Aufsätze in wissenschaftlichen Fachzeitschriften sind anders als einführende Lehrbücher oder Zeitungsartikel. Für Studenten sind sie schwieriger zu lesen, denn sie werden von Experten für Experten geschrieben und präsentieren aktuelle, oft sehr spezialisierte Forschung in einer Fachdisziplin. Master-Studenten müssen sich damit auseinander setzen. Einige meiner Master-Studenten haben Vorschläge, wie man sich solche Texte erarbeiten kann (Zusammenfassung).
"Was wirklich hilft, ist, sich erst einmal eine grobe Übersicht über die Struktur des Artikels zu verschaffen. Als ersten Schritt überfliege ich die Überschriften und Zwischenüberschriften. Ich lese zuerst das Abstract und den Schluss. Dann habe ich so eine Grundidee, worum es geht. Spezielle Begriffe schlage ich z.B. mit Google nach. Dann lese ich Absatz für Absatz. Das Lesen und Verstehen kann viel Zeit kosten, da muss man sich Zeit fürs Noch-einmal-Lesen nehmen. Je mehr solche Texte man liest, desto besser versteht man die wissenschaftliche Schreibe -- ganz klar Übungssache!"
"1. Einführung und Fazit zuerst lesen. Dann weiß man, worum es geht. 2. Schlüsselbegriffe des Artikels markieren und im Hinterkopf behalten, immer darauf achten, wo und wie sie verwendet werden. 3. Den Hauptteil lesen, versuchen ihn zu strukturieren; Grundfragen klären - was, wer, warum? 4. Noch einmal das Fazit genau lesen, um den Inhalt des Hauptteils und seine Bedeutung zu resümieren."
"Darauf achten, welche Begriffe eingeführt werden. Es ist wichtig, alle unklaren Begriffe zu finden und sein eigenes Verständnis des Themas zu überprüfen. Der Hauptunterschied zwischen einem wissenschaftlichen Aufsatz zu Lehrbüchern und Zeitungen ist, dass ein Aufsatz Hintergrundwissen voraussetzt. Darum musst man sich zusätzlich Hintergrundinformationen verschaffen, auch wenn das ganz schön viel Zeit kosten kann."
"Ich lese den Aufsatz einmal ganz durch und unterstreiche unbekannte Wörter. Ich lese ihn dann noch einmal, übersetze zentrale Begriffe und streiche die interessanten Sätze mit einem Textmarker an. Bei einem fremdsprachlichen Text, vor allem bei komplexen Sätzen, ist es sinnvoll, sich ein (einsprachiges) Wörterbuch daneben zulegen. Vor der Diskussion im Seminar lese ich den Text noch einmal, um beim Inhalt sicher zu sein."
"Manchmal muss man einen Text mehrmals lesen, bevor man in der Lage ist, ihn richtig wiederzugeben. Nicht beim ersten Mal aufgeben."
"Nicht demotivieren lassen, nur weil diese Aufsätze sehr komplex und lang scheinen. Am besten nicht auf die langen Fußnoten und Literaturnachweise schauen. Nicht frustrieren lassen, wenn da mal ein Wort ist, das man nicht versteht. Man muss nicht jedes einzelne Wort verstehen. Nachschlagen, wenn es so wichtig ist, dass der Kontext ohne dieses Wort nicht verstanden werden kann."
"Die meisten Aufsätze haben ein Abstract. Das sollte man unbedingt zuerst lesen, weil darin die Kernideen und der Ansatz enthalten sind. Die Einführung sagt in der Regel einiges darüber aus, an welcher Diskussion sich der Autor beteiligen will, welche Methoden er verwendet, und die zentrale Aussage findet sich hier auch. Einführung und Schluss muss man als eine Einheit sehen. Versteht man das, versteht man meist auch den Rest. Die Literaturliste zeigt, in welchem akademischen Zusammenhang der Autor schreibt. Da kann man sich auch etwas Zusatzwissen holen. Es ist sinnvoll, sich die wichtigen Aspekte der wesentlichen Absätze herauszuschreiben, wie ein Protokoll."
"Ich habe da meine eigene Reihenfolge, wie ich vorgehe. Ich überfliege den Text, damit ich weiß, worum es geht. Dann forsche ich ein bißchen im Internet oder in Büchern nach, um Hintergrundwissen zu bekommen. Wenn ich den Text gelesen haben, überprüfe ich: Habe ich's verstanden? Ich versuche, den Inhalt so zusammenzufassen und zu erklären, dass ihn jemand anderes verstehen kann."
"Wenn der Artikel zu groß ist, um alles auf einmal zu verstehen und ich den roten Faden verliere, dann teile ich mir den Artikel in mehrere Teile auf und lese stückweise, mit kurzen Pausen. Die Seminardiskussion ist ganz gut, um den Gesamtzusammenhang zu verstehen und zu klären, was einem fehlt."
"Der Textmarker ist für mich wichtig. Man muss nur aufpassen, dass man nicht jede Textzeile farbig markiert. Man sollte vor dem Markieren also wissen, worum es geht und was das zentrale Argument ist, sich auch ein paar Notizen machen. Nicht nur anstreichen, sondern auch am Rand wichtige Aussagen oder Fragen notieren. Man kann auch ein paar eigene Zwischenüberschriften einfügen."
"Mit der Zeit, also wenn man ein paar von diesen Aufsätzen gelesen hat, kommt Erfahrung. Der erste große wissenschaftliche Artikel, den man liest, ist der schwierigste. Nach und nach gewöhnt man sich an Struktur und Sprache. Von den nächsten Aufsätzen, die man liest, hat man dann auch mehr."
"Wissenschaftliche Aufsätze werden über sehr spezifische Themen geschrieben. Darum muss man sich fragen: Was weiß ich schon über das Thema, was sind meine Vermutungen, habe ich schon mal was darüber in Vorlesungen oder in anderen Büchern gehört. Nach dem Lesen solte man sich selbst ein paar Fragen zu Text und Thema notieren."
"So einen Aufsatz in der Bahn oder in kurzen Pausen zwischen Vorlesungen zu lesen, macht wenig Sinn. Man muss sich schon ziemlich konzentrieren. Es kostet Zeit zu lesen UND zu verstehen."
