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16. Mai 2012

Muss die "Fragestellung" eine Frage sein?

Zwei Studentinnen rätseln:
  • "wie die Fragestellung genau formuliert werden muss. Eher als eine Art Untertitel oder richtig als Frage?"
  • "ob die Fragestellung" wirklich als Frage formuliert sein muss oder ob es genügt, wenn man als Thema 'XXX' angibt?
Tja, ist eine Fragestellung eine Frage? Ja, konzeptionell schon. Ob man nun einen echten Frage-Satz mit Fragezeichen formuliert oder eher das zu erknobelnde Problem und die Lösungsziele skizziert, ist eher eine sprachliche Entscheidung. Gleichwohl sollten sich Autoren davor hüten, "Thema" und "Fragestellung" in einen Topf zu werfen.

Ein Thema  muss eingegrenzt werden, klar. Aber selbst wenn der Autorin das gut gelingt, hat sie immer noch unendliche Möglichkeiten, daraus Fragestellungen zu entwickeln.

In einem früheren Blogbeitrag(11.1.11) schrieb ich:
Studenten suchen meist nur "ein Thema". Professoren aber beharren darauf, dass Sie nicht nur ein "Thema" brauchen, sondern eine Fragestellung.
Das Thema ist der weit gefasste inhaltliche Gegenstand, mit dem sich eine Studie befasst (mehr oder weniger konkret). Eine Fragestellung ist dagegen ein Problem, das besser verstanden oder gelöst werden muss: Die Frage, die Sie mit Ihrer Arbeit beantworten. Daraus ist ein Untersuchungsziel zu entwickeln: die wichtigste Absicht oder der Zweck: Was wollen Sie erreichen? Dann entstehen die Forschungsfragen (immer mehrere): Fragen, die man in der Studie beantworten will. Wobei Haupt- und Nebenfragen zu unterscheiden sind. Bei der "Operationalisierung" schließlich geht es um das Zerlegen in viele Detailfragen, die Sie Schritt für Schritt bearbeiten können.
Je klarer sich die Autorin darüber ist, auf was sie eigentlich eine Antwort finden will, desto leichter wird auch die Bearbeitung. Wer nur ein "Thema" formuliert, neigt oft dazu, sich darum herum zu mogeln. Leider sind nicht alle Betreuer einer Arbeit in der Konzeptionsphase pingelig -- hinterher mosern sie aber trotzdem über Defizite bei der Fragestellung.

Der Titel der Arbeit hat übrigens mit der Fragestellung nicht unbedingt etwas zu tun. Im besten Fall lässt sich die Fragestellung aus dem Titel schon erkennen. Und manche Titel werden als Fragesatz formuliert. Eigentlich aber sind Fragestellungen deutlich zu komplex und differenziert, als dass sie sich in einen kurzen Titel quetschen ließen. Das geht also nur in Kurzform, wenn überhaupt. Die meisten Titel umreißen das Thema.

Die FH Nordwestschweiz schlägt vor, die Fragestellung nach einem Dreisatz zu entwickeln:
  1. Ich untersuche / arbeite an / forsche über … [THEMA]
  2. ...weil ich herausfinden möchte, wer / was / wann / wo / welche / warum / wie / ob … [FRAGE - ERKENNTNISINTERESSE]
  3. ...um zu zeigen, wie / warum / ob ... [FRAGE - ABSICHT]
(Beispiele hier)

Maier & Palme (WU Wien) schreiben, eine gute Fragestellung soll
  • eine klare Anleitung dafür geben, was zur Arbeit gehört und was nicht und
  • die Ableitung eines Arbeitsplanes erlauben.
Damit das gelingt, soll die Fragestellung...
  • "möglichst klare und präzise definierte Begriffe verwenden. Da Sie die Definition von Begriffen nicht in die Frage selbst packen können, beinhaltet eine gute Fragestellung neben der Formulierung der zu beantwortenden Frage auch noch eine Erläuterung und Präzisierung der wichtigsten darin verwendeten Begriffe. Stellen Sie sicher, dass Ihr Betreuer bzw. Ihre Betreuerin die von Ihnen formulierte Forschungsfrage genau so versteht wie Sie."
  • "keine offenen Enden oder vagen Formulierungen aufweisen. Hüten Sie sich vor Formulierungen wie 'alle damit verbundenen Auswirkungen', 'alle wichtigen Einflussfaktoren', etc. Was 'alle' sind, ist völlig unklar und jede(r) kann darunter etwas anderes verstehen. Versuchen Sie nicht, alles zu versprechen. Dieses Versprechen können Sie nicht einlösen. Sagen Sie möglichst genau, welche Einflussfaktoren und welche Auswirkungen Sie für wichtig erachten und in Ihrer Arbeit behandeln wollen."
  • "eine - nicht mehrere - Forschungsfragen aufwerfen. Natürlich kann man leicht zwei oder mehr Fragen in eine packen, wenn man sie mit 'und' verbindet. Beispielsweise: 'Wer wandert von Wien in das Wiener Umland, warum und wie wirkt sich diese Wanderung aus?' Diese Forschungsfrage stellt eigentlich drei Fragen, nämlich (1) wer wandert? (2) warum wird gewandert? und (3) wie wirkt sich diese Wanderung aus? Jede dieser Fragen erfordert eine andere Analysemethode und zum Teil auch andere theoretische Konzepte und Daten."



Ich hatte das mit den Forschungsfragen oben anders formuliert und meine, dass auch mehrere Forschungsfragen möglich sind -- unterscheide aber Hauptfrage und Nebenfragen. Ansonsten stimme ich den Kollegen aber zu.

Die Wiener führen weiter aus:
"Uns ist bisher noch keine Fragestellung unter gekommen, die zu eng gefasst gewesen wäre. Der Grund für diese Zweifel und etwaige damit verbundene Panik-Attacken liegt darin, dass Sie als Student bzw. Studentin typischerweise nicht wissen, wie umfangreich die wissenschaftliche Literatur und wie tiefgehend die Diskussion zu der von Ihnen gewählten Fragestellung schon ist. Das heißt nicht, dass genau diese Frage schon untersucht wurde, sondern vielmehr, dass zahlreiche Detailaspekte, auf die Sie bei der Bearbeitung dieser Frage stoßen werden, ausführlich diskutiert sind. Etwa: Die Frage, wie man Untersuchungsgebiete sinnvoll abgrenzt, wie verschiedene Konzepte miteinander in Verbindung stehen und sich auch unterscheiden, welche Probleme bei bestimmten Datenquellen auftreten, welche Vor- und Nachteile verschiedene mögliche Analysemethoden aufweisen, usw.

