Der Kollege Martin Gertler (RFH Köln, Utrecht) hat auf der Plattform Iversity.org einen "Schnellkurs zum wissenschaftlichen Arbeiten" zum Selbststudium mit Video-Vorlesungen, FAQ, Handouts und Literatur zur Verfügung gestellt. Das Einführungsvideo ist auf YouTube zu sehen, der gesamte Kurs kostenlos nach Registrierung bei Inversity zugänglich.
Posts mit dem Label Forschungsmethode werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Forschungsmethode werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
3. Januar 2013
Gertlers Online-Schnellkurs Wissenschaftliches Arbeiten
Der Kollege Martin Gertler (RFH Köln, Utrecht) hat auf der Plattform Iversity.org einen "Schnellkurs zum wissenschaftlichen Arbeiten" zum Selbststudium mit Video-Vorlesungen, FAQ, Handouts und Literatur zur Verfügung gestellt. Das Einführungsvideo ist auf YouTube zu sehen, der gesamte Kurs kostenlos nach Registrierung bei Inversity zugänglich.
29. Juni 2012
Qualitative Interviews -- Transkripte & Co.
In einer Abschlussarbeit selbst empirische Daten erheben und untersuchen -- das ist echtes Forschen
und (leider) in vielen Fächern selten der Fall. Vor allem bei
Bachelor-Arbeiten, denn eigentlich ist die Bearbeitungszeit viel zu
kurz. Eine Studentin der Verwaltungswissenschaften will es aber wagen
und hat in einem Landkreisamt gute,praktische Forschungsobjekte. Nun
grübelt sie aber über diese Fragen: - Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)? > Antwort: "Selbst forschen: Umfragen, Interviews, Dokumente auswerten und belegen" (28.6.12)
- Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)? > Antwort: "Graue Literatur und interne Dokumente" (29.6.12)
- Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg?
- Es führt kein Weg daran vorbei, das mit dem Betreuer detailliert zu besprechen. Persönliche Vorstellungen und Vorlieben, wie empirische Daten und Methoden zu dokumentieren sind, variieren erheblich.
- Gerade bei BA-Arbeiten sind viele Betreuer willens, pragmatisch Ansprüche herunterzuschrauben und Kompromisse bei einigen Dokumentationsstandards einzugehen, um die Belastung bei der extrem kurzen Bearbeitungszeit zu senken. Siehe dazu auch den Blogbeitrag: "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.10)
- Lesen Sie im Detail nach, was Handbücher und Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur empirischen Sozialforschung dazu sagen.
Qualitative Interviews -- Transkripte & Co.
Frage 3. Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg?Zunächst einmal: Qualitative Interviews müssen im Methodenteil erläutert werden -- wie quantitative Befragungen auch. Warum und nach welchen Kriterien wurde wer ausgewählt? Sind die Befragten Akteure/Handelnde/Entscheider, Betroffene, Experten? Wie haben Sie sie angesprochen? Wie wurden die Fragen entwickelt? Wie wurden die Antworten ausgewertet? usw. Irgendwo muss eine Liste der Interviewpartner erscheinen. Im Anhang können Kurzbiographien der Befragten eingefügt werden - oder eine Kurzbeschreibung deren Stellung (z.B.: Sachbearbeiter mit Zuständigkeit für X).
Im Hauptteil werden Sie in der Regel mit wörtlichen Zitaten arbeiten, mal länger, mal kürzer, dann auch mit Zusammenfassungen. Wörtliche Zitate sind vor allem dann geeignet, wenn der Befragte etwas sehr zugespitzt und plakativ ausdrückt, seine persönliche Einschätzung oder Meinung ausdrückt. Reine Faktenaussagen sollte man eher zusammenfassen.
Im Quellenverzeichnis sollte die Liste der Interviews in einer eigenen Rubrik erscheinen. Der Langbeleg enthält Informationen zum Namen des Befragten, zu seiner Position/Funktion, zu Ort, Zeitpunkt und Dauer des Interviews.
Auf diese Angabe bezieht sich dann auch der Quellenbeleg im Haupttext (z.B. als Kurzbeleg "Interview Schulze, 2012"). Handelt es sich nicht um formale Interviews, sondern eher Gesprächsnotizen, ein Telefonat oder eine Email, ist die Belegweise "Schulze, persönliche Kommunikation, 20. Juni 2012" inzwischen üblich.
Im Idealfall dokumentieren Sie das gesamte Interview im Anhang in Form eines Transkripts. Ein Transkript ist die wörtliche Niederschrift der Ton- (oder gar Video-) Aufzeichnung -- wenn Sie denn eine gemacht haben.
Es ist auch möglich, Interviews nur mit einem Notizbuch zu führen. Diese Art Aufzeichnung ist natürlich nicht so genau; und sie verlangt etwas Übung -- Sie können ja nicht nur schreiben, Sie müssen auch das Gespräch führen; und wer kein Steno kann, ist möglicherweise sehr langsam beim Notieren. Aber nicht jeder Interviewpartner erlaubt eine Bandaufzeichnung. Manchmal stört sie die Gesprächsatmosphäre.
Ein simples "Abtippen" ist Transkription nicht. Sie können ein Gespräch mit allem, was dazugehört, nicht 100-prozentig in Textform wiedergeben. Bei den nichtverbalen Aussagen und Reaktionen, beim Gesprächskontext usw. ist das klar. Aber selbst das Gesagte erscheint bei vielen Transkripten nicht ganz so, wie es tatsächlich gesagt wurde.
Bei manchen Transkripten ist es nur eine sinngemäße Zusammenfassung. Bei anderen ist das Gesprächsprotokoll zwar wörtlich, aber sprachlich "geglättet": Nur wenige Menschen sprechen druckreif. Die im mündlichen Verkehr üblichen Stummelsätze, grammatisch chaotischen Bandwurmsätze, Verhaspelungen und Versprecher, die im Gespräch gar nicht weiter auffallen, sind bei einer penibel wörtlichen Niederschrift hinterher ein Graus: nämlich schlicht unlesbar!
Manche Wissenschaftler haben an der genauen sprachlichen Ausdrucksweise ein großes Interesse, Sprachforscher, Psychologen und Soziologen etwa. Da zählen auch die "Ähs" und "Mmmhs" und das Gestammel. In einer verwaltungswissenschaftlichen Abschlussarbeit ist das wahrscheinlich nicht so, da geht es um andere "Inhalte".
Sie werden sich also bei der Transkription eher darum bemühen, die Sätze möglichst nah an der wörtlichen Aussage, aber dennoch lesbar ins Schriftliche zu übertragen. Aus unvollständigen werden vollständige Sätze, Versprecher werden beseitigt usw. Das ist dann aber alles schon Interpretation -- oder um es ganz krass auszudrücken, Sie sind dabei, die Wirklichkeit zu verfälschen, zumindest zu verändern, Sie greifen in die Aussagen direkt ein. Machen Sie sich also klar, welche Entscheidungen Sie bei einer Transkription fällen müssen, welchen Regeln Sie folgen. Wichtige Hinweise dazu gibt das kleine "Praxisbuch Transkription" von Dresing und Pehl.
Transkription ist enorm zeitaufwändig und mühsam, sie erfordert äußerste Konzentration und penibles Redigieren und ständiges Überprüfen. Inzwischen gibt es Software (siehe dazu ebenfalls das "Praxisbuch"), aber der Computer nimmt Ihnen die Arbeit nicht vollständig ab. Für ein einzelnes Interview, das eine Stunde dauert, kann der Transkriptionsaufwand - je nach Methode - schon eine oder mehrere Tage in Anspruch nehmen.
Braucht man ein vollständiges Transkript? Die Frage hat zwei Seiten:
- erstens die nach der eigenen Auswertung des Gesprächs,
- zweitens die nach der Dokumentation in der Abschlussarbeit.
Dies gilt für "normale" Interviewauswertung. Wenn Sie anderes vorhaben -- z.B. eine formale und quantitative Inhaltsanalyse --, werden Sie dagegen ein Voll-Transkript benötigen. Wenn Sie sehr viele Interviews führen, fällt es schwer, die Übersicht über die Inhalte zu behalten. Nutzen Sie in einem solchen Fall z.B. Citavi oder eine andere mit Literaturverwaltung gekoppelte Wissensmanagement-Software, in der Sie Ihre Notizen und Zusammenfassungen komfortabel speichern und im Volltext suchen können.
Bei der Dokumentation müssen Sie mit dem Betreuer sprechen. Bei einer Bachelor-Arbeit gibt es nur 8-12 Wochen Bearbeitungszeit. So sollten Sie den Betreuer fragen, ob er auf vollständigen Transkripten besteht, die im Anhang abgedruckt werden müssen.
Meine persönliche Auffassung ist: Das muss nicht unbedingt sein, und der Zeitaufwand geht klar zu Lasten aller anderen Aufgaben, die bei einer Thesis zu erledigen sind. Wenn wir Studenten bei einer kurzen BA-Thesis dazu ermutigen wollen, selbst zu forschen, dann geht das nur unter eingeschränkten Ansprüchen. Allein die Vorbereitung, Terminvereinbarung, Durchführung, inhaltliche Auswertung von Interviews, Autorisierung (s.u.) der Zitate und das "Einbauen" in den Text kostet viel Zeit. Wenn ein Student von 8 Wochen BA-Bearbeitungszeit eine Woche netto nur mit Transkribieren beschäftigt ist, ist das arbeitsökonomisch fragwürdig.
Bei einer Master-Arbeit mit längerer Bearbeitungszeit ist der höhere Aufwand eher gerechtfertigt. Ich hatte auch schon Master-Studenten, die unbedingt Volltranskripte erstellen wollten -- weil sie in ihrer Literatur selbst von Transkripten anderer als Quellen profitiert haben und nun ihrerseits einen Beitrag zur Fortentwicklung des Themengebiets leisten wollten. Ehrenhaft.
Als Letztes: In der Regel wollen Interviewpartner das Transkript lesen und autorisieren, manchmal auch nachkorrigieren. Zumindest die Passagen, mit denen sie tatsächlich zitiert werden.
Ob Sie das anbieten oder darauf eingehen, ist Ihre Entscheidung. Sie müssen sich mit dem Gesprächspartner auf Spielregeln verständigen, und zwar vorher! Es kann zwar sein, dass der Gesprächspartner einige zugespitzte Aussagen wieder "kassiert". Dann müssen Sie möglicherweise verhandeln, "was geht", wenn Sie die Passage "retten" wollen. Andererseits hat der Interviewpartner aber auch ein legitimes Interesse daran, dass er nicht in seinem eigenen Umfeld Ärger bekommt, weil er mit Ihnen gesprochen hat. Zur Not ist die Anonymisierung der Aussagen eine Lösung -- manchmal geht es nicht anders, und manches Interview findet nur unter dem Mantel der Anonymität statt. Zudem ist es so, dass sich in Transkripte Fehler einschleichen. Manchmal versteht der Interviewende etwas falsch, oder der Interviewte hat spontan eine fehlerhafte Aussage gemacht. Das Gegenlesen ist dann die Chance zur Korrektur oder Präzisierung. Das ist also nicht nur als Einschränkung, sondern auch als Verbesserungsmöglichkeit zu sehen.
Und noch einmal zum Zeitmanagement aus der Forschungspraxis:
- Wenn Sie eine halbe oder eine Stunde mit einem Interviewpartner sprechen, entsteht daraus ein seitenlanges Volltranskript.
- Wenn Sie dem Interviewpartner nun Ihre 5 oder 10 Seiten zum Gegenlesen schicken, mag es viele Wochen dauern, bis das "OK" kommt. Wenn es sich um vielbeschäftigte Leute handelt, können Sie noch so drängeln -- das Lesen und Prüfen und Korrigieren eines solchen Transkripts hat geringe Priorität, ist mühsam und wird eben gern immer wieder verschoben. Das Risiko des Zeitverzugs aber tragen Sie! Und es hilft Ihnen nichts, wenn Sie für Ihre BA-Thesis 10 Interviews führen, aber bei fünf davon liegen die Transkript-Autorisierungen erst Tage oder Wochen nach Ihrem Abgabetermin vor.