"Ich lese grundsätzlich zweimal. Beim ersten Mal gehts mir um die Übersicht, beim zweiten Mal um die Details, da will ich der Logik des Autors voll folgen können. Ich will auch immer wissen: Was sind hier die Fakten? Ohne die kann ich den Artikel nicht richtig analysieren. Allerdings sind nicht alle Fakten nützlich, wenn man die Kernidee eines Aufsatzes auswickeln will. Wichtig sind auch die Aussagen über den Zusammenhang von Ursache und Wirkung - was bewirkt was? Darüber sollte man sich dann auch eine eigene Meinung bilden können."
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25. Dezember 2010
Einen Text analysieren: Kritisches Denken und die CLUES-Formel
In Klausuren (Essayfragen), Belegarbeiten und bei Gruppen- und Hausaufgaben geht es oft darum, einen Text zu analysieren, z.B. einen Kommentar aus einer Zeitung oder einen Auszug aus einem wissenschaftlichen Artikel. Zunächst einmal: Was soll bei solchen Textanalyse-Aufgaben geprüft werden? Sie können zeigen,
Das mit dem "kritischen Denken" ist für viele Studenten verwirrend – was soll das denn sein?
Ein kritischer Denker nimmt eine Aussage nicht einfach hin, sondern untersucht sie, prüft sie, hinterfragt sie, stellt sie in einen Zusammenhang, wägt sie ab, vergleicht sie mit dem eigenen Wissen, gibt eine Bewertung ab. "Kritisches Denken" bezieht sich also auf Ihre Untersuchungs- und Urteilsfähigkeiten.
Das Ergebnis einer Analyse und Ihr Urteil sollen klar und glaubwürdig sein, genau, präzise formuliert, relevant und fair.
Viele Studenten verwechseln Analyse mit einer Inhaltsangabe. Eine Analyse ist aber mehr als die Beschreibung eines Textes.
5 Schritte für die Textanalyse: CLUES-Formel
Hilfreich bei der Textanalyse ist die CLUES-Formel. Das englische Wort clue heißt soviel wie Hinweis, Anhaltspunkt oder Schlüssel zum Verständnis. CLUES ist in diesem Fall eine Abkürzung für 5 Schritte einer Textanalyse.
Das CLUES-Konzept (Zusammenfassung) geht zurück auf die Politikwissenschaft, wo Textanalyse zur Bearbeitung von Quellen und Dokumenten zentral ist. Konkret auf zwei amerikanische Professoren, Christine Barbour (Indiana University) und Matthew Streb (Loyola Marymount University), Autoren der weit verbreiteten Politiklehrbücher Keeping the Republic und Clued In to Politics. Man kann die Methode aber ohne Weiteres auf andere Fachdisziplinen anwenden. Kritisches Denken ist in jeder Wissenschaft gefragt.
CLUES steht für:
Jede Art von Kommunikation hat einen Sender und einen Empfänger. Den Zweck eines Textes versteht man besser, wer für wen geschrieben hat. Wer also ist der Autor, wo erschien die Quelle, wo stehen Autor und Quelle? Und: Wer soll den Text lesen? Wer ist das Publikum? Was könnte die Leser an diesem Text eigentlich interessieren?
Vorrangig geht es darum, die Absicht des Autors zu verstehen. Wenn man weiß, woher der Autor (und die Quelle) kommen, ist das ein zentraler Hinweis (eben ein clue) auf die Absicht.
Nehmen wir eine Tageszeitung wie das Handelsblatt, eine Wirtschaftszeitung. Diese wird von Wirtschaftsjournalisten geschrieben, die für die Wirtschaft relevante Nachrichten und Hintergründe liefern wollen. Die Leser sind oft Manager, Investoren und andere wirtschaftsinteressierte Leser. Die wollen auf den Nachrichtenseiten Qualitätsjournalismus, "objektive", zumindest verlässliche, unabhängige und verlässliche, gut recherchierte Informationen. Das Ziel ist umfassende Information der Leser. Auf den Meinungsseiten hingegen geht es um Meinung, Kommentar, Einordnung und Urteil, um Interpretationen und ideologische (weltanschauliche) Richtungen. Hier sollen die Leser von einer bestimmten Position überzeugt werden. Das Handelsblatt vertritt dabei in der Regel eher wirtschaftsfreundliche, eher liberale und konservative Überzeugungen, ist eher "rechts von der Mitte" und nicht "links", ist eher für den Markt, eher gegen staatliche Eingriffe in das Marktgeschehen. Umgekehrt ist es bei Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau oder der taz. Das muss man wissen, das steht nicht oben drüber. Wenn man es weiß (und zeigt, dass man es weiß), hilft das bei der Analyse.
CLUES 2: Lay out the argument and the underlying values and assumptions.
Nun zum eigentlichen Inhalt des Textes. Mit was beschäftigt sich der Autor? Welche Argumente stellt er zusammen, wie baut er Argumente auf? Wo will er hin? Was ist sein Ausgangspunkt, welche Annahmen stecken dahinter?
Hier geht es auch um grundlegende Werte, die dem Autor wichtig sind: Nehmen wir noch einmal das Beispiel eines Meinungsartikels aus einer Wirtschaftszeitung wie dem Handelsblatt. Der Autor kommentiert z.B. die Euro-Krise 2010: Was sollte die EU oder die deutsche Regierung tun oder nicht tun, und warum? Stellt der Artikel ausreichend klar, worum es dabei geht (auch die Begriffe, die der Autor benutzt)?
Das Handelsblatt ist eine ziemlich gute Zeitung, aber nicht jeder Artikel ist ziemlich gut. Auch in einem solchen Blatt erscheinen Texte, die nicht so gut und klar argumentiert sind. Mancher Text ist oberflächlich gut formuliert, aber hinter der Rhetorik steckt ein unsauberes, unklares oder unlogisches Argument. Manches Argument wird hinter allerlei Kulissen versteckt. In der Analyse sollen Sie das entdecken und dann auch sagen, wenn etwas unklar ist. Lassen Sie sich nicht verwirren oder einschüchtern, räumen Sie den Sprachmüll beiseite und legen Sie das Kernargument offen, das übrigbleibt.