Sie sehen - hoffentlich -, dass auch in einer eng gefassten Fragestellung normalerweise genügend Material für Ihre wissenschaftliche Arbeit enthalten ist. Verfallen Sie also nicht in den Fehler, alles zu wollen oder zumindest alles zu versprechen."
Eng und präzise soll sie also sein, die Fragestellung. Das fällt nicht vom Himmel in den Schoß, sondern ist mühsam. "Ein Prozess der Präzisierung", sagen die Wiener Kollegen. "Natürlich schneiden Sie, je enger und präziser Sie eine Fragestellung formulieren, zahlreiche Aspekte - die ja auch irgendwie damit zusammen hängen - weg." Schwierig, ja. Das erfordert ein Ordnen, Sortieren, In-Beziehung-Setzen, Vergleichen, schließlich eine Rangfolge der interessantesten und bevorzugten Fragen, und dann eine Entscheidung.

Alles in allem: Wenn Sie eine echte Frage mit Fragezeichen stellen, also klar durch die W-Fragewörter "wer?", "was?", "wie?", "wo?", "wann?", "warum?" gekennzeichnet, ist es vermutlich für die notwendige Präzisierung am besten.

Und das muss dann auch in der Einleitung Ihrer Arbeit entsprechend differenziert erläutert werden. Dafür ist die Einleitung da.



Weitere Tipps:


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16. August 2011

Schreibblockade

Wenn's mal wieder länger dauert... hilft nicht immer ein Snickers. Schreibblockaden erlebt jeder Autor (auch Profs). Die meisten gehen vorüber, aber der Zeitdruck einer Haus- oder Abschlussarbeit erlaubt wenig Luxus, um Extrarunden zu drehen.

Eine Schreibpause ist eigentlich nicht schlimm: "Zeiten im Schreibprozess, in denen man nicht vorankommt, die aber zum Prozess dazu gehören. Das sind Phasen, in denen man sich etwas Neues zurechtlegen muss oder vor dem nächsten gedanklichen Schub steht", erläutert Ulrike Lange vom Schreibzentrum der Uni Bochum auf Zeit Online.

Ein Schreibzentrum, Schreibwerkstatt oder Textlabor ist eine Hochschuleinrichtung, an der man das wissenschaftliche Schreiben lernen kann (siehe dazu "Textlabors an Unis Schreiben kann man lernen", auch auf Zeit Online) -- leider gibt es davon in Deutschland nur wenige.

Eine echte Schreibblockade ist etwas anderes als eine Pause: "Von einer Schreibblockade würde ich sprechen, wenn es mit dem Schreiben über lange Zeit überhaupt nicht klappt und eine Person sehr darunter leidet", sagt Lange.  Das klassische Aufschieben sei natürlich auch verbreitet (Mañana-Prinzip: morgen, morgen...).

Ein Grund für Schreibblockaden ist einfach mangelnde Erfahrung und Defizite im Training. "Die Fähigkeiten zum wissenschaftlichen Schreiben werden immer noch zu wenig systematisch vermittelt. Viele Studierende sind mit ihren Fragen sehr alleine", weiß Lange.

So ist oft schon der Start ins Schreiben ein Problem:
Ein Hindernis ist häufig die Unklarheit darüber, was überhaupt zu tun ist. Was genau ist das Thema, was wird verlangt? Oft stellen Lehrende Themen, die nicht ausreichend eingegrenzt sind. Und viele Studierende suchen sich selbst in ihrer Begeisterung Themen, die ihnen zu groß sind. Das kann zur Folge haben, dass sie nicht anfangen können. Sie wissen ja nicht wo.
Das ist richtig: Je klarer die Grenzen definiert sind, desto leichter ist es meist auch, die Aufgabe zu strukturieren und ein Konzept zu entwerfen. Ist das Thema sehr breit und diffus, zerbricht man sich endlos den Kopf.

Lange gibt den Tipp, sich zu Beginn noch einmal mit den formalen und inhaltlichen Rahmenbedingungen zu beschäftigen -- vom Seitenumfang über den Anspruch an die Quellenauswahl bis zur Aufgabe (vorhandene Literatur zusammenfassen oder eigene Interpretation). Eine Fragenliste schreiben und damit noch einmal zum Dozenten zu gehen, lautet ihr Tipp.
"Auch über die einzelnen Arbeitsschritte sollte man sich Klarheit verschaffen. Die erste Fassung braucht noch nicht perfekt zu sein. Wenn das Anfangen schwer fällt, kann es hilfreich sein, erst einmal nur Ideen zu sammeln und zu ordnen. Oder man schreibt eine noch holprige Rohfassung, um diese dann sprachlich zu überarbeiten."
Fehlt das persönliche Interesse an einem Thema, kann man trotzdem eine positive Seite sehen: "Da ist es umso wichtiger, die Hausarbeit handwerklich anzugehen. Auch aus einer Arbeit, die einen inhaltlich wenig interessiert, kann man etwas lernen. (...) Man kann sich zum Beispiel vornehmen, eine besonders gute Gliederung zu entwerfen." Ziel sei es dann, sich von Hausarbeit zu Hausarbeit weiterzuentwickeln. "Über die Hausarbeiten sollen sich Studierende ja die für die Abschlussarbeit nötigen Fertigkeiten aneignen. Das Schreibenlernen ist ein langer Prozess, der nicht mit dem Abi abgeschlossen ist. Schreiben lässt sich nur durch Schreiben lernen."

20. Juni 2011

Wie schreibt man den Schlussteil?


Was liest der Gutachter Ihrer Arbeit als erstes? Den Schluss. (Oder die Einleitung und dann sofort danach den Schluss.) Was bei Krimis und dramatischen Werken den Spaß verdirbt, nämlich den Höhepunkt vorwegzunehmen, ist bei wissenschaftlichen Texten zentral: "Entscheidend ist, was hinten rauskommt", wusste schon Altkanzler Helmut Kohl.

Er wollte damals wohl ausdrücken, dass der Weg zum Ergebnis nicht so wichtig ist. Das ist in der Wissenschaft natürlich anders, denn jede Untersuchung muss präzise dokumentiert und nachvollziehbar sein. Was zwischen Einleitung und Schlussteil passiert, bleibt der Kern Ihres Projekts. Trotzdem ist es schlecht, wenn Sie Berge an Material zusammentragen und am Ende unklar ist, was Ihr Ergebnis ist und was das alles bedeutet. Genau darum geht es im Schlussteil: Was ist Ihr Ergebnis? Was bedeutet das alles?

