexten und Gerichtsurteilen plus Sekundärliteratur, also Fachtexten über die (Primär-) Quellen. Ein Betriebswirt mag als (Primär-) Quellen Zahlen, Daten, Fakten, Berichte eines Unternehmens ansehen und zieht zusätzlich Sekundärliteratur heran, z.B. über die Branche, über Unternehmensfunktionen und Tätigkeitsbereiche (etwa Marketing, Personalwesen oder Controlling).

Vor allem Bachelor-Abschlussarbeiten arbeiten fast ausschließlich mit Sekundärliteratur, weil der wissenschaftliche Anspruch etwas geringer ist (siehe dazu den Beitrag: "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied"). Bei einer BA-Thesis ist es auch akzeptabel, dass ein größerer Teil des Literaturverzeichnis aus Lehrbüchern und anderen Einführungswerken besteht, also Sekundärliteratur in Form von nicht allzu speziellen Monographien, und sogar Tertiärliteratur (Lexika, Handbücher usw.).

Ist der wissenschaftliche Anspruch größer (Diplom- und Masterarbeit), desto wichtiger sind, allgemein gesprochen:
  •  Primäre Quellen, d.h. Informationen am Ursprungsort, noch nicht von Experten und Wissenschaftlern gesammelt, analysiert und interpretiert;
  • spezielle Sekundärliteratur, also hochgradig spezialisierte Monographien (keine Lehr- und Einführungsbücher), die für Experten und nicht für junge Studis geschrieben werden;
  • und aktuelle Sekundärliteratur, die "den Stand der Forschung" wiedergibt; also z.B. aktuelle wissenschaftliche Aufsätze in einer Fachzeitschrift oder in Sammelbänden (die oft aus Tagungen entstehen), oder Studien oder Diskussionspapiere von Instituten und Fachgesellschaften.
Bücher sind aus dieser Sicht schon deshalb problematisch, weil sie schnell veraltet sind. Ein Buch zu schreiben, dauert lange; es zu veröffentlichen und zu verkaufen, auch. Den aktuellsten Stand der Forschung findet man daher eher nicht in den Büchern, die eine Hochschulbibliothek im Regal stehen hat. Schon gar nicht in der vertrauten Lehrbuchsammlung. 

Die Nicht-Bücher sind aber auch viel schwieriger zu finden, zu verstehen und zu benutzen. Die Recherche ist anspruchsvoller. Wohlgemerkt, es geht hier nicht um schnelles Herbeigoogeln beliebiger Internetseiten, sondern um wissenschaftlich taugliche Quellen.


Wenn Bücher kaum eine Rolle spielen: Empirische Arbeiten 

In den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften dominieren zwei Arten von Abschlussarbeiten: Literaturstudien und empirische Studien. Bei der ersten Gattung dreht sich alles, wie der Name schon sagt, um die Aufarbeitung der Fachliteratur zu einem Thema (oft eher theoretisch orientiert). Da werden dann ganz sicher auch viele Bücher genutzt, und die Diskussion der Bücher steht im Mittelpunkt.

Bei der zweiten Gattung untersucht die Kandidatin dagegen selbst empirisch, d.h. sie sammelt selbst die Informationen, z.B. durch Beobachtung, Befragung, statistische Erhebung oder Dokumentenrecherche. Sekundärliteratur dient dann nur dazu, ein Konzept für die eigentliche Untersuchung zu begründen. Vielleicht vergleicht die Autorin ihre Ergebnisse noch mit denen einer anderen Studie. Bücher werden daher eine untergeordnete Rollen spielen.

