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29. Juni 2012

Primäre, sekundäre und tertiäre Quellen

Quellen sind nicht gleich Quellen, wie hier schon oft gesagt. Sie unterscheiden zu können, gehört zur "Informationskompetenz". Sie geht von einer quellenkritischen Haltung aus: Der informationskompetente, quellenkritische Student ist ein gewohnheitsmäßiger Quellenchecker.

Wie "Der Checker" aus der DMAX-Serie für Autofans schaut er den Quellen unter die Motorhaube, sucht nach Macken, Produktionsfehlern, Rost, Verschleiß und fehlenden Teilen. Und er wählt nur die Quellen aus, die seinen Ansprüchen genügen.

Das ist aber nicht nur Plausibilitäts- und Qualitätskontrolle. Quellen haben unterschiedlichen Charakter, und in der wissenschaftlichen Hierarchie sind manche Quellen von vornherein mehr wert als andere.

Eine wichtige Abstufung ist die zwischen primären, sekundären und tertiären Quellen. Für den "Checker" ist klar:
  • Je mehr Primärquellen man hat, desto besser. 
  • Sekundäre Quellen sind gut, aber wer selbst interpretieren will statt sich auf andere zu verlassen, knüpft sich die Primärquelle vor. 
  • Tertiäre Quellen sind in der Hackordnung ganz unten: Sie sind ein Hilfsmittel, um einen Überblick zu bekommen. Sie geben Orientierung über wichtige primäre und sekundäre Quellen. Fortgeschrittene Studenten nutzen für ihre Seminar- und Abschlussarbeiten tertiäre Quellen nur in der Anfangsphase einer Recherche. Nur blutige Anfänger zitieren ständig tertiäre Quellen.

Viele Studenten ordnen ihre Quellenverzeichnisse nach Art der Quelle: Bücher, Zeitschriften, Presse, Online... (siehe dazu diesen Blogpost). Deutlich intelligenter ist es, im Quellenverzeichnis nach Primär- und Sekundärquellen (und zur Not Tertiärquellen) zu sortieren. Denn aus wissenschaftlicher Sicht ist weniger wichtig, ob eine Quelle Buchpappdeckel hat oder nicht, als ihre Wertigkeit einzuschätzen.

Den Unterschied zu erkennen und die Einordnung fallen Studenten erfahrungsgemäß schwer. Außerdem gehen die Fachdisziplinen mit den Begriffen oft etwas unterschiedlich um; wirklich allgemeingültige Standards gibt es nicht. Und das Konzept ist etwas abstrakt, situations- und kontextabhängig. Das führt dann schnell zu Verwirrung. Versuchen wir's trotzdem:

Primäre Quellen
Primäre Quellen sind Originalmaterial -- sozusagen direkt vom Hersteller, "aus erster Hand" und Rohmaterial für den Wissenschaftler.

Sie sind Information im Urzustand -- noch hat sie niemand zusammengefasst, gefiltert, gedeutet, bewertet. Ihr Inhalt basiert oft (aber nicht immer) eher auf Fakten als auf Deutungen.

Einige Beispiele aus dem Feld der Wirtschaftswissenschaften: Eine Studentin hat eine unternehmens- oder branchenbezogene Aufgabe zu bearbeiten, und sie sucht dafür primäre Quellen aus dem Markt:Dokumente eines Unternehmens, Marktberichte eines Wirtschaftsverbands oder einer Unternehmensberatung, Branchen-, Firmen- oder Verbraucher-Statistiken, Meinungs- und Marktforschungsumfragen, Wirtschaftsberichte staatlicher Stellen und sonstige Regierungs- und Verwaltungsdokumente, Gesetze, Verordnungen oder Gerichtsurteile, Reden von und Interviews mit Managern und Marktakteuren, Teilnehmern oder Beobachtern aktueller Ereignisse (auf dem Markt und im Marktumfeld), aktuelle und vorrangig tatsachengestützte Presseberichterstattung über solche Ereignisse, Fotos, Diagramme, Karten aus diesem Umfeld. 

In rein wissenschaftlichem Zusammenhang sind primäre Quellen Forschungsberichte eines Wissenschaftlers, der selbst empirische Daten gesammelt und ausgewertet hat. Solche Daten sind quantitativ (z.B. Statistiken, Umfragen, Experimente) oder qualitativ (z.B. Interviews, Beobachtung, Dokumentenanalyse). Veröffentlicht werden die Forschungsergebnisse in einem wissenschaftlichen Aufsatz in einer Fachzeitschrift, in einem Buch oder in einem eigenständigen Bericht.

Sekundäre Quellen
Sekundäre Quellen enthalten Informationen ÜBER primäre Quellen. Das sind also Infos "aus zweiter Hand". Sekundärquellen fassen Infos aus primären Quellen zusammen. Sie liefern eine Auswahl, eine neue Zusammenstellung. Die Primärquellen werden gedeutet, interpretiert, bewertet.

Analog zum obigen Beispiel: Unsere Wiwi-Studentin sucht nach Analysen und Interpretation über eine Firma, eine Branche oder einen Markt. Nicht was eine Firma über sich selbst sagt, interessiert sie hier, sondern was andere über die Firma sagen -- Branchenexperten, Analysten, Wirtschaftsjournalisten, Wissenschaftler. Eine akademische Studie, die sich vorrangig auf Aussagen anderer stützt, ist in der Regel eine sekundäre Quelle.