Die Profs Barbour und Streb nennen ein Beispiel: Man will sich nicht von jemandem einlullen lassen, der sich als überzeugter Verfechter der Demokratie präsentiert, wenn man hinterher feststellen muss, dass der Autor ein völlig anderes Verständnis von Demokratie hat als Sie selbst. Wenn ein Autor also etwas als "demokratisch" darstellt, finden Sie also heraus, was er mit "demokratisch" eigentlich meint.
CLUES 3: Uncover the evidence.
Mit evidence sind Belege und Beweise gemeint. Nehmen Sie den Autor ins Kreuzverhör, überprüfen Sie, was er anbietet: Zahlen, Daten, Fakten, Erkenntnisse von Experten, historische Parallelen und aktuelle Beispiele – alles, was man zur Stützung eines Arguments beibringen kann. Das Beweismaterial sollte möglichst "hart" sein, also in der Wirklichkeit überprüfbar. Oder zumindest eine solide Begründung, die logisch ist, also in sich stimmig (Ableitung von einem Prinzip). Oder beides. Wenn es also eine saubere Begründung gibt – gut. Wenn ein Argument mit seinen Belegen dieser Überprüfung standhält, dann darf man das auch akzeptieren.
Wenn es keine harten Fakten gibt und auch keine logische Ableitung, worauf stützt sich der Autor dann? Wenn Sie genau hinschauen, entdecken Sie vielleicht, dass der Autor nur "aus dem Bauch" heraus argumentiert. Er appelliert vielleicht an Ihr Gefühl oder allgemeine Wunschvorstellungen, oder er bezieht sich auf Gerüchte und Hörensagen, nennt keine genauen Quellen, bleibt im Ungefähren, hat keine Zeugen und belastbaren Materialien in der Hand. Das ist dann nicht überzeugend: weg damit!
CLUES 4: Evaluate the conclusion.
Der Autor kommt zu irgendeinem Schluss. Ist sein Fazit richtig? Finden Sie es überzeugend? Warum? Oder warum nicht? Nachdem Sie den Text gelesen haben, hat sich bei Ihnen etwas verändert? Sehen Sie die Sache jetzt anders, in einem neuen Licht? Haben Sie etwas Neues dazugelernt? Passt das Neue zu dem, was Sie vorher gedacht haben? Wenn Sie den Schluss des Autors akzeptieren, bedeutet das, dass Sie Ihre eigene Einstellung oder Annahmen verwerfen müssen?
Hier geht es noch einmal um Logik: Wenn A und B richtig sind, muss auch C richtig sein. Können Sie das nachvollziehen? Eine Aussage kann als richtig angesehen werden, wenn das Argument gut begründet ist. Was also ist die Begründungskette? Wie stichhaltig ist sie?
Der Autor ist ein "Verkäufer", der mit seinem Leser ein "Verkaufsgespräch" führt. Er vermarktet seine Aussagen. Kaufen Sie, oder kaufen Sie nicht? Warum?
CLUES 5: Sort out the political implications.
In einem politischen Text geht es natürlich auch um die Analyse weiterreichender Folgen. Der Sinn der Sache ist es, die größere Bedeutung herauszuarbeiten. Wer A sagt, muss auch B sagen. Was ist in diesem Sinn der Wert einer politischen Aussage, die in einem Text gemacht wird? Ziehen Sie das Argument also "größer": Was sind die Konsequenzen, wenn man dem Autor folgt? Wohin führt das alles? Was macht den Text bedeutsam, was bedeutet er? Verändert es Ihr Verständnis der politischen Welt und wie sie funktioniert? Politik ist – nach der Definition von Harold Lasswell – immer auch die Frage "Who Gets What, When, How" , wer bekommt was, wann und wie? Und in der Politik geht es ums Gewinnen und Verlieren: Wer gewinnt, wer verliert, wenn man dem Autor folgt? Wer hat etwas davon?
Nehmen wir an, im Handelsblatt schreibt ein Autor zur Euro-Krise 2010, der Euro-Rettungsschirm sei schlecht, weil er "fatale Fehlanreize" für internationale Anleger auf den Kapitalmärkten setze. Also den Leuten, die z.B. auf riskante Staatsanleihen Griechenlands oder unsichere Anlagen in der griechischen Wirtschaft gewettet haben, obwohl sie wussten, dass in Griechenland nicht alles mit rechten Dingen zugeht: "Gläubiger erhalten den Eindruck, dass sie von den Steuerzahlern Europas abgesichert werden. Das kann auf Dauer nicht gutgehen." Der Autor sagt dann, dass die Regierungen Europas auch von den Anlegern verlangen, dass sie die finanziellen Verluste mittragen.
Wie beurteilen Sie das? Ist das eine gute Idee? Ist das gute Politik? Ist es sinnvoll, dass Griechenland nur gerettet wird, wenn Banken, Investoren usw. mit die Zeche zahlen? Was wären die Konsequenzen einer solchen Bedingung für jede Rettungsaktion? Wenn es nicht nur um Griechenland geht, sondern um Irland, Spanien, Portugal, Italien oder welches Land auch immer? Was bedeutet ein solches Signal für die Kapitalmärkte, für die Wirtschaft Europas? Was spricht also insgesamt dafür oder dagegen?
Beantworten können Sie das natürlich nur, wenn Sie die Zusammenhänge kennen. Darum ist das der anspruchsvollste Teil der Analyse. Sie müssen Ihr Kontextwissen nutzen, sonst funktioniert es nicht. Sie erkennen sonst nicht die Wichtigkeit bestimmter Aussagen, oder hängen fest, wenn Sie interpretieren müssen. Notwendig ist also der Hintergrund aus Buchlektüre, Vorlesungen, Erkenntnissen aus Diskussionen und Arbeitsgruppen.
Sie verlassen hier ja den Text und gehen darüber hinaus. Es geht nicht nur darum, den Textinhalt zu sezieren, sondern eine eigene Position zu finden und zu begründen. Egal, ob Sie dem Text zustimmen oder ihn ablehnen.
- dass Sie Ihre Analyse organisieren können,
- dass Sie die Lektüre und Lernmaterialien eines Kurses gelesen und verstanden haben,
- dass Sie ein Argument in einem eigenen Text entwickeln und formulieren können,
- dass Sie zum kritischen Denken fähig sind.