- Die Chance einer schnellen Autorisierung steigt, wenn der Interviewpartner nur ein paar Absätze mit Einzelzitaten überfliegen muss. Das spricht also auch dafür, kein Volltranskript im Anhang der Arbeit zu dokumentieren, weil es dann eben auch einer Abnahme/Abstimmung desselben bedarf.
Will Ihr Betreuer unbedingt Volltranskripte, aber Sie möchten das Zeitproblem bei der Autorisierung beherrschen, wäre noch ein Kompromiss möglich: Sie lassen nur die tatsächlich verwendeten Zitate autorisieren. Die Volltranskripte kommen in den Anhang, werden aber für das Bibliotheksexemplar Ihrer Thesis gesperrt ("Sperrvermerk"), sind also für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.
Siehe auch die Posts:
- Mündliche Quellen: Gespräche, Vorträge, Veranstaltungen (21.6.2011)
- Interviews führen: Vom Umgang mit Experten (19.12.2010)
Dresing, T. & Pehl, T. (2011). Praxisbuch Transkription. Regelsysteme, Software
und praktische Anleitungen für qualitative ForscherInnen. 3. Auflage. Marburg: Dr. Dresing und Pehl GmbH. Online auf http://www.audiotranskription.de/Praxisbuch-Transkription.pdf [28.06.2012].
Labels:
Experten,
Format,
Forschungsmethode,
Interviews führen,
Konzept,
Methoden,
Protokoll,
Quellen,
Sozialforschung,
Textanalyse,
Zeitmanagement,
Zitieren
Graue Literatur und interne Dokumente
In einer Abschlussarbeit selbst empirische Daten erheben und untersuchen -- das ist echtes Forschen
und (leider) in vielen Fächern selten der Fall. Vor allem bei
Bachelor-Arbeiten, denn eigentlich ist die Bearbeitungszeit viel zu
kurz. Eine Studentin der Verwaltungswissenschaften will es aber wagen
und hat in einem Landkreisamt gute,praktische Forschungsobjekte. Nun
grübelt sie aber über diese Fragen:
Wenn es sich um Veröffentlichungen handelt, ist das typische "Graue Literatur" -- grob gesagt Publikationen von Institutionen und Organisationen, die nicht in Bibliotheken und von Verlagen vorgehalten werden.
"Graue Literatur" ist für den Leser schwer zu beschaffen, manchmal gar nicht. Formal wäre es daher angezeigt, die verwendeten Veröffentlichungen im Anhang als Kopie/Faksimile zu dokumentieren. Nur so lassen sich die Quellen ja nachvollziehen.
Aber: Praktisch ist es eher sinnlos, damit einen gewaltigen Anhang zu füllen. Bezieht man sich aber auf bestimmte Passagen oder Seiten, oder ist der Kontext oder die Machart wichtig, ist eine Kopie eines Auszugs sinnvoll -- z.B. wenn man zeigen möchte, auf welche Art die Verwaltung mit dem Bürger über ein Thema kommuniziert.
Handelt es sich um nicht-veröffentlichte Materialien, sondern um Interna, dann gilt dies nicht als "Graue Literatur". Das sind "Dokumente". (Allerdings kann man auch bei veröffentlichten Papieren von Dokumenten sprechen, aber spalten wir hier keine Haare.)
Beispiele sind interne Berichte, Aktenvermerke, Protokolle, Briefe, Emails oder Intranetdokumente, Verträge, interne Statistiken, sonstige Gebrauchstexte, Dienstanweisungen, Vortragsmanuskripte, PowerPoint-Präsentationen, Urkunden, Organigramme, Geschäftsverteilungspläne, interne Geschäftsordnungen und Verfahrensregeln, Aktenpläne, Dienstvereinbarungen, Stellenpläne und -beschreibungen, Jahres- und Tätigkeitsberichte, interne Untersuchungen, Haushaltsdokumente, Daten aus Benchmarking- und Kosten-Leistungs-Rechnung usw.
Diese Dokumente sind nun überhaupt nicht für einen Leser direkt zugänglich (es sei denn, sie sind bereits in einem öffentlichen Archiv). Wer also solche benutzt, hat eine besondere Verantwortung, Informationen über diese Quelle zu dokumentieren.
Vor allem gilt es zu prüfen, wie verlässlich die Quelle ist, ob sie vollständig ist, und wie man sie einordnen muss. Wenn Sie tatsächlich "Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können", in irgendeiner Akte vorfinden, ist Vorsicht geboten.
Im besten Fall gelingt es Ihnen, die fehlenden Informationen zu rekonstruieren -- durch Suche nach ähnlichen Dokumenten, durch Nachfragen o.ä.. Ob sich die detektivische Kleinarbeit lohnt, müssen Sie entscheiden. Fehlen Quelleninfos, und nutzen Sie die Quelle trotzdem, dürfen Sie den Leser über die Defizite nicht im Unklaren lassen. Machen Sie auch im Text Ihre quellenkritische Haltung deutlich. Erläutern Sie, warum Sie diese Quelle wie interpretieren und warum das legitim ist.
Natürlich müssen Sie wiederum genau im Quellenverzeichnis (Dokumente von Literatur trennen) bezeichnen, was für eine Quelle es ist -- und erneut ist eine Kopie des Dokuments, zumindest bestimmter Passagen, im Anhang sinnvoll. Ist die Quelle ganz zentral, gehört die Kopie eher in den Hauptteil.
- Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)? > Antwort "Selbst forschen: Umfragen, Interviews, Dokumente auswerten und belegen" (28.6.12)
- Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)?
- Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg? > Antwort: "Qualitative Interviews -- Transkripte & Co." (29.6.12)
- Es führt kein Weg daran vorbei, das mit dem Betreuer detailliert zu besprechen. Persönliche Vorstellungen und Vorlieben, wie empirische Daten und Methoden zu dokumentieren sind, variieren erheblich.
- Gerade bei BA-Arbeiten sind viele Betreuer willens, pragmatisch Ansprüche herunterzuschrauben und Kompromisse bei einigen Dokumentationsstandards einzugehen, um die Belastung bei der extrem kurzen Bearbeitungszeit zu senken. Siehe dazu auch den Blogbeitrag: "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.10)
- Lesen Sie im Detail nach, was Handbücher und Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur empirischen Sozialforschung dazu sagen.
Graue Literatur und interne Dokumente
Frage 2. Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)?Wenn es sich um Veröffentlichungen handelt, ist das typische "Graue Literatur" -- grob gesagt Publikationen von Institutionen und Organisationen, die nicht in Bibliotheken und von Verlagen vorgehalten werden.
- Dazu gehören bei einer Landkreisbehörde z.B. öffentliche Berichte, Broschüren, Merkblätter oder Formulare für Bürger, Pressemitteilungen oder auch veröffentlichte Reden des Landrats u.v.a. - online oder offline.
- Amtsblätter können Sie wie Zeitschriften belegen (es sind ja Periodika).
- Kreistagsvorlagen belegen Sie wie Parlamentaria und Rechtsquellen.
- Bei allen anderen veröffentlichten Materialien gibt es keine vollstandardisierte Belegweise: Versuchen Sie diese so genau wie möglich im Quellenverzeichnis zu beschreiben, also mit genauem Herausgeber/Autor, Erscheinungsdatum und -ort, Titel und Untertitel, ggf. Publikationsnummer (soweit angegeben), Art der Quelle (also z.B. Broschüre, Merkblatt...).
"Graue Literatur" ist für den Leser schwer zu beschaffen, manchmal gar nicht. Formal wäre es daher angezeigt, die verwendeten Veröffentlichungen im Anhang als Kopie/Faksimile zu dokumentieren. Nur so lassen sich die Quellen ja nachvollziehen.
Aber: Praktisch ist es eher sinnlos, damit einen gewaltigen Anhang zu füllen. Bezieht man sich aber auf bestimmte Passagen oder Seiten, oder ist der Kontext oder die Machart wichtig, ist eine Kopie eines Auszugs sinnvoll -- z.B. wenn man zeigen möchte, auf welche Art die Verwaltung mit dem Bürger über ein Thema kommuniziert.
Handelt es sich um nicht-veröffentlichte Materialien, sondern um Interna, dann gilt dies nicht als "Graue Literatur". Das sind "Dokumente". (Allerdings kann man auch bei veröffentlichten Papieren von Dokumenten sprechen, aber spalten wir hier keine Haare.)
Beispiele sind interne Berichte, Aktenvermerke, Protokolle, Briefe, Emails oder Intranetdokumente, Verträge, interne Statistiken, sonstige Gebrauchstexte, Dienstanweisungen, Vortragsmanuskripte, PowerPoint-Präsentationen, Urkunden, Organigramme, Geschäftsverteilungspläne, interne Geschäftsordnungen und Verfahrensregeln, Aktenpläne, Dienstvereinbarungen, Stellenpläne und -beschreibungen, Jahres- und Tätigkeitsberichte, interne Untersuchungen, Haushaltsdokumente, Daten aus Benchmarking- und Kosten-Leistungs-Rechnung usw.
Diese Dokumente sind nun überhaupt nicht für einen Leser direkt zugänglich (es sei denn, sie sind bereits in einem öffentlichen Archiv). Wer also solche benutzt, hat eine besondere Verantwortung, Informationen über diese Quelle zu dokumentieren.
- Was für eine Art Dokument ist es?
- Was sind die äußeren Merkmale, der Inhalt und die Aussagekraft?
- Was ist der Zweck, die Funktion?
- Ist es aktuell oder veraltet?
- Wie entstand das Dokument? Wann, wo? In welchem Kontext?
- Wie sind Sie an dieses Dokument gelangt?
Vor allem gilt es zu prüfen, wie verlässlich die Quelle ist, ob sie vollständig ist, und wie man sie einordnen muss. Wenn Sie tatsächlich "Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können", in irgendeiner Akte vorfinden, ist Vorsicht geboten.
Im besten Fall gelingt es Ihnen, die fehlenden Informationen zu rekonstruieren -- durch Suche nach ähnlichen Dokumenten, durch Nachfragen o.ä.. Ob sich die detektivische Kleinarbeit lohnt, müssen Sie entscheiden. Fehlen Quelleninfos, und nutzen Sie die Quelle trotzdem, dürfen Sie den Leser über die Defizite nicht im Unklaren lassen. Machen Sie auch im Text Ihre quellenkritische Haltung deutlich. Erläutern Sie, warum Sie diese Quelle wie interpretieren und warum das legitim ist.
Natürlich müssen Sie wiederum genau im Quellenverzeichnis (Dokumente von Literatur trennen) bezeichnen, was für eine Quelle es ist -- und erneut ist eine Kopie des Dokuments, zumindest bestimmter Passagen, im Anhang sinnvoll. Ist die Quelle ganz zentral, gehört die Kopie eher in den Hauptteil.
Labels:
Archive,
Bücher,
Datenbanken,
Forschungsmethode,
Graue Literatur,
Literaturverwaltung,
Methoden,
Quellen,
Textsorten,
Wissenschaftlichkeit,
Zettelkasten,
Zitieren
28. Juni 2012
Selbst forschen: Umfragen, Interviews, Dokumente auswerten und belegen
In einer Abschlussarbeit selbst empirische Daten erheben und untersuchen -- das ist echtes Forschen und (leider) in vielen Fächern selten der Fall. Vor allem bei Bachelor-Arbeiten, denn eigentlich ist die Bearbeitungszeit viel zu kurz. Eine Studentin der Verwaltungswissenschaften will es aber wagen und hat in einem Landkreisamt gute,praktische Forschungsobjekte. Nun grübelt sie aber über diese Fragen:
In jedem Fall muss klar erkennbar und nachvollziehbar sein, wie Sie zu den Daten gekommen sind. Der Leser soll Relevanz und Aussagekraft Ihrer Datenbasis beurteilen können. Das "Projektdesign" und Konzept der Umfrage ist im Text (Methodenteil) präzise zu erläutern. Dazu gehören die Entwicklung der Fragen, Auswahl und Rekrutierung der Befragten, Erhebungsmethode, Ablauf der Durchführung usw. Eher "technische" Angaben und ein Verlaufsprotokoll können z.T. in den Anhang ausgelagert werden.