Ein Beispiel. Zugegebenermaßen ein eher extremes, was die Zahl der Quellen angeht. Ich hatte gerade eine ziemlich gute Master's Thesis mit einem hohen forscherischen Eigenanteil auf dem Schreibtisch. Das Thema drehte sich um ein EU-Gesetzgebungsverfahren.
  • Die Autorin hat sich dafür in die Datenbanken gestürzt und rund 160 Quellen belegt.
  • ...davon gut 40 Dokumente aus den an der Gesetzgebung beteiligten Institutionen und über 100 Dokumente von Unternehmen und Verbänden (Positionspapiere, Stellungnahmen, Pressemitteilungen, Redeskripte und vieles mehr), außerdem Medienberichterstattung. Diese Dokumentenanalyse war der methodische Kern der Arbeit. 
  • Hinzugezogen hat sie eine Handvoll an wissenschaftlichen Texten, aber da das Thema so aktuell war, gab es zum Speziellen nicht viel. Die wissenschaftlichen Aufsätze und Bücher dienten vorrangig dazu, den Forschungsansatz zu begründen und einen Rahmen für die Analyse und Interpretation der Dokumente aufzubauen. Insgesamt waren das rund 25 Texte der Sekundärliteratur, davon vielleicht 2 Monographien, ein Dutzend Aufsätze aus Sammelbänden, der Rest Aufsätze aus Fachzeitschriften oder separat erschienene Studien. 
Das klassische "Buch", nämlich die Monographie eines Einzelautors, spielte also in dieser Thesis so gut wie keine Rolle. Auch die Bücher, die eine Sammlung von Aufsätzen darstellen, sind nur begrenzt wichtig. Die Frage von ganz oben, "Welche Anzahl an Büchern muss zitiert werden?", ist hier marginal. Der Dreh- und Angelpunkt der Untersuchung sind die primären Quellen, alles keine Bücher.

Wieviel ist genug?


Zurück zur Ausgangsfrage. Wieviel "genug" oder "gut" ist, kann Ihnen in Zahlen niemand sagen. Das entscheidet sich nach der inhaltlichen Qualität und Passgenauigkeit, mithin nach dem Erfolg Ihrer Recherche und dem Thema. Wenn Sie Glück haben, finden Sie schnell Quellen mit hoher Güte. 10 großartige, aussagekräftige Quellen sind besser als 50, die nur am Rande mit Ihrem Thema etwas zu tun haben. Aber das kann man vorher nicht wissen.

Schließlich kommt es darauf an, was Sie daraus machen. Manchmal haben Studenten Angst, dass Sie nicht genug Material zu einem Thema finden. Andere davor, dass sie zuviel finden. Es macht Ihre Thesis sicher nicht besser, wenn Sie Berge von Material auftürmen, die Sie nicht mehr bewältigen können. Weniger ist oft mehr.

Am Ende werden Sie nicht nach der schieren Quantität Ihrer Quellen bewertet, sondern nach Tiefgang in Darstellung und intelligenter Auswertung. Struktur und pointierte Aussagen zählen mehr als das kommentarlose Aneinanderreihen von Zitaten. Man kann also mit der Literatursuche viel Zeit verplempern, die besser in eine Auseinandersetzung mit der bereits gefundenen Literatur investiert wäre.

Eigentlich gibt es nur eine gültige Daumenregel, und sie bezieht sich nicht aufs Minimum, nicht aufs Optimum, sondern aufs Maximum. Wenn Sie bei einer hoffentlich gründlichen und systematischen Recherche und Lektüre merken, dass Sie nichts Neues mehr dazulernen oder sich das Altbekannte ständig wiederholt, dann sollten Sie mit dem Hinzufügen neuer Literatur aufhören.

Ökonomen sprechen hier vom "abnehmenden Grenznutzen" (1. Gossensches Gesetz). Sie können zwar ewig weiter nach Literatur suchen, aber mit jedem Text, den Sie jetzt noch finden, nimmt der Ertrag ab, den Sie davon noch haben. Anders gesagt, "Vollständigkeit" der Recherche kann nicht das Ziel sein. Man kann sich auch totrecherchieren. Eine Abschlussarbeit muss auch in dieser Hinsicht nicht perfekt sein; nur fertig werden muss sie.

11. Januar 2011

Literatur- und Quellenverzeichnis

"Was gehört in ein Literatur- oder Quellenverzeichnis?", fragt eine Studentin.

Fangen wir mal damit an, was nicht hineingehört. Ein solches Verzeichnis ist keine Leseliste, keine Aufzählung aller möglichen Werke, die etwas mit dem Thema zu tun haben; und auch keine Liste aller Literatur, die die Autorin gelesen oder durchgesehen oder einfach nur "gefunden" hat.