Viele Namen, viele Funktionen
So ein Schlussteil hat unterschiedliche Namen. Manchmal heißt er „Zusammenfassung“ oder „Resümee“, „Fazit“ oder „Konklusion“. Und dann gibt es noch „Schlussbemerkung“ oder „Ausblick“. Damit sind allerdings sehr unterschiedliche Dinge gemeint, was Studenten dann auch verwirrt. 

Eine „Zusammenfassung“ fasst die Ergebnisse zusammen, ein „Ausblick“ hingegen lässt die Ergebnisse hinter sich und blickt darüber hinaus. Ein „Fazit“ oder eine „Konklusion“ zieht Schlüsse aus den Ergebnissen. Hier werden also nicht nur Ergebnisse festgehalten, sondern sie werden bewertet. Wertung ist mehr als Analyse: Hier kommt es stärker auf die Deutung (Kommentierung, Interpretation – was bedeutet das alles?) an. Und die eigene Position oder Meinung kommt zum Ausdruck.

Bei einer reinen Schlussbemerkung und einem Ausblick ist davon auszugehen, dass davor schon die Ergebnisse präsentiert und bewertet wurden.

Ein Schlussteil kann also unterschiedliche Funktionen beinhalten. Wenn ich hier von Schlussteil schreibe, dann meine ich den gesamten Schlussteil. Er umfasst drei Dinge:
  • Die Zusammenfassung der Ergebnisse
  • Die Wertung der Ergebnisse, Schlussfolgerungen
  • Ausblick: „Weiterspinnen“ und offene Fragen
Ein Schlussteil soll also mehr bieten als eine überblicksartige Zusammenfassung der Ergebnisse. Er geht darüber hinaus. Ein "runder" Schluss hat noch ein paar Pointen mehr zu bieten.

Zugleich aber ist er eng verbunden mit der Einleitung und dem "roten Faden" Ihrer Arbeit. Der Schlussteil bezieht sich explizit auf das, was Sie in Ihrer Einleitung als Leitfrage und Ziel der Untersuchung angekündigt haben, und er bindet den "roten Faden" fest.
Die Ergebnisse
Jede Untersuchung braucht ein Ergebnis. Was haben Sie herausgefunden? 

„Das habe ich doch schon im Hauptteil gesagt, wieso soll ich das wiederholen“, könnten Sie jetzt kontern. Ja, gut. Aber fassen Sie das zusammen, knapp und möglichst präzise. Geben Sie einen Überblick – was ist der Kern Ihrer Erkenntnisse?

Gehen Sie die Untersuchungsschritte noch einmal durch. Welche Kernaussagen hat jedes Ihrer Kapitel? Ziehen Sie zu jedem Kapitel ein Fazit. Legen Sie als Maßstab Ihre Einleitung an: Diese hat idealerweise definiert, was die Leitfrage und das Ziel jedes Untersuchungsschritts war. Im Schluss stellen Sie fest, ob Sie das Ziel (oder die Etappenziele) erreicht haben. Was hat jedes Kapitel zur Beantwortung Ihrer Fragestellung beigetragen? Und dann, insgesamt, losgelöst von den einzelnen Kapiteln/Untersuchungsschritten: Was ist die übergreifende Antwort auf Ihre übergreifende Frage?
Machen Sie kein neues Fass auf. Sie beziehen sich ausschließlich auf das, was Sie bereits im Hauptteil herausgefunden haben. Alle Erkenntnisse, Erläuterungen, Belege und Diskussionen gehören in den Hauptteil.
  • Fangen Sie nicht an, etwas Neues zu untersuchen,
  • Führen Sie keine neuen Fakten ein, 
  • präsentieren Sie keine neuen Quellen, 
  • diskutieren Sie keine Dinge, die nicht im Hauptteil stehen. 
  • Nur im absoluten Ausnahmefall sollten Sie Zitate anbringen – es sei denn, das Zitat fand sich schon im Hauptteil und ist so prägnant und treffend, dass Sie es hier unbedingt noch einmal ins Scheinwerferlicht stellen möchten.
In einer Einleitung werden oft Hypothesen aufgestellt, also Annahmen oder Vermutungen. Diese überprüft der Hauptteil. Es kann nun sein, dass Ihre Untersuchungsergebnisse die Annahme widerlegt. Dann ist es völlig in Ordnung (und wichtig), dies genauso zu schreiben. Auch das ist Wissenschaft: Hypothesen aufstellen, testen und verwerfen, wenn sie falsch waren. "Ich bin doch nicht blöd und widerlege mich selbst", könnten Sie sagen. Falsch gedacht: Ihr Gutachter wird das sogar als besonders wissenschaftlich hochwertig ansehen, wenn Sie so vorgehen.

Bewerten der Ergebnisse
Ergebnisse erklären sich nicht immer von selbst. Sie bedürfen einer Deutung, einer Kommentierung, einer Interpretation. Was bedeutet das alles? Was davon ist wichtig, was ist weniger wichtig? Nachdem Sie sich intensiv mit Ihrem Thema auseinander gesetzt haben, sollten Sie das einschätzen können. Anders gesagt: Was haben Sie gelernt?

Sie sollten sich auch mit der Frage befassen, wo die Grenzen Ihrer Ergebnisse sind. Wissenschaftler sprechen gern vom „Gültigkeitsbereich“. Für was und inwiefern sind Ihre Ergebnisse gültig, für was eher nicht? Welche Ergebnisse betreffen nur einen eng umfassten Gültigkeitsbereich? Wie weit darf man von Ihrem konkreten Ergebnis aus verallgemeinern? Hier sollten Sie zeigen, dass Sie differenzieren können und keine Pauschalwahrheiten verbreiten.

Im Verlauf Ihrer Arbeit haben Sie sich mit den Ergebnissen und Thesen anderer Wissenschaftler befasst. Vielleicht stehen Ihre Ergebnisse im Gegensatz dazu. Dann ist hier der Platz, um das pointiert darzulegen. Oder umgekehrt, Sie konnten die Ergebnisse anderer bestätigen. Zeigen Sie, wo Ihre Arbeit im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Arbeiten steht. Als Student sind Sie ja kein Einzelkämpfer, sondern gewissermaßen Mitglied der akademischen Community, Sie nehmen teil am wissenschaftlichen Diskurs über ein Thema. So sieht das auch Ihr Gutachter, also will er wissen, wo Sie sich positionieren. Auf wessen Seite stehen Sie? Oder zumindest: An wessen Ergebnisse finden Sie Anschluss?