Der Anhang ist auch eine gute Lösung, um die gesamten Rohdaten aus der Umfrage zu dokumentieren. Das sind ja oft große Tabellen, die man nicht unbedingt im Haupttext haben möchte. Im Anhang lassen sich die Daten aber in der Gesamtheit überblicken. Außerdem können Sie im Anhang z.B. Ihr Anschreiben an die Befragten dokumentieren
Im Hauptteil der Arbeit ist es meist sinnvoll, sich in der Darstellung und Diskussion jeweils einzelnen Ergebnissen zuzuwenden (Thema für Thema) und bei zusammenfassenden Übersichten mit Diagrammen zu arbeiten. Grafiken sind chic, aber nicht für alles benötigen Sie eine farbstrotzende Torte, Säulen, Stäbe oder Kurve: Übersichtliche Tabellen sind häufig eine gute Alternative und ebenso leicht zu erfassen. Wenn Sie dennoch ein Diagramm wählen, überprüfen Sie, welches Diagrammformat die Information am besten vermittelt.
Diagramme sollten eine hohe Informationsdichte haben. Unverzichtbar ist es bei Grafiken, nicht nur mit Prozentangaben, sondern auch mit absoluten Zahlen auszuzeichnen, Achsen und Skalen genau zu beschriften, eine Legende anzulegen, in der Diagrammbeschriftung die Grundgesamtheit (N) zu benennen, fehlende Daten oder "keine Antwort" anzugeben usw.
Wenn Sie eine Online-Umfrage durchführen, nutzen Sie wahrscheinlich ein Web-Tool. Solche Software hat meist eine Standardausgabefunktion für Tabellen und Grafiken. Schauen Sie sich diese genau an, und überprüfen Sie, ob und wie Sie diese verändern können. Manchmal ist es sinnvoll, die Daten in Excel zu importieren, weil Sie dort mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben.
Schließlich gibt es in Befragungen auch Optionen freier Texteingabe. Daraus können Sie wörtliche Zitate entnehmen. Achten Sie in der Belegweise darauf, dass der Leser diese nicht mit Literaturzitaten verwechseln kann.
- Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)?
- Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)?
- Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg?
- Es führt kein Weg daran vorbei, das mit dem Betreuer detailliert zu besprechen. Persönliche Vorstellungen und Vorlieben, wie empirische Daten und Methoden zu dokumentieren sind, variieren erheblich.
- Gerade bei BA-Arbeiten sind viele Betreuer willens, pragmatisch Ansprüche herunterzuschrauben und Kompromisse bei einigen Dokumentationsstandards einzugehen, um die Belastung bei der extrem kurzen Bearbeitungszeit zu senken. Siehe dazu auch den Blogbeitrag: "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.10)
- Lesen Sie im Detail nach, was Handbücher und Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur empirischen Sozialforschung dazu sagen.
Onlineumfragen
Frage 1. Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)?In jedem Fall muss klar erkennbar und nachvollziehbar sein, wie Sie zu den Daten gekommen sind. Der Leser soll Relevanz und Aussagekraft Ihrer Datenbasis beurteilen können. Das "Projektdesign" und Konzept der Umfrage ist im Text (Methodenteil) präzise zu erläutern. Dazu gehören die Entwicklung der Fragen, Auswahl und Rekrutierung der Befragten, Erhebungsmethode, Ablauf der Durchführung usw. Eher "technische" Angaben und ein Verlaufsprotokoll können z.T. in den Anhang ausgelagert werden.
Der Anhang ist auch eine gute Lösung, um die gesamten Rohdaten aus der Umfrage zu dokumentieren. Das sind ja oft große Tabellen, die man nicht unbedingt im Haupttext haben möchte. Im Anhang lassen sich die Daten aber in der Gesamtheit überblicken. Außerdem können Sie im Anhang z.B. Ihr Anschreiben an die Befragten dokumentieren
Im Hauptteil der Arbeit ist es meist sinnvoll, sich in der Darstellung und Diskussion jeweils einzelnen Ergebnissen zuzuwenden (Thema für Thema) und bei zusammenfassenden Übersichten mit Diagrammen zu arbeiten. Grafiken sind chic, aber nicht für alles benötigen Sie eine farbstrotzende Torte, Säulen, Stäbe oder Kurve: Übersichtliche Tabellen sind häufig eine gute Alternative und ebenso leicht zu erfassen. Wenn Sie dennoch ein Diagramm wählen, überprüfen Sie, welches Diagrammformat die Information am besten vermittelt.
Diagramme sollten eine hohe Informationsdichte haben. Unverzichtbar ist es bei Grafiken, nicht nur mit Prozentangaben, sondern auch mit absoluten Zahlen auszuzeichnen, Achsen und Skalen genau zu beschriften, eine Legende anzulegen, in der Diagrammbeschriftung die Grundgesamtheit (N) zu benennen, fehlende Daten oder "keine Antwort" anzugeben usw.
Wenn Sie eine Online-Umfrage durchführen, nutzen Sie wahrscheinlich ein Web-Tool. Solche Software hat meist eine Standardausgabefunktion für Tabellen und Grafiken. Schauen Sie sich diese genau an, und überprüfen Sie, ob und wie Sie diese verändern können. Manchmal ist es sinnvoll, die Daten in Excel zu importieren, weil Sie dort mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben.
Schließlich gibt es in Befragungen auch Optionen freier Texteingabe. Daraus können Sie wörtliche Zitate entnehmen. Achten Sie in der Belegweise darauf, dass der Leser diese nicht mit Literaturzitaten verwechseln kann.
- Zu Frage 2: Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden,
die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr
wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)? Antwort: "Graue Literatur und interne Dokumente" (29.6.12)
- Zu Frage 3: Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg? Antwort: "Qualitative Interviews -- Transkripte & Co." (29.6.12)
1. Februar 2011
Hypothese
Eine angehende Wirtschaftsjuristin fragt: "Wenn ich in meine Arbeit eine Hypothese aufnehmen möchte, muss ich dann auch empirisch forschen?" Ihre Arbeit beschäftigt sich mit der Bagatellkündigung.
Nein. Eine Hypothese ist nur eine Annahme oder Behauptung, die im Zuge der Arbeit bestätigt oder widerlegt werden soll (wissenschaftliche Beweisführung). Wie Sie das machen, spielt dabei im Prinzip keine Rolle.
Allerdings wird der Begriff Hypothese vorwiegend in den empirischen Wissenschaften verwendet, wo es um Beobachtung und Messen geht, also um Erfahrung. Die Hypothese soll also durch Argumente auf Basis von Daten und Fakten belegt bzw. in Naturwissenschaften "bewiesen" werden. Wikipedia liefert eine Definition des Begriffs Hypothese. Werner Stangls Ausführungen sind eine gute Ergänzung.
In den Rechtsfächern geht es dagegen meist eher um die Auslegung von Gesetzen und anderen Normen, um die Anwendung der (juristischen) Rationalität (auf Einzelfälle) und nicht um Erfahrung, Beobachtung, Messen. Siehe zum Unterschied zwischen empirischen und nicht-empirischen Wissenschaften den Wikipedia-Artikel zu Empirie.
Allerdings kann es gerade in der Verbindung von Wirtschaft und Recht zu einer Kombination kommen. Wenn Sie die "Bagatellkündigung" untersuchen, also z.B. prominente Fälle wie den der Kaisers/Tengelmann-Kassierin "Emmely" oder diverse andere, die in den Medien bekannt geworden sind, dann können Sie natürlich erst einmal die verschiedenen Fälle zusammentragen, die Fälle beschreiben: Was passierte tatsächlich, wie verhielten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer, warum verhielten sie sich so, wer äußerte sich noch dazu - z.B. Betriebsräte, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Experten -, was waren die Kernpunkte der Kontroverse? Kommt es zu Urteilen oder zu ausgehandelten Vergleichen/Einigungen? Das ist erst einmal eine empirische, in diesem Fall wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Beobachtung. Wenn Sie eine eigene empirische Untersuchung vornehmen wollten, könnten Sie sehr unterschiedliche Dinge untersuchen. Dokumente, Medienberichterstattung, sogar eigene Interviews und Befragungen könnten eine Rolle spielen.
Bekanntlich gibt es in der Sache eine kontroverse Debatte darum, ob die "formaljuristische" Vorgehensweise fair ist oder nicht. Am Ende geht es um Gerechtigkeit -- und die Diskrepanz zwischen dem, was rechtlich meist korrekt ist . Man kann das aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln analysieren, z.B. aus der Perspektive des betriebswirtschaftlichen Personalmanagements. Wenn Sie solche Quellen betrachten, sind Sie immer noch auf empirischem Terrain.
Wenn Sie sich dagegen auf die arbeitsrechtlichen Entscheidungen konzentrieren, geht es um die Anwendung der Gesetze auf die jeweiligen Einzelfälle und ihre Begründung bzw. die juristischen Argumente von Anwälten und Gerichten. Das ist juristische Kasuistik und ist keine empirische Untersuchung mehr.
Insofern wäre es möglich, die Thesis in einen empirischen Teil und einen nicht-empirischen Teil zu gliedern. Der erste schlüsselt das soziale Phänomen der Bagatellkündigung in den Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf, der zweite untersucht die rechtwissenschaftliche Argumentation. Oder Sie konzentrieren sich in der Thesis auf eine der beiden Perspektiven und benutzen dafür die jeweils geeigneten wissenschaftlichen Werkzeuge.
26. Januar 2011
Immer Trabbel mit Statistik
Suchen Sie nach Zahlen – egal, welches Thema Ihre Beleg- oder Abschlussarbeit oder Ihr Referat hat.
Zahlen sind immer irgendwie beeindruckend. Sie lassen Darstellung und Interpretation handfester wirken als blanke Texte, stützen verlässlich das Argument. Daten sind das Fenster in die Wirklichkeit. Sie sind der ultimative Beleg in einer wissenschaftlichen Arbeit, und was wäre eine PowerPoint-Präse ohne Charts mit Tabellen, Kurven, Balken und Torten? Wer eine Parade von Zahlen aufmarschieren lässt, wirkt nie wie ein Dummschwätzer.
Ganz im Ernst: Zahlen sind in allen Wissenschaften gefragt. Mit Zahlen umgehen und "Daten sprechen lassen" zu können, gilt zu Recht als ein wichtiger Ausweis wissenschaftlichen Könnens, geht es doch um die Fähigkeit, Daten zu sammeln und auszuwerten. Es ist also ratsam, dieses Können auch bei einer Thesis zu zeigen – selbst wenn sie nicht als quantitative Untersuchung ausgelegt ist.
Das gilt insbesondere für die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Statistik jeder Art spielt hier eine zentrale Rolle. Leider sind die Grundlagen-Lehrveranstaltungen im Studium oft vorrangig theoretisch ausgelegt: Man lernt die Grundbegriffe, ein paar Werte und Formeln, vielleicht etwas über Statistiksoftware. Viel weniger aber darüber, wo man geeignete Zahlen findet (siehe dazu den Beitrag: "Statistik für den Gelegenheitsnutzer") und wie man sie in eine eigene Arbeit einbaut – und noch weniger darüber, wie man sie kritisch bewertet und wie man sich davor schützt, auf "getürkte" Zahlen hereinzufallen.
"Mit Zahlen lügen" ist der Titel einer Sendung des WDR-Wissenschaftsmagazins Quarks & Co von 2006. Dazu gibt es online ein gut gemachtes Begleitheft (PDF) und eine lohnenswerte Website, die z.B. erklärt, mit welchen Tricks Infografiker arbeiten ("Die schlechtesten Grafiken der Welt"). Die Sendung ist auf YouTube anzusehen (Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4).
Es ist nicht schwer, sich schnell ein paar Statistiken herbeizugoogeln. Auf den Internetseiten von Presse und Sendern, Verbänden und Instituten, Ämtern und Unternehen, in Blogs und Foren findet sich vieles, was man flugs kopieren kann. Der Haken dabei ist:
Besonders problematisch ist es, wenn die Statistikdarstellung aus den Medien stammt. Da verlässt man sich z.B. darauf, dass eine seriöse Tageszeitung schon geprüft hat, ob die Statistik Hand und Fuß hat. Journalisten sind aber notorisch schlecht darin, Statistiken zu beurteilen. Sie sind darin kaum oder gar nicht ausgebildet, sie haben im Alltag keine Zeit und übernehmen vieles von dem, was ihnen irgendwelche PR-Leute liefern. Was halbwegs interessant und plausibel ist, wird gedruckt und gesendet. Eine Woche später möglicherweise eine Statistik, die das Gegenteil besagt. Dazu zucken die Journalisten mit den Schultern. Anders gesagt: Die Medien sind voll mit manipulierten Statistiken.