Die Abgrenzungsprobleme sind nicht einfach. Wenn Professor Schmitz Daten des Statistischen Bundesamts verwendet und damit komplizierte Berechnungen anstellt, ist sein Forschungsbericht darüber dann eine primäre Quelle? Er hat die Daten ja nicht selbst gesammelt. Aber: Er erzeugt daraus etwas Neues, ein neues Original sozusagen. Primär oder sekundär? Wahrscheinlich überwiegend sekundär... mit etwas primärer Beimischung.

Wie sieht es bei Presseartikeln aus? Oben habe ich gesagt, dies sind  Primärquellen -- aber eingeschränkt: wenn sie aktuell und vorrangig tatsachengestützt über Ereignisse berichten. Wenn sie eher eine allgemeine Branchen- oder Trendanalyse machen, wenn sie Hintergründe aufzeigen oder kommentieren, sind sie eher als sekundäre Quellen einzuordnen. Denn sie sind weniger faktenbasiert, sie interpretieren vor allem, und sie sind auch stärker von einem bestimmten Ereignis entfernt.

Merke also: Wie man die Quellen einordnet, hängt von der eigenen Sichtweise, Zweck und Aufgabe ab, von der Distanz der Quelle zu einem Ereignis und davon, wie stark deutend die Quelle ist. Dieser Kontext verlangt also vom "Checker" ziemlich viel Urteilsvermögen. Ein und dieselbe Quelle kann primär oder sekundär sein.

Tertiäre Quellen
Viel leichter ist es, tertiäre Quellen zu identifizieren. Sie sind vor allem als Zusammenfassung von Primär- und Sekundärquellen gedacht, und ihr Zweck ist in der Regel, einen Überblick über ein Themengebiet zu geben, es zu ordnen und zu indizieren.

Dazu gehören Nachschlagewerke wie Lexika und Enzyklopädien, Wörterbücher, Glossare, Handbücher, Kompendien, Kataloge, Guides und -- wichtig! -- Lehrbücher für Schüler und Studenten.

Ein Lehrbuch mag von einem Forscher geschrieben worden sein, es ist aber keine Forschungspublikation. In der Regel bereitet es eine breite Thematik, die bereits in zahlreichen Sekundärquellen enthalten ist, didaktisch auf, ohne originäre eigene Forschung zu präsentieren und ohne sich direkt mit Primärquellen zu befassen (bestenfalls in Form von Beispielen, die aber nicht der wissenschaftlichen Untersuchung dienen, sondern der pädagogischen Vermittlung: Primärquellen werden nur reproduziert und dann eingeordnet, ggf. werden verschiedene Meinungen aus der Sekundärliteratur dazu vorgestellt). 

25. Mai 2011

Allgemeinwissen in der Arbeit - zitieren oder nicht?

Eingeschworen auf korrektes Zitieren, fragen sich Studenten gerade bei Einführung und den ersten Abschnitten des Hauptteils, ob man wirklich ALLES belegen muss. Es fragt sich eine Studentin, "ob ich beim ersten Teil, der nur die Kopenhagener Kriterien und das Beitrittsverfahren erläutern soll auch schon mit Quellen arbeiten muss? Normalerweise belege ich alles, was ich schreibe, aber das Beitrittsverfahren wird in so vielen Quellen erläutert, und es scheint mir komisch, alle  zu nennen oder mir eine auszusuchen, weil es ja ganz allgemeines Wissen ist."

Allgemeinwissen muss man nicht zitieren. Das betrifft nicht nur Aussagen wie "Der Tag hat 24 Stunden" oder "Morgens geht die Sonne auf". In einer Arbeit wie oben dürfen auch Fachinhalte vorausgesetzt werden. Wenn die Studentin die Kopenhagener Kriterien der EU und das Beitrittsverfahren in eigenen Worten erklärt, darf sie das zu fachlichem Allgemeinwissen erklären. Was das ist, hat sie im Studium gelernt. Zum Beispiel:
Die Kopenhagener Kriterien bestimmen seit 1993 die Bedingungen für eine Vollmitgliedschaft in der EU.
Das steht so oder ähnlich in -zig Quellen.  Sie darf es dennoch ohne Beleg so schreiben.

Anders sieht es natürlich aus, wenn sie spezielle Definitionen, Positionen oder Interpretationen eines Autors wörtlich zitiert. Dann ist der Beleg unverzichtbar.  

Aber wie erkennt die Studentin, wo die Grenze zwischen Allgemeinwissen und Nicht-Allgemeinwissen ist? Gar nicht so einfach. In Ordnung wäre der Verzicht durchaus bei einer Bewertung, die in der Fachwelt (soweit für die Studentin feststellbar) allgemein akzeptiert wird, z.B. so:
Die Kopenhagener Kriterien gelten als kompliziert, sind für manche Länder schwer erfüllbar und für die EU schwierig zu überprüfen.
Allerdings kann man der Auffassung sein, dass die Studentin hier eine Behauptung aufstellt -- möglicherweise gibt es in der Literatur auch die gegenteilige Position, z.B. dass die Kopenhagener Kriterien ganz simpel und einfach überprüfbar sind. Dann ist das also kein fachliches Allgemeinwissen, sondern eine umstrittene Bewertung. Sinnvoller wäre es dann, die unterschiedlichen Auffassungen gegenüberzustellen und entsprechend zu belegen. Beispiel: 
Die Kopenhagener Kriterien gelten in der Literatur teilweise als kompliziert, als für manche Länder schwer erfüllbar und für die EU schwierig zu überprüfen (so etwa Müller, 2008, S. 34). Andere Autoren sehen das weniger kritisch und halten die Kriterien für einen leicht erfüllbaren und überprüfbaren Standard (z.B. Schmidt, 2009, S. 98).
Wenn es um Allgemeinwissen geht, stellt sich auch häufig die Frage, ob man aus Lexika zitieren soll. Kommt drauf an. Lexika sind als Bücher in jedem Fall zitierfähig, aber nicht unbedingt zitierwürdig. Kleinere Universallexika für den Hausgebrauch bieten vor allem Allgemeinwissen – siehe oben. Große Enzyklopädien und Fachlexika hingegen beinhalten teilweise lange Aufsätze mit Spezialinformationen. Die gehören dann im Zweifelsfall zitiert.