Positionieren heißt auch, eine persönliche Stellungnahme abzugeben. Ihr eigenes Urteil, Ihre eigene Meinung ist nicht tabu – im Gegenteil. Im Schlussteil zeigen Sie Ihre Fähigkeit, urteilen zu können, und einen eigenen Standpunkt einzunehmen. Sie dürfen sortieren, gewichten, zuspitzen. Wichtig dabei ist, dass Sie argumentieren, warum Sie etwas so-und-so sehen. Begründen Sie also mit Bezug auf Ihre Untersuchungsergebnisse, wieso Sie zu welchen Schlüssen kommen.

Der Ausblick
Ein Ausblick lässt die Ergebnisse und ihre Bewertung hinter sich. Er blickt auf das, was darin nicht eindeutig enthalten ist. 

Hier dürfen Sie Aussagen darüber machen, wie sich Ihr Thema wohl weiterentwickeln wird und was die Zukunft bringt. Bei aktuellen Themen sollten Sie eine (begründete) Einschätzung liefern, was demnächst wichtig werden könnte, welche Entscheidungen anstehen, was in den nächsten Jahren passiert usw. Sie könnten auch explizit praktische Konsequenzen aufzeigen. Beispiel: Sie haben ein wirtschaftspolitisches Problem untersucht und zeigen auf, was der Gesetzgeber tun könnte, um eine schwierige Situation für mittelständische Unternehmen zu erleichtern.

Der Ausblick kann aber auch die wissenschaftliche Forschung einbeziehen. Zunächst einmal selbstkritisch: Was ist in Ihrer Untersuchung offen geblieben? Welches Puzzle ist noch nicht zusammengesetzt, welches Rätsel ungelöst? Was wissen wir jetzt immer noch nicht? Was konnten Sie nur am Rande aufgreifen oder was haben Sie ganz ignoriert, wäre aber auch interessant? Was würden Sie genauer erforschen, wenn Sie dazu Zeit und Gelegenheit hätten?

Wenn Wissenschaftler einen Ausblick schreiben, geben sie ihren Kollegen so Hinweise für die (gemeinsame) Forschungsagenda: Dies und das wäre noch zu untersuchen, das sollte man sich näher ansehen, hier sind einige Unstimmigkeiten aufgetaucht, die ich mir nicht erklären kann. Dabei kann es auch um Methoden und Arbeitsweisen gehen: Mit der Methode X kommen wir so nicht weiter, wir bräuchten einen Ansatz Y. Die Methode Z hat offensichtlich Probleme, wir könnten das Problem aber so-und-so in den Griff bekommen.

Das klingt vielleicht etwas negativ, weil es um Defizite geht. „Wieso sollte ich am Schluss schreiben, was ich alles nicht weiß?“, mögen Sie fragen. Weil auch das die Qualität wissenschaftlicher Arbeit ausmacht: zu zeigen, dass nicht alles abschließend gesagt ist und gesagt sein kann, und dass wissenschaftliche Neugier – als Suche nach der Wahrheit – unendlich ist. Es gibt immer Aspekte und Quellen, die man sich noch genauer ansehen kann. Präzise zu sagen, wo die Welt noch unklar ist, ist wichtig. 

Ein Student, der das zum Schluss seiner Arbeit tut, entblößt sich nicht, sondern zeigt die Fähigkeit zur Reflexion und zum Weiterdenken (und das ist gut!).

Allerdings: Das ist keine Einladung zum Philosophieren (oder Faseln). Im Ausblick schreiben Sie nicht, was sie sonst schon immer noch sagen wollten. Werden Sie also nicht zu persönlich, halten Sie kritische Distanz zum Thema und denken Sie daran, dass Sie eine wissenschaftliche Arbeit schreiben wollten, keine Parteitagsrede oder ein Gerichtsplädoyer. Gefragt sind weder Ihr allgemeiner Weltschmerz noch aufrüttelnde Appelle an die Weltöffentlichkeit.

7. März 2011

Mängel in der Form - schlechtere Note gerechtfertigt?

"Wenn ein Student fachlich alles richtig gemacht hat und nur die Druckqualität bzw. die Form der Belegarbeit bemängelt wird, kann der Dozent dann die Note 3 geben?", fragt eine Studentin. Antwort:

Es kommt drauf an, was Sie unter „Form“ verstehen… Hätte Guttenberg die Form bewahrt, wäre er noch Minister.

Von höheren Studiensemestern kann man durchaus verlangen, dass alle Formvorschriften und Formate wissenschaftlicher Arbeit eingehalten werden. Tun sie das nicht, kann man die Bewertung durchaus um gewisse Notenstufen herabsetzen – mit Augenmaß natürlich.

Denn das Erlernen der Formalia ist ein Ausbildungsziel – sowohl im Sinne der Wissenschaftlichkeit, die nun einmal auch von Standards lebt, als auch im Sinne der Berufsvorbereitung, denn von einem Akademiker erwartet man professionelle Darstellungsformen.
  • Eine einzelne vom Tintenstrahldrucker verschmierte Zeile oder Tonerspuren auf der Seite ist dabei wohl eine Lappalie. 
  • Eine Arbeit, die eher an eine Schmuddelkladde erinnert und die von sprachlichen und editorischen Fehlern nur so wimmelt, ist dagegen kritischer. 
  • Ein großes Durcheinander in der Textformatierung, bei der Gliederung, bei der Anordnung von Textteilen, bei der Formatierung von Quellenbelegen oder des Quellen- und Literaturverzeichnisses schlagen noch stärker zu Buche.
Und: Möglicherweise ist der Dozent der Ansicht, dass keineswegs "fachlich alles richtig" ist, wenn er darunter bestimmte Vorgehensweisen versteht. "Form follows function", heißt es bei den Designern: Wenn die Aufgabe war, einem bestimmten Verfahren zu folgen und das auch durch die Formatierung zu zeigen, dann ist das eine mit dem anderen verbunden.

Selbst bei klarer Trennung von Inhalt und Form: „Fachlich alles richtig“ und trotzdem eine 3 ist eher selten, kann aber passieren. Wenn der Inhalt insgesamt „gut“ ist (=2) und die Form gibt Anlass zur Herabsetzung um eine Notenstufe (=3), ist das legitim.

Der Dozent hat hier einen relativ großen Ermessensspielraum. Studenten sollten allerdings zu Beginn des Kurses oder bei der Aufgabenstellung wissen, was der Bewertungsmaßstab ist. Hat der Dozent bei der Aufgabenstellung sehr klar und deutlich hervorgehoben, dass bestimmte Form- und Formatvorschriften wichtig sind, dann ist das eine eindeutige Ansage, dass das bewertet wird. Weist er klar an, dass z.B. ein bestimmter Zitationsstil verwendet werden soll, und Sie verwenden einen anderen, haben Sie einen Teil der Aufgabe nicht korrekt erfüllt.