Weil Statistiken so schön Aussagen belegen, wird in allen Lebenslagen, vor allem aber in Wirtschaft und Politik, "verschleiert, übertrieben und manipuliert", wie die Berliner Zeitung jüngst in dem Beitrag "Die Tücken der Zahlen" festgestellt hat:
"Statistiken sind eine heikle Sache. Einerseits erscheinen Zahlen klar, objektiv und eindeutig. Sie sind Botschafter aus dem Reich der reinen Logik, der Mathematik. Andererseits kann man mit Zahlen verschleiern, übertreiben, manipulieren. Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, sagt der Volksmund. Gleichzeitig 'glauben viele Menschen an Zahlen, als wären sie eine Religion', sagt der Statistiker Gerd Bosbach. (...) Zahlen sind also gefährlich - aber nicht nutzlos. 'Wer vernünftige Entscheidungen treffen will, kommt um Statistiken nicht herum', so Bosbach. Statistiken zu ignorieren ist daher auch keine Option."
"Lügen mit Zahlen: Wie wir mit Statistiken manipuliert werden", heißt ein Buch, das Gerd Bosbach, einst am Statistischen Bundesamt (Destatis) und nun Professor der FH Koblenz, publiziert hat.
Das Buch knüpft nahtlos an einen anderen Bestseller an, der schon Generationen von Studenten begleitet hat: "So lügt man mit Statistik" von Walter Krämer (TU Dortmund) sowie "Statistik verstehen: Eine Gebrauchsanweisung" vom selben Autor.
Die Bücher knöpfen sich die Manipulationen von Grafiken vor, mit denen eine ohnehin fragwürdige Statistik-Aussage noch stärker verzerren lässt. Aber sie zeigen auch auf, wie die Auswahl und Zusammenstellung von Zahlen selbst zu überprüfen ist.
Die Berliner Zeitung greift einige Beispiele aus dem Bosbach-Buch auf:
Das alles heißt nun nicht, dass man auf Statistik verzichten sollte. Der ganz oben gegebene Rat, gezielt nach Zahlen zu suchen, gilt. Allerdings:
Blogbeitrag: "Statistik für den Gelegenheitsnutzer"
Zahlen sind immer irgendwie beeindruckend. Sie lassen Darstellung und Interpretation handfester wirken als blanke Texte, stützen verlässlich das Argument. Daten sind das Fenster in die Wirklichkeit. Sie sind der ultimative Beleg in einer wissenschaftlichen Arbeit, und was wäre eine PowerPoint-Präse ohne Charts mit Tabellen, Kurven, Balken und Torten? Wer eine Parade von Zahlen aufmarschieren lässt, wirkt nie wie ein Dummschwätzer.
Ganz im Ernst: Zahlen sind in allen Wissenschaften gefragt. Mit Zahlen umgehen und "Daten sprechen lassen" zu können, gilt zu Recht als ein wichtiger Ausweis wissenschaftlichen Könnens, geht es doch um die Fähigkeit, Daten zu sammeln und auszuwerten. Es ist also ratsam, dieses Können auch bei einer Thesis zu zeigen – selbst wenn sie nicht als quantitative Untersuchung ausgelegt ist.
Das gilt insbesondere für die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Statistik jeder Art spielt hier eine zentrale Rolle. Leider sind die Grundlagen-Lehrveranstaltungen im Studium oft vorrangig theoretisch ausgelegt: Man lernt die Grundbegriffe, ein paar Werte und Formeln, vielleicht etwas über Statistiksoftware. Viel weniger aber darüber, wo man geeignete Zahlen findet (siehe dazu den Beitrag: "Statistik für den Gelegenheitsnutzer") und wie man sie in eine eigene Arbeit einbaut – und noch weniger darüber, wie man sie kritisch bewertet und wie man sich davor schützt, auf "getürkte" Zahlen hereinzufallen.
"Mit Zahlen lügen" ist der Titel einer Sendung des WDR-Wissenschaftsmagazins Quarks & Co von 2006. Dazu gibt es online ein gut gemachtes Begleitheft (PDF) und eine lohnenswerte Website, die z.B. erklärt, mit welchen Tricks Infografiker arbeiten ("Die schlechtesten Grafiken der Welt"). Die Sendung ist auf YouTube anzusehen (Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4).
Es ist nicht schwer, sich schnell ein paar Statistiken herbeizugoogeln. Auf den Internetseiten von Presse und Sendern, Verbänden und Instituten, Ämtern und Unternehen, in Blogs und Foren findet sich vieles, was man flugs kopieren kann. Der Haken dabei ist:
- Das sind meist schon aufbereitete Daten, das heißt, sie stammen aus einer anderen Quelle.
- In der Regel wird die Ursprungsquelle angegeben, aber nicht genau; und es wird auch nicht erklärt, wie die Daten zustande gekommen sind.
- Wer die Zahlen benutzt, verfolgt damit einen Zweck. Er nimmt sich aller Wahrscheinlichkeiten nur die Zahlen, die zum Zweck passen – und präsentiert sie so, dass sie ihm noch besser dienen. "Halbe Wahrheiten" sind oft das Ergebnis.
- Besonders problemanfällig sind Befragungen, vor allem aktuelle "Meinungsumfragen". Im Gegensatz zu den meisten "richtigen" Statistiken messen diese keine handfesten Tatsachen, zudem nur durch Stichproben; und Frageformulierungen und Fragekontext sind bei "Umfragen" weit leichter zu manipulieren als z.B. bei den oft ziemlich detailliert und verbindlich geregelten Messungen der öffentlichen Statistik.
Besonders problematisch ist es, wenn die Statistikdarstellung aus den Medien stammt. Da verlässt man sich z.B. darauf, dass eine seriöse Tageszeitung schon geprüft hat, ob die Statistik Hand und Fuß hat. Journalisten sind aber notorisch schlecht darin, Statistiken zu beurteilen. Sie sind darin kaum oder gar nicht ausgebildet, sie haben im Alltag keine Zeit und übernehmen vieles von dem, was ihnen irgendwelche PR-Leute liefern. Was halbwegs interessant und plausibel ist, wird gedruckt und gesendet. Eine Woche später möglicherweise eine Statistik, die das Gegenteil besagt. Dazu zucken die Journalisten mit den Schultern. Anders gesagt: Die Medien sind voll mit manipulierten Statistiken.
Weil Statistiken so schön Aussagen belegen, wird in allen Lebenslagen, vor allem aber in Wirtschaft und Politik, "verschleiert, übertrieben und manipuliert", wie die Berliner Zeitung jüngst in dem Beitrag "Die Tücken der Zahlen" festgestellt hat:"Statistiken sind eine heikle Sache. Einerseits erscheinen Zahlen klar, objektiv und eindeutig. Sie sind Botschafter aus dem Reich der reinen Logik, der Mathematik. Andererseits kann man mit Zahlen verschleiern, übertreiben, manipulieren. Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, sagt der Volksmund. Gleichzeitig 'glauben viele Menschen an Zahlen, als wären sie eine Religion', sagt der Statistiker Gerd Bosbach. (...) Zahlen sind also gefährlich - aber nicht nutzlos. 'Wer vernünftige Entscheidungen treffen will, kommt um Statistiken nicht herum', so Bosbach. Statistiken zu ignorieren ist daher auch keine Option."
"Lügen mit Zahlen: Wie wir mit Statistiken manipuliert werden", heißt ein Buch, das Gerd Bosbach, einst am Statistischen Bundesamt (Destatis) und nun Professor der FH Koblenz, publiziert hat.Das Buch knüpft nahtlos an einen anderen Bestseller an, der schon Generationen von Studenten begleitet hat: "So lügt man mit Statistik" von Walter Krämer (TU Dortmund) sowie "Statistik verstehen: Eine Gebrauchsanweisung" vom selben Autor.
Die Bücher knöpfen sich die Manipulationen von Grafiken vor, mit denen eine ohnehin fragwürdige Statistik-Aussage noch stärker verzerren lässt. Aber sie zeigen auch auf, wie die Auswahl und Zusammenstellung von Zahlen selbst zu überprüfen ist.
Die Berliner Zeitung greift einige Beispiele aus dem Bosbach-Buch auf:
Vor zwei Jahren legte die Bundesregierung eine milliardenschwere Abwrackprämie auf. Ziel: Stützung der heimischen Autoindustrie. Im Sommer 2009 hieß es jedoch, Nutznießer der Prämie seien vor allem ausländische Konzerne, allen voran Hyundai. Der koreanische Autobauer hatte seine Verkäufe in Deutschland um 146 Prozent erhöht, bei VW lag das Plus nur bei 26 Prozent. Tatsächlich war es umgekehrt: In absoluten Zahlen lag VW mit 330000 zusätzlich verkauften Autos auf Platz eins der Prämien-Profiteure. Hyundai verbuchte zwar die größte prozentuale Steigerung, verkaufte aber letztlich nur knapp 50000 Autos mehr.Oder ein Beispiel aus der Sozialpolitik:
So schreckte das Arbeitsministerium die Bevölkerung mit der Meldung auf, zwischen 1991 und 2008 seien die Sozialausgaben von rund 400 auf über 700 Milliarden Euro gestiegen - ein Plus von 75 Prozent! Das stimmt zwar, ist aber nicht weiter verwunderlich, denn in diesem langen Zeitraum sind auch fast alle anderen Ausgaben stark gestiegen. Aussagekräftiger als die absoluten Zahlen ist daher der Anteil der Sozialausgaben an der Wirtschaftsleistung. Und hier zeigt sich: Dieser Anteil lag 2008 bei etwa 28 Prozent und damit so hoch wie 1992. "Wenn die sozialen Probleme größer werden, wir für ihre Bewältigung aber einen stagnierenden Anteil des BIP ausgeben, müsste man eher von einem Abbau des Sozialstaates sprechen als von Wildwuchs", so Bosbach.Oder aus der Finanzwelt:
In anderen Fällen stehen geldwerte Interessen hinter den Statistiken. Zum Beispiel die der Finanzberater. Bei ihren Berechnungen kann ihnen die Wahl des Zeitraums gute Dienste leisten, um Kunden zu Aktieninvestments zu bewegen. So können sie darauf verweisen, dass der Deutsche Aktienindex in den vergangenen zwei Jahren um 60 Prozent gestiegen ist. Das klingt beeindruckend. Weniger beeindruckend ist hingegen die Wertentwicklung über drei Jahre: minus drei Prozent.Oder die Bevölkerungsentwicklung:
Mit der Wahl eines geeigneten Zeitraums der Betrachtung kann man auch aus der Alterung Deutschlands eine "Demografie-Bombe" machen. Derzeit kommen auf 100 erwerbsfähige Menschen 34 Menschen über 65 Jahren. Bis 2050 soll dieser Altenquotient auf 65 steigen. Wer deshalb vor einer Demografie-Bombe warnt, "verschweigt, dass sich der Altenquotient von 1950 bis heute auch verdoppelt hat - von 17 auf 34", mahnt Bosbach - ohne eine Katastrophe auszulösen."Oder Ausländer und Kriminalität:
Anfällig für Missbrauch sind Ausländer-Statistiken. So liegt der Anteil der Ausländer an den Kriminellen stets höher als bei Inländern. Sind Ausländer also per se krimineller? Wohl kaum, so Bosbach. Dass mehr Ausländer kriminell sind als Inländer, bedeute nicht, dass der Grund dafür in ihrem Ausländer-Dasein liegt. So sind Migranten im Schnitt jünger als Deutsche - und Kriminalität ist stets ausgeprägter bei jungen Menschen. Auch ist der Anteil der Männer bei Ausländern höher - wie bei allen Kriminellen. Zudem leben Migranten häufiger in Großstädten und sind eher arm - beides Merkmale, die bei Straftätern öfter auftreten als im Durchschnitt.Da denkt man dann auch gleich an die Kontroverse um das mit vielerlei Statistiken gewürzte Buch "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin. Seine Zahlenspielereien waren die ultimative Statistikdebatte im Jahr 2010 – wobei zu betonen ist, dass der Medien-Krawall vor allem durch die Schlussfolgerungen ausgelöst wurde, die sehr viel mit Grundwerten und politischer Richtung zu tun hatten.