Die Wikipedia ist ein Sonderfall. Sie ist nicht genau einzuordnen. Teilweise gehen die Artikel über Allgemeinwissen nicht hinaus, in anderen Fällen findet man dort umfangreiche Aufsätze mit sehr viel Spezialinformationen. Zur Qualitätsprüfung und zum an den Hochschulen umstrittenen Wikipedia-Verbot siehe den Blogeintrag "Quelle Wikipedia - verboten oder erlaubt?".

17. Februar 2011

Quelle Wikipedia - verboten oder erlaubt?

Darf man Wikipedia  in einer wissenschaftlichen Arbeit zitieren? Keine Frage wird so häufig in Thesis-Workshops gestellt wie diese. Und es ist ja so: Keine Quelle wird von Studenten so häufig konsultiert wie Wikipedia, und dann eben auch zitiert.

2011 wird die "freie Enzyklopädie" zehn Jahre alt. Und seit es sie gibt, streiten sich Dozenten über die Zitierfähigkeit. Der Streit verunsichert Studierende seit einem Jahrzehnt. Sie sind damit aufgewachsen. Und fast jeder Wissensarbeiter benutzt Wikipedia, vielleicht sogar täglich.

Das eine Lager der Dozenten sagt, Zitate aus Wikipedia sind auf jeden Fall völlig tabu. Die anderen sagen, Wikipedia ist eine Internetquelle wie andere auch, und viele Dozenten bauen Wikipedia sogar in Seminare ein und lassen Studenten selbst Beiträge verfassen.

Academics.de hat den Streit jüngst aufgegriffen, mit einem jeweils gut differenzierten Pro und Kontra. Ein Blick auf die beiden Artikel lohnt sich, um zu verstehen, worum es beiden Seiten geht. Beide haben ein bisschen Recht.

Die Kritik an Wikipedia als wissenschaftliches Referenzwerk

Für die Kritiker schreibt die Historikerin Maren Lorenz (Uni Hamburg), Wikipedia sei durchaus alltagstauglich für die Orientierung über unbekannte Themen und zur Suche nach nützlichen Links zu vertrauensvolleren Quellen. Trotzdem verbietet sie ihren Studenten Wikipedia als Referenz und erklärt ihnen auch warum; "Das kostet leider viel Zeit und fruchtet nicht immer", sagt sie. Sie verbiete es  "nicht aus Traditionalismus, sondern in Sorge um das Bildungssystem Universität". Sie fürchte um die Informationskompetenz der Lernenden, Schlüsselkompetenzen wie Recherche, Selektion und Evaluation von Quellen und Belegen zur Informationsgewinnung.

Wikipedia benutzen, meint sie, ist Recherche der Marke "quick and dirty". Das Kernproblem sei die Manipulierbarkeit, das fehlende Qualitätsmanagement nach bewährten Standards der Wissenschaftlichkeit.  

Weder die sachliche Richtigkeit jeder einzelnen Aussage noch die dauerhafte Verlässlichkeit der zu jedem Moment angezeigten Information könnten garantiert werden. Wikipedia sei defizitär bei der Qualität, bei der Transparenz und bei der Autorschaft der Artikel. 

Zwar seien einzelne Wikipedia-Artikel von hoher Qualität, aber das sei irrelevant. Denn immer handele es sich um eine Momentaufnahme. Auch die Auszeichnung "gesichtete Seiten" lässt sie als Qualitätsmerkmal nicht zu, denn dahinter stünden nur "selbsternannte Verantwortliche".

Es fehle ein  klar definiertes Kontrollsystem und Professionalität. Es gibt schlicht kein Fachlektorat, stellt Lorenz fest. Das Abstimmungssystem der Redakteure sei fragwürdig, die technischen Spielregeln seien hochkomplex, die Identitäten der Redakteure unbekannt - und diese seien nach Umfragen meist junge männliche Singles, die bestimmt nicht das "Weltwissen" repräsentierten.Wer sich bei Wikipedia durchsetze, sei ein "permanenter intransparenter Prozess", bei dem es um Entscheidungsmacht und Deutungshoheit gehe. Lorenz meint: "Der Hartnäckigste mit der meisten Zeit setzt sich langfristig durch."
Die 'volksdemokratische' Wikipedia versagt in puncto Objektivität flächendeckend durch Edit-Wars, gezielte oft politisch, ideologisch und ökonomisch motivierte Manipulationen, vor allem bei technischen und soziokulturellen Themen, und durch nationale Bauchnabelperspektiven, wie sie in den verschiedenen Sprachen sinnfällig werden. Geschickte Manipulationen sind inhaltlich nur zeitlich aufwendig und technisch im strafbaren Einzelfall nur durch richterliche Genehmigung teuer nachzuweisen.

