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29. Juni 2012

Graue Literatur und interne Dokumente

In einer Abschlussarbeit selbst empirische Daten erheben und untersuchen -- das ist echtes Forschen und (leider) in vielen Fächern selten der Fall. Vor allem bei Bachelor-Arbeiten, denn eigentlich ist die Bearbeitungszeit viel zu kurz. Eine Studentin der Verwaltungswissenschaften will es aber wagen und hat in einem Landkreisamt gute,praktische Forschungsobjekte. Nun grübelt sie aber über diese Fragen:
  1. Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)? > Antwort "Selbst forschen: Umfragen, Interviews, Dokumente auswerten und belegen" (28.6.12)
  2. Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)?
  3. Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg? > Antwort: "Qualitative Interviews -- Transkripte & Co." (29.6.12)
Der Antwort sei vorausgeschickt:
  • Es führt kein Weg daran vorbei, das mit dem Betreuer detailliert zu besprechen. Persönliche Vorstellungen und Vorlieben, wie empirische Daten und Methoden zu dokumentieren sind, variieren erheblich. 
  • Gerade bei BA-Arbeiten sind viele Betreuer willens, pragmatisch Ansprüche herunterzuschrauben und Kompromisse bei einigen Dokumentationsstandards einzugehen, um die Belastung bei der extrem kurzen Bearbeitungszeit zu senken. Siehe dazu auch den Blogbeitrag:  "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.10)
  • Lesen Sie im Detail nach, was Handbücher und Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur empirischen Sozialforschung dazu sagen.

Graue Literatur und interne Dokumente

Frage 2. Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)?

Wenn es sich um Veröffentlichungen handelt, ist das typische "Graue Literatur" -- grob gesagt Publikationen von Institutionen und Organisationen, die nicht in Bibliotheken und von Verlagen vorgehalten werden.
  • Dazu gehören bei einer Landkreisbehörde z.B. öffentliche Berichte, Broschüren, Merkblätter oder Formulare für Bürger, Pressemitteilungen oder auch veröffentlichte Reden des Landrats u.v.a. - online oder offline.  
  • Amtsblätter können Sie wie Zeitschriften belegen (es sind ja Periodika). 
  • Kreistagsvorlagen belegen Sie wie Parlamentaria und Rechtsquellen. 
  • Bei allen anderen veröffentlichten Materialien gibt es keine vollstandardisierte Belegweise: Versuchen Sie diese so genau wie möglich im Quellenverzeichnis zu beschreiben, also mit genauem Herausgeber/Autor, Erscheinungsdatum und -ort, Titel und Untertitel, ggf. Publikationsnummer (soweit angegeben), Art der Quelle (also z.B. Broschüre, Merkblatt...).
Bei wissenschaftlichen Quellenbelegen geht es ja immer darum, dem überprüfenden Leser zu ermöglichen, die Quelle selbst in Augenschein nehmen zu können, wenn er denn gewillt ist, eine Bibliothek zu nutzen. Davon ist bei Büchern und Periodika auszugehen, z.T. auch bei Internetveröffentlichungen (gleichwohl kann man fast das gesamte Internet als eine Art "Grauer Literatur" bezeichnen).

"Graue Literatur" ist für den Leser schwer zu beschaffen, manchmal gar nicht. Formal wäre es daher angezeigt, die verwendeten Veröffentlichungen im Anhang als Kopie/Faksimile zu dokumentieren. Nur so lassen sich die Quellen ja nachvollziehen.

Aber: Praktisch ist es eher sinnlos, damit einen gewaltigen Anhang zu füllen. Bezieht man sich aber auf bestimmte Passagen oder Seiten, oder ist der Kontext oder die Machart wichtig, ist eine Kopie eines Auszugs sinnvoll -- z.B. wenn man zeigen möchte, auf welche Art die Verwaltung mit dem Bürger über ein Thema kommuniziert.

Handelt es sich um nicht-veröffentlichte Materialien, sondern um Interna, dann gilt dies nicht als "Graue Literatur". Das sind "Dokumente". (Allerdings kann man auch bei veröffentlichten Papieren von Dokumenten sprechen, aber spalten wir hier keine Haare.)

Beispiele sind interne Berichte, Aktenvermerke, Protokolle, Briefe, Emails oder Intranetdokumente, Verträge, interne Statistiken, sonstige Gebrauchstexte, Dienstanweisungen, Vortragsmanuskripte, PowerPoint-Präsentationen, Urkunden, Organigramme, Geschäftsverteilungspläne, interne Geschäftsordnungen und Verfahrensregeln, Aktenpläne, Dienstvereinbarungen, Stellenpläne und -beschreibungen,  Jahres- und Tätigkeitsberichte, interne Untersuchungen, Haushaltsdokumente, Daten aus Benchmarking- und Kosten-Leistungs-Rechnung usw.