Das Verzeichnis listet ausschließlich die tatsächlich verwendeten, d.h. die in einer Arbeit (direkt oder indirekt) zitierten Quellen auf. Oder anders herum formuliert: Was nicht im Verzeichnis steht, darf man im Text der Arbeit auch nicht verwenden.


Auf Englisch wird ein solches Verzeichnis daher mit "References" überschrieben. Das sind also alle Bezugsstellen, auf die eine Autorin verweisen muss, weil sie sie irgendwo verwendet hat.

Wer keine Fußnoten mit vollständigen bibliographischen Angaben (Vollbeleg) verwendet, sondern Im-Text-Zitation mit Kurzbeleg (z.B. Müller, 2006, S. 34), muss zwingend ein solches Verzeichnis haben. Denn Kurzbelege sind nur ein Verweis aufs Literatur- und Quellenverzeichnis. Fußnoten mit Vollbelegen enthalten dagegen alle Infos über die Quelle. Gewöhnlich wird aber auch in einer Arbeit mit Fußnoten-Vollbelegen ein Verzeichnis verlangt. Die Quellen wurden zwar schon belegt, sie liegen dann zwar doppelt vor, das Verzeichnis ist aber auch eine übersichtliche Darstellung der recherchierten, verwendeten Quellen. Das erleichtert dem Leser bzw. Gutachter die Beurteilung der Gesamtquellenbasis.

Selbstverständlich ist, dass Quellenbelege in der Arbeit (egal, ob Kurz- oder Vollbeleg) und hinten im Verzeichnis identisch sein müssen. Daher unbedingt auf Jahreszahlen, Schreibweisen, Seitenangaben usw. achten.

Wer ausschließlich mit Literatur arbeitet, kann das Verzeichnis "Literaturverzeichnis" nennen. Es gibt aber auch Quellen, die keine Literatur sind. Dann ist die Bezeichnung "Literatur- und Quellenverzeichnis" besser. Oder einfach "Quellenverzeichnis", das trifft beides.

Manchmal bietet es sich an, die Quellen nach Rubriken zu ordnen, z.B. Lehrwerke, Aufsätze, Presseartikel u.a. Das ist allerdings nur selten wirklich notwendig und erleichtert auch nicht gerade das schnelle Nachschlagen von Kurzbelegen. Sinnvoll ist das Trennen vor allem dann, wenn Sie viele Originaldokumente (Primärquellen) verwendet haben, z.B. Pressemitteilungen von Unternehmen oder parlamentarische Drucksachen. Gesetzestexte und Gerichtsurteile werden normalerweise separat aufgelistet.

Eher eine Unsitte ist die Rubrik "Internetquellen". Vor einem Jahrzehnt war das vielleicht noch sinnvoll, als Studenten nur gelegentlich etwas aus dem Web zogen. Heute wird eine Vielzahl von Quellen aus dem Netz gefischt. Unter der Rubrik "Internetquellen" finden sich dann Unmengen von Quellen, die nichts miteinander gemein haben außer der Fundstelle Internet. Darunter sind dann sowohl Zeitschriftenaufsätze als auch Google-Books-Ausschnitte oder reine Internetseiten oder Datenbankabfragen oder Online-Ausgaben von Zeitungen. Das ist nicht sinnvoll, man sollte auf die Rubrik verzichten und die Internetquellen anders einordnen (oder eben gar nicht rubrizieren).

Wesentlich für ein Literatur- und Quellenverzeichnis ist, dass die bibliographischen Angaben vollständig sind. Dafür gibt es klare Regeln (Zitationsregeln), wobei diese bei unterschiedlichen Zitationssystemen leicht voneinander abweichen. In manchen wird z.B. bei Büchern der Name des Verlags nicht verlangt; bei manchen ist bei Zeitschriften nicht nötig, den genauen Jahrgang und die Heftnummer anzugeben. Seitenzahlen von Artikeln in Zeitschriften oder Aufsätzen von Sammelbänden/Herausgeberwerken sind im Verzeichnis stets vollständig zu nennen, also nicht S. 22ff., sondern S. 22-31.