Sie fügt hinzu, dass selbst renommierte Nachschlagewerke (z.B. Meyers Taschenlexikon) in der Wissenschaft nicht zitiert werden, sondern nur als Einstieg in tiefere Recherchen dienen sollten. Viele Artikel der Wikipedia gingen in Umfang und Struktur jedoch weit über Lexika hinaus und erhöben den Anspruch detaillierter und differenzierter Information. Der Teufel liege meist im Detail -- und genau das werde weder von den ehrenamtlichen Redakteuren noch von den Nutzern erkannt. Zum Problem der unklaren Autorschaft bei sagt Lorenz, Wikipedia-Artikel basierten bestenfalls auf Artikeln aus Fachbüchern oder anderen Lexika. Woher wissen die Autoren, was sie wissen? Das ist selten wirklich klar.

Gegenposition: Wikipedia ist OK – aber die Nutzung will gelernt sein

Die Gegenposition vertreten Johannes Becher (Doktorand an der Bucerius Law School, Hamburg) und Viktor Becher (wissenschaftlicher Mitarbeiter, Uni Hamburg). Sie plädieren gegen ein pauschales Wikipedia-Zitierverbot an den Hochschulen.

Sie stellen zunächst einmal fest, dass Wikipedia auch unter Wissenschaftlern immer beliebter geworden ist und sehr häufig in Aufsätzen und Büchern zitiert wird. Das stehe im krassen Gegensatz zum Zitierverbot für Studenten. Sie finden das Anti-Wikipedia-Dogma "äußerst bedauerlich".

Denn erstens werde die Aufbereitung und Vermittlung von Wissen im Internet in Zukunft noch stärker von Wikipedia und ähnlichen Formaten dominiert sein, als sie es ohnehin schon ist. Daher stünden Hochschulen in der Pflicht, ihren Studenten einen reflektierten Umgang mit dem Online-Nachschlagewerk beizubringen, statt pauschal zu verbieten. Zweitens stünden dahinter zahlreiche Missverständnisse und Vorurteile.

Die beiden Bechers führen einige Studien an, die zeigen, dass die Wikipedia-Qualität dem Vergleich mit renommierten Lexika wie Brockhaus oder Encyclopaedia Britannica standhält, oftmals aktueller sei und Themen präsentiere, die anderswo gar nicht auftauchten. Die Selbstkorrektur-Methode der Wikipedia sei schnell und effektiv, die Diskussionen der ehrenamtlichen Redakteure fruchtbar, das Ergebnis sei eine bemerkenswerte Objektivität und Ideologiefreiheit. Gerade aktuelle und besonders kontroverse Themen, wie zum Beispiel ein laufender Krieg, würden bei Wikipedia von Tausenden von Autoren diskutiert. "Dadurch ist sichergestellt, dass der entsprechende Artikel einen echten Konsens darstellt bzw. alle Meinungen in der Debatte in irgendeiner Form widergibt", sagen die Bechers. "Wikipedia ist damit resistent gegen ideologisch gefärbte und manipulative Inhalte wie kaum eine andere Informationsquelle."

Zur Veränderbarkeit der Artikel führen die Bechers an, dass die Funktion des "Permanentlinks" stets die Möglichkeit biete, eine ganz bestimmte Version zu zitieren.

Dass Wikipedia anfällig für Plagiarismus sei, bestreiten die Bechers nicht. Dieser Gefahr sollten sich Nutzer bewusst sein -- und selbst prüfen, z.B. per Suchmaschine. Das sei ein Nachteil, der jedoch durch viele Vorteile aufgewogen werde.

Sie wenden sich zudem gegen die Aussage, Wikipedia-Artikel seien unzuverlässig, weil Aussagen nur unzureichend belegt seien. "Dieses Vorurteil scheint aus der Anfangszeit von Wikipedia zu stammen, in der es tatsächlich an Belegen mangelte", meinen sie.
"Schon seit Jahren verlangen Wikipedias Autorenrichtlinien jedoch eine Stützung von Aussagen mit Belegen. Unbelegte Aussagen werden direkt im Artikel als solche gekennzeichnet und, sofern die Aussage nach einiger Zeit nicht belegt werden kann, gelöscht. Zudem sollten Studenten ohnehin lernen, ständig ein Auge darauf zu haben, ob Aussagen hinreichend belegt werden, denn auch in akademischen Publikationen finden sich bisweilen unbelegte Aussagen. In jedem Fall kann das vereinzelte Fehlen von Belegen keine schlüssige Begründung für ein grundsätzliches Wikipedia-Zitierverbot darstellen."
Nicht bestritten wird auch, dass bei einigen Artikeln anonyme Autoren am Werk seien. Die Bechers verweisen darauf, dass jederzeit die Versionsgeschichte aufgerufen werden könne, so dass die Zahl der mitarbeitenden Autoren ersichtlich sei; außerdem informiere die Diskussionsseite eines jeden Wikipedia-Artikels über Erwägungen und Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren.
"Dabei ist ein Artikel, der von über 200 Autoren kontrovers diskutiert worden ist, sicherlich als verlässlicher zu bewerten als ein Artikel, dessen Versionsgeschichte und Diskussionsseite nur wenige Einträge enthalten. Studenten erhalten bei Wikipedia die Gelegenheit, sich selbst ein Bild von der Kontroversität eines Themas zu machen - was natürlich voraussetzt, dass sie den korrekten Umgang mit Wikipedia gelernt haben."
Becher und Becher meinen also, dass die Wikipedia bei einem reflektierten und eigenverantwortlichen Umgang mit Quellen unübertrefflich sei. Genau dieses müsse an Hochschulen vermittelt werden. Ein Pauschalverbot sei kontraproduktiv. Jede Quelle müsse von Studenten überprüft werden. Auch bei herkömmlichen Quellen könne Qualität nicht vom Renommee des Autors und/oder des publizierenden Verlages abgeleitet werden.
"Das Problem besteht unseres Erachtens aber nicht darin, dass Studenten Wikipedia zitieren, sondern dass sie die Enzyklopädie nicht richtig gebrauchen bzw. sich übermäßig auf sie verlassen. Natürlich ist es unwissenschaftlich, z.B. die Hauptaussage einer Seminararbeit allein auf einen Artikel aus einer Enzyklopädie zu stützen - ganz gleich, ob es sich dabei um Wikipedia oder um eine traditionelle Enzyklopädie handelt. 
Unseres Erachtens spricht jedoch nichts dagegen, eine schöne Definition oder ein gutes Argument aus einem Wikipedia-Artikel aufzugreifen und dies in Form eines entsprechenden Hinweises zu würdigen. Anstatt Wikipedia pauschal zu verbieten, sollten Hochschullehrer in Zukunft verstärkt Wert darauf legen, ihren Studenten ein echtes Verständnis der Grundlagen wissenschaftlichen Zitierens zu vermitteln. Das Problem unangemessener Wikipedia-Zitate, dessen Ursache von den bestehenden Zitierverboten lediglich verschleiert wird, sollte sich dann wie von selbst erledigen."
Fazit