Diese Dokumente sind nun überhaupt nicht für einen Leser direkt zugänglich (es sei denn, sie sind bereits in einem öffentlichen Archiv). Wer also solche benutzt, hat eine besondere Verantwortung, Informationen über diese Quelle zu dokumentieren.
  • Was für eine Art Dokument ist es? 
  • Was sind die äußeren Merkmale, der Inhalt und die Aussagekraft? 
  • Was ist der Zweck, die Funktion? 
  • Ist es aktuell oder veraltet? 
  • Wie entstand das Dokument? Wann, wo? In welchem Kontext? 
  • Wie sind Sie an dieses Dokument gelangt?
Bevor Sie im Rahmen der Dokumentenanalyse (Überblick zur Methode: Uni Augsburg) zur großen inhaltlichen Interpretation starten, müssen Sie diese Fragen klären.

Vor allem gilt es zu prüfen, wie verlässlich die Quelle ist, ob sie vollständig ist, und wie man sie einordnen muss. Wenn Sie tatsächlich "Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können", in irgendeiner Akte vorfinden, ist Vorsicht geboten.

Im besten Fall gelingt es Ihnen, die fehlenden Informationen zu rekonstruieren -- durch Suche nach ähnlichen Dokumenten, durch Nachfragen o.ä.. Ob sich die detektivische Kleinarbeit lohnt, müssen Sie entscheiden. Fehlen Quelleninfos, und nutzen Sie die Quelle trotzdem, dürfen Sie den Leser über die Defizite nicht im Unklaren lassen. Machen Sie auch im Text Ihre quellenkritische Haltung deutlich. Erläutern Sie, warum Sie diese Quelle wie interpretieren und warum das legitim ist.

Natürlich müssen Sie wiederum genau im Quellenverzeichnis (Dokumente von Literatur trennen) bezeichnen, was für eine Quelle es ist -- und erneut ist eine Kopie des Dokuments, zumindest bestimmter Passagen, im Anhang sinnvoll. Ist die Quelle ganz zentral, gehört die Kopie eher in den Hauptteil.

28. Juni 2012

Selbst forschen: Umfragen, Interviews, Dokumente auswerten und belegen

In einer Abschlussarbeit selbst empirische Daten erheben und untersuchen -- das ist echtes Forschen und (leider) in vielen Fächern selten der Fall. Vor allem bei Bachelor-Arbeiten, denn eigentlich ist die Bearbeitungszeit viel zu kurz. Eine Studentin der Verwaltungswissenschaften will es aber wagen und hat in einem Landkreisamt gute,praktische Forschungsobjekte. Nun grübelt sie aber über diese Fragen:
  1. Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)?
  2. Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)?
  3. Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg?
Der Antwort sei vorausgeschickt:
  • Es führt kein Weg daran vorbei, das mit dem Betreuer detailliert zu besprechen. Persönliche Vorstellungen und Vorlieben, wie empirische Daten und Methoden zu dokumentieren sind, variieren erheblich. 
  • Gerade bei BA-Arbeiten sind viele Betreuer willens, pragmatisch Ansprüche herunterzuschrauben und Kompromisse bei einigen Dokumentationsstandards einzugehen, um die Belastung bei der extrem kurzen Bearbeitungszeit zu senken. Siehe dazu auch den Blogbeitrag:  "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.10)
  • Lesen Sie im Detail nach, was Handbücher und Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur empirischen Sozialforschung dazu sagen.

Onlineumfragen

Frage 1. Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)?

In jedem Fall muss klar erkennbar und nachvollziehbar sein, wie Sie zu den Daten gekommen sind. Der Leser soll Relevanz und Aussagekraft Ihrer Datenbasis beurteilen können. Das "Projektdesign" und Konzept der Umfrage ist im Text (Methodenteil) präzise zu erläutern. Dazu gehören die Entwicklung der Fragen, Auswahl und Rekrutierung der Befragten, Erhebungsmethode, Ablauf der Durchführung usw. Eher "technische" Angaben und ein Verlaufsprotokoll können z.T. in den Anhang ausgelagert werden.