Verzeichnisse werden alphabetisch angeordnet, und zwar nach Nachnamen des Autors. Das zweite Ordnungsmerkmal ist das Erscheinungsdatum. Gibt es mehrere Werke eines Autors mit identischem Erscheinungsjahr, müssen Sie Kleinbuchstaben anfügen (2010a, 2010b, 2010c usw.).

25. Dezember 2010

Einen Text analysieren: Kritisches Denken und die CLUES-Formel

In Klausuren (Essayfragen), Belegarbeiten und bei Gruppen- und Hausaufgaben geht es oft darum, einen Text zu analysieren, z.B. einen Kommentar aus einer Zeitung oder einen Auszug aus einem wissenschaftlichen Artikel. Zunächst einmal: Was soll bei solchen Textanalyse-Aufgaben geprüft werden? Sie können zeigen,
  • dass Sie Ihre Analyse organisieren können,
  • dass Sie die Lektüre und Lernmaterialien eines Kurses gelesen und verstanden haben,
  • dass Sie ein Argument in einem eigenen Text entwickeln und formulieren können,
  • dass Sie zum kritischen Denken fähig sind.
    Was ist "kritisches Denken"?
    Das mit dem "kritischen Denken" ist für viele Studenten verwirrend – was soll das denn sein?
    • Geht es darum, den Text grundsätzlich negativ zu sehen und zu kritisieren? Nein. Es geht nicht um Ablehnung oder Zustimmung. Sie können einen Text mit "kritischem Denken" auseinandernehmen und ihm am Ende vollen Herzens zustimmen
    "Kritisches Denken" ist ein Ausbildungsziel an Hochschulen (Sie können das in den Studien- und Prüfungsordnungen der TH Wildau nachlesen). Kritisches Denken soll Klarheit herstellen und mehr produzieren als nur eine Beschreibung. Man kann einen Text lesen und darüber etwas schreiben, ohne es "kritisch" zu tun. "Kritisch" heißt, dass Sie genauer hinsehen, sich intensiv mit dem Text beschäftigen.

    Ein kritischer Denker nimmt eine Aussage nicht einfach hin, sondern untersucht sie, prüft sie, hinterfragt sie, stellt sie in einen Zusammenhang, wägt sie ab, vergleicht sie mit dem eigenen Wissen, gibt eine Bewertung ab. "Kritisches Denken" bezieht sich also auf Ihre Untersuchungs- und Urteilsfähigkeiten. 

    Das Ergebnis einer Analyse und Ihr Urteil sollen klar und glaubwürdig sein, genau, präzise formuliert, relevant und fair.

    Viele Studenten verwechseln Analyse mit einer Inhaltsangabe. Eine Analyse ist aber mehr als die Beschreibung eines Textes.
    • Eine Analyse nimmt den Text auseinander, leuchtet die Hintergründe seiner Argumente aus und bewertet diese auf der Grundlage eigenen Wissens. 
    • Sie sollen rational, also mit Hilfe Ihrer Vernunft, zu begründeten Schlüssen kommen. 
    • Sie sollen mehr in einem Text entdecken, als auf den ersten Blick erkennbar ist. 
    • Sie sollen Zusammenhänge herstellen, auf Argumentationsmuster hinweisen, problematische Stellen finden – und natürlich auch kritisieren, wenn es nötig ist.
    Das heißt also, für den kritischen Denker ist ein Text nicht einfach nur ein Text, sondern ein Problem: ein Problem, das gelöst werden will. Eine Textanalyse ist also die systematische und tiefe Problembearbeitung. Sie werden daran gemessen, ob Sie die "Problemhaftigkeit" erkennen und mit geistigen Werkzeugen bearbeiten. Hier geht es um Textverständnis, um Prioritäten (was ist wichtig?), um das Herausarbeiten der zentralen Informationen (Relevanz), um das Zwischen-den-Zeilen-Lesen (wovon geht der Autor aus, was impliziert er, ohne es offen zu sagen? Welche Ziele und Werte stecken hinter Argumenten?), um Interpretation der Informationen, um eine Bewertung der Logik (passen die Argumente zusammen, ist die Schlussfolgerung richtig?), um Schlüsse und Verallgemeinerungen.