Das alles heißt nun nicht, dass man auf Statistik verzichten sollte. Der ganz oben gegebene Rat, gezielt nach Zahlen zu suchen, gilt. Allerdings:
- Gehen Sie mit Zahlen genauso vorsichtig und distanziert um wie mit Texten: Zahlen sind nicht per se "wahr", genauso wenig wie Behauptungen in einem Text.
- Bei Sekundärquellen gehen Sie möglichst zur Ursprungsquelle zurück. Amtliche Statistiken und wissenschaftliche Studien sind (in der Regel) verlässlichere Quellen.
- Lesen Sie das "Kleingedruckte" und versuchen Sie zu verstehen, wie die Daten erhoben und bearbeitet wurden.
- Achten Sie auf die typischen "Tricks" – Auswahl der Merkmale, des Zeitraums usw. – und bei Grafiken, ob zu stark vereinfacht oder verzerrt wurde.
- Stellen Sie die Frage, warum jemand eine Statistik präsentiert, und bringen Sie das ggf. auch in Ihrem Text unter, wenn Sie die Zahlen zitieren.
- Suchen Sie gezielt nach anderen Interpretationen. Beispiel: Sie haben zum Arbeitsmarkt Zahlen vom WSI-Forschungsinstitut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung und checken das gegen beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft Köln, bei der Bundesagentur für Arbeit, bei Destatis oder Uni-Wissenschaftlern oder anderen Forschungsinstituten, die sich mit Arbeitsmarktpolitik beschäftigen. Hilfreich kann dabei das ThinkTankDirectory sein, ein Verzeichnis von Denkfabriken.
Blogbeitrag: "Statistik für den Gelegenheitsnutzer"
28. Dezember 2010
Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied
Wer eine Bachelor-Abschlussarbeit hinter sich gebracht hat, fühlt sich mehr oder minder gut informiert darüber, was eine Master-Arbeit mit sich bringt:
Sie ist halt etwas anspruchsvoller, etwas länger und zählt ein bisschen mehr.
Das ist nicht falsch, aber greift etwas zu kurz. Schon auf dem Papier, also rein formal, sind die Unterschiede erheblich. In der Praxis und von Qualität und Inhalt her können sie gewaltig sein.
Nehmen wir als Beispiel die Studien- und Prüfungsordnungen an der TH Wildau, speziell des Studiengangs Europäisches Management (B.A. und M.A.). Fangen wir bei den Credit Points (CP) an, die den Zeit- und Leistungsaufwand messen.
Auch bei der Wahl des betreuenden Hochschullehrers gibt es einen formalen Unterschied. Der Betreuer (Erstgutachter) einer Master-Arbeit muss ein "echter" Professor der Hochschule sein. Beim B.A. ist das nicht so, hier kann auch ein anderer prüfungsberechtigter Dozent oder externer Lehrbeauftragter die Arbeit betreuen.
Das ist nun etwas interpretationsbedürftig. Der Verzicht auf die drei Wörter bei der Zielsetzung der Bachelor-Arbeit heißt nicht, dass der BA-Prüfling keine wissenschaftlichen Methoden anwenden muss (oder gar darf). Klar darf er. Und der Betreuer darf das explizit verlangen, bevor er einwilligt, Betreuer zu sein.
In jedem Fall muss die Bachelor-Arbeit wissenschaftlich "sauber" sein, eklatante Verstöße gegen wissenschaftliche Grundsätze sind also inakzeptabel. Es gibt aber mehr Spielraum, die Abschlussarbeit stärker an der Praxis auszurichten und die wissenschaftliche Methodik weniger umfangreich darzulegen.
Darum ist die Abschlussphase auch viel länger als beim Bachelor. Was die Wissenschaftlichkeit angeht, werden eher Minimalansprüche gestellt – zum Beispiel beim Umgang und Beleg von Quellen.
Dass der Bachelor-Kandidat hingegen erst einmal die Breite der zum Thema passenden Fachliteratur durchackert und die wesentlichen Ergebnisse der Forschung in seine Abschlussarbeit einfließen lässt, kann man genauso wenig erwarten wie die Durchführung aufwändiger empirischer Untersuchungen (z.B. quantitative Befragungen, umfangreiche Statistik- oder Dokumentenanalysen). Dafür reicht einfach die Zeit nicht. Und meistens auch nicht das dafür notwendige Wissen.
Wenn dagegen ein ganzes Semester zur Verfügung steht, darf man vom Kandidaten ein umfangreiches und gut begründetes Forschungsprojekt erwarten. Das heißt konkret:
Heißt das, eine Master-Arbeit ist definitiv eine Forschungsarbeit? Nein und Ja.
Klar ist: Jede Abschlussarbeit sammelt systematisch Informationen und wertet sie aus, um eine Frage zu beantworten. Das ist "Recherche". Die Abgrenzung zwischen Recherche und Forschung ist schwierig. Im Englischen gibt es diese gar nicht, research heißt gleichermaßen "Recherche" wie "Forschung". Research findet in einer Master-Arbeit ganz sicher statt. Das hochtrabende deutsche Wort "Forschung" klingt immer nach einem Ziel wie den Nobelpreis in Astrophysik. Wenn man es aber nicht so hoch hängt, ist eine Master-Arbeit de facto eine Forschungsarbeit im weiteren Sinne.
Nun ist die Frage, wie wissenschaftlich die Recherche ist. Das hat mit den Quellen zu tun, aber eben auch mit den verwendeten Methoden. Ein hoher Forschungsanspruch setzt voraus, dass es ein umfassendes Forschungskonzept (research design) gibt: ein nachvollziehbares und detailliertes Konzept, wie man die Fragestellung in Einzelfragen zerlegt und wie man diese mit bestimmten Untersuchungsschritten systematisch, verlässlich und überprüfbar beantwortet. Mit der Methodik muss sich der Master-Kandidat also viel stärker auseinandersetzen und darlegen, warum er welche Methode anwendet – und z.B. zeigen, dass er ähnliche wissenschaftliche Untersuchungen kennt und darauf aufbaut.
Eine Master-Arbeit ist (noch) keine Doktorarbeit, aber sie nähert ihr sich an. Eine Master-Arbeit dauert Monate, eine Doktorarbeit Jahre – und Doktoranden haben keine festen Bearbeitungs- und Abgabefristen. Von einem Master-Studenten wird – im Gegensatz zu einem Doktoranden – nicht erwartet, dass er eine relevante Forschungslücke füllt und die Wissenschaft einen Sprung nach vorn bringt. Die Master-Arbeit erledigt aber das, was für den Doktoranden ebenfalls nötig ist: Sie soll – unter Anleitung des Betreuers – den aktuellen Forschungsstand zu einem Spezialthema erschließen. Der angehende Doktor würde darauf nun seine eigenständige, neuartige Forschung aufbauen, und zwar weitgehend allein (ohne Anleitung eines Betreuers).
Ihr "Meisterstück"
Professoren hören Vergleiche mit dem Handwerk nicht gern, aber hier trifft es den Nagel auf den Kopf: Die Bachelor-Arbeit ist einem Gesellenstück vergleichbar, die Master-Arbeit einem Meisterstück.
Sie ist halt etwas anspruchsvoller, etwas länger und zählt ein bisschen mehr.
Das ist nicht falsch, aber greift etwas zu kurz. Schon auf dem Papier, also rein formal, sind die Unterschiede erheblich. In der Praxis und von Qualität und Inhalt her können sie gewaltig sein.
Formale Unterschiede
Nehmen wir als Beispiel die Studien- und Prüfungsordnungen an der TH Wildau, speziell des Studiengangs Europäisches Management (B.A. und M.A.). Fangen wir bei den Credit Points (CP) an, die den Zeit- und Leistungsaufwand messen.
- Für die B.A.-Abschlussarbeit sind magere 10 von insgesamt 180 CP fürs Studium vorgesehen (bundesweit sollen es bei Bachelor-Studiengängen zwischen 6 und 12 CP sein, sagt ein Kultusministerratsbeschluss, Wildau liegt also nahe der oberen Grenze). Eine mündliche Prüfung gibt es dazu nicht. Für die Bearbeitungszeit sind 8 Wochen vorgesehen.
- Die M.A.-Abschlussarbeit hingegen nimmt 24 CP ein (bundesweite Regelung: 15-30 CP, Wildau ist hier erneut an der Obergrenze). Hinzu kommt die mündliche Prüfung ("Verteidigung der Thesis") mit 6 CP. Das sind also gewaltige 30 von insgesamt 120 CP . Die Bearbeitungszeit beträgt 18 Wochen, für den mündlichen Teil werden 4 Wochen Vorbereitungszeit angesetzt. Das gesamte letzte der 4 Semester Studienzeit ist also Prüfungszeit!
Auch bei der Wahl des betreuenden Hochschullehrers gibt es einen formalen Unterschied. Der Betreuer (Erstgutachter) einer Master-Arbeit muss ein "echter" Professor der Hochschule sein. Beim B.A. ist das nicht so, hier kann auch ein anderer prüfungsberechtigter Dozent oder externer Lehrbeauftragter die Arbeit betreuen.
Inhaltliche Unterschiede
Sowohl die Bachelor- als auch die Master-Abschlussarbeit sind definiert als "wissenschaftliche Arbeit". Grundsätzlich gelten also dieselben Qualitätsmerkmale für die Prüfungsleistung. Wenn man aber genau hinschaut, sind die Ansprüche etwas unterschiedlich formuliert.
- Die Bachelor-Arbeit "soll zeigen, dass der Kandidat in der Lage ist, innerhalb einer vorgegebenen Frist ein Problem aus seinem Fachgebiet selbstständig zu bearbeiten", heißt es in der Prüfungsordnung.
- Die Master-Arbeit "soll zeigen, dass der Kandidat in der Lage ist, innerhalb einer vorgegebenen Frist ein Problem aus seinem Fachgebiet selbstständig nach wissenschaftlichen Methoden zu bearbeiten", sagt die Prüfungsordnung.
Das ist nun etwas interpretationsbedürftig. Der Verzicht auf die drei Wörter bei der Zielsetzung der Bachelor-Arbeit heißt nicht, dass der BA-Prüfling keine wissenschaftlichen Methoden anwenden muss (oder gar darf). Klar darf er. Und der Betreuer darf das explizit verlangen, bevor er einwilligt, Betreuer zu sein.
In jedem Fall muss die Bachelor-Arbeit wissenschaftlich "sauber" sein, eklatante Verstöße gegen wissenschaftliche Grundsätze sind also inakzeptabel. Es gibt aber mehr Spielraum, die Abschlussarbeit stärker an der Praxis auszurichten und die wissenschaftliche Methodik weniger umfangreich darzulegen.
- Als Ausbildungsziel für das Bachelor-Studium ist glasklar festgelegt, dass die Studenten "zu wissenschaftlicher und anwendungsorientierter Arbeit" und "zur Anwendung wissenschaftlicher Methoden und Erkenntnisse im Beruf" befähigt werden. Bei der Abschlussarbeit steht allerdings das Leitbild des "ersten berufsqualifizierenden Hochschulabschlusses" stärker im Vordergrund. Die Absolventen sollen relevantes Wissen reproduzieren, aber nicht produzieren können.
Allerdings: Wenn Sie sich nach dem Bachelor-Abschluss auf ein Master-Studium bewerben, kann der wissenschaftliche Anspruch Ihrer Thesis wichtig sein. Insbesondere wenn Sie von einer FH an die Universität wechseln wollen, kann das entscheidend sein.