Aber, wie gesagt, die Notengebung verlangt Augenmaß. Wenn Sie der Auffassung sind, dass die Notengebung nicht gerechtfertigt ist, sollten Sie das gegenüber dem Dozenten auch so vertreten. Bisweilen gibr es einfach Missverständnisse über die Anforderungen, oder die Anweisungen und Bewertungsmaßgaben sind unklar gewesen. Vielleicht bietet er Ihnen an, die Belegarbeit zu überarbeiten. Mit etwas Goodwill von beiden Seiten kann man manches ausräumen. 

Kommen Sie zu keiner Einigung, können Sie beim Prüfungsausschuss des Fachbereichs den Antrag stellen, dass die Benotung überprüft wird (Zweitgutachten durch einen Kollegen). Dabei wird der Zweitgutachter allerdings auch erstmal von Ihrem Dozenten erfahren wollen, was die Bewertungsgrundlagen des Kurses sind. Möglicherweise kommt er dann zum selben Schluss.

12. Januar 2011

Formaler Aufbau einer Abschlussarbeit

Eine häufige Frage von Studenten: "Wie baut man eine Abschlussarbeit formal richtig auf?" Damit ist nicht die inhaltliche Gliederung gemeint. Vielmehr geht es um die typischen Teile einer wissenschaftlichen Arbeit. Ihre Gutachter werden bei der Bewertung als erstes prüfen, ob diese Grundelemente einer wissenschaftlichen Arbeit vorhanden sind und ob sie an der richtigen Stelle eingefügt wurden.

Die Antwort ist eigentlich ganz simpel: Der Textteil besteht aus Einleitungsteil, Hauptteil, Schlussteil. Dazu kommen vorne Deckblatt mit Titel, Abstract, Inhaltsverzeichnis, weitere Verzeichnisse (Abkürzungen, Abbildungen, Tabellen), ggf. ein Vorwort (nicht zu verwechseln mit der Einleitung) und hinten Literatur- und Quellenverzeichnis sowie Anhänge (z.B. einzelne Dokumente, Statistiken, Fragebögen und Interviewleitfäden als Erhebungsinstrumente). Die Reihenfolge ist fast immer genau so wie hier angegeben. Die meisten Hochschulen veröffentlichen dazu auch eine Anleitung und ein Formular bzw. eine Vorlage, insbesondere für das Deckblatt mit der "Titelei" (alles, was vor dem eigentlichen Textteil kommt).

Die meisten Hochschulen verlangen überdies eine "ehrenwörtliche Erklärung", dass sie die Arbeit nur auf Basis der angegebenen Quellen verfasst und an keiner anderen Hochschule als Prüfungsarbeit eingereicht haben – in einem vorgeschriebenen Wortlaut.

Informieren Sie sich also zunächst, was die Prüfungsordnung in Ihrem Studiengang formal vorschreibt. Erst dann konsultieren Sie in Ratgeberbüchern oder Internetportalen zum wissenschaftlichen Schreiben über alles andere.

Wichtig ist zu verstehen, dass jeder Teil einer wissenschaftlichen Arbeit eine bestimmte Funktion hat. Jeder Teil leistet etwas anderes. So sollte man die verschiedenen Verzeichnisse klar auseinanderhalten, Vorwort und Einleitung nicht verwechseln, die Bedeutung der Einleitung klar verstehen und vom Hauptteil abgrenzen usw.

Die formale Gliederung (nicht die inhaltliche) kann unterschiedlich erfolgen, hier gibt es von der Hochschule meist keine Vorschriften. Bei kurzen Belegarbeiten ist eine formale Gliederung oft verzichtbar, hier reichen Überschriften aus. Bei längeren Arbeiten, also praktisch allen Abschlussarbeiten, ist es dagegen sinnvoll, eine echte formale Gliederungsordnung zu haben, die die Hierarchie aller Textabschnitte deutlich macht. Sie kann numerisch (nur Ziffern, z.B. 1), 2), 3) oder I., II., III. oder 1, 1.1, 1.1.1 usw.) und alphanumerisch (Buchstaben und Ziffern, z.B. 1), a), i) oder I., A., 1.) erfolgen. Die numerische Klassifikation mit 1., 1.1, 1.1.1 usw. ist inzwischen die am häufigsten verwendete. Bei der Textverarbeitung Microsoft Word nutzen Sie dafür die Menüfunktionen „nummerierte Liste“ und „Liste mit mehreren Ebenen“.

Weitere Blogbeiträge:

11. Januar 2011

Ein Thema finden

Manche Studenten wissen schon mehrere Semester im voraus ganz genau, über welches Thema sie ihre Abschlussarbeit schreiben wollen. Für die meisten ist das eher ein schwieriges Unterfangen. Patentlösungen gibt es dafür natürlich nicht.

Mancher blättert erst einmal in alten Kursunterlagen. Ratgeberbücher zum wissenschaftlichen Arbeiten empfehlen gern Brainstorming, Mind-Mapping und diverse Kreativitätstechniken. Man kann aber auch Lektüre empfehlen, ein paar Stunden in der Bibliothek (auch in der Abteilung für Abschlussarbeiten) oder das Durchforsten von Internetportalen, auch von Anbietern von Abschlussarbeitensammlungen.

Wenn Sie schon eine Liste möglicher allgemeiner Themen haben, hier einige handfeste Tipps zur Entscheidung bzw. Erstellung einer "shortlist".

Interesse und Motivation: Das Thema sollte Sie so interessieren, dass Sie damit mehrere Monate ohne persönliche Quälerei verbringen können. Die Abschlussarbeit bringt oft schwierige Umstände mit sich, man arbeitet überwiegend allein, muss sich selbst motivieren und knifflige Probleme lösen. Dann hilft es sehr, wenn man das Thema wirklich mag und einen persönlichen Bezug dazu hat.

Zeitfaktor: Das Thema soll in der zur Verfügung stehenden Zeit sinnvoll, gründlich und solide zu bearbeiten sein. Dabei gibt es natürlich Unterschiede zwischen Bachelor- und Masterarbeiten. Das können Sie oft nicht selbst beurteilen, hier hilft nur Beratung durch den Betreuer.

Das Thema soll mit einer auch zeitlich passenden und den methodischen Fähigkeiten des Studenten entsprechenden Methode zu bearbeiten sein. So ist es ziemlich aussichtslos, eine quantitativ angelegte Befragung von 500 Personen sauber durchzuführen und auszuwerten, wenn man nur zwei Monate Zeit für eine BA-Thesis hat und noch nie eine längere Lehrveranstaltung zur empirischen Sozialforschung belegt hat. Mit Unterstützung des Betreuers kann man natürlich auch eine neue Methode anwenden, aber auch zum Kennenlernen der methodischen Finessen braucht man Zeit.