Der Anhang ist auch eine gute Lösung, um die gesamten Rohdaten aus der Umfrage zu dokumentieren. Das sind ja oft große Tabellen, die man nicht unbedingt im Haupttext haben möchte. Im Anhang lassen sich die Daten aber in der Gesamtheit überblicken. Außerdem können Sie im Anhang z.B. Ihr Anschreiben an die Befragten dokumentieren

Im Hauptteil der Arbeit ist es meist sinnvoll, sich in der Darstellung und Diskussion jeweils einzelnen Ergebnissen zuzuwenden (Thema für Thema) und bei zusammenfassenden Übersichten mit Diagrammen zu arbeiten. Grafiken sind chic, aber nicht für alles benötigen Sie eine farbstrotzende Torte, Säulen, Stäbe oder Kurve: Übersichtliche Tabellen sind häufig eine gute Alternative und ebenso leicht zu erfassen. Wenn Sie dennoch ein Diagramm wählen, überprüfen Sie, welches Diagrammformat die Information am besten vermittelt.

Diagramme sollten eine hohe Informationsdichte haben. Unverzichtbar ist es bei Grafiken, nicht nur mit Prozentangaben, sondern auch mit absoluten Zahlen auszuzeichnen, Achsen und Skalen genau zu beschriften, eine Legende anzulegen, in der Diagrammbeschriftung die Grundgesamtheit (N) zu benennen, fehlende Daten oder "keine Antwort" anzugeben usw.

Wenn Sie eine Online-Umfrage durchführen, nutzen Sie wahrscheinlich ein Web-Tool. Solche Software hat meist eine Standardausgabefunktion für Tabellen und Grafiken. Schauen Sie sich diese genau an, und überprüfen Sie, ob und wie Sie diese verändern können. Manchmal ist es sinnvoll, die Daten in Excel zu importieren, weil Sie dort mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben.


Schließlich gibt es in Befragungen auch Optionen freier Texteingabe. Daraus können Sie wörtliche Zitate entnehmen. Achten Sie in der Belegweise darauf, dass der Leser diese nicht mit Literaturzitaten verwechseln kann.

28. Dezember 2010

Zettelkasten gegen das Verzetteln

Ideen, Zitate, Textstellen und Fundstücke auf Zetteln zu notieren, ist wohl die älteste Form der Informationssammlung, seit es Papier gibt. Die meisten Studenten benutzen Zettel in irgendeiner Form, wenn sie Referate, Beleg- und Abschlussarbeiten schreiben. Allerdings kann man sich leicht dabei verzetteln!

Der berühmteste Zettelkasten der Welt ist sicher der des Soziologen Niklas Luhmann (1927-98), der Dutzende Bücher mit diesem Hilfsmittel schrieb. Fünf Jahrzehnte wissenschaftliche Gedanken auf Zetteln... unglaublich. Als Luhmann starb, karrte eine Spedition die monströse Sammlung von Zettelkästen mit LKWs ins Archiv der Uni Bielefeld. ScienceGarden hat das merkwürdige Ablage- und Katalog-System des Genies beschrieben. In diesem Video erläutert Luhmann selbst, was er mit seinen Zigtausenden von Zetteln anstellte:


Damit Ihre kleine Wohnung nicht bald aussieht wie Luhmanns zugemüllte Denkerstube, sollten Sie Ihren Zettelkasten zeitgemäß führen: mit dem PC:

Möglichkeit 1: Verwendung eines Notizenprogramms wie Microsoft OneNote (aus MS Office), Evernote u.a. (Blogbeitrag).

Möglichkeit 2: Im Prinzip bietet jedes Literaturverwaltungsprogramm auch einen Zettelkasten, d.h. eine Art Ideen- und Wissensmanagement. Solche Programme gibt es – auch kostenlos – viele (z.B. Basisversion Citavi, WibTex, Lit-Link, JabRef, Bibliographix, LiteRat, Biblioexpress, u.a.). Zu den altbekannten gesellen sich neuerdings Browser-gestützte, auch Web 2.0-fähige Programme wie Zotero.

Wenn Sie Luhmann folgen wollen, heißt die Alternative ZKN3 - die Zettelkasten-Software nach Luhmann, die der Hamburger Psychologe Daniel Lüdecke entwickelt hat. Für Windows, Mac und Linux. Auf ein Literaturverwaltungsprogramm muss man dabei nicht verzichten, denn es gibt eine Schnittstelle zu Zotero, Endnote, Bibliographix, Citavi, Refworks, JabRef usw., Import und Export der bibliographischen Daten sind also leicht möglich. Ebenso verhält es sich mit Texten, Grafiken und Daten (z.B. aus Microsoft Excel und allen MS Office oder OpenOffice-Programmen).

Die intelligenten Funktionen zur Archivierung, Verschlagwortung, Herstellung von Querverweisen und Themensammlung versprechen eine deutlich erleichterte Textproduktion. Auf dem "Schreibtisch" kann man die Zettel leicht hin- und herschieben und in Texte einarbeiten.