- Hingegen hat das Master-Studium neben der Berufsvorbereitung die "Ausbildung von qualifizierten Absolventen für die angewandte Forschung" im Auge. Konkret heißt das, auch an der Fachhochschule ist die Wissenschaftlichkeit des Abschlusses zentral – bis hin zur Gleichberechtigung der FH- mit Uni-Absolventen, wenn sie promovieren wollen (also eine Doktorarbeit schreiben, die Königsklasse der wissenschaftlichen Arbeit).
Darum ist die Abschlussphase auch viel länger als beim Bachelor. Was die Wissenschaftlichkeit angeht, werden eher Minimalansprüche gestellt – zum Beispiel beim Umgang und Beleg von Quellen.
Dass der Bachelor-Kandidat hingegen erst einmal die Breite der zum Thema passenden Fachliteratur durchackert und die wesentlichen Ergebnisse der Forschung in seine Abschlussarbeit einfließen lässt, kann man genauso wenig erwarten wie die Durchführung aufwändiger empirischer Untersuchungen (z.B. quantitative Befragungen, umfangreiche Statistik- oder Dokumentenanalysen). Dafür reicht einfach die Zeit nicht. Und meistens auch nicht das dafür notwendige Wissen.
Wenn dagegen ein ganzes Semester zur Verfügung steht, darf man vom Kandidaten ein umfangreiches und gut begründetes Forschungsprojekt erwarten. Das heißt konkret:
- breitere Literaturbasis: es soll erkennbar sein, dass der Student sich intensiv mit der Literaturrecherche beschäftigt hat und seine Arbeit an Fach- und Forschungsergebnisse anschließt.
- spezialisiertere Recherche: Ein Bachelor-Student wird vor allem Sekundärliteratur heranziehen (also Lehr- und Einführungswerke, Grundlagenliteratur, Lexika) und diese bei Spezialfragen durch relativ einfach zugängliche und beschaffbare Fachquellen (z.B. Web-Recherche) ergänzen. Von einem Master-Studenten kann man erwarten, dass er weit tiefer schürft und Fundorte für Spezialisten erschließt. Er zeigt, dass er sich in der Fachwelt bestens auskennt. Beispielsweise heißt das systematische Recherche in wissenschaftlichen Datenbanken, um aktuelle Studien und Fachaufsätze aus (auch internationalen) wissenschaftlichen Zeitschriften zu finden.
- sicherer Umgang mit Primärquellen und eigene Untersuchungen: Statt sich auf Darstellung, Analyse und Interpretation anderer Autoren zu verlassen, soll ein Master-Student in der Lage sein, sich wissenschaftliches "Rohmaterial" zu beschaffen. Er soll den Apfel also selbst pflücken und putzen. Egal, ob es um betriebliche oder Branchen-Daten, Gerichtsurteile, Marktforschungsdaten, EU-Statistiken, Börsenkurse, Parlamentsprotokolle oder Positionspapiere von Verbänden geht: der Master-Student arbeitet viel stärker mit "Rohmaterial". Dazu muss er nicht nur wissen, wo er es findet, sondern vor allem, was man damit macht (und was man damit nicht machen darf). Er muss ordnen, sortieren, filtern, abwägen, bewerten, und das nach wissenschaftlichen Maßstäben und nicht "irgendwie".
Heißt das, eine Master-Arbeit ist definitiv eine Forschungsarbeit? Nein und Ja.
- Nein, weil sie nicht im Regelfall völlig neues wissenschaftliches Wissen produzieren soll (wie z.B. eine Doktorarbeit).
- Ja, weil sie ein Problem mit Hilfe wissenschaftlicher Forschungswerkzeuge bearbeitet und, wenn das Problem neuartig ist, auch zu neuen Antworten kommen kann.
- Es gibt Master-Arbeiten, die bereiten eigentlich nur "altes" Wissen auf, stellen es zu einer bestimmten Fragestellung zusammen oder wenden es auf einen "üblichen" Fall an. Das ist dann eher keine Forschung. Insbesondere dann nicht, wenn es schon viele wissenschaftliche Beiträge (auch Abschlussarbeiten) zum Thema gibt. Es mag dann für den Studenten neu sein, nicht aber für die Wissenschaft. Der Student reproduziert im Wesentlichen schon Bekanntes, nur mit einem speziellen Zuschnitt.
- Andere Master-Arbeiten betreten inhaltlich Neuland: durch eine aktuelle Untersuchung mit besonderem Zuschnitt, durch das Ausleuchten von Forschungslücken, durch Auswertung bisher ungenutzter Quellen, Sammlung empirischer Daten, wo es bisher keine gab, durch innovative Neuauswertung alter Daten, einen anspruchsvollen Vergleich, eine umfangreiche Fallstudie mit erheblichem Informationswert, oder die Entwicklung neuer Konzepte mit einer gewissen Komplexität. Das ist dann eher Forschung, ob nun anwendungsnah oder nicht.
- dem Betreuer: Erwartet er von Ihnen eine Arbeit mit Forschungscharakter? Forscht er selbst? Beteiligt er Sie an seiner eigenen Forschung, bearbeiten Sie ein Teilgebiet eines größeren Forschungsprojekts? Sind Sie Teil eines Teams? Ist das Ziel eine Präsentation auf einer wissenschaftlichen Konferenz oder eine wissenschaftliche Publikation?
- der Fachkultur: In manchen Fächern geht es bei Abschlussarbeiten oft um praktische Projekte, z.B. wenn Sie in der Wirtschaftsinformatik ein Programm schreiben oder in Technik- und Naturwissenschaften Labortests durchführen. In Wirtschafts- und Sozialwissenschaften werden häufig empirische Daten erhoben oder Fallstudien konzipiert, die Projektcharakter haben. In Rechtswissenschaften werden Sie dagegen selten "Projekte" definieren.
- dem Betrieb: Wenn Sie die Arbeit als Werkstudent/Praktikant mit oder in einem Unternehmen oder einer Organisation schreiben, hat diese/s Interesse an wissenschaftlicher Forschung oder eher nicht?
Klar ist: Jede Abschlussarbeit sammelt systematisch Informationen und wertet sie aus, um eine Frage zu beantworten. Das ist "Recherche". Die Abgrenzung zwischen Recherche und Forschung ist schwierig. Im Englischen gibt es diese gar nicht, research heißt gleichermaßen "Recherche" wie "Forschung". Research findet in einer Master-Arbeit ganz sicher statt. Das hochtrabende deutsche Wort "Forschung" klingt immer nach einem Ziel wie den Nobelpreis in Astrophysik. Wenn man es aber nicht so hoch hängt, ist eine Master-Arbeit de facto eine Forschungsarbeit im weiteren Sinne.
Nun ist die Frage, wie wissenschaftlich die Recherche ist. Das hat mit den Quellen zu tun, aber eben auch mit den verwendeten Methoden. Ein hoher Forschungsanspruch setzt voraus, dass es ein umfassendes Forschungskonzept (research design) gibt: ein nachvollziehbares und detailliertes Konzept, wie man die Fragestellung in Einzelfragen zerlegt und wie man diese mit bestimmten Untersuchungsschritten systematisch, verlässlich und überprüfbar beantwortet. Mit der Methodik muss sich der Master-Kandidat also viel stärker auseinandersetzen und darlegen, warum er welche Methode anwendet – und z.B. zeigen, dass er ähnliche wissenschaftliche Untersuchungen kennt und darauf aufbaut.
Eine Master-Arbeit ist (noch) keine Doktorarbeit, aber sie nähert ihr sich an. Eine Master-Arbeit dauert Monate, eine Doktorarbeit Jahre – und Doktoranden haben keine festen Bearbeitungs- und Abgabefristen. Von einem Master-Studenten wird – im Gegensatz zu einem Doktoranden – nicht erwartet, dass er eine relevante Forschungslücke füllt und die Wissenschaft einen Sprung nach vorn bringt. Die Master-Arbeit erledigt aber das, was für den Doktoranden ebenfalls nötig ist: Sie soll – unter Anleitung des Betreuers – den aktuellen Forschungsstand zu einem Spezialthema erschließen. Der angehende Doktor würde darauf nun seine eigenständige, neuartige Forschung aufbauen, und zwar weitgehend allein (ohne Anleitung eines Betreuers).
Ihr "Meisterstück"
Professoren hören Vergleiche mit dem Handwerk nicht gern, aber hier trifft es den Nagel auf den Kopf: Die Bachelor-Arbeit ist einem Gesellenstück vergleichbar, die Master-Arbeit einem Meisterstück.
- Der Geselle zeigt mit dem Abschlusswerk seiner Ausbildung, dass er sachgerecht erlernte Fähigkeiten beherrscht, um ein solides Werkstück herzustellen, das den allgemeinen Standards des Berufs entspricht.
- Der Meister hingegen (der ja nach der Meisterprüfung selbst einen Meisterbetrieb führen darf) muss darüber deutlich hinausgehen, muss einen anspruchsvollen, ja kunstvollen Beweis seines Rundum-Könnens abliefern. Dazu gehört eine eigene "Handschrift", eine persönliche Note, ein Beleg seiner Selbstständigkeit in seinem Fach.
19. Dezember 2010
Interviews führen: Vom Umgang mit Experten
In Abschlussarbeiten befragen Studenten gelegentlich Experten zu ihrem Thema. Experteninterviews sind ein gängiges qualitatives Erhebungsinstrument in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Interviews kann man zum Beispiel verwenden, um Themen breit zu erkunden („exploratives“ Vorgehen) oder um bestimmte Thesen aus der wissenschaftlichen Literatur zu überprüfen.
Wichtig sind sie vor allem, wenn Sie während der Recherche wenig Schriftliches finden. Oder wenn Sie sich auf einen wenig bekannten Fall konzentrieren, z.B. eine Entscheidung in einem Betrieb oder etwas sehr Aktuelles. Zusammen mit anderen Quellen können Interviews flexibel zur Informationsbeschaffung dienen, wenn sie planmäßig und mit wissenschaftlicher Systematik geführt werden. Eine Alltagsplauderei sind sie ja nicht.
Bei Experteninterviews kommt es darauf an, das besondere Wissen der Experten anzuzapfen. Dabei geht es oft um Hintergründe einer Entscheidung oder eines Prozesses.
Wer sind die Experten? Experten sind manchmal unabhängige Beobachter, manchmal auch Entscheidungsträger und Beteiligte eines Sachverhalts, den man untersuchen will. Wer Experte ist, entscheiden Sie selbst – möglichst begründet.
Allerdings ist das erfolgreiche Führen von Experteninterviews Erfahrungssache. Erfahrung haben die meisten Studenten aber nicht. Viele Interviews gelingen auf Anhieb, weil die Gesprächspartner Studenten gegenüber offen sind und gern Auskunft geben. Aber manche Interviews sind nicht so ertragreich, wie sie sein könnten. Das ist dann enttäuschend. Manchmal kommt es sogar zu kritischen Situationen. Ein gewisses Risiko ist also immer dabei. Schließlich kosten Interviews viel Zeit für Vor- und Nachbereitung. Grund genug, sich solide über die Methode zu informieren.
Ein guter Einstieg sind Online-Einführungen zur Methode wie:
Kein Experte ist wie der andere: 10 Typen, die man in Interviews trifft
Speziell mit dem Verhalten von Befragten im Interview beschäftigt sich ein lesenswertes Paper von Kerstin Martens und Michael Brüggemann (Uni Bremen) „Kein Experte ist wie der andere: vom Umgang mit Missionaren und Geschichtenerzählern“ (TranState working papers 39, 2006).
Die beiden haben 10 Typen beschrieben, die man allerdings in Reinform in der Realität nicht antreffen wird. Die charakteristischen Verhaltensweisen haben die Autoren zugespitzt und abgegrenzt. Ihnen geht es um eine grobe Skizze. Außerdem lassen sie die „unproblematischen“ Interviewpartner außen vor, also das Glück eines Forschers, auf stets bereitwillig, umfassend und systematisch antwortende Experten zu treffen. Ihnen geht es mehr um diejenigen, die dem Interviewer Probleme bereiten können.
Der Bürokrat
Zunächst gibt es da fünf eher Informations-orientierte Typen. So trifft man häufiger den „Bürokraten“, insbesondere im staatlichen Verwaltungsbetrieb. Der ist rational und stets auf Korrektheit bei Details bedacht, hält aber seine eigene Meinung hinterm Berg. Der Interviewer erhält sachliche, technisch detailgenaue Infos.