    5 Schritte für die Textanalyse: CLUES-Formel

    Hilfreich bei der Textanalyse ist die CLUES-Formel. Das englische Wort clue heißt soviel wie Hinweis, Anhaltspunkt oder Schlüssel zum Verständnis. CLUES ist in diesem Fall eine Abkürzung für 5 Schritte einer Textanalyse.

    Das CLUES-Konzept (Zusammenfassung) geht zurück auf die Politikwissenschaft, wo Textanalyse zur Bearbeitung von Quellen und Dokumenten zentral ist. Konkret auf zwei amerikanische Professoren, Christine Barbour (Indiana University) und Matthew Streb (Loyola Marymount University), Autoren der weit verbreiteten Politiklehrbücher Keeping the Republic und Clued In to Politics. Man kann die Methode aber ohne Weiteres auf andere Fachdisziplinen anwenden. Kritisches Denken ist in jeder Wissenschaft gefragt.

    CLUES steht für:
    1. Consider the source and the audience.
    2. Lay out the argument and the underlying values and assumptions.
    3. Uncover the evidence.
    4. Evaluate the conclusion.
    5. Sort out the political implications.
    CLUES 1: Consider the source and the audience.

    Jede Art von Kommunikation hat einen Sender und einen Empfänger. Den Zweck eines Textes versteht man besser, wer für wen geschrieben hat. Wer also ist der Autor, wo erschien die Quelle, wo stehen Autor und Quelle? Und: Wer soll den Text lesen? Wer ist das Publikum? Was könnte die Leser an diesem Text eigentlich interessieren?

    Vorrangig geht es darum, die Absicht des Autors zu verstehen. Wenn man weiß, woher der Autor (und die Quelle) kommen, ist das ein zentraler Hinweis (eben ein clue) auf die Absicht.

    Nehmen wir eine Tageszeitung wie das Handelsblatt, eine Wirtschaftszeitung. Diese wird von Wirtschaftsjournalisten geschrieben, die für die Wirtschaft relevante Nachrichten und Hintergründe liefern wollen. Die Leser sind oft Manager, Investoren und andere wirtschaftsinteressierte Leser. Die wollen auf den Nachrichtenseiten Qualitätsjournalismus, "objektive", zumindest verlässliche, unabhängige und verlässliche, gut recherchierte Informationen. Das Ziel ist umfassende Information der Leser. Auf den Meinungsseiten hingegen geht es um Meinung, Kommentar, Einordnung und Urteil, um Interpretationen und ideologische (weltanschauliche) Richtungen. Hier sollen die Leser von einer bestimmten Position überzeugt werden. Das Handelsblatt vertritt dabei in der Regel eher wirtschaftsfreundliche, eher liberale und konservative Überzeugungen, ist eher "rechts von der Mitte" und nicht "links", ist eher für den Markt, eher gegen staatliche Eingriffe in das Marktgeschehen. Umgekehrt ist es bei Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau oder der taz. Das muss man wissen, das steht nicht oben drüber. Wenn man es weiß (und zeigt, dass man es weiß), hilft das bei der Analyse.

    CLUES 2: Lay out the argument and the underlying values and assumptions.

    Nun zum eigentlichen Inhalt des Textes. Mit was beschäftigt sich der Autor? Welche Argumente stellt er zusammen, wie baut er Argumente auf? Wo will er hin? Was ist sein Ausgangspunkt, welche Annahmen stecken dahinter?

    Hier geht es auch um grundlegende Werte, die dem Autor wichtig sind: Nehmen wir noch einmal das Beispiel eines Meinungsartikels aus einer Wirtschaftszeitung wie dem Handelsblatt. Der Autor kommentiert z.B. die Euro-Krise 2010: Was sollte die EU oder die deutsche Regierung tun oder nicht tun, und warum? Stellt der Artikel ausreichend klar, worum es dabei geht (auch die Begriffe, die der Autor benutzt)?