Sie sollten inhaltliche Vorkenntnisse mitbringen. Je weniger Sie über das Thema wissen, desto steiler ist die Lernkurve. Man kann sich vieles anlesen, aber die Einarbeitung kostet Zeit, und man kann sich dabei überfordern. Was ist, wenn Sie auf halbem Weg feststellen, dass Sie viel zu wenig Vorkenntnisse haben? Das frustriert möglicherweise.

Das Thema Ihrer Abschlussarbeit gibt Ihnen berufliches Profil auf dem Lebenslauf, bei einer Bewerbung macht es Sie für künftige Arbeitgeber interessant. Wenn Sie also ein klares Berufsziel vor Augen haben, sollte das Thema passen. Es sei denn, Sie entscheiden sich bewusst dafür, etwas völlig anderes zu bearbeiten – überlegen Sie sich das gut.

Studenten suchen meist nur "ein Thema". Professoren aber beharren darauf, dass Sie nicht nur ein "Thema" brauchen, sondern eine Fragestellung. Das Thema ist der weit gefasste inhaltliche Gegenstand, mit dem sich eine Studie befasst (mehr oder weniger konkret). Eine Fragestellung ist dagegen ein Problem, das besser verstanden oder gelöst werden muss: Die Frage, die Sie mit Ihrer Arbeit beantworten. Daraus ist ein Untersuchungsziel zu entwickeln: die wichtigste Absicht oder der Zweck: Was wollen Sie erreichen? Dann entstehen die Forschungsfragen (immer mehrere): Fragen, die man in der Studie beantworten will. Wobei Haupt- und Nebenfragen zu unterscheiden sind. Bei der "Operationalisierung" schließlich geht es um das Zerlegen in viele Detailfragen, die Sie Schritt für Schritt bearbeiten können.


Die größeren Schwierigkeiten macht nicht das Thema an sich, sondern dass, was darauf folgt: nämlich die Schritte vom Allgemeinen zum Spezifischen der Abschlussarbeit. Dabei werden Sie schnell merken, dass sich alles um die Eingrenzung des Themas (was bearbeite ich nicht?) dreht und das Konzept für die Untersuchung ("Forschungsdesign").

Ein Beispiel: Ein Student im Wildauer Studiengang "Verwaltung und Recht" möchte sich mit Personalveränderungen in unteren Verwaltungsbehörden Brandenburgs beschäftigen. Schönes Thema, er hat einen persönlichen Zugang dazu, es ist aber noch sehr allgemein. Was könnte die Fragestellung sein? Konkret entwickelt er: Das Problem des Führungskräftemangels als Ergebnis der Personalveränderungen in unteren Verwaltungsbehörden Brandenburgs. Sein Untersuchungsziel? Zu untersuchen, wie es zum Führungskräftemangel kommt und welche Möglichkeiten es im Personalmanagement gibt, das Problem zu begrenzen oder zu lösen. Jetzt beginnt er, einen Katalog möglicher Einzelfragen zu schreiben: u.a. wie zeigt sich der Führungskräftemangel? Wo? Wann? Unter welchen Bedingungen? Was ging ihm voraus, war er voraussehbar? Welche Folgen hat er? Wie kritisch sind die Folgen für das Funktionieren der Verwaltung? Wie wurde darauf reagiert? Welche Alternativen werden diskutiert?...

Er grenzt also erst einmal das inhaltliche Gebiet ein, dass er bearbeiten möchte. Er sucht nach einem konkreten Problem, einem Konflikt oder Dilemma – etwas, was eine Lösung benötigt. Dann versucht er das an Belegen aus der Literatur oder aus der Praxis festzumachen. Er stellt sich die Frage:  Was wissen wir noch nicht darüber? Was fehlt in der Literatur? In der Praxis? Was sollten wir noch wissen? Und er überlegt sich, was das Ergebnis seiner Untersuchung bringen soll – und wem. Er hat nämlich eine recht konkrete Zielgruppe vor Augen, für die die Abschlussarbeit ein paar Erkenntnisse produzieren könnte. In diesem Fall den Personalverantwortlichen und Leitern der Behörden, die er untersuchen möchte.

Eine Abschlussarbeit wird auch Thesis genannt. Das ist eigentlich ein ganz guter Begriff.  Eine "These" beschreibt nicht einfach das Thema oder eine Beobachtung, sondern präsentiert eine Vermutung, Behauptung, Prognose, Sichtweise, Meinung, Idee, Problemlösung, um die man streiten kann, die Argumente braucht und die verteidigt werden muss. Haben Sie eine "These"? Dann können Sie diese auch untersuchen.

So mancher hat diffuse Vorstellungen, welcher Themenbereich interessant wäre. Man muss aber die anderen Schritte auch gehen, in Gedanken durchspielen. Diskutieren Sie das im Gespräch mit dem Betreuer Ihrer Wahl!

Manche Studenten machen es sich einfach und wählen den Weg des (vermeintlich) geringsten Widerstands. Sie wählen ein "Standardthema" aus einem Lehrbuch oder aus einer Vorlesung. Die Wahl eines Themas für eine Abschlussarbeit ist aber sehr persönlich und bietet die Chance, ein Projekt für sich selbst zu wählen und sich beruflich Profil zu geben. Manchmal braucht man Mut, um ein unbekanntes Terrain zu erforschen. Wenn die Motivation stimmt, lassen sich die meisten Themen auch bearbeiten.

Der "rote Faden" in der Arbeit

"Wie behält man beim Schreiben einer Abschlussarbeit den sprichwörtlichen roten Faden?", fragt mich eine Studentin.

Was ist überhaupt ein "roter Faden"? Er dient der Orientierung. Autor und Leser wissen an jeder Stelle der Arbeit immer, worum es gerade und insgesamt geht. An diesem roten Faden sollten Sie die einzelnen Teile Ihrer Arbeit auffädeln.

Wikipedia weiß zum Thema: "Unter einem roten Faden versteht man ein Grundmotiv, einen Weg oder auch eine Richtlinie." Man kann daran eine durchgehende Struktur oder ein Ziel erkennen. Das Online-Lexikon verweist auf Goethes Wahlverwandtschaften – der Dichterfürst beschreibt den Kennfaden der britischen Marine: „Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören. Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden …“.