Das Problem: Bürokraten überfrachten das Interviews mit zu vielen Einzelheiten, und plötzlich kommt der Interviewer nicht mehr zu wichtigen Fragen, weil die Zeit abgelaufen ist. Die Herausforderung liegt insbesondere beim Zeitmanagement der Gesprächsführung. Außerdem muss man ganz schön drücken, um die Befragten zu eindeutigen Bewertungen und Preisgabe persönlicher Einstellungen zu bewegen.
Der Geschichtenerzähler
Dann sind da die Geschichtenerzähler. Sie sind sehr kommunikativ und plaudern munter drauflos. „Geschichtenerzähler antworten auch auf einfache Faktenfragen mit einer Anekdote, die aufschlussreich sein soll, aber nicht unbedingt den Sachverhalt trifft.“ Wie die Bürokraten verlieren sie sich oft im Detail. Unterbrechen lassen sie sich nur schwer. Wo bleibt dann der rote Faden im Interview? Auch hier ist Zeitmanagement kritisch. Andererseits sind die konkreten Beispiele und „Geschichten“ oft wertvoll, manchmal faszinierend.
Der Analytiker
Der Typ Analytiker findet sich oft bei Wissenschaftlern. „Sie nehmen den wissenschaftlichen Fragern viel Arbeit ab, denn sie abstrahieren und synthetisieren Information.“ Aber gerade weil sie das tun, wandert das Interview weg von konkreten Fakten, Details und genauen Beschreibungen hin zu allgemeinen Interpretationen. Der Analytiker will sich nicht einfach befragen lassen, sondern greift mitten hinein in die Forschungsarbeit des Interviewers („Mit dieser Frage wollen Sie sicherlich herausfinden, warum … Nun, das ist so...“).
Der Skeptiker
Skeptiker sind misstrauisch. Das sind Leute, die eher ungern kommunizieren und repräsentieren. Vielleicht haben sie ins Interview nur eingewilligt, weil ein Vorgesetzter das so wollte oder sie sich aus anderem Grund nicht entziehen mochten. Der Skeptiker will genau wissen, welche seiner Aussagen wie verwendet werden; diskutiert über die Spielregeln des Interviews oder sperrt sich auch mal bei Fragen. Er weicht aus, verweist auf andere, bleibt im Allgemeinen oder erzählt Selbstverständliches, gibt nichts Konkretes heraus. Konkrete Informationen muss man ihm aus der Nase ziehen – und scheitert bisweilen an dem Sturkopf.
Der Pädagoge
Hilfreicher sind die Pädagogen. Sie geben gern Infos und verpacken sie schön. Der Interviewer wird zum Schüler, den man belehren muss und für den man – zum Beispiel mit fiktiven Beispielen – Erklärungen der Wirklichkeit parat hat. Gut gemeint, aber für den Interviewer ist das eine Falle. Statt sich auf den Sachverhalt in der Realität zu beziehen, präsentiert der Pädagoge unpassende und ablenkende Beispiele. Immerhin ist der Mitteilungsdrang der Pädagogen so groß, dass man gut beim Konkreten nachfassen kann.
Der Besserwisser
Nun kommen die Autoren zu den fünf Typen, die eher überzeugen als Infos liefern wollen. Wer vor allem Fakten sammeln will, hat es mit diesen eher schwer. Dafür kann man bei Ihnen einiges zur Ideologie, zu Weltbildern, Perspektiven und Meinungen einsammeln. Weil sie aber überzeugen wollen, manipulieren sie den Interviewer aber auch immer ein bisschen. Und manchmal auf ziemlich dreiste Weise.
Besserwisser geben gern ein Interview und wollen dabei zeigen, wie gut sie im Thema stehen. Sie sehen sich ja selbst als Experten und wollen auch so behandelt werden. „Die Anfrage nach einem Interview überrascht den Besserwisser nicht, sondern es erscheint ihm ganz natürlich befragt zu werden“. Nur sind sie leider Egozentriker. Statt auf Fragen zu antworten, wollen sie das Interview dominieren („Also wissen Sie, eigentlich ist das gar kein Thema für ein Forschungsprojekt, ich habe ja auch promoviert und …“). Der Besserwisser kritisiert dann schon mal ausführlich die Formulierung der Fragen. Auf einfache Sachfragen kommen nicht konkrete Aussagen, sondern viel Meinung.
Außerdem neigen sie zur Anspielung: „Sie deuten ihr Insiderwissen an, geben es aber nur in kleinen Häppchen preis. Wenn sich die Fragende auf diese Strategie einlässt, wird sie gegebenenfalls zu interessanten Einsichten in die Weltsicht der Besserwisser kommen, aber möglicherweise von den eigentlichen Fragen abkommen.“ Immerhin plaudert der Besserwisser gern über Interna, wenn er sich damit selbst in ein gutes Licht setzt.
Der Missionar
Für den Typ Missionar ist das Interview ein Medium, um seine „Botschaft“ einem größeren Publikum zu vermitteln. Sehr gesprächig, mogelt er sich aber gerne um die eigentlichen Fragen herum und kommt immer wieder zu seiner „Botschaft“ zurück. Dadurch sinkt dann schnell der Informationswert des Interviews. „Die Parabel ist ein wichtiges Element ihres Kommunikationsstil, allerdings ist Missionaren die Moral der Geschichte wichtiger als die sachliche Präzision.“
Der Verkäufer
Verwandt sind die Missionare mit dem Verkäufer. „Verkäufer sind die säkularisierte Form des Missionars. Oft findet sich dieser Typus in den mit der Außendarstellung befassten Stellen einer Organisation. Verkäufer wollen überzeugen, aber ihre Dogmatik bezieht sich weniger auf quasi-metaphysische Überzeugungen als auf ihr professionelles Interesse, ihre Institution ins beste Licht zu stellen.“ Ein Interview ist die Chance für ein „Verkaufsgespräch“. Verkäufer sind offen, hilfsbereit, vermitteln weitere Ansprechpartner.
Unangenehm wird es dann aber bei kritischen Fragen. Das haben die Verkäufer nicht so gern, sie weichen aus und flüchten ins Abstrakte. „Insgesamt ist von ihnen eher unvollständige Information zu erwarten beziehungsweise von ihnen selektiv instrumentalisierte Information.“ Und wenn sie plaudern, stellt man hinterher fest, dass man die Infos genauso gut anderswo hätte bekommen können.
Der Zyniker
Weiter gibt es noch die Zyniker. Das sind die „Anti-Verkäufer“. Sie sind sehr nützliche Informationsquellen, weil sie gern und viel darüber reden, was schief läuft, was frustriert, was anders gemacht werden sollte. Sie sind so einseitig und ausweichend wie der Verkäufer, nur seitenverkehrt.
„Häufig lassen Zyniker ihrer Frustration freien Lauf, insbesondere wenn sie den Eindruck haben, nichts mehr verlieren zu können – daher fürchten sie auch nicht, dass ihnen ein Interview noch schaden kann. Sie glauben, die von der Organisation aufgrund ihrer Funktion und Position vorgegebene Rolle nicht mehr spielen zu müssen, weil sie sich schon am Ende ihrer persönlichen Karriereleiter sehen oder kurz vor der Pensionierung stehen.“
Der Haken: Zyniker übertreiben, ohne dass man es merkt. Sie sind nicht immer so differenziert und sachlich, wie man es als Interviewer gern hätte.
Der Demagoge
Schließlich sind da die Demagogen. Eher eine seltene Spezies, weil sie an tiefschürfenden Einzelgesprächen mit Wissenschaftlern eher wenig Interesse haben und weniger oft Interviews geben. Sie hätten lieber ein großes Publikum. Das sind öfter große Tiere, an der Spitze einer Organisation, politische Leute. Im Interview sehen auch sie die Chance, das Bild in der Öffentlichkeit zu steuern oder den Forscher auf ihre Seite zu ziehen. „Sie wollen überzeugen, sind dafür aber auch bereit, bewusst Unwahrheiten zu verbreiten und zu manipulieren. Sie werden viel Negatives und Insiderwissen über ihre Gegenspieler verbreiten und vor keiner Übertreibung zurückschrecken. Über das eigene Verhalten und die eigene Gruppe werden sie entweder schönfärberisch oder zurückhaltend Auskunft geben.“
Beim Gespräch muss man also auf der Hut sein. Die Demagogie und Irreführungen muss man erkennen. Sehr aufschlussreich kann das schon sein, wie da jemand argumentiert. Nur ist es schwierig, alles zu entschlüsseln, was der Interviewpartner einem erzählt. Was die Wahrheit ist und was nicht, das bleibt oft im Nebel.
Strategien für den Umgang mit den Expertentypen
Wie geht man nun mit diesen Typen um? Wie führt man das Interview so, dass der Ertrag groß ist und die Fallen vermieden werden? Wie lockt man die zögerlichen Experten aus der Reserve? Kann man spielerisch provozieren? Wie kommt man zurück auf den eigenen Interview-Leitfaden, den eigenen Fragenkatalog? Wie fragt man nach, um Konkretes zu bekommen? Wie unterbricht man einen Redeschwall und managt die zur Verfügung stehende Zeit? Wie wechselt man geschickt das Thema?
Darüber haben die Autoren auch einiges zu sagen.
Wichtig sind sie vor allem, wenn Sie während der Recherche wenig Schriftliches finden. Oder wenn Sie sich auf einen wenig bekannten Fall konzentrieren, z.B. eine Entscheidung in einem Betrieb oder etwas sehr Aktuelles. Zusammen mit anderen Quellen können Interviews flexibel zur Informationsbeschaffung dienen, wenn sie planmäßig und mit wissenschaftlicher Systematik geführt werden. Eine Alltagsplauderei sind sie ja nicht.
Bei Experteninterviews kommt es darauf an, das besondere Wissen der Experten anzuzapfen. Dabei geht es oft um Hintergründe einer Entscheidung oder eines Prozesses.
Wer sind die Experten? Experten sind manchmal unabhängige Beobachter, manchmal auch Entscheidungsträger und Beteiligte eines Sachverhalts, den man untersuchen will. Wer Experte ist, entscheiden Sie selbst – möglichst begründet.
Allerdings ist das erfolgreiche Führen von Experteninterviews Erfahrungssache. Erfahrung haben die meisten Studenten aber nicht. Viele Interviews gelingen auf Anhieb, weil die Gesprächspartner Studenten gegenüber offen sind und gern Auskunft geben. Aber manche Interviews sind nicht so ertragreich, wie sie sein könnten. Das ist dann enttäuschend. Manchmal kommt es sogar zu kritischen Situationen. Ein gewisses Risiko ist also immer dabei. Schließlich kosten Interviews viel Zeit für Vor- und Nachbereitung. Grund genug, sich solide über die Methode zu informieren.
Ein guter Einstieg sind Online-Einführungen zur Methode wie:
- "Das qualitative Interview" bei Werner Stangl
- "Experteninterview. Qualitative Methoden der Organisationsforschung" von Renate Liebold und Rainer Trinczek auf dem empfehlenswerten Portal Qualitative-Research.net
- Bogner et al. (2005) Das Experteninterview: Theorie, Methode, Anwendung
- Froschauer (2003) Das qualitative Interview
- Nohl (2009) Interview und dokumentarische Methode: Anleitungen für die Forschungspraxis
- Lehmann (2001) Das Interview. Erheben von Fakten und Meinungen im Unternehmen
- Britten (2008) Interviews planen, durchführen, verschriftlichen
- Gläser/Laudel (2009) Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse
- Küsters (2009) Narrative Interviews: Grundlagen und Anwendungen
- Martens/Ritter (2008) Eliten am Telefon: neue Formen von Experteninterviews in der Praxis.
Kein Experte ist wie der andere: 10 Typen, die man in Interviews trifft
Speziell mit dem Verhalten von Befragten im Interview beschäftigt sich ein lesenswertes Paper von Kerstin Martens und Michael Brüggemann (Uni Bremen) „Kein Experte ist wie der andere: vom Umgang mit Missionaren und Geschichtenerzählern“ (TranState working papers 39, 2006).