    Das Handelsblatt ist eine ziemlich gute Zeitung, aber nicht jeder Artikel ist ziemlich gut. Auch in einem solchen Blatt erscheinen Texte, die nicht so gut und klar argumentiert sind. Mancher Text ist oberflächlich gut formuliert, aber hinter der Rhetorik steckt ein unsauberes, unklares oder unlogisches Argument. Manches Argument wird hinter allerlei Kulissen versteckt. In der Analyse sollen Sie das entdecken und dann auch sagen, wenn etwas unklar ist. Lassen Sie sich nicht verwirren oder einschüchtern, räumen Sie den Sprachmüll beiseite und legen Sie das Kernargument offen, das übrigbleibt.

    Die Profs Barbour und Streb nennen ein Beispiel: Man will sich nicht von jemandem einlullen lassen, der sich als überzeugter Verfechter der Demokratie präsentiert, wenn man hinterher feststellen muss, dass der Autor ein völlig anderes Verständnis von Demokratie hat als Sie selbst. Wenn ein Autor also etwas als "demokratisch" darstellt, finden Sie also heraus, was er mit "demokratisch" eigentlich meint.

    CLUES 3: Uncover the evidence.

    Mit evidence sind Belege und Beweise gemeint. Nehmen Sie den Autor ins Kreuzverhör, überprüfen Sie, was er anbietet: Zahlen, Daten, Fakten, Erkenntnisse von Experten, historische Parallelen und aktuelle Beispiele – alles, was man zur Stützung eines Arguments beibringen kann. Das Beweismaterial sollte möglichst "hart" sein, also in der Wirklichkeit überprüfbar. Oder zumindest eine solide Begründung, die logisch ist, also in sich stimmig (Ableitung von einem Prinzip). Oder beides. Wenn es also eine saubere Begründung gibt – gut. Wenn ein Argument mit seinen Belegen dieser Überprüfung standhält, dann darf man das auch akzeptieren.

    Wenn es keine harten Fakten gibt und auch keine logische Ableitung, worauf stützt sich der Autor dann? Wenn Sie genau hinschauen, entdecken Sie vielleicht, dass der Autor nur "aus dem Bauch" heraus argumentiert. Er appelliert vielleicht an Ihr Gefühl oder allgemeine Wunschvorstellungen, oder er bezieht sich auf Gerüchte und Hörensagen, nennt keine genauen Quellen, bleibt im Ungefähren, hat keine Zeugen und belastbaren Materialien in der Hand. Das ist dann nicht überzeugend: weg damit! 

    CLUES 4: Evaluate the conclusion.

    Der Autor kommt zu irgendeinem Schluss. Ist sein Fazit richtig? Finden Sie es überzeugend? Warum? Oder warum nicht? Nachdem Sie den Text gelesen haben, hat sich bei Ihnen etwas verändert? Sehen Sie die Sache jetzt anders, in einem neuen Licht? Haben Sie etwas Neues dazugelernt? Passt das Neue zu dem, was Sie vorher gedacht haben? Wenn Sie den Schluss des Autors akzeptieren, bedeutet das, dass Sie Ihre eigene Einstellung oder Annahmen verwerfen müssen?

    Hier geht es noch einmal um Logik: Wenn A und B richtig sind, muss auch C richtig sein. Können Sie das nachvollziehen? Eine Aussage kann als richtig angesehen werden, wenn das Argument gut begründet ist. Was also ist die Begründungskette? Wie stichhaltig ist sie?

    Der Autor ist ein "Verkäufer", der mit seinem Leser ein "Verkaufsgespräch" führt. Er vermarktet seine Aussagen. Kaufen Sie, oder kaufen Sie nicht? Warum?

    CLUES 5: Sort out the political implications.