Das ist alles so komfortabel, dass es schwierig ist, sich wirklich zu verzetteln.

Lobenswert ist auch die ausführliche Sammlung von Videoanleitungen zu den Funktionen des Programms.

Das Programm ist Freeware, steht also gratis zum Download bereit.

20. Dezember 2010

Mitschreiben mit System: "Cornell Notes"

Als ich in Amerika Student war, habe ich mich zu Anfang gewundert, dass viele meiner Mitstudenten beim Mitschreiben in der Vorlesung und im Seminar ein spezielles System verwendeten (siehe unten). Sie teilten ihr Blatt jeweils in vier Teile auf. Für die normalen Notizen verwendeten sie aber immer nur den einen großen Kasten rechts. Wie ich dann erfuhr, heißt das Notizensystem "Cornell Notes".

Das heißt so, weil es 1949 ein Professor der Cornell University erfunden hat. Sinnigerweise hieß der Mann Walter Pauk (!). Sein Ratgeberbuch "How to Study in College" ist seit Jahrzehnten ein bei Studenten populäres Standardwerk.

In den USA ist das System weit verbreitet, auch in Deutschland gibt es Fans. Für das Format gibt es sogar online einen personalisierbaren Arbeitsblatt-Generator und natürlich Blankoseiten zum Ausdrucken.

Der Sinn der Sache besteht in der besseren Übersicht, vor allem aber steckt dahinter eine Methode zur Nacharbeit von Vorlesungen.
  • Während der Lehrveranstaltungen schreiben Sie im großen Kasten mit wie gewohnt.
  • Nach der Veranstaltung aber füllen Sie die beiden Kästen links und unten.

Die Spalte links ist die so genannte "Cue Column" oder "Recall Column". Wenn Sie Ihre Notizen also durchgehen, schreiben Sie links wichtige Begriffe und zentrale Ideen hin. Oder Fragen: Wenn die Notizen rechts die Antworten sind, dann sollten links die dazugehörigen Fragen auftauchen (z.B. "Was ist...?" oder "Warum...?" oder "Wie funktioniert...?")

Wenn Sie Fragen formulieren, müssen Sie Ihre Mitschrift noch einmal durchdenken. Zusammenhänge werden klarer, die Bedeutung erschließt sich neu, und Sie behalten die Inhalte besser im Gedächtnis.

In der Box für die Zusammenfassung ("Summary Box") schreiben Sie sehr knapp (3-4 Sätze) in eigenen Worten, worum es in den Notizen oben rechts im Kern geht. Auch das hilft Ihnen, den Inhalt zu rekapitulieren und die Relevanz zu erschließen. Hier können zudem Anschlussfragen notiert werden. Oder der Transfer zu anderen, eigenen Beispielen und Anwendungsmöglichkeiten.

"Cornell Notes" sind ein ziemlich simples System für das handschriftliche Notieren. Aber sehr effektiv für das strukturierte Nacharbeiten und gut für die Prüfungsvorbereitung:
  • Wenn Sie in der linken "Recall Column" Fragen formuliert haben, können Sie z.B. die rechte Seite mit einem Blatt abdecken und testen, ob Sie die Fragen richtig beantworten können.
Hier gibt es eine schöne PowerPoint-Präsentation zum Umgang mit "Cornell Notes", und hier noch eine Beispielseite (PDF).

Vorlagen auf der Microsoft-Homepage gibt es für Microsoft Word, PowerPoint und das Notizenprogramm OneNote (wenn Sie digitale Mitschriften bevorzugen, siehe Blogbeitrag).

Mitschreiben digital – Microsoft OneNote und Evernote für Vorlesung und Seminar

Als Prof blickt man im Hörsaal meist auf einen Wald von Notebooks und Netbooks. Klar, da wird während der Lehrveranstaltung gedaddelt, gesurft, gemailt. Das lenkt ab und verhindert das Lernen. Es gibt Kollegen, die verbieten sogar Computer auf dem Tisch. Das halte ich für Unfug. Denn die meisten Studenten benutzen ihren Computer durchaus für akademische Zwecke.

Viele starten MS Word (oder OpenOffice Writer) und verwalten ihre Mitschriften in der Textverarbeitung. Gibt es bessere Möglichkeiten als das? Ja!

Nämlich Notizen-Programme: Evernote (aus der OpenOffice-Familie) und Microsoft Office OneNote.