Im Grunde also sind die hier zusammengefassten Pro und Kontra-Beiträge kompatibel: nämlich in dem Punkt, dass Informations- und Recherchekompetenz notwendig sind, um eine Wikipedia sinnvoll nutzen zu können. Dass es daran bei Studenten oft hapert, da sind sich die Kontrahenten einig.

In zwei entscheidenden Punkten liegen sie aber weit auseinander:
  • Die Sicht auf den Nutzer - faul oder kritisch? Die Bechers meinen, dass auch jedes andere Lexikon geprüft werden muss -- und dass Wikipedia eine prima Gelegenheit ist, um den das zu lernen. Die Bechers trauen dem Nutzer zu, diesen Anspruch zu erfüllen. Für Lorenz allerdings ist Wikipedia nur eine Fassade, die den faulen Nutzer in Sicherheit wiegt, die es nicht gibt; und der von den Bechers geforderte kritische Umgang mit Wikipedia entspricht, folgt man Lorenz, nicht der Alltagswirklichkeit.
  • Die Sicht auf die Macher - Profis oder Amateure, Experten oder Laien? Verlässliche Qualität kann für Lorenz nur durch ein professionelles Fachlektorat - also Experten - gesichert werden, während die Bechers auch der Schwarmintelligenz einer Redaktionsgemeinschaft aus Amateuren zutrauen, ein ebenso gutes Lexikon zu produzieren. Nach Lorenz muss sich der Nutzer auf die Profis verlassen können (und dafür auch bereit sein zu zahlen). Für die Bechers ist das Diskurs- und Korrekturprinzip des Web 2.0 jedoch im Endergebnis genauso leistungsfähig, wenn nicht sogar leistungsfähiger.
Ähnliche Diskussionen über das Mitmach-Web finden sich in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, beispielsweise zu Fragen wie: Ist Amateur- und Blogger-Journalismus so gut wie die ausgebildeten Reporter und Redakteure der etablierten Massenmedien, die über Jahrhundert die "Gatekeeper" des Nachrichtenwesens waren? Sind politische Web-Plattformen, Internet-Bürgerinitiativen und e-Voting so gut wie die Debatte und Entscheidung gewählter Volksvertreter?

Wahrscheinlich ist, dass in Zukunft beides parallel stattfindet und miteinander verknüpft wird. Internetquellen sind heute aus dem wissenschaftlichen Alltag überhaupt nicht mehr wegzudenken. Auch die Wikipedia - oder ähnliche Lexika - werden bleiben. Ein pauschales Wikipedia-Verbot is tatsächlich, da muss man den Bechers Recht geben, kontraproduktiv und wirkt immer seltsamer.

Andererseits ist Lorenz' Sorge um zu viel Bequemlichkeit berechtigt. Sorgfalt und Skepsis werden für die Nutzer des Web 2.0 immer wichtiger. Dass man alles leicht ergoogeln könne und Wikipedia auf alles vollständige Antworten parat hält, ist naiv. Die Anfälligkeit für Manipulationen im Web 2.0 muss jedem Studenten bewusst sein. Es gibt kein professionelles Korrektiv.

Mehr denn je gilt, was in den USA früher gern auf Autoaufklebern und gesprüht auf Häuserwänden gefordert wurde: Question authority! Jede Art von Autorität ist zu hinterfragen, wissenschaftlich oder nicht. Und Wikipedia ist vom Ansatz her überhaupt keine "Autorität". Wer Wikipedia traut, trägt ein Risiko -- und immer noch ein größeres Risiko als etablierteren Referenzwerken. Wer Wikipedia zitiert, muss dafür gute Gründe haben. Und sorgfältig prüfen.