Wenn der rote Faden verloren geht, hat das in studentischen Arbeiten meist zwei Gründe:
  • Der Autor weiß nicht so genau, was er untersuchen will. Die Fragestellung wurde nicht präzise entwickelt. Es gibt keine Leitfragen der Untersuchung, die darunter liegenden Einzelfragen wurden nicht benannt ("Operationalisierung"). Es gibt keine Hypothese, die überprüft werden soll.
  • Der Autor hat ganz viel Material gesammelt, aber es nicht ausreichend sortiert. Er verliert sich in Diesem und Jenem, kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen. Wichtiges wird nicht vom Unwichtigen getrennt. Zitate werden massenhaft angeführt, alle möglichen Detailinformationen aus allen möglichen Quellen verwendet, ohne Rücksicht darauf, ob diese dazu beitragen, eine Antwort auf die zentralen Fragen der Arbeit zu geben.
Ein wichtiges Hilfsmittel ist die Gliederung (Outline). Sie sollte die Basisorientierung liefern. Die Gliederung ist so etwas wie Ihr Einkaufszettel. Sie müssen Ihren Bedarf feststellen, den Einkauf organisieren, Prioritäten setzen. Sie bietet dem Autor Struktur für das Schreiben. Später ist sie Wegweiser und Leitplanke für den Leser. Sie muss nicht komplex oder kompliziert sein. Es ist sinnvoll, mit dem Allgemeinen anzufangen und später zum Speziellen hinzuarbeiten. Selbst wenn Sie die Gliederung mit Ihrem Betreuer abgesprochen haben und dieser sie in der Anfangsversion abgenickt hat, so sollten Sie sie als Arbeitsdokument betrachten, das sich im Verlauf des Schreibens verändern darf.
  • Merke: Eine Gliederung ist nicht dasselbe wie eine Fragestellung und Untersuchungskonzept. Es ist sinnvoll, sich zuerst genau zu überlegen, was man da überhaupt untersuchen will (und wie), bevor man eine Gliederung anlegt. Sonst bietet die Gliederung nur eine Schein-Orientierung, die den Autor (und später den Leser) eher in die Irre führt. Das ist wie eine falsche Landkarte.
Der Blogbeitrag "Wie schreibt man eine Einleitung?" gibt Ihnen Tipps dazu, wie die Grundfragen Ihrer Untersuchung geklärt werden (und dieser Beitrag sagt einiges zu den Unterschieden von Bachelor- und Master/Diplomarbeiten).

Wie macht man in der Gliederung den roten Faden deutlich? Eine gute Möglichkeit bietet das abgebildete Schema.


Nehmen wir an, die Einleitung formuliert eine übergeordnete Fragestellung und darunter drei zentrale Fragen, die im Einzelnen untersucht werden sollen. Der Hauptteil der Arbeit soll drei Kapitel haben. Jedes Kapitel untersucht eine der drei Fragen.

Jedes Kapitel beginnt mit einer Kapiteleinleitung, die erläutert, welche Frage aus der Einleitung hier untersucht werden soll. Kapitel 1 kümmert sich also um Frage 1, Kapitel 2 um Frage 2 usw. Am Ende jedes Kapitels wird ein Zwischenfazit gezogen. Hier werden die "Ergebnisse gesichert". Das heißt, hier wird eine Teilantwort auf die in der Einleitung formulierte Fragestellung gegeben.


Haben Sie die drei Kapitel fertig, haben Sie also drei Zwischenfazits geschrieben. Damit haben Sie schon den halben Schlussteil (auch Konklusion genannt, also Schlussfolgerung) so gut wie fertig. Dieser soll nämlich die Ergebnisse der Kapitel noch einmal zusammenfassen. "Das ist dann ja doppelt gemoppelt", werden Sie jetzt vielleicht sagen.

Aber keine Scheu vor Wiederholungen: Am Schluss soll ja das Gesamtergebnis präsentiert werden. Dazu müssen Sie logischerweise die Teilergebnisse zusammenziehen. Scheuen Sie sich nicht davor, die Einzelfazits der Kapitel einfach in den Schlussteil einzukopieren! Wichtig ist nicht das Neuformulieren des bereits Geschriebenen, sondern nur eine gute Verbindung zwischen den Teilergebnissen.


Natürlich muss nun auch noch eine Gesamtantwort auf die übergeordnete Fragestellung her. Das sollte Ihnen nun aber leicht fallen. Es ist eine Art Fazit aller Fazits. Bekanntlich ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile, insofern dürfen Sie nun noch etwas mehr Kontext, ganzheitliche Interpretation und Ausblick aufbieten.

Das mag etwas sehr schematisch wirken, aber meiner Erfahrung nach fahren die meisten Studenten beim Schreiben recht gut damit. Bei jedem Kapitel müssen sie sich überlegen, was genau das einzelne Kapitel zur Fragestellung beigetragen hat. Das ist eine Art Sicherheitscheck: Bin ich da, wo ich sein wollte?

Sie setzen mit jedem Zwischenfazit einen Meilenstein, der anzeigt, wie weit sie gekommen sind. Und weil in jedem Kapitel stets die Untersuchungsziele benannt werden und klar gesagt wird, ob und inwieweit sie erreicht wurden, bleibt immer erkennbar, wo sich die Untersuchung gerade befindet.

Zugespitzt formuliert: Der rote Faden lebt von Wiederholungen. Sie markieren die Etappenziele, sie garantieren die Sichtbarkeit der Untersuchungsziele. Deshalb sind Wiederholungen nicht nur nicht vermeidbar, sondern ausdrücklich erwünscht.

Klar: Einen Roman oder Thriller würde man so nicht schreiben. Aber eine wissenschaftliche Arbeit wird vor allem danach bewertet, ob die innere Logik von Untersuchung und Argument nachvollziehbar ist und der Autor das selbstgesetzte Ziel erreicht.

Siehe auch den Blogbeitrag: "Labern vermeiden: Der MEAL-Plan"

21. Dezember 2010

Wie schreibt man eine Einleitung?

Wie schreibt man eine gute Einleitung? Hinterher. Die Einleitung schreiben Sie, wenn der Hauptteil steht. Wenn Sie genau wissen, was Sie wie einleiten wollen, fällt das Schreiben viel leichter.

Zu Beginn einer Arbeit sollten Sie sich daher nicht allzu sehr den Kopf über die Einleitung zerbrechen. Verwenden Sie die Energie lieber auf die Gesamtstruktur Ihrer Beleg- oder Abschlussarbeit und auf den Hauptteil. Für die Einleitung reicht ein Konzept, ein Rohentwurf zunächst aus.