„Die Rolle, die der Experte im Interview einnimmt, so unsere These, ist dabei letztlich mitentscheidend für den Erfolg und die weitere Verwertbarkeit der durch ein Interview gesammelten Antworten. (...)
Der Beitrag entwickelt eine Typologie unterschiedlicher Interviewpartner und stellt deren jeweilige Besonderheiten dar. Experten lassen sich nach ihrem Kommunikationsstil (detailverliebt, anekdotenhaft, abstrahierend, ausweichend, contra-faktisch) und nach ihrer Intention, an einem Interview teilzunehmen (Informationsweitergabe, Persuasion), unterscheiden.
Entlang dieser beiden Dimensionen lassen sich zehn Typen von Experten unterscheiden. Eine solche Typologie hilft, Herausforderungen an eine Interviewsituation (Zeitmanagement, Faktensammlung, Ermittlung von Meinungen) frühzeitig zu erkennen und Interviewstrategien (aktives Zeitmanagement, Konkretisierung, Konfrontation, Bekenntnisstrategie, Versachlichungsstrategie) zu entwickeln, um möglichen problematischen Verhaltensmustern, die solche Experten zeigen, entgegenzuwirken.“Die beiden Forscher stellen ihre Ergebnisse in dieser Tabelle dar (um sie zu verstehen, sollte man allerdings den Text lesen):
Die beiden haben 10 Typen beschrieben, die man allerdings in Reinform in der Realität nicht antreffen wird. Die charakteristischen Verhaltensweisen haben die Autoren zugespitzt und abgegrenzt. Ihnen geht es um eine grobe Skizze. Außerdem lassen sie die „unproblematischen“ Interviewpartner außen vor, also das Glück eines Forschers, auf stets bereitwillig, umfassend und systematisch antwortende Experten zu treffen. Ihnen geht es mehr um diejenigen, die dem Interviewer Probleme bereiten können.
Der Bürokrat
Zunächst gibt es da fünf eher Informations-orientierte Typen. So trifft man häufiger den „Bürokraten“, insbesondere im staatlichen Verwaltungsbetrieb. Der ist rational und stets auf Korrektheit bei Details bedacht, hält aber seine eigene Meinung hinterm Berg. Der Interviewer erhält sachliche, technisch detailgenaue Infos.
Das Problem: Bürokraten überfrachten das Interviews mit zu vielen Einzelheiten, und plötzlich kommt der Interviewer nicht mehr zu wichtigen Fragen, weil die Zeit abgelaufen ist. Die Herausforderung liegt insbesondere beim Zeitmanagement der Gesprächsführung. Außerdem muss man ganz schön drücken, um die Befragten zu eindeutigen Bewertungen und Preisgabe persönlicher Einstellungen zu bewegen.
Der Geschichtenerzähler
Dann sind da die Geschichtenerzähler. Sie sind sehr kommunikativ und plaudern munter drauflos. „Geschichtenerzähler antworten auch auf einfache Faktenfragen mit einer Anekdote, die aufschlussreich sein soll, aber nicht unbedingt den Sachverhalt trifft.“ Wie die Bürokraten verlieren sie sich oft im Detail. Unterbrechen lassen sie sich nur schwer. Wo bleibt dann der rote Faden im Interview? Auch hier ist Zeitmanagement kritisch. Andererseits sind die konkreten Beispiele und „Geschichten“ oft wertvoll, manchmal faszinierend.
Der Analytiker
Der Typ Analytiker findet sich oft bei Wissenschaftlern. „Sie nehmen den wissenschaftlichen Fragern viel Arbeit ab, denn sie abstrahieren und synthetisieren Information.“ Aber gerade weil sie das tun, wandert das Interview weg von konkreten Fakten, Details und genauen Beschreibungen hin zu allgemeinen Interpretationen. Der Analytiker will sich nicht einfach befragen lassen, sondern greift mitten hinein in die Forschungsarbeit des Interviewers („Mit dieser Frage wollen Sie sicherlich herausfinden, warum … Nun, das ist so...“).
Der Skeptiker
Skeptiker sind misstrauisch. Das sind Leute, die eher ungern kommunizieren und repräsentieren. Vielleicht haben sie ins Interview nur eingewilligt, weil ein Vorgesetzter das so wollte oder sie sich aus anderem Grund nicht entziehen mochten. Der Skeptiker will genau wissen, welche seiner Aussagen wie verwendet werden; diskutiert über die Spielregeln des Interviews oder sperrt sich auch mal bei Fragen. Er weicht aus, verweist auf andere, bleibt im Allgemeinen oder erzählt Selbstverständliches, gibt nichts Konkretes heraus. Konkrete Informationen muss man ihm aus der Nase ziehen – und scheitert bisweilen an dem Sturkopf.
Der Pädagoge
Hilfreicher sind die Pädagogen. Sie geben gern Infos und verpacken sie schön. Der Interviewer wird zum Schüler, den man belehren muss und für den man – zum Beispiel mit fiktiven Beispielen – Erklärungen der Wirklichkeit parat hat. Gut gemeint, aber für den Interviewer ist das eine Falle. Statt sich auf den Sachverhalt in der Realität zu beziehen, präsentiert der Pädagoge unpassende und ablenkende Beispiele. Immerhin ist der Mitteilungsdrang der Pädagogen so groß, dass man gut beim Konkreten nachfassen kann.
Der Besserwisser
Nun kommen die Autoren zu den fünf Typen, die eher überzeugen als Infos liefern wollen. Wer vor allem Fakten sammeln will, hat es mit diesen eher schwer. Dafür kann man bei Ihnen einiges zur Ideologie, zu Weltbildern, Perspektiven und Meinungen einsammeln. Weil sie aber überzeugen wollen, manipulieren sie den Interviewer aber auch immer ein bisschen. Und manchmal auf ziemlich dreiste Weise.
Besserwisser geben gern ein Interview und wollen dabei zeigen, wie gut sie im Thema stehen. Sie sehen sich ja selbst als Experten und wollen auch so behandelt werden. „Die Anfrage nach einem Interview überrascht den Besserwisser nicht, sondern es erscheint ihm ganz natürlich befragt zu werden“. Nur sind sie leider Egozentriker. Statt auf Fragen zu antworten, wollen sie das Interview dominieren („Also wissen Sie, eigentlich ist das gar kein Thema für ein Forschungsprojekt, ich habe ja auch promoviert und …“). Der Besserwisser kritisiert dann schon mal ausführlich die Formulierung der Fragen. Auf einfache Sachfragen kommen nicht konkrete Aussagen, sondern viel Meinung.
Außerdem neigen sie zur Anspielung: „Sie deuten ihr Insiderwissen an, geben es aber nur in kleinen Häppchen preis. Wenn sich die Fragende auf diese Strategie einlässt, wird sie gegebenenfalls zu interessanten Einsichten in die Weltsicht der Besserwisser kommen, aber möglicherweise von den eigentlichen Fragen abkommen.“ Immerhin plaudert der Besserwisser gern über Interna, wenn er sich damit selbst in ein gutes Licht setzt.
Der Missionar
Für den Typ Missionar ist das Interview ein Medium, um seine „Botschaft“ einem größeren Publikum zu vermitteln. Sehr gesprächig, mogelt er sich aber gerne um die eigentlichen Fragen herum und kommt immer wieder zu seiner „Botschaft“ zurück. Dadurch sinkt dann schnell der Informationswert des Interviews. „Die Parabel ist ein wichtiges Element ihres Kommunikationsstil, allerdings ist Missionaren die Moral der Geschichte wichtiger als die sachliche Präzision.“
Der Verkäufer
Verwandt sind die Missionare mit dem Verkäufer. „Verkäufer sind die säkularisierte Form des Missionars. Oft findet sich dieser Typus in den mit der Außendarstellung befassten Stellen einer Organisation. Verkäufer wollen überzeugen, aber ihre Dogmatik bezieht sich weniger auf quasi-metaphysische Überzeugungen als auf ihr professionelles Interesse, ihre Institution ins beste Licht zu stellen.“ Ein Interview ist die Chance für ein „Verkaufsgespräch“. Verkäufer sind offen, hilfsbereit, vermitteln weitere Ansprechpartner.
Unangenehm wird es dann aber bei kritischen Fragen. Das haben die Verkäufer nicht so gern, sie weichen aus und flüchten ins Abstrakte. „Insgesamt ist von ihnen eher unvollständige Information zu erwarten beziehungsweise von ihnen selektiv instrumentalisierte Information.“ Und wenn sie plaudern, stellt man hinterher fest, dass man die Infos genauso gut anderswo hätte bekommen können.
Der Zyniker
Weiter gibt es noch die Zyniker. Das sind die „Anti-Verkäufer“. Sie sind sehr nützliche Informationsquellen, weil sie gern und viel darüber reden, was schief läuft, was frustriert, was anders gemacht werden sollte. Sie sind so einseitig und ausweichend wie der Verkäufer, nur seitenverkehrt.
„Häufig lassen Zyniker ihrer Frustration freien Lauf, insbesondere wenn sie den Eindruck haben, nichts mehr verlieren zu können – daher fürchten sie auch nicht, dass ihnen ein Interview noch schaden kann. Sie glauben, die von der Organisation aufgrund ihrer Funktion und Position vorgegebene Rolle nicht mehr spielen zu müssen, weil sie sich schon am Ende ihrer persönlichen Karriereleiter sehen oder kurz vor der Pensionierung stehen.“
Der Haken: Zyniker übertreiben, ohne dass man es merkt. Sie sind nicht immer so differenziert und sachlich, wie man es als Interviewer gern hätte.
Der Demagoge
Schließlich sind da die Demagogen. Eher eine seltene Spezies, weil sie an tiefschürfenden Einzelgesprächen mit Wissenschaftlern eher wenig Interesse haben und weniger oft Interviews geben. Sie hätten lieber ein großes Publikum. Das sind öfter große Tiere, an der Spitze einer Organisation, politische Leute. Im Interview sehen auch sie die Chance, das Bild in der Öffentlichkeit zu steuern oder den Forscher auf ihre Seite zu ziehen. „Sie wollen überzeugen, sind dafür aber auch bereit, bewusst Unwahrheiten zu verbreiten und zu manipulieren. Sie werden viel Negatives und Insiderwissen über ihre Gegenspieler verbreiten und vor keiner Übertreibung zurückschrecken. Über das eigene Verhalten und die eigene Gruppe werden sie entweder schönfärberisch oder zurückhaltend Auskunft geben.“
Beim Gespräch muss man also auf der Hut sein. Die Demagogie und Irreführungen muss man erkennen. Sehr aufschlussreich kann das schon sein, wie da jemand argumentiert. Nur ist es schwierig, alles zu entschlüsseln, was der Interviewpartner einem erzählt. Was die Wahrheit ist und was nicht, das bleibt oft im Nebel.
Strategien für den Umgang mit den Expertentypen
Wie geht man nun mit diesen Typen um? Wie führt man das Interview so, dass der Ertrag groß ist und die Fallen vermieden werden? Wie lockt man die zögerlichen Experten aus der Reserve? Kann man spielerisch provozieren? Wie kommt man zurück auf den eigenen Interview-Leitfaden, den eigenen Fragenkatalog? Wie fragt man nach, um Konkretes zu bekommen? Wie unterbricht man einen Redeschwall und managt die zur Verfügung stehende Zeit? Wie wechselt man geschickt das Thema?
Darüber haben die Autoren auch einiges zu sagen.
„Informationsvermittlern kann mit einer Bekenntnisstrategie entgegnet werden; Experten, deren Intention es ist, die Forscherin von einem ihnen wichtigen Inhalt zu überzeugen, sollte man mit einer Versachlichungsstrategie entgegentreten. Drei weitere Strategien betreffen jeweils eine Teilmenge der dargestellten Experten: Detailverliebten und anekdotenreichen Erzählern muss mit aktivem Zeitmanagement begegnet werden. Abstrahierende und ausweichende Experten können mit der Konkretisierungsstrategie festgelegt werden. Wenn der Wahrheitsgehalt von Aussagen in Frage steht, hilft möglicherweise eine Konfrontationsstrategie.“ (Mehr dazu im Paper)
Abonnieren
Posts (Atom)