25. Januar 2011

Die Zahl der zitierten Quellen

"Welche Anzahl an Büchern muss zitiert werden?", lautet eine Originalfrage eines Studenten.

"Ihnen wird die Antwort nicht gefallen", sagt der Computer in Per Anhalter durch die Galaxis. Die Ultimative Antwort: 42.

Auf unsinnige Fragen gibt es eben unsinnige Antworten, murmelt der Wissenschaftler... Aber Scherz beiseite, für Studenten ist das praktisch relevant. Sie wissen (oder ahnen zumindest), dass eine zu schmale Literaturgrundlage zu schlechter Bewertung führt. Aber wieviel ist nun "genug"? Oder "gut"? Oder "sehr gut"?

Die korrekte Antwort ist leider nicht viel besser als "42" – nämlich: "Das hängt davon ab." Vom Anspruch der Arbeit und dem Abschlussniveau (Bachelor, Diplom, Master), von der Literaturlage (wieviel und was ist zu einem Thema überhaupt erschienen), vom Untersuchungskonzept der Arbeit.

Richtig ist, dass Gutachter auf den Umfang des Quellen- und Literaturverzeichnisses schauen. Bei einer Bachelorarbeit mit nur fünf belegten Quellen zieht sich die Stirn des Professors zusammen. 15-20 darf man bei den meisten Themen schon erwarten, vielleicht aber auch 30, 40, 50. Je nachdem.

"Ich soll 50 Bücher durchlesen?! Ich bin doch nicht verrückt!" Das verlangt auch niemand. Auch aus Büchern nimmt man sich nur das, was man wirklich braucht: ein Kapitel, vielleicht nur eine Seite.

Zudem: Es geht es keineswegs nur um "Bücher". Ein Kandidat kann in seiner Arbeit möglicherweise gar kein Buch zitieren und trotzdem eine erstklassige Bewertung nach Hause tragen – weil seine anderen Quellen so gut und umfangreich sind.

Ein 5-Seiten-Artikel aus einer Zeitschrift kann für ein Thema viel besser sein als ein ganzes Buch, weil er genau zur Fragestellung der Thesis passt, während die verfügbaren Bücher das Thema nur am Rande erwähnen. Oder weil er brandaktuell ist, während die verfügbaren Bücher, auch und gerade "Standardwerke" (die in 17. Auflage), veraltet sind.

Wenn Sie eine Handvoll solcher perfekt passenden Aufsätze haben, ist das vielleicht alles, was Sie brauchen. Sie müssen Sie nur finden. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden Sie aber einen Mix von Quellen haben – einige sehr passgenau und ergiebig, viele begrenzt brauchbar, einige so lala bis fast irrelevant. Einige Bücher darunter und einige Nicht-Bücher.

Die Kritik an der Frage richtet sich also auf das Missverständnis, dass die ultimative Quelle ein Buch ist.

Der gefühlte Goldstandard

Sicher, (wissenschaftliche) Bücher sind für eine studentische Abschlussarbeit zunächst einmal der gefühlte Goldstandard, man wähnt sich auf der sicheren Seite:
  • Sie sind im Bibliothekskatalog und -regal bequem zu finden.
  • Profs verweisen gern und häufig auf "Standardwerke", die man kennen und benutzen soll.
  • Autoritäten zwischen Buchdeckeln sind uneingeschränkt zitierfähig und zitierwürdig. 
  • Bücher werden auch von anerkannten Fachautoren besonders viel zitiert.
  • Und wenn man nicht gerade eine hochspezielle Doktorarbeit oder Habilitationsschrift erwischt, ist die Chance groß, dass sich das Buch an ein breiteres Publikum richtet, also halbwegs verständlich ist.

Mit "Büchern" war bei der Frage vermutlich in erster Linie (wissenschaftliche) Sekundärliteratur gemeint. Ein Jurist beispielsweise arbeitet vorwiegend mit (Primär-) Quellen wie Gesetzestexten und Gerichtsurteilen plus Sekundärliteratur, also Fachtexten über die (Primär-) Quellen. Ein Betriebswirt mag als (Primär-) Quellen Zahlen, Daten, Fakten, Berichte eines Unternehmens ansehen und zieht zusätzlich Sekundärliteratur heran, z.B. über die Branche, über Unternehmensfunktionen und Tätigkeitsbereiche (etwa Marketing, Personalwesen oder Controlling).

Vor allem Bachelor-Abschlussarbeiten arbeiten fast ausschließlich mit Sekundärliteratur, weil der wissenschaftliche Anspruch etwas geringer ist (siehe dazu den Beitrag: "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied"). Bei einer BA-Thesis ist es auch akzeptabel, dass ein größerer Teil des Literaturverzeichnis aus Lehrbüchern und anderen Einführungswerken besteht, also Sekundärliteratur in Form von nicht allzu speziellen Monographien, und sogar Tertiärliteratur (Lexika, Handbücher usw.).

Ist der wissenschaftliche Anspruch größer (Diplom- und Masterarbeit), desto wichtiger sind, allgemein gesprochen:
  •  Primäre Quellen, d.h. Informationen am Ursprungsort, noch nicht von Experten und Wissenschaftlern gesammelt, analysiert und interpretiert;
  • spezielle Sekundärliteratur, also hochgradig spezialisierte Monographien (keine Lehr- und Einführungsbücher), die für Experten und nicht für junge Studis geschrieben werden;
  • und aktuelle Sekundärliteratur, die "den Stand der Forschung" wiedergibt; also z.B. aktuelle wissenschaftliche Aufsätze in einer Fachzeitschrift oder in Sammelbänden (die oft aus Tagungen entstehen), oder Studien oder Diskussionspapiere von Instituten und Fachgesellschaften.
Bücher sind aus dieser Sicht schon deshalb problematisch, weil sie schnell veraltet sind. Ein Buch zu schreiben, dauert lange; es zu veröffentlichen und zu verkaufen, auch. Den aktuellsten Stand der Forschung findet man daher eher nicht in den Büchern, die eine Hochschulbibliothek im Regal stehen hat. Schon gar nicht in der vertrauten Lehrbuchsammlung. 

Die Nicht-Bücher sind aber auch viel schwieriger zu finden, zu verstehen und zu benutzen. Die Recherche ist anspruchsvoller. Wohlgemerkt, es geht hier nicht um schnelles Herbeigoogeln beliebiger Internetseiten, sondern um wissenschaftlich taugliche Quellen.


Wenn Bücher kaum eine Rolle spielen: Empirische Arbeiten 

In den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften dominieren zwei Arten von Abschlussarbeiten: Literaturstudien und empirische Studien. Bei der ersten Gattung dreht sich alles, wie der Name schon sagt, um die Aufarbeitung der Fachliteratur zu einem Thema (oft eher theoretisch orientiert). Da werden dann ganz sicher auch viele Bücher genutzt, und die Diskussion der Bücher steht im Mittelpunkt.

Bei der zweiten Gattung untersucht die Kandidatin dagegen selbst empirisch, d.h. sie sammelt selbst die Informationen, z.B. durch Beobachtung, Befragung, statistische Erhebung oder Dokumentenrecherche. Sekundärliteratur dient dann nur dazu, ein Konzept für die eigentliche Untersuchung zu begründen. Vielleicht vergleicht die Autorin ihre Ergebnisse noch mit denen einer anderen Studie. Bücher werden daher eine untergeordnete Rollen spielen.

Ein Beispiel. Zugegebenermaßen ein eher extremes, was die Zahl der Quellen angeht. Ich hatte gerade eine ziemlich gute Master's Thesis mit einem hohen forscherischen Eigenanteil auf dem Schreibtisch. Das Thema drehte sich um ein EU-Gesetzgebungsverfahren.
  • Die Autorin hat sich dafür in die Datenbanken gestürzt und rund 160 Quellen belegt.
  • ...davon gut 40 Dokumente aus den an der Gesetzgebung beteiligten Institutionen und über 100 Dokumente von Unternehmen und Verbänden (Positionspapiere, Stellungnahmen, Pressemitteilungen, Redeskripte und vieles mehr), außerdem Medienberichterstattung. Diese Dokumentenanalyse war der methodische Kern der Arbeit. 
  • Hinzugezogen hat sie eine Handvoll an wissenschaftlichen Texten, aber da das Thema so aktuell war, gab es zum Speziellen nicht viel. Die wissenschaftlichen Aufsätze und Bücher dienten vorrangig dazu, den Forschungsansatz zu begründen und einen Rahmen für die Analyse und Interpretation der Dokumente aufzubauen. Insgesamt waren das rund 25 Texte der Sekundärliteratur, davon vielleicht 2 Monographien, ein Dutzend Aufsätze aus Sammelbänden, der Rest Aufsätze aus Fachzeitschriften oder separat erschienene Studien. 
Das klassische "Buch", nämlich die Monographie eines Einzelautors, spielte also in dieser Thesis so gut wie keine Rolle. Auch die Bücher, die eine Sammlung von Aufsätzen darstellen, sind nur begrenzt wichtig. Die Frage von ganz oben, "Welche Anzahl an Büchern muss zitiert werden?", ist hier marginal. Der Dreh- und Angelpunkt der Untersuchung sind die primären Quellen, alles keine Bücher.

Wieviel ist genug?


Zurück zur Ausgangsfrage. Wieviel "genug" oder "gut" ist, kann Ihnen in Zahlen niemand sagen. Das entscheidet sich nach der inhaltlichen Qualität und Passgenauigkeit, mithin nach dem Erfolg Ihrer Recherche und dem Thema. Wenn Sie Glück haben, finden Sie schnell Quellen mit hoher Güte. 10 großartige, aussagekräftige Quellen sind besser als 50, die nur am Rande mit Ihrem Thema etwas zu tun haben. Aber das kann man vorher nicht wissen.

Schließlich kommt es darauf an, was Sie daraus machen. Manchmal haben Studenten Angst, dass Sie nicht genug Material zu einem Thema finden. Andere davor, dass sie zuviel finden. Es macht Ihre Thesis sicher nicht besser, wenn Sie Berge von Material auftürmen, die Sie nicht mehr bewältigen können. Weniger ist oft mehr.

Am Ende werden Sie nicht nach der schieren Quantität Ihrer Quellen bewertet, sondern nach Tiefgang in Darstellung und intelligenter Auswertung. Struktur und pointierte Aussagen zählen mehr als das kommentarlose Aneinanderreihen von Zitaten. Man kann also mit der Literatursuche viel Zeit verplempern, die besser in eine Auseinandersetzung mit der bereits gefundenen Literatur investiert wäre.

Eigentlich gibt es nur eine gültige Daumenregel, und sie bezieht sich nicht aufs Minimum, nicht aufs Optimum, sondern aufs Maximum. Wenn Sie bei einer hoffentlich gründlichen und systematischen Recherche und Lektüre merken, dass Sie nichts Neues mehr dazulernen oder sich das Altbekannte ständig wiederholt, dann sollten Sie mit dem Hinzufügen neuer Literatur aufhören.

Ökonomen sprechen hier vom "abnehmenden Grenznutzen" (1. Gossensches Gesetz). Sie können zwar ewig weiter nach Literatur suchen, aber mit jedem Text, den Sie jetzt noch finden, nimmt der Ertrag ab, den Sie davon noch haben. Anders gesagt, "Vollständigkeit" der Recherche kann nicht das Ziel sein. Man kann sich auch totrecherchieren. Eine Abschlussarbeit muss auch in dieser Hinsicht nicht perfekt sein; nur fertig werden muss sie.

3. Januar 2011

Fachwörterbücher online

Kostenlose Online-Wörterbücher gibt's im Web reichlich, und in internationalen Studiengängen machen Studenten davon viel Gebrauch. Teilweise täglich. Und bei Lektüre in Fachkursen sowie Beleg- und Abschlussarbeiten ist die Arbeit damit essentiell. Die Qualität allerdings ist nicht immer so, wie man es von den Standardwerken aus Fachverlagen erwarten kann. Je nachdem, wer den Dienst betreibt.

Das gilt erst recht für zweisprachige Fachwörterbücher. Da muss man schon etwas suchen. Nicht schlecht immerhin der Leo-Dienst beim RecherchePortal für Journalisten für diverse Gebiete (z.B. Jura, Wirtschaft, Medien), oder das Langenscheidt Fachwörterbuch für Wirtschaft, Handel und Finanzen bei der Süddeutschen.

Über eine Hochschulbibliothek haben Studenten die Möglichkeit, auf die Online-Abos kostenpflichtiger Fachwörterbücher zuzugreifen.

An der TH Wildau beispielsweise sind die Langenscheidt Online-Wörterbücher ab dieser Woche vom gesamten Campus aus sowie per Fernzugriff via VPN zu erreichen. Neben diversen "normalen" Wörterbüchern für verschiedene Sprachen sowie diverser "Duden" enthalten:
  • Fachwörterbuch Architektur und Bauwesen Englisch
  • Fachwörterbuch Biologie Englisch
  • Fachwörterbuch Chemie und chemische Technik Englisch
  • Fachwörterbuch Elektrotechnik und Elektronik Englisch
  • Fachwörterbuch Medizin Englisch
  • Fachwörterbuch Physik Deutsch – Englisch
  • Fachwörterbuch Technik und angewandte Wissenschaften Englisch
  • Fachwörterbuch Technik Franzoesisch
  • Fachwörterbuch Technik Italienisch
  • Fachwörterbuch Wirtschaft, Handel und Finanzen Englisch
  • Fachwörterbuch Kompakt Recht Englisch

17. Dezember 2010

Online-Handbuch zur Internet-Recherche

Können Sie mehr als Google? Im Internet suchen kann jeder, aber effektiv und effizient suchen erfordert komplexes Know-how.

Das online frei verfügbare Handbuch Internet-Recherche von Rainer Werle ist ein solides Kompendium mit leicht verständlichen Beschreibungen zu Suchtechniken, Suchmaschinen, Webkatalogen u.a. (Inhaltsverzeichnis).

Hilfreich ist das Handbuch auch mit praktischen Tipps zur Beurteilung von Informationen – wie seriös sind die Quellen, die man findet? Da das Web voll ist mit "Datenschrott", sind die Hinweise zu formalen Bewertungskriterien und inhaltlicher Beurteilung wichtig.

Ganz taufrisch ist das Online-Handbuch nicht mehr (erschienen 2002), so ist insbesondere der Teil zur Suche "jenseits des WWW" (Newsgroups, Web 2.0) nicht auf dem neuesten Stand. Als Einführung und schnelle Referenz aber immer noch solide.

Mehr zur Online-Recherche

Unter den vielen Internetseiten mit Recherchetipps sind auch diese recht empfehlenswert für den Einstieg:

Zitierfibel für Juristen

Wenn es ums Zitieren geht, haben's Juristen besonders schwer: Sie machen es nicht nur anders als die meisten anderen Wissenschaften, es gibt keinen nationalen, geschweige denn einen internationalen Standard. Geschriebene Anleitungen: Fehlanzeige. In den meisten Literaturverwaltungsprogrammen (z.B. Citavi) ist die "juristische Zitierweise" auch ein Stiefkind, bei Microsoft Word sucht man einen voreingestellten Zitierstil für Juristen vergebens.

Immerhin ist seit 2007 bei C.H. Beck ein kleines Büchlein auf dem Markt, das die größte Not lindert: Die Zitierfibel für Juristen

Verfasst haben es die Professoren Sharon Byrd (Uni Jena, Law & Language Center) und Matthias Lehmann (Uni Halle-Wittenberg) in Zusammenarbeit mit den Redaktionen der Jura-Ausbildungszeitschriften NJW und JuS.

Es ist tatsächlich eine alltagstaugliche Fibel und kein Profi-Publikationshandbuch für alle Zweifelsfälle; auch bietet es keineswegs eine großangelegte Zitations-Systematik, sondern führt recht schlicht auf, wie die Praxis bei NJW, JuS & Co aussieht. Der Fokus liegt auf typischen Rechtsquellenarten, ausgelassen werden dagegen viele Quellen, die in anderen Wissenschaften eine weitaus größere Rolle spielen.