OneNote wird bei der Version “Office Home and Student Suite” mitgeliefert. Die Software ist gedacht für das Anfertigen und Verwaltung von Mitschriften (Vorlesungen, Seminare, Besprechungen). Die Verwaltung wird in Notizbüchern, Abschnitten, Seiten und Unterseiten ermöglicht. Man kann Grafiken und PDFs sowie Audio- und Videoaufzeichnung einbetten, schön verlinkt mit den eigenen Notizen. Außerdem lassen sich Mitschriften leicht an weitere PCs senden und synchronisieren.

Microsoft hat vier Video-Schulungen veröffentlicht (auch auf YouTube), die die Arbeit mit OneNote anschaulich erläutern:
Die vier Folgen sollten Sie sich unbedingt ansehen. Sie werden merken, dass die Software ziemlich gut fürs Studium geeignet ist. Zwar müssen Sie sich etwas in die Bedienung einfuchsen. Aber dafür bringen Sie schnell ein echtes System in Ihre Mitschriften. Die elektronische Kladde hilft daher auch bei der Studienorganisation und bei der Prüfungsvorbereitung.

Der Osnabrücker IT-Berater Bernd Brandenburger moderiert die Videos. Die erste Folge führt Sie in die Basiselemente von OneNote ein. Da geht es erst einmal um die Oberfläche, dann darum, wie man Notizbücher anlegt und auf mehreren Computern (z.B. auch Desktop-PC zu Hause oder mit mehreren Kommilitonen gemeinsam geführte Notizbücher) verwendet, wie man Abschnitte und Seiten einfügt, wie man Tools z.B. zum Zeichnen einsetzt, wie man Suchfunktionen benutzt, wie man Office-Vorlagen von der Microsoft-Homepage lädt und einiges mehr.

 
In der zweiten Folge geht es um die Verbindung von OneNote und Outlook. Denn Aufgaben aus OneNote lassen sich direkt in Outlook übernehmen, oder aus einem Outlook-"Termin" oder einer Outlook-"Aufgabe" direkt Besprechungsnotizen starten. Beispielsweise bekommen Sie eine Email von Kommilitonen in einer Arbeitsgruppe oder vom Prof über das E-Learning System Moodle ("Learn@Wildau"). Da gibt es dann vielleicht Hinweise, Ergänzungen oder Links, die Sie in Ihre Vorlesungs-Notizen einfügen möchten. Email im Outlook öffnen und den Button "an OneNote senden". Umgekehrt können Sie auch Ihre in OneNote erstellten Notizen über Outlook versenden – nicht nur an Email-Empfänger, sondern auch an sich selbst, nämlich in die Verwaltung von "Terminen" und "Aufgaben" in Outlook. Nützlich z.B. für Lektüreplanung, Hausaufgaben und Arbeitsgruppen.

 

Folge drei widmet sich dem gemeinsamen Notizbuch, das Sie mit anderen Kommilitonen zusammen führen können. Wenn Sie mal nicht zur Vorlesung kommen können, ist das ebenso praktisch wie wenn Sie arbeitsteilig mitschreiben wollen. Dafür legt man z.B. extern auf einem Netzwerk-Sharepoint (Internet-Festplatte, z.B. Windows Live SkyDrive mit gratis 25 GB Speicherplatz) ein gemeinsames Notizbuch an. Praktischerweise wird automatisch synchronisiert: Sobald also jemand aufs Notizbuch zugreift, wird für alle aktualisiert. Wer's über Windows Live macht, kann Kommilitonen über die Windows Live-ID einladen.

 

Schließlich geht Folge vier in ähnlicher Absicht wie in Folge drei auf die Nutzung des Programms Groove ein. Das ist eine Komponente im Office2007-Paket, mit der man übers Internet Daten von Computer zu Computer übertragen und synchronisieren kann. Das ist so eine Mischung aus Outlook und SharePoint, bei der die Daten allerdings dezentral gespeichert werden, nicht auf einer externen Festplatte wie in Folge drei. Es wird gezeigt, wie man einen gemeinsamen Arbeitsbereich für eine Lerngruppe anlegt, wie man sich Nachrichten schickt und mit diversen Tools arbeitet. Wichtig: Groove gibt es ab Office2010 als Produktname nicht mehr, wird jetzt "SharePoint Workspace 2010"  genannt. Die Vollversion gibt es nur in teureren Office-Paketen. Mit kostenfreien Programmen wie Dropbox usw. kann man aber auch arbeiten.



Alles in allem bietet OneNote also eine ziemlich gute Lösung für die eigenen Notizen und für den Austausch mit anderen Studenten.