Was eine Einleitung nicht ist
Hin und wieder verwechseln Studenten die Einleitung mit anderen Bestandteilen einer wissenschaftlichen Arbeit. Eine Einleitung ist...
  • kein Abstract (übrigens: "das" Abstract, nicht "der"). Abstracts sind knappe Inhaltsangaben, die einer Arbeit, also auch der Einleitung, vorangestellt werden.
  • kein Vorwort. Ein Vorwort ist eine persönliche Stellungnahme, in der z.B. Danksagungen ihren Platz haben. In Büchern und bei Abschlussarbeiten findet man häufiger ein Vorwort, in Belegarbeiten ist das unüblich.
Was die Einleitung leisten muss
Die Funktion einer Einleitung ist es,
  • dem Leser Orientierung über den Inhalt der Arbeit zu geben,
  • die Wahl des Themas zu begründen (warum ist es relevant, wichtig, nützlich),
  • das Thema inhaltlich von ähnlichen Themen abzugrenzen,
  • ein Ziel für die Arbeit zu nennen (ggf. ein Oberziel und mehrere Teilziele),
  • die Fragestellung differenziert zu entwickeln (und zwar so konkret, dass Sie auch "beantwortbar" ist),
  • ggf. eine These oder Hypothese vorzustellen und zu begründen,
  • dabei Annahmen und Vermutungen offenzulegen,
  • zentrale Begriffe zu klären,
  • die verwendete(n) Methode(n) offenzulegen,
  • offenzulegen, welche Informationen, Daten, Quellen verwendet werden,
  • Aufbau/Gliederung der Arbeit und den "Gang der Untersuchung" zu erläutern.
Die Einleitung stellt die Frage, der Hauptteil gibt die Antwort, und der Schluss sichert die Ergebnisse. Insofern geht es in der Einleitung definitiv nicht um Details des Themas. In der Einleitung untersuchen Sie nicht. Sie sagen nur, was Sie untersuchen werden und wie Sie untersuchen werden.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, einen "interessanten" Anfang zu machen – vom persönlichen Aufhänger/Motivation über eine Anekdote oder Story und aktuelle Berichte in den Medien bis zum Herausstellen einer praktischen Problemlösung. Ein pointierter erster Absatz ist wunderbar – aber der allein erledigt die Aufgabe nicht. Die Einleitung ist nicht vorrangig eine literarische Herausforderung, die den Leser motivieren soll. In erster Linie ist die Einleitung der Beweis,
  • dass Sie Ihr eigenes wissenschaftliches Projekt solide organisiert und konzipiert haben
  • und dass Sie Methoden und Techniken Ihrer Fachdisziplin auf einen komplexen Sachverhalt anwenden können.

Ein häufiger Fehler ist es, dass Studenten mitten ins Thema springen. Die eigentliche Einleitung besteht dann nur aus ein oder zwei Absätzen, die bestenfalls die Aufmerksamkeit des Lesers binden und wolkig ins Thema gleiten – ohne dass die Funktionen der Einleitung erfüllt werden. Meist ist es dann so, dass die Fragestellung und die Methoden- und Quellendiskussion unzureichend sind.  Es gibt viele fleißige Studenten, die Unmengen an Material zusammentragen, aber nicht aufzeigen, wie sie das tun. Wenn die Note hinterher nicht so grandios ist, sind sie enttäuscht oder verärgert.

Viele Studenten meinen, es geht "nur ums Thema". Um Zahlen, Daten, Fakten, die inhaltliche Substanz des Problems, garniert mit ein paar Bezügen zur Literatur. Nein, eine Abschlussarbeit soll vielmehr zeigen, dass Sie ein Thema wissenschaftlich bearbeiten können. Die eigentliche Leistung besteht nicht aus der Zusammenstellung von Informationen, sondern darin, Informationen auf einem wissenschaftlichen Weg zu gewinnen und zu bearbeiten. Dazu gehört vor allem eine konkrete, präzise Fragestellung, eine präzise Abgrenzung und nicht nur ein allgemeiner inhaltlicher Rahmen ("Thema"), und Bewusstsein dafür, dass Sie jeden Schritt der Untersuchung erläutern müssen. Das "Wie" ist also genauso wichtig wie das "Was". Und das zeigt sich auch und gerade in der Einleitung.

Wissenschaftlichkeit besteht gerade darin, das Vorgehen der Untersuchung explizit und nachvollziehbar zu machen. Der Autor soll zudem zeigen, dass er einen klaren Fokus hat, seine Untersuchung abgrenzen kann, sich der Stärken und Schwächen bestimmter Methoden und der Grenzen seiner Untersuchung bewusst ist, dass er über das reflektieren kann, was er da tut.

Zu kurz, zu lang? Der Umfang einer Einleitung
Wie umfangreich die Einleitung sein muss, ist daher keineswegs mit einer Standardformel (à la "höchsten fünf Prozent des Gesamtumfangs") zu beantworten.

Einleitungen sind oft zu kurz, nach meinem Anspruch jedenfalls: Wenn Sie die oben genannten Funktionen erfüllen wollen, liegt es auf der Hand, dass Sie mehrere Seiten schreiben werden.

Eine umfangreiche Arbeit, z.B. eine Master's Thesis, bedarf möglicherweise eines separaten Kapitels zu Methoden und Forschungsdesign oder eines separaten Kapitels zu Theorie oder Literatur/Forschungslage oder zum Hintergrund des Problems, das man bearbeiten möchte.
  • Wenn Sie z.B. umfangreiche Experteninterviews führen, eine quantitative Befragung umsetzen, eine Analyse zahlreicher Dokumente durchführen oder vorrangig Zahlenmaterial von statistischen Ämtern oder Datensammlungen durchackern, dann wird im Regelfall ein von der Einleitung getrenntes Kapitel zu den Methoden und Datenquellen erforderlich sein.

Ist das bei Ihnen sinnvoll oder notwendig – und das sollten Sie explizit mit Ihrem Betreuer besprechen –, dann kann die Einleitung recht knapp ausfallen. Sie bietet dann nur einen knappen Überblick.
Andernfalls haben Sie eine ganze Menge in der Einleitung unterzubringen.

Es gibt auch Einleitungen, die sind zu lang. Meist passiert das, wenn ein Autor
  • Ergebnisse seiner Untersuchung vorwegnimmt, die in den Hauptteil gehören, 
  • oder ganz viel Kontext für die Untersuchung liefert, der seiner Meinung nach zum Verständnis der Arbeit notwendig sind.
Einleitungen untersuchen nicht. Sie erklären nur die Untersuchung. Einleitungen sind auch nur begrenzt als "Hintergrundkapitel" zu gebrauchen. Einleitungen liefern keine Details über den Untersuchungsgegenstand – nur soviel, wie zur Orientierung nötig ist. Umfangreiche Hintergründe gehören auch in den Hauptteil.