Das mit dem "kritischen Denken" ist für viele Studenten verwirrend – was soll das denn sein?
- Geht es darum, den Text grundsätzlich negativ zu sehen und zu kritisieren? Nein. Es geht nicht um Ablehnung oder Zustimmung. Sie können einen Text mit "kritischem Denken" auseinandernehmen und ihm am Ende vollen Herzens zustimmen
Ein kritischer Denker nimmt eine Aussage nicht einfach hin, sondern untersucht sie, prüft sie, hinterfragt sie, stellt sie in einen Zusammenhang, wägt sie ab, vergleicht sie mit dem eigenen Wissen, gibt eine Bewertung ab. "Kritisches Denken" bezieht sich also auf Ihre Untersuchungs- und Urteilsfähigkeiten.
Das Ergebnis einer Analyse und Ihr Urteil sollen klar und glaubwürdig sein, genau, präzise formuliert, relevant und fair.
Viele Studenten verwechseln Analyse mit einer Inhaltsangabe. Eine Analyse ist aber mehr als die Beschreibung eines Textes.
- Eine Analyse nimmt den Text auseinander, leuchtet die Hintergründe seiner Argumente aus und bewertet diese auf der Grundlage eigenen Wissens.
- Sie sollen rational, also mit Hilfe Ihrer Vernunft, zu begründeten Schlüssen kommen.
- Sie sollen mehr in einem Text entdecken, als auf den ersten Blick erkennbar ist.
- Sie sollen Zusammenhänge herstellen, auf Argumentationsmuster hinweisen, problematische Stellen finden – und natürlich auch kritisieren, wenn es nötig ist.
5 Schritte für die Textanalyse: CLUES-Formel
Hilfreich bei der Textanalyse ist die CLUES-Formel. Das englische Wort clue heißt soviel wie Hinweis, Anhaltspunkt oder Schlüssel zum Verständnis. CLUES ist in diesem Fall eine Abkürzung für 5 Schritte einer Textanalyse.
Das CLUES-Konzept (Zusammenfassung) geht zurück auf die Politikwissenschaft, wo Textanalyse zur Bearbeitung von Quellen und Dokumenten zentral ist. Konkret auf zwei amerikanische Professoren, Christine Barbour (Indiana University) und Matthew Streb (Loyola Marymount University), Autoren der weit verbreiteten Politiklehrbücher Keeping the Republic und Clued In to Politics. Man kann die Methode aber ohne Weiteres auf andere Fachdisziplinen anwenden. Kritisches Denken ist in jeder Wissenschaft gefragt.
CLUES steht für:
- Consider the source and the audience.
- Lay out the argument and the underlying values and assumptions.
- Uncover the evidence.
- Evaluate the conclusion.
- Sort out the political implications.
Jede Art von Kommunikation hat einen Sender und einen Empfänger. Den Zweck eines Textes versteht man besser, wer für wen geschrieben hat. Wer also ist der Autor, wo erschien die Quelle, wo stehen Autor und Quelle? Und: Wer soll den Text lesen? Wer ist das Publikum? Was könnte die Leser an diesem Text eigentlich interessieren?
Vorrangig geht es darum, die Absicht des Autors zu verstehen. Wenn man weiß, woher der Autor (und die Quelle) kommen, ist das ein zentraler Hinweis (eben ein clue) auf die Absicht.
Nehmen wir eine Tageszeitung wie das Handelsblatt, eine Wirtschaftszeitung. Diese wird von Wirtschaftsjournalisten geschrieben, die für die Wirtschaft relevante Nachrichten und Hintergründe liefern wollen. Die Leser sind oft Manager, Investoren und andere wirtschaftsinteressierte Leser. Die wollen auf den Nachrichtenseiten Qualitätsjournalismus, "objektive", zumindest verlässliche, unabhängige und verlässliche, gut recherchierte Informationen. Das Ziel ist umfassende Information der Leser. Auf den Meinungsseiten hingegen geht es um Meinung, Kommentar, Einordnung und Urteil, um Interpretationen und ideologische (weltanschauliche) Richtungen. Hier sollen die Leser von einer bestimmten Position überzeugt werden. Das Handelsblatt vertritt dabei in der Regel eher wirtschaftsfreundliche, eher liberale und konservative Überzeugungen, ist eher "rechts von der Mitte" und nicht "links", ist eher für den Markt, eher gegen staatliche Eingriffe in das Marktgeschehen. Umgekehrt ist es bei Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau oder der taz. Das muss man wissen, das steht nicht oben drüber. Wenn man es weiß (und zeigt, dass man es weiß), hilft das bei der Analyse.
CLUES 2: Lay out the argument and the underlying values and assumptions.
Nun zum eigentlichen Inhalt des Textes. Mit was beschäftigt sich der Autor? Welche Argumente stellt er zusammen, wie baut er Argumente auf? Wo will er hin? Was ist sein Ausgangspunkt, welche Annahmen stecken dahinter?
Hier geht es auch um grundlegende Werte, die dem Autor wichtig sind: Nehmen wir noch einmal das Beispiel eines Meinungsartikels aus einer Wirtschaftszeitung wie dem Handelsblatt. Der Autor kommentiert z.B. die Euro-Krise 2010: Was sollte die EU oder die deutsche Regierung tun oder nicht tun, und warum? Stellt der Artikel ausreichend klar, worum es dabei geht (auch die Begriffe, die der Autor benutzt)?
Das Handelsblatt ist eine ziemlich gute Zeitung, aber nicht jeder Artikel ist ziemlich gut. Auch in einem solchen Blatt erscheinen Texte, die nicht so gut und klar argumentiert sind. Mancher Text ist oberflächlich gut formuliert, aber hinter der Rhetorik steckt ein unsauberes, unklares oder unlogisches Argument. Manches Argument wird hinter allerlei Kulissen versteckt. In der Analyse sollen Sie das entdecken und dann auch sagen, wenn etwas unklar ist. Lassen Sie sich nicht verwirren oder einschüchtern, räumen Sie den Sprachmüll beiseite und legen Sie das Kernargument offen, das übrigbleibt.