18. Dezember 2010

Die Vorlesung: mitschreiben, überleben und erleben

Häufigste Frage von Studenten in den ersten Vorlesungen: Was ist die beste Methode des Mitschreibens? Das Wort "Mitschreiben" klingt nach Dauerprotokoll. Aber: Alles aufschreiben, was der Prof sagt – das führt nur zum Krampf in der Schreibhand. Man kann definitiv zu viel mitschreiben.

Sie sitzen nicht in der Vorlesung, um Stenografie zu lernen. Es ist sogar so: Während Sie schreiben, denken Sie nicht, und wenn Sie ganz viel mitschreiben, lernen Sie weniger, als wenn Sie gar nichts mitschreiben. Es kann Ihnen passieren, dass Sie Ihren Notizblock vollmachen, aber wenn Sie sich Ihre Notizen hinterher anschauen, sagt Ihnen das Geschriebene nichts mehr. Man könnte sagen: Je mehr Notizen Sie haben, desto unwahrscheinlicher ist es, dass es Ihnen bei der Nacharbeit und bei der Prüfungsvorbereitung hilft. Weniger ist mehr.

Patentrezepte gibt es nicht. Was die "beste" oder "richtige" Methode ist, muss jeder für sich entwickeln. Tipps und Anregungen gibt es auf einigen Internetseiten, zum Beispiel:

Was die Mitschrift leisten soll, hängt von der Absicht des Studenten ab. Hans-Jürgen Apel, Ex-Pädagogikprofessor an der Uni Bayreuth, hat in seinem Buch für Dozenten "Die Vorlesung - Einführung in eine akademische Lehrform" (1999) zwei Basisstrategien bei Studenten ausgemacht:
  • die Strategie des Auswendiglernens: pragmatisch richten sich Studenten danach aus, wie sie ihr "Prüfungswissen" auf möglichst schnelle Weise aneignen können. Eine weitergehende Durchdringung der Inhalte ist für sie keine Thema. Es geht ihnen also darum, Vorlesungsteile, Begriffe, Einzelaussagen, Regeln wie vorgegeben auswendig zu lernen, um sie für die Klausur parat zu haben. Die Aufmerksamkeit bleibt dann natürlich an der Oberfläche.
  • die Strategie des Verstehen-Wollens: Hier geht es Studenten darum, die Aussagen einer Vorlesung über Texte, Tabellen, Formeln usw. in einen Zusammenhang einzuordnen. Sie wollen sich die Grundstruktur merken, nicht einzelne Worte. Sie reichern das Gehörte mit anderem an. Sie formulieren den Stoff mit eigenen Worten um, stellen Zusammenhänge mit dem bereits Erlernten her.
Es ist plausibel, dass dann auch die Mitschrift jeweils anders aussieht.

Die Vorlesung und die Hochschule selbst beeinflussen natürlich, welche Strategien Studenten verfolgen. Wer in der Vorlesung zum Fragen und Weiterdenken motiviert wird, verlässt vielleicht eher den Pfad des Auswendiglernens. Ist der Prüfungsdruck hoch, fixieren sich mehr Studenten auf die Mitschrift als Prüfungsvorbereitung. Das sind Fragen des Lernklimas.

Außerdem liegt ein Schlüssel in der Fachkultur – juristische Vorlesungen zu den Grundlagen des BGB sehen z.B. anders aus als betriebswirtschaftliche zum Personalmanagement oder politikwissenschaftliche zur Europapolitik.

Die Vorlesung ist als akademische Lehrform ebenso gewöhnungsbedürftig wie schwierig zu meistern. Und obwohl sie an Hochschulen typisch und selbstverständlich ist, so ist sie doch auch umstritten. Sie stellt hohe Ansprüche: erstens an die Lerntechniken der Studenten, zweitens an das Können der Profs als Lehrer.

Stunde der Wahrheit:
Persönlicher Vermittlungsstil und Vorlesungstypen


Das Besondere an Vorlesungen – im Vergleich zum Lehrbuch – ist die Abhängigkeit vom persönlichen Stil der Darstellung und Vermittlung.
  • Der eine Professor ist eine Faktenschleuder, die andere Professorin will immerzu Fragen aufwerfen und im Dialog Vorlesung machen. 
  • Die eine legt rasantes Tempo vor, der andere geht gemächlich nur durch Grundlegendes. 
  • Der eine will Fans für sein Fach gewinnen, die andere hält das nicht für nötig. 
  • Während ein Professor perfekte Systematik liefert, bietet der andere reichlich Anregungen zum Selbststudium und Selber-Denken. 
  • Der eine will Prüfungsmaterial liefern, die andere kritisches Denken einüben. 
  • Die eine hält sich strikt an ein Buch oder an ein umfassendes Skript, der andere geht stets über die schriftlichen Materialien hinaus – und wenn es Tafelbilder oder Folien gibt, muss man sich ganz viel dazu notieren, weil man diese nicht ohne das Gehörte verstehen kann.