    In einem politischen Text geht es natürlich auch um die Analyse weiterreichender Folgen. Der Sinn der Sache ist es, die größere Bedeutung herauszuarbeiten. Wer A sagt, muss auch B sagen. Was ist in diesem Sinn der Wert einer politischen Aussage, die in einem Text gemacht wird? Ziehen Sie das Argument also "größer": Was sind die Konsequenzen, wenn man dem Autor folgt? Wohin führt das alles? Was macht den Text bedeutsam, was bedeutet er? Verändert es Ihr Verständnis der politischen Welt und wie sie funktioniert? Politik ist – nach der Definition von Harold Lasswell – immer auch die Frage "Who Gets What, When, How" , wer bekommt was, wann und wie? Und in der Politik geht es ums Gewinnen und Verlieren: Wer gewinnt, wer verliert, wenn man dem Autor folgt? Wer hat etwas davon?

    Nehmen wir an, im Handelsblatt schreibt ein Autor zur Euro-Krise 2010, der Euro-Rettungsschirm sei schlecht, weil er "fatale Fehlanreize" für internationale Anleger auf den Kapitalmärkten setze. Also den Leuten, die z.B. auf riskante Staatsanleihen Griechenlands oder unsichere Anlagen in der griechischen Wirtschaft gewettet haben, obwohl sie wussten, dass in Griechenland nicht alles mit rechten Dingen zugeht: "Gläubiger erhalten den Eindruck, dass sie von den Steuerzahlern Europas abgesichert werden. Das kann auf Dauer nicht gutgehen." Der Autor sagt dann, dass die Regierungen Europas auch von den Anlegern verlangen, dass sie die finanziellen Verluste mittragen.

    Wie beurteilen Sie das? Ist das eine gute Idee? Ist das gute Politik? Ist es sinnvoll, dass Griechenland nur gerettet wird, wenn Banken, Investoren usw. mit die Zeche zahlen? Was wären die Konsequenzen einer solchen Bedingung für jede Rettungsaktion? Wenn es nicht nur um Griechenland geht, sondern um Irland, Spanien, Portugal, Italien oder welches Land auch immer? Was bedeutet ein solches Signal für die Kapitalmärkte, für die Wirtschaft Europas? Was spricht also insgesamt dafür oder dagegen?

    Beantworten können Sie das natürlich nur, wenn Sie die Zusammenhänge kennen. Darum ist das der anspruchsvollste Teil der Analyse. Sie müssen Ihr Kontextwissen nutzen, sonst funktioniert es nicht. Sie erkennen sonst nicht die Wichtigkeit bestimmter Aussagen, oder hängen fest, wenn Sie interpretieren müssen. Notwendig ist also der Hintergrund aus Buchlektüre, Vorlesungen, Erkenntnissen aus Diskussionen und Arbeitsgruppen.

    Sie verlassen hier ja den Text und gehen darüber hinaus. Es geht nicht nur darum, den Textinhalt zu sezieren, sondern eine eigene Position zu finden und zu begründen. Egal, ob Sie dem Text zustimmen oder ihn ablehnen.

    23. Dezember 2010

    Book!

    Eine revolutionäre Neuentwicklung der Informationsspeicherung, präsentiert von der spanischen Buch-Community leerestademoda.com, deutsche Untertitel vom HR.
     

    Dazu ein Zitat vom Professor und Schriftsteller Umberto Eco:
    "Alles, was wir über uns wissen, verdanken wir der Überlieferung aus Büchern, und das seit bald zweitausend Jahren. Bisher aber gibt es keinen Beweis dafür, dass die elektronischen Geräte ähnlich lange überdauern werden. Und dann ist da unsere taktile, haptische, auch emotionale Verbindung mit Büchern. Wenn wir im Keller Bücher finden, die wir einst als Kind gelesen haben, bewegt uns das. Wenn wir aber eines Tages die Diskette finden, die wir als Kind verwendet haben, kann unser Computer sie nicht mehr lesen, und die Diskette ist dieselbe wie die einer beliebig anderen Person. Dass wir den persönlichen Kontakt verlieren, ist nicht nur für Bibliophile ein Desaster. Eine kleine Minderheit elektronischer Taliban wird nur mit iPads und E-Books umgehen, alle anderen werden Bücher weiterhin brauchen, davon bin ich überzeugt."
    Interview mit Umberto Eco, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Dezember 2010