Die Profs Barbour und Streb nennen ein Beispiel: Man will sich nicht von jemandem einlullen lassen, der sich als überzeugter Verfechter der Demokratie präsentiert, wenn man hinterher feststellen muss, dass der Autor ein völlig anderes Verständnis von Demokratie hat als Sie selbst. Wenn ein Autor also etwas als "demokratisch" darstellt, finden Sie also heraus, was er mit "demokratisch" eigentlich meint.
CLUES 3: Uncover the evidence.
Mit evidence sind Belege und Beweise gemeint. Nehmen Sie den Autor ins Kreuzverhör, überprüfen Sie, was er anbietet: Zahlen, Daten, Fakten, Erkenntnisse von Experten, historische Parallelen und aktuelle Beispiele – alles, was man zur Stützung eines Arguments beibringen kann. Das Beweismaterial sollte möglichst "hart" sein, also in der Wirklichkeit überprüfbar. Oder zumindest eine solide Begründung, die logisch ist, also in sich stimmig (Ableitung von einem Prinzip). Oder beides. Wenn es also eine saubere Begründung gibt – gut. Wenn ein Argument mit seinen Belegen dieser Überprüfung standhält, dann darf man das auch akzeptieren.
Wenn es keine harten Fakten gibt und auch keine logische Ableitung, worauf stützt sich der Autor dann? Wenn Sie genau hinschauen, entdecken Sie vielleicht, dass der Autor nur "aus dem Bauch" heraus argumentiert. Er appelliert vielleicht an Ihr Gefühl oder allgemeine Wunschvorstellungen, oder er bezieht sich auf Gerüchte und Hörensagen, nennt keine genauen Quellen, bleibt im Ungefähren, hat keine Zeugen und belastbaren Materialien in der Hand. Das ist dann nicht überzeugend: weg damit!
CLUES 4: Evaluate the conclusion.
Der Autor kommt zu irgendeinem Schluss. Ist sein Fazit richtig? Finden Sie es überzeugend? Warum? Oder warum nicht? Nachdem Sie den Text gelesen haben, hat sich bei Ihnen etwas verändert? Sehen Sie die Sache jetzt anders, in einem neuen Licht? Haben Sie etwas Neues dazugelernt? Passt das Neue zu dem, was Sie vorher gedacht haben? Wenn Sie den Schluss des Autors akzeptieren, bedeutet das, dass Sie Ihre eigene Einstellung oder Annahmen verwerfen müssen?
Hier geht es noch einmal um Logik: Wenn A und B richtig sind, muss auch C richtig sein. Können Sie das nachvollziehen? Eine Aussage kann als richtig angesehen werden, wenn das Argument gut begründet ist. Was also ist die Begründungskette? Wie stichhaltig ist sie?
Der Autor ist ein "Verkäufer", der mit seinem Leser ein "Verkaufsgespräch" führt. Er vermarktet seine Aussagen. Kaufen Sie, oder kaufen Sie nicht? Warum?
CLUES 5: Sort out the political implications.
In einem politischen Text geht es natürlich auch um die Analyse weiterreichender Folgen. Der Sinn der Sache ist es, die größere Bedeutung herauszuarbeiten. Wer A sagt, muss auch B sagen. Was ist in diesem Sinn der Wert einer politischen Aussage, die in einem Text gemacht wird? Ziehen Sie das Argument also "größer": Was sind die Konsequenzen, wenn man dem Autor folgt? Wohin führt das alles? Was macht den Text bedeutsam, was bedeutet er? Verändert es Ihr Verständnis der politischen Welt und wie sie funktioniert? Politik ist – nach der Definition von Harold Lasswell – immer auch die Frage "Who Gets What, When, How" , wer bekommt was, wann und wie? Und in der Politik geht es ums Gewinnen und Verlieren: Wer gewinnt, wer verliert, wenn man dem Autor folgt? Wer hat etwas davon?
Nehmen wir an, im Handelsblatt schreibt ein Autor zur Euro-Krise 2010, der Euro-Rettungsschirm sei schlecht, weil er "fatale Fehlanreize" für internationale Anleger auf den Kapitalmärkten setze. Also den Leuten, die z.B. auf riskante Staatsanleihen Griechenlands oder unsichere Anlagen in der griechischen Wirtschaft gewettet haben, obwohl sie wussten, dass in Griechenland nicht alles mit rechten Dingen zugeht: "Gläubiger erhalten den Eindruck, dass sie von den Steuerzahlern Europas abgesichert werden. Das kann auf Dauer nicht gutgehen." Der Autor sagt dann, dass die Regierungen Europas auch von den Anlegern verlangen, dass sie die finanziellen Verluste mittragen.
Wie beurteilen Sie das? Ist das eine gute Idee? Ist das gute Politik? Ist es sinnvoll, dass Griechenland nur gerettet wird, wenn Banken, Investoren usw. mit die Zeche zahlen? Was wären die Konsequenzen einer solchen Bedingung für jede Rettungsaktion? Wenn es nicht nur um Griechenland geht, sondern um Irland, Spanien, Portugal, Italien oder welches Land auch immer? Was bedeutet ein solches Signal für die Kapitalmärkte, für die Wirtschaft Europas? Was spricht also insgesamt dafür oder dagegen?
Beantworten können Sie das natürlich nur, wenn Sie die Zusammenhänge kennen. Darum ist das der anspruchsvollste Teil der Analyse. Sie müssen Ihr Kontextwissen nutzen, sonst funktioniert es nicht. Sie erkennen sonst nicht die Wichtigkeit bestimmter Aussagen, oder hängen fest, wenn Sie interpretieren müssen. Notwendig ist also der Hintergrund aus Buchlektüre, Vorlesungen, Erkenntnissen aus Diskussionen und Arbeitsgruppen.
Sie verlassen hier ja den Text und gehen darüber hinaus. Es geht nicht nur darum, den Textinhalt zu sezieren, sondern eine eigene Position zu finden und zu begründen. Egal, ob Sie dem Text zustimmen oder ihn ablehnen.
19. Dezember 2010
Lesetechniken: Mehr aus einem Text herausholen
Mit dem Lesen haben Studenten oft Kummer. Man liest und liest und liest, und irgendwie ist der Ertrag nicht so, wie er sollte. "Warum geht das nicht in meinen Kopf hinein?"
Das hat oft etwas mit der Lesetechnik zu tun. Dass man ein wissenschaftliches Fachbuch nicht so "weglesen" kann wie ein interessantes Sachbuch oder einen Thriller, merkt jeder Student im ersten Semester. Und im Vergleich zu Schulbüchern sind die an Hochschulen verwendeten Lehrbücher auch viel komplexer, viel weniger in kleine Bissen unterteilt, die man auf einen Haps verschlingen kann.
Worum es hier geht, das ist das vollständige analytische Erfassen eines Textes. Man muss "intensiv" lesen. Sonst funktioniert es nicht. Richtig, das ist mühsam. Man braucht viel Zeit, muss mitdenken, wiederholen, sich konzentrieren. Und deshalb ist das nur bedingt möglich, wenn man die Lektüre in Bus und Bahn verlegt oder hektisch in einer kurzen Pause erledigt.
Gekonnt lesen
Die Professorin Hania Siebenpfeiffer von der Uni Greifswald hat in einem nützlichen Handout "Gekonnt lesen" zu einer Lehrveranstaltung eine ganze Reihe von Tipps zum besseren Lesen parat. Sie unterscheidet erst einmal sechs Lesetechniken:
Punktuelles Lesen
"Wer hat denn Zeit für sowas?", mögen Sie jetzt fragen. Nun, man macht das nicht bei jedem Text, ganz klar. Aber wenn es wichtig ist, wenn etwas hängenbeiben soll und wenn Sie etwas gründlich verstehen und aufnehmen wollen, dann geht es nicht anders. Je komplizierter die Materie ist, desto notwendiger ist die Abfolge, die Siebenpfeiffer hier vorschlägt.
Das Gelesene festhalten
Jetzt haben Sie schon eine Menge getan, aber bei wichtigen Texten müssen Sie noch einmal ran. Es geht ums "Reflektieren und Archivieren", wie Siebenpfeiffer es nennt. Da bieten sich drei Techniken an: das Leseprotokoll, das Exzerpt und das Konzept.
Den Aufwand treibt man, wie gesagt, nicht bei jedem Text. Aber genau zu wissen, wie man lesen kann, und dann über die richtige Lesetechnik und Lektüreauswertung zu entscheiden: das man die Schlüsselkompetenz des wissenschaftlichen Lesens aus.
Buchtipp
Otto Kruse (2010): Lesen und Schreiben. Reihe: Studieren, aber richtig, 184 Seiten, UTB / UVK ISBN: 978-3-8252-3355-6 (UTB: 3355), 14,90 Euro.
Das hat oft etwas mit der Lesetechnik zu tun. Dass man ein wissenschaftliches Fachbuch nicht so "weglesen" kann wie ein interessantes Sachbuch oder einen Thriller, merkt jeder Student im ersten Semester. Und im Vergleich zu Schulbüchern sind die an Hochschulen verwendeten Lehrbücher auch viel komplexer, viel weniger in kleine Bissen unterteilt, die man auf einen Haps verschlingen kann.
Worum es hier geht, das ist das vollständige analytische Erfassen eines Textes. Man muss "intensiv" lesen. Sonst funktioniert es nicht. Richtig, das ist mühsam. Man braucht viel Zeit, muss mitdenken, wiederholen, sich konzentrieren. Und deshalb ist das nur bedingt möglich, wenn man die Lektüre in Bus und Bahn verlegt oder hektisch in einer kurzen Pause erledigt.
Gekonnt lesen
Die Professorin Hania Siebenpfeiffer von der Uni Greifswald hat in einem nützlichen Handout "Gekonnt lesen" zu einer Lehrveranstaltung eine ganze Reihe von Tipps zum besseren Lesen parat. Sie unterscheidet erst einmal sechs Lesetechniken:
Punktuelles Lesen
- Sie lesen den Text nur in Teilen.
- Sie unterbrechen Ihr Lesen und springen von Stelle zu Stelle.
- Der Sinn entsteht aus einem Mosaik von Infos.
- Ählich wie Hypertext, von Link zu Link: nicht-lineare Textstruktur, oft bei einzelnen Kapiteln aus Monografien.
- Sie überfliegen den Text
- Sie erfassen die wichtigsten Textinhalte und Textstrukturen
- „Anlesen“: Sie lesen einzelne Sequenzen (Stichprobe)
- in der Regel vollständige Lektüre des Textes, meist auf der Basis vorheriger diagonaler Lektüre
- Sie heben einzelne Textstellen durch Markierungen hervor
- Sie machen sich Notizen zu Unklarheiten
- Sie teilen Argumentationsabschnitte ein
- Voraussetzung ist die kursorische und diagonale Lektüre
- Sie lesen den Text genau und vollständig
- Sie vertiefen sich in einzelne wichtige Passagen (Sequenzen)
- Sie lesen Absatz für Absatz
- Sie machen sich Notizen zu den wichtigsten Argumentationsschritten
- genaues und detailliertes Erfassen des Textes
- Sie untersuchen einzelne Aspekte je nach Textgattung, z.B. Aussageabsicht, rhetorische Figuren, Argumentationsstrukturen etc.
- Sie machen sich ausführliche Notizen zu Aufbau, Thema, Argumentation, Terminologie, Methode sowie eigene Assoziationen, Fragen und weiterführende Überlegungen
- abschließendes ‚Überfliegen‘ des Textes in Hinblick auf den argumentativen Gesamtzusammenhang (‚roter Faden‘).
- Sie überprüfen und ergänzen Ihre Notizen.
- Sie frischen ihr Lektürewissen auf.
"Wer hat denn Zeit für sowas?", mögen Sie jetzt fragen. Nun, man macht das nicht bei jedem Text, ganz klar. Aber wenn es wichtig ist, wenn etwas hängenbeiben soll und wenn Sie etwas gründlich verstehen und aufnehmen wollen, dann geht es nicht anders. Je komplizierter die Materie ist, desto notwendiger ist die Abfolge, die Siebenpfeiffer hier vorschlägt.
Das Gelesene festhalten
Jetzt haben Sie schon eine Menge getan, aber bei wichtigen Texten müssen Sie noch einmal ran. Es geht ums "Reflektieren und Archivieren", wie Siebenpfeiffer es nennt. Da bieten sich drei Techniken an: das Leseprotokoll, das Exzerpt und das Konzept.
1. Leseprotokoll
In einem Leseprotokoll, so Siebenpfeiffer, werden alle Überlegungen, Beobachtungen, Ideen und Einfälle, die sich während des Lektüreprozesses eines Textes ergeben, ihrem Erscheinen nach notiert und zwar in Ihrer eigener Sprache bzw. in eigenen Worten und losgelöst vom gelesenen Text.- Sie protokollieren also erst einmal ihren Leseprozess.
- im Verlauf eines Leseprotokolls werden die Notizen immer "dichter", man baut automatisch die Gedankengänge zusammen.
- Das Ziel ist es, die Ergebnisse der Lektüre festzuhalten, mit der Betonung auf Analyse: was bedeutet X oder Y, worauf bezieht sich der Autor, welche Querverbindungen gibt es?
- Leseprotokolle sind daher oft umfangreich; man muss hinterher systematisieren und sortieren.
- Man kann in regelmäßigen Abschnitten, z.B. am Ende eines Textabschnitts, das bisher Notierte bündeln und zu ersten Ergebnissen zusammenfassen.
2. Exzerpt
Wenn Sie "exzerpieren", lassen Sie Ihre eigenen Gedanken beiseite. Das Exzerpt ist eine Zusammenstellung wichtiger Inhalte des Textes, und zwar wortwörtlich. Es ist ein Auszug, ein Extrakt, eine gekürzte Version mit den wesentlichen Passagen eines Textes. Gewissermaßen eine verbundene Zitatesammlung.- Es geht nicht unbedingt darum, den gesamten Text wiederzugeben. Wenn Sie eine bestimmte Zielrichtung haben, ein bestimmtes Thema, eine Fragestellung (z.B. für ein Projekt, eine Belegarbeit oder Abschlussarbeit) dann werten Sie den Text genau danach aus: Sie nehmen nur das, was Sie brauchen und was "passt". Sie müssen also bewusst auswählen.
- Die Textpassagen sollen mit der genauen Angabe ihres Ursprungsortes (Texttitel, Verfasser, Ausgabe und Seitenzahl) abgeschrieben werden. Sie schreiben also direkte oder indirekte Zitate aus.
3. Konzept
Das Konzept legt die Argumentation, die Organisation, Aufbau und Ablauf eines Textes offen. Es geht also ausschließlich um die Struktur. Wörtliche Zitate und eigene Gedanken zum Text gehören hier nicht hin. Ziel ist es, sich einen Überblick über die zentralen Fragen und Argumentationsschritte zu verschaffen, gewissermaßen das tragende Skelett und ein bisschen vom Fleisch.- Die wesentlichen Fragen, die zu beantworten sind: Was ist der Gegenstand? Was ist das Thema? Welche These(n) hat ein Autor? Welche Hypothese(n) will der Autor überprüfen? Welche Fragestellung wird verfolgt? Wie plant der Autor seine Untersuchung? Wie verläuft die Argumentation? Welche Positionen aus der Forschung behandelt der Autor, woran (und an wen) knüpft er an? Was ist sein Ergebnis?
Den Aufwand treibt man, wie gesagt, nicht bei jedem Text. Aber genau zu wissen, wie man lesen kann, und dann über die richtige Lesetechnik und Lektüreauswertung zu entscheiden: das man die Schlüsselkompetenz des wissenschaftlichen Lesens aus.
Buchtipp
Otto Kruse (2010): Lesen und Schreiben. Reihe: Studieren, aber richtig, 184 Seiten, UTB / UVK ISBN: 978-3-8252-3355-6 (UTB: 3355), 14,90 Euro.
Lehrbücher lesen
Studenten lesen vor allem Lehrbücher (engl. auch: Textbook, Coursebook). Was ist eigentlich ein Lehrbuch, und wie unterscheidet es sich von einem Fachbuch? Und vor allem: Wie liest und nutzt man es am besten?
Lehrbücher sind für die Lehre da, ist ja logisch. Sie werden von (Hochschul-) Lehrern geschrieben, oft auf der Basis von Überblicksvorlesungen, die die Autoren gehalten haben. Im Idealfall sind Lehrbücher auf die Anforderungen eines bestimmten Fachstudiums abgestimmt. Und: Sie werden von Professoren ausgesucht, oft als Pflichtlektüre, die einen Kurs begleiten soll und Grundlage für Klausuren und andere Prüfungen dient. Bibliotheken kaufen daher auf Vorschlag der Professoren größere Mengen stark nachgefragter Grundlagenliteratur für ihre Lehrbuchsammlungen.
Ob sie sich tatsächlich fürs Lernen gut sind, darüber haben Studenten sehr unterschiedliche Ansichten. Nicht jedes Buch, auf dem "Lehrbuch" draufsteht, ist auch wirklich für Lernende – vor allem Anfänger – geeignet.
Zurück zur Ausgangsfrage: Lehrbücher sollen Fachbücher sein, die der Aus- und Weiterbildung dienen. Typisch ist, dass sie
Zu den neueren Trends deutscher Lehrbucherlage (in den USA ein ziemlich alter Trend) gehören Internetseiten oder ganze Lernportale ("companion websites"). Was findet man dort?
Professoren weisen manchmal darauf hin, sie nutzen und integrieren das jedoch noch eher selten. Trotzdem nachschauen, ob der Verlag zusätzliche Materialien zur Verfügung stellt. Das gilt ganz besonders für englischsprachige Textbooks, da die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es eine "Companion Website" gibt.
Tipps zum Lesen von Lehrbüchern
Auch wenn ein Lehrbuch gut verständlich und eingängig ist: Einmaliges Lesen führt selten dazu, dass man das Wissen vollständig aufnimmt. Man muss Lehrbücher "durchackern", positiv formuliert: sich das Wissen aktiv erarbeiten. Zum Beispiel durch:
Ganz wichtig ist, dass Sie verstehen, wie Ihr Lehrbuch das Wissen organisiert. Studenten nehmen Inhaltsverzeichnis und die Erläuterungen für den Gebrauch (z.B. in Vorwort/Einführungen) oft nicht wirklich wahr. Es lohnt sich aber, hier genau hinzusehen:
Lehrbücher sind für die Lehre da, ist ja logisch. Sie werden von (Hochschul-) Lehrern geschrieben, oft auf der Basis von Überblicksvorlesungen, die die Autoren gehalten haben. Im Idealfall sind Lehrbücher auf die Anforderungen eines bestimmten Fachstudiums abgestimmt. Und: Sie werden von Professoren ausgesucht, oft als Pflichtlektüre, die einen Kurs begleiten soll und Grundlage für Klausuren und andere Prüfungen dient. Bibliotheken kaufen daher auf Vorschlag der Professoren größere Mengen stark nachgefragter Grundlagenliteratur für ihre Lehrbuchsammlungen.
Ob sie sich tatsächlich fürs Lernen gut sind, darüber haben Studenten sehr unterschiedliche Ansichten. Nicht jedes Buch, auf dem "Lehrbuch" draufsteht, ist auch wirklich für Lernende – vor allem Anfänger – geeignet.
- Gerade im deutschsprachigen Bereich wird mit dem Etikett "Lehrbuch" eher lax umgegangen – jegliche Art von einführendem Text kann das Prädikat bekommen (meist in der Hoffnung einer hohen Auflage). Im englischsprachigen Textbook-Markt investieren Autoren und Verlage häufig deutlich mehr Mühe in Gestaltung, didaktische Aufbereitung und Service für die Lernenden – dafür sind solche Bücher auch meist viel teurer.
Zurück zur Ausgangsfrage: Lehrbücher sollen Fachbücher sein, die der Aus- und Weiterbildung dienen. Typisch ist, dass sie
- für Anfänger verständlich sind, also in einer Sprache verfasst werden, die nicht allzu viel Vorwissen und Fachjargon verlangt (leider scheitern Lehrbuchautoren oft genau daran).
- Fachvokabeln einführen, definieren und auf Sachverhalte und Theorien anwenden. Fachbegriffe werden weniger vorausgesetzt als bei Fachbüchern, die sich ausschließlich an Experten wenden. Oft gibt es zum Wiederholen oder Nachschlagen ein Glossar (am Ende von Kapiteln oder des Buches).
- Informationen sehr konzentriert und kompakt aufbieten. Da wird nicht allzu viel hin- und hergewendet (im Sinne von Pro und Contra), sondern dargestellt.
- überdurchschnittliche viele Übersichtsgrafiken, Tabellen, Definitionsboxen, Merksätze, Schlagwörter und Randbemerkungen einbinden. Auch diese dienen der besseren Vermittlung.
- die Kapitel als eine Art Lektion konzipieren. Da gibt es meist eine Einführung oder einen Kapitelüberblick (oft mit Lernzielen am Anfang) und am Ende Zusammenfassungen.
- "Navigationshilfen" zur Orientierung einsetzen: Im Vergleich zu anderen Fachbüchern finden sich mehr Überschriften und Zwischenüberschriften. Ein gutes Lehrbuch ist auf den ersten Blick gut organisiert.
- Fragen zum Verständnis oder zum Zusammenfassen einzelner Konzepte und/oder Fragen zur Diskussion auflisten, oft am Ende eines Kapitels. Solche Fragen sind dafür gedacht, dass Studenten sie zum erneuten Durcharbeiten und als "Testfragen" zur Vorbereitung für Prüfungen benutzen (was Studenten leider selten tun, es sei denn, der Professor gibt das als Hausaufgabe auf).
- auf weiterführende Literatur sowie auf externe Quellen verweisen, z.B. auch Weblinks.
Zu den neueren Trends deutscher Lehrbucherlage (in den USA ein ziemlich alter Trend) gehören Internetseiten oder ganze Lernportale ("companion websites"). Was findet man dort?
- ergänzende Literaturhinweise,
- Linklisten,
- Zusammenfassungen und PowerPoint-Folien, die nach Kapiteln gegliedert sind,
- Multimedia (z.B. Videos und interaktive Grafiken)
- Glossare,
- Online-Tests zum Abprüfen des Lernerfolgs,
- Aktualisierungen, Ergänzungen und Korrekturen zum Buch.
Professoren weisen manchmal darauf hin, sie nutzen und integrieren das jedoch noch eher selten. Trotzdem nachschauen, ob der Verlag zusätzliche Materialien zur Verfügung stellt. Das gilt ganz besonders für englischsprachige Textbooks, da die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es eine "Companion Website" gibt.
Tipps zum Lesen von Lehrbüchern
Auch wenn ein Lehrbuch gut verständlich und eingängig ist: Einmaliges Lesen führt selten dazu, dass man das Wissen vollständig aufnimmt. Man muss Lehrbücher "durchackern", positiv formuliert: sich das Wissen aktiv erarbeiten. Zum Beispiel durch:
- Zusammenfassen wesentlicher Inhalte in eigenen Worten.
- Herausschreiben wichtiger Fachbegriffe – lernen Sie diese wie Vokabeln einer Fremdsprache, z.B. mit einem Partner, der Sie abfragt. Gibt es eine Begleit-Seite im Internet, findet sich dort manchmal auch ein "Vokabeltrainer".
- Durcharbeiten der Verständnis- und Diskussionsfragen am Kapitelende.
- eingehender Beschäftigung mit Beispielen. Können Sie eigene Beispiele hinzufügen?
Ganz wichtig ist, dass Sie verstehen, wie Ihr Lehrbuch das Wissen organisiert. Studenten nehmen Inhaltsverzeichnis und die Erläuterungen für den Gebrauch (z.B. in Vorwort/Einführungen) oft nicht wirklich wahr. Es lohnt sich aber, hier genau hinzusehen:
- Inhaltsverzeichnis: Wie ist es aufgebaut? Können Sie die Logik des Aufbaus erkennen?
- Wenn Sie ein einzelnes Kapitel lesen, machen Sie sich ein Bild davon, wo es im Buchaufbau steht.
- Achten Sie auf Erläuterungen zur Gliederung oder Symbole für Lernhilfen.
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