Was heißt das fürs Mitschreiben? Die tatsächliche Vorlesung bietet nur Rohmaterial, das bearbeitet werden will. Mitschriften – und die Nachbearbeitung des Gehörten – müssen sich anpassen. Diese Anpassungsfähigkeit will gelernt sein. Darum hat Mitschrift eben auch etwas mit Lerntechnik zu tun – mit Lerntechnik, die von der Lehrtechnik des Profs abhängig ist.

Das ist nicht nur geistige Gängelei. Das zu lernen, ist im Berufsleben wichtig. Sich einstellen zu können auf unterschiedliche Weisen der Informationsvermittlung, ist eine zentrale Qualifikation und Kompetenz.

Was Professoren manchmal aus Vorlesungen machen, ist, zugegeben, manchmal furchtbar. Wenn die Vorlesung einfach schlecht ist, ist es absurd, wenn Profs über die "Konsumhaltung" oder "geistige Trägheit" von Studenten schimpfen – oder darüber, dass die heutige Generation kaum noch mehr als ein paar Minuten konzentriert zuhören kann. Die Kritik von Studenten ist dann genauso harsch, und es geht ihnen nur noch darum, die Vorlesung zu überleben. Was oft auch heißt, Verwirrung und Langeweile zu bekämpfen. Die Mitschrift hat dabei den Zweck, Ordnung ins Chaos zu bringen und mit Lehrbüchern abzugleichen. Viel besser ist natürlich, wenn die Vorlesung und dann die Mitschrift zum "aktiven Lernen" und Selbststudium beitragen.

Vom persönlichen Vermittlungsstil der Professoren hängt also ganz schön viel ab. Mehr noch, das "Erlebnis Vorlesung" gibt dem Studium erst die persönliche Note.  Was macht eine Vorlesung bei einem Prof unverwechselbar und einmalig? Ganz sicher nicht nur das Thema. Was ist der Mehrwert der Anwesenheit in einer Vorlesung? Bestimmt auch die "Verlebendigung" der Wissenschaft. Da steht ein realer Mensch aus Fleisch und Blut, mit mehr oder weniger Glaubwürdigkeit. Als Student kann man persönliche Perspektiven erfahren, den Gedankengang eines mehr oder minder kompetenten Experten miterleben.

Auch weil Vorlesungen etwas sehr Individuelles sein können, sind Mitschriften anders als Fachbücher. Die Mitschrift kann natürlich nur so gut, interessant und hilfreich sein wie die Vorlesung, auf der sie beruht. Im besten Fall liefert eine Vorlesung gute Orientierung über ein Fach und Thema, sie vermittelt nicht nur Prüfungsstoff, sondern Einsichten und Anregungen, sie ist aktuell, präsentiert Beispiele und Anwendungen. Schließlich weckt sie Interesse, Motivation, vielleicht sogar Begeisterung, jedenfalls: Appetit auf mehr. Das alles nicht nur klar, strukturiert und korrekt, sondern möglichst lebendig, einfallsreich und einprägsam.

Dem Anspruch werden wir Professoren häufig nicht gerecht – mal aus Mangel an Erfahrung und didaktischer Ausbildung, mal aus Naivität, mal aus aus schlechter Laune, mal aus anders gesetzten Prioritäten, mal aus Unwillen. Nicht jeder Hochschullehrer begreift sich vorrangig als Lehrer, sondern eher als Experte, der sein Wissen teilt – das ist für Studenten wichtig zu verstehen.
"Ursprünglich nicht mehr als eine zeitsparende Methode zur Verbreitung von standardisiertem Lehrbuchwissen, ist die Vorlesung im Zeitalter des Kopierers zur letzten Bastion von Individualität im Universitätsbetrieb geworden.
Im Hörsaal schlägt jedem Gelehrten die Stunde der Wahrheit",

schrieb der Kulturjournalist Richard Kämmerlings vor einigen Jahren in der FAZ. Er entwickelte dabei "eine kleine Typologie des Vorlesungsstils". Kämmerling grenzte fünf Idealtypen (das sind nicht Ideale, sondern Modelle in Reinkultur) voneinander ab: den Beamten, den Stegreifspieler, den Clown, den Diktator und das Medium.
  • Der Beamte habe stets einen ausformulierten Vortrag parat, manchmal auswendig gelernt. "Verschiedene Register vermag er nicht zu ziehen, dafür öffnet er beim Reden schön der Reihe nach alle Schubladen im Hirnkasten. Er verheddert sich nie, bietet aber auch keinerlei Überraschungsmomente. Auf Kapitel römisch zwei, arabisch eins, klein b alpha folgt mit Sicherheit beta, und selbst Zitate aus dem Kopf lassen sich mittels präziser Literaturangaben wiederfinden." Er erzähle er nie von sich und trage stets unauffällig korrekte Anzüge. Wer etwas Persönliches erfahren wolle, müsse zwischen den Sätzen hören.
  • Das Gegenteil sei der Stegreifspieler. Der hat gar keinen Text als Grundlage. "Deswegen sucht er öfter Zuflucht beim Nächstliegenden, und das ist er selbst. So nimmt der ganze Hörsaal Anteil an hochschulbürokratischen Intrigen, Tagungsbekanntschaften und Kinoerlebnissen. Der Vorlesende weiß ebensowenig wie seine Hörer, wohin ihn die Verfertigung der Gedanken beim Reden treiben wird. Vom Hölzchen kommt er aufs Stöckchen und verläßt so mitunter die ausgetretenen Pfade biederer Gelehrsamkeit und entdeckt ungeahnte Passagen." Allerdings entpuppe sich "die terra incognita als Niemandsland, aus dem kein Weg und keine Wendung zurückführt. Verschachtelte Satzkonstruktionen brechen unvermittelt ab, geöffnete Klammern werden nie geschlossen". Der genarrte Student, folgert Kämmerlings, werde keinen klaren Gedanken mit nach Hause tragen können.

  • Dann gibt es noch den Clown. Der improvisiert nur scheinbar, meint Kämmerlings. Der Auftritt dieses Unterhaltungskünstlers sei in Wahrheit bis ins Detail einstudiert. "Je größer das Auditorium, desto besser die Vorstellung. In dieser perfekten One-Man-Show sitzt jeder Witz, kommt jede Pointe passend zur unbemerkten Argumentationslücke. Eine beliebte Nummer ist die Hilflosigkeit beim Umgang mit Tageslichtprojektoren, Mikrophonen oder Saalbeleuchtung. Ein guter Clown bezieht sein Publikum ein, hat aber jede Reaktion bereits vorausberechnet." Sein geheimer Wahlspruch stamme von Nietzsche: "Je abstrakter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muß man erst die Sinne zu ihr verführen."

  • Der Clown sei eng verwandt mit dem Diktator, doch beim Diktator lachten die Studenten nur aus Angst. Hier gilt: Ordnung muss ein, und die wird durchgesetzt. "Er beherrscht sein Thema und den Hörsaal. Seinem Vortrag folgt man wie einem Befehl. Der Diktator diktiert, Wort für Wort, er will noch kontrollieren, was die Hörer in ihre Kladden schreiben, und herrscht schon einmal Novizen in der ersten Reihe an: 'Warum schreiben sie das jetzt nicht mit? Das ist wichtig.'"

  • Der interessanteste Fall sei das Medium. Mit Medium meint Kämmerlings eine Person, die im Sinne des Okkultismus Verbindung mit Geistern und sonstigem Jenseits herstellen kann – zum Beispiel mit verstorbenen Theoretikern. "Durch das Medium spricht der Forschungsgegenstand selbst, Subjekt und Objekt verschmelzen miteinander." Das führe so weit, dass der Vortragende seinen Gegenstand imitiert, die Studenten würden Zeuge einer Seelenwanderung. Wo das Zitat aufhört und der Kommentar beginnt, das wüssten die Hörer kaum noch. "Über Wilhelm von Humboldt etwa handelt das echte Medium in harmonischem Zusammenspiel von Vernunft und Sinnlichkeit, steht Schiller auf dem Plan, dann wettert es prompt mit Moorschem Feuer gegen das eigene tintenklecksende Säkulum. Seine Vorlesung über die Dandy-Figur in der Weltliteratur kann dagegen auch im schummerigen Hörsaal nicht ohne Sonnenbrille über die Bühne gehen."
Die Zuordnung zu einem dieser fünf Typen dürfe man allerdings nicht schon für ein Qualitätsurteil halten, meint Kämmerlings. "So gibt es schlampige Beamte, lächerliche Diktatoren oder auch - das schlimmste - langweilige Clowns. Doch ist der Vorlesungsstil in jedem Fall ein Indikator dafür, ob ein Professor vom Charisma seines Themas hingerissen oder von der Blässe des Gedankens selber angekränkelt ist." (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.04.1999, Nr. 86, S. 56)