Kompakt, solide gemacht und hübsch anzusehen: Sechs Lernvideos (deutsch/englisch) rund um Recherche, Informationsbewertung und Zitieren. Nicht nur für Wirtschaftswissenschaftler hilfreich, obwohl das Set vom ZBW Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft stammt. Das sorgt sich nämlich um die Fähigkeiten der WiWi-Studierenden. In der Tat zeigt eine ZBW-Untersuchung mit Studierenden-Befragung ("Informationskompetenz bei Studierenden der Wirtschaftswissenschaften 2017"), dass es große Unsicherheiten gibt.
Die ganze Playlist auf YouTube...
Erste Hausarbeit 01: Warum brauche ich überhaupt gute Information?
Erste Hausarbeit 02: Wie suche ich (wissenschaftliche) Information und Fachaufsätze?
Erste Hausarbeit 03: Qualität von wissenschaftlicher Information beurteile
Erste Hausarbeit 04: Wie erkenne ich Fake News?
Erste Hausarbeit 05: Wie beschaffe ich wissenschaftliche Information?
Erste Hausarbeit 06: Wie zitiere ich richtig?
Weitere Online-Angebote der ZBW zum wissenschaftlichen Arbeiten
Entscheidungsbasiertes Tutorial Guided Walk
mit den Modulen „Literatur suchen und bewerten“, „An den Volltext gelangen“ und „Richtig zitieren“: Erstmal einen Kaffee trinken? In Google suchen, aufgeben? Oder doch besser eine Fachdatenbank nutzen?
"Triple A statt Junk Bond" - Wie erkenne ich wissenschaftliche Journals?
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23. November 2017
30. April 2017
Noch einmal: Allgemeinwissen zitieren
Zum Blogbeitrag „Allgemeinwissen in der Arbeit - zitieren oder nicht?"
grübelt ein Student, der „aus der Sorge vor versehentlichen Plagiaten“ in
seinen Hausarbeiten „fast jeden Satz“ mit Literaturverweisen belegt. Ihn
irritiert die Auskunft, „dass man bestimmtes universitäres Wissen als
Allgemeinwissen sehen dürfe und folglich nicht belegen müsse.“
Gemeint war damit nicht nur Alltags-Allgemeinwissen wie „Der Eiffelturm
steht in Paris“, sondern fachlich unumstrittene Fakten und Grundeinsichten
einer Disziplin. Beispiel aus der VWL: „Senkt die Zentralbank den Leitzins,
erhöht sie damit die umlaufende Geldmenge, was zu Inflation führen kann.“
Natürlich gibt es für diese Aussage Bedingungen und Einschränkungen, aber so
ziemlich jeder Volkswirt würde die Grundaussage unterschreiben. Man kann sie durch
irgendein Lehrbuch belegen, aber das ist im Prinzip unnötig. Vor allem in einer Hausarbeit im fortgeschrittenen Studium: Hier darf viel vorausgesetzt werden.
Literaturbelege sind für den Leser lästig und behindern den Lesefluss. Wenn sie keinen Gewinn bringen und nicht notwendig sind, dann sollte man den Ballast abwerfen.
Referenzen sind nicht dazu da, eine Arbeit zu dekorieren oder die Belesenheit des Autors zur Schau zu stellen, um den Professor zu beeindrucken. Sie erfüllen einen Zweck: Der Leser soll eine Aussage selbst an Hand der Quelle überprüfen können. Wenn es nach allgemeinem Fachverständnis dazu keine Notwendigkeit gibt, ist der Beleg verzichtbar. Der Haken daran ist, dass Studierende dies oft falsch beurteilen oder sich das Urteil nicht zutrauen. Diese Sicherheit kommt natürlich erst mit der Zeit.
Der Student fragt: „Muss ich zum Beispiel, wenn ich sage, dass, wie es in
vielen Zeitungen steht, mit der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 die Zahl der
Asylbewerber in Deutschland erheblich angestiegen ist, einen Beleg/ein Zitat
einfügen? Wo ist die Grenze zwischen Allgemeinwissen und zu zitierenden
Informationen?“
Gut gefragt. So allgemein formuliert, würde ich sagen: Nein, das ist
Allgemeinwissen. „Erheblich angestiegen“ ist allerdings auch nicht so präzise,
wie man in der Wissenschaft möglichst formulieren sollte. Gibt man präziser an,
dass 2015 beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rund 274.000 Asylanträge
mehr als im Vorjahr – ein Plus von 135 Prozent – gestellt wurden, sollte man
die Quelle dafür selbstverständlich belegen; und dann auch ergänzen, dass diese
amtliche Zahl von diversen Experten als problematisch in Frage gestellt wird,
was dann wiederum zu belegen wäre. Das ist kein Allgemeinwissen, weder fachlich
noch i.S.v. Alltagswissen.
Er fragt weiter: „Oft mischen sich ja auch die eigene Meinung, die man
wiedergeben möchte und die Angabe recherchierter Informationen, auf die sich
diese Meinung bezieht, in einem Satz, wobei ich dann nie wirklich weiß, wie und
ob hier ein Zitat tatsächlich vonnöten ist. Wann überhaupt ist es notwendig,
von einem Beleg/Zitat Gebrauch zu machen bzw. wo liegt die Grenze zur eigenen
Aussage?“
Da hilft es, die blanke Information und ihre Interpretation klar zu
trennen, indem man sie in zwei getrennte Sätze packt. Der erste Satz enthält
die neutral formulierte Informationsangabe nebst Beleg. Der zweite Satz sollte
dann deutlich als Interpretation (vulgo „Meinung“) des Autors erkennbar sein. Mit
sprachlichen Mitteln lässt sich zusätzliche Distanz herstellen. Beispiel: „Müller
(2015) behauptet X. Diese Aussage ist fragwürdig, weil…“ oder „Nach Schmitz
(2016) erklärt sich X durch Y. Dies ist plausibel, weil…“ oder „Für Meyer
(2017) ist X ein Phänomen des Y. Dies ist prinzipiell zu bejahen, jedoch nur
unter der Bedingung Z, denn...“
22. Juni 2014
"Zitiert nach" – Quellenbeleg aus zweiter Hand
Ein Student fragt: "Im Rahmen meiner Quellensuche und -analyse ist mir mehrfach aufgefallen, dass oftmals die Bücher/Autoren in den jeweiligen Fachbüchern auf andere Quellen verweisen oder auf anderen Quellen basieren. Hinzu kommt das oftmals sehr weit zurückliegende Publikationsjahr der zitierten Quellen. Meine Frage ist, ob ich im meinem Text immer die 'Ursprungsquelle' zitieren muss oder auch das mir vorliegende Fachbuch als Quelle nutzen kann?"
Wenn man das tut, dann IMMER mit der Angabe "zitiert nach", also z.B. Müller, 1985, S. 15, zitiert nach Meyer, 2009, S. 326 (und nicht einfach Meyer ohne Müller). Außerdem sind BEIDE Quellen mit vollständigen bibliografischen Angaben ins Quellenverzeichnis aufzunehmen, UND Müller ist auch im Quellenverzeichnis mit dem "zitiert nach" zu kennzeichnen.
Das ist, wohlgemerkt, nur eine Krücke – und sollte eine Ausnahme sein. Mit anderen Worten, wann immer es geht, gilt: zurück zum Original!
Ja, das bedeutet Mehrarbeit. Vor allem, wenn es sich um Fachzeitschriften oder längst vergriffene Bücher handelt. Dann heißt es suchen, suchen, suchen, in mehrere Datenbanken einsteigen, möglicherweise gar kostenpflichtige Fernleihaufträge in der Bibliothek abgeben oder bei "Subito" bestellen, weil die Originalquelle nur in seltsamen Repositorien aufzufinden ist...
Und das alles wegen eines Halbsatzes oder einer kleinen Zahl?!?
Kein Wunder, dass Studenten (und oft genug auch Profiautoren und Wissenschaftler) dazu wenig Lust verspüren. Das vermindert die Arbeitseffizienz. Und: Vielleicht ist das Zitatzitat nicht perfekt, aber "gut genug"...
Ausnahmsweise ist ein "zitiert nach" in Ordnung. Eine ganze Batterie von "zitiert nach"-Stellen ist aber ganz sicher kein Ausweis wissenschaftlicher Qualität.
Warum lohnt es sich, die Mehrarbeit auf sich zu nehmen?
Wenn man das tut, dann IMMER mit der Angabe "zitiert nach", also z.B. Müller, 1985, S. 15, zitiert nach Meyer, 2009, S. 326 (und nicht einfach Meyer ohne Müller). Außerdem sind BEIDE Quellen mit vollständigen bibliografischen Angaben ins Quellenverzeichnis aufzunehmen, UND Müller ist auch im Quellenverzeichnis mit dem "zitiert nach" zu kennzeichnen.
Das ist, wohlgemerkt, nur eine Krücke – und sollte eine Ausnahme sein. Mit anderen Worten, wann immer es geht, gilt: zurück zum Original!
Ja, das bedeutet Mehrarbeit. Vor allem, wenn es sich um Fachzeitschriften oder längst vergriffene Bücher handelt. Dann heißt es suchen, suchen, suchen, in mehrere Datenbanken einsteigen, möglicherweise gar kostenpflichtige Fernleihaufträge in der Bibliothek abgeben oder bei "Subito" bestellen, weil die Originalquelle nur in seltsamen Repositorien aufzufinden ist...
Und das alles wegen eines Halbsatzes oder einer kleinen Zahl?!?
Kein Wunder, dass Studenten (und oft genug auch Profiautoren und Wissenschaftler) dazu wenig Lust verspüren. Das vermindert die Arbeitseffizienz. Und: Vielleicht ist das Zitatzitat nicht perfekt, aber "gut genug"...
Ausnahmsweise ist ein "zitiert nach" in Ordnung. Eine ganze Batterie von "zitiert nach"-Stellen ist aber ganz sicher kein Ausweis wissenschaftlicher Qualität.
- Superclevere Studenten wissen das natürlich und verzichten auf die Markierung "zitiert nach", damit es so aussieht, als sei es ein Zitat und kein Zitatzitat -- in der Hoffnung, dass es keiner merkt.
- Nicht ganz so clevere Studenten denken sowieso nicht darüber nach und kennen den Unterschied nicht einmal.
Warum lohnt es sich, die Mehrarbeit auf sich zu nehmen?
- Es gehört schlicht zum Handwerkszeug, die Originalfundstelle aufzuspüren. Gerade in Abschlussarbeiten wird erwartet, dass Studenten in der Lage sind, sich über Lehrbuchliteratur und einfach zu beschaffende Sekundärliteratur hinaus Spezial-Quellen zu erschließen.
- Zitatzitate werden bestenfalls geduldet, wenn es einen guten Grund gibt (z.B. wenn es sich um nicht veröffentlichte Archivmaterialien handelt). Faulheit ist kein guter Grund.
- Vorsicht ist geboten: Nicht jeder Autor zitiert formal und inhaltlich korrekt.
- Jeder Autor hat seinen eigenen Filter, seine eigenen Selektionskriterien. Die entsprechen nicht unbedingt der aktuellen Rechercheabsicht.
- Das Original kann eine wertvolle Quelle sein. Vielleicht gibt es beim Original viel wichtigere und bessere Textstellen als die, die zitiert wurden. Oder die Quelle führt zu weiteren Quellen.
- Manchmal sind die Originalquellen veraltet. Besonders bei Zahlen, Daten, Statistiken gilt: Achtung! Auch bei nicht quantitativen Fakten könnte es sein, dass sich der Kontext geändert hat.
- Es kommt nicht selten vor, dass sich Autor A bei Autor B bedient, der wiederum schon bei Autor C abgeschrieben hat. Dann handelt es sich um ein Zitatzitatzitat. In so einer Kette kommt es zu Unschärfen und Fehlinterpretationen -- ähnlich wie beim alten Spiel "Stille Post" -- und auch zu schlicht falscher Wiedergabe.
2. Juli 2012
Aus Abschlussarbeiten zitieren
"Darf man aus anderen Bachelor- bzw. Abschlussarbeiten zitieren?", fragt eine Studentin. Ja, man darf -- im Prinzip und mit Einschränkungen. Lesen Sie dazu den Beitrag "Studentische Hausarbeiten als Quelle? Zitierfähig, aber nicht zitierwürdig" (7.6.2011). Dieselben Hinweise und Warnungen gelten auch für Abschlussarbeiten.
Wieder einmal dreht sich alles um das Begriffspaar "zitierfähig und zitierwürdig".Alle Abschlussarbeiten sind - anders als Seminararbeiten - dauerhaft öffentlich in einer Bibliothek verfügbar (es sei denn, es gilt ein Sperrvermerk). Zusätzlich stellen viele Absolventen ihre Arbeiten bei Online-Anbietern (z.B. GRIN-Verlag, Hausarbeiten.de u.v.a.) gegen Entgelt ein, oder sie publizieren sie sogar in einem Verlag (meist nur Diplom- und Masterarbeiten). Auch damit sind sie dauerhaft öffentlich verfügbar. Rein formal sind Abschlussarbeiten zitierfähig.
Die Zitierwürdigkeit ist damit noch nicht gegeben. Entscheidend ist die inhaltliche Qualität, und die ist sehr kritisch zu überprüfen, wie im o.g. Blogpost ausgeführt.
Wie "gut" sind Abschlussarbeiten?
Es gibt wissenschaftlich sehr gute, weniger gute und ziemlich miserable Abschlussarbeiten. Nur weil jemand einen Abschluss geschafft hat und deshalb seine Abschlussarbeit in einer Bibliothek steht, sagt über die Qualität wenig aus: höchstens, dass sie in jedem Fall die Mindeststandards erfüllt.
Zwar haben Professoren (besonders bei Bachelor-Arbeiten allerdings häufig auch Nicht-Professoren!) die Arbeit betreut und begutachtet. Das ist aber nicht dasselbe wie wissenschaftlicher Peer Review bei einer Fachzeitschrift oder wenigstens das Lektorat bei einem wissenschaftlichen Verlag, der auf seine Reputation achtet.
Ob jemand exzellent oder gerade mit Ach und Krach seine Prüfung bestanden hat, ob Teile davon gut oder schlecht von den Gutachtern der Arbeit bewertet wurden, was deren Maßstäbe waren oder ob die Gutachter die Thesis überhaupt genau angeschaut haben -- das wissen Sie alles nicht.
Jedenfallls: Sie sollten die ganze Arbeit kennen. Flugs zu googeln und dann einen dreiseitigen Auszug bei GRIN auszuwerten -- das ist schlecht, weil Sie sich dann kein Gesamturteil bilden können. Zum Beispiel mag eine Passage sehr gut klingen, aber wenn Sie die Einleitung und den Schlussteil lesen, die Gliederung oder das Quellenverzeichnis ansehen würden, könnten diese Ihnen wichtige Hinweise geben, ob der Autor solide gearbeitet oder geschlampt hat.
Lassen Sie sich per Fernleihe die Arbeit aus der jeweiligen Hochschulbibliothek kommen, wenn die Thesis nicht in Ihrer eigenen Bibliothek eingestellt ist.
Bachelor-Arbeiten: Abschlussarbeiten zweiter Klasse
Besonders vorsichtig wäre ich mit Bachelor-Arbeiten. Ohne irgendjemandem auf die Füße treten zu wollen: Bachelor-Arbeiten sind Abschlussarbeiten zweiter Klasse.
Lesen Sie dazu den Beitrag "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.2010). Eine Bachelor's Thesis erreicht nicht nur nicht den Umfang, sondern auch selten die Qualität einer Master-Arbeit. Selbstständige Forschung ist selten enthalten. Außerdem basieren Bachelor-Arbeiten vorwiegend auf Sekundärquellen, manchmal sogar stark auf Tertiärquellen wie Lehrbüchern und Lexika (dazu: "Primäre, sekundäre und tertiäre Quellen", 29.6.2012). Letzteres sollte nicht so sein, ist aber durchaus häufig.
Ob ein Bachelor-Abschluss wirklich ein wissenschaftlicher Abschluss ist, darüber wird unter Professoren seit jeher gestritten. Daraus ergibt sich die Frage, ob eine Bachelor-Arbeit wirklich eine wissenschaftliche Arbeit ist (oder nur so aussieht). Vom Umfang her ist sie einer Seminararbeit vergleichbar; viele der Papers, die meine Master-Studenten in einem Seminar schreiben, sind deutlich umfangreicher als die meisten Bachelor-Arbeiten. Und meistens besser.
Wenn Sie also Abschlussarbeiten heranziehen, dann möglichst Arbeiten auf höherem Niveau, also Master/Diplom (usw.).
Gründe, weshalb Sie Abschlussarbeiten zitieren wollen könnten
Warum genau wollen Sie die Abschlussarbeit zitieren? Wirklich deshalb, weil...
Aber mal ehrlich: Vielfach...
Fakt: Es ist viel einfacher, eine "passende" Abschlussarbeit zu finden als eine "passende" Studie eines Wissenschaftlers. Forscher publizieren Bücher (Monographien) -- aber selten. Sie publizieren weit mehr Aufsätze in Fachzeitschriften oder Buchkapitel; beides finden Sie viel schlechter durch Googeln, Sie müssen in mehreren Literatur-Datenbanken recherchieren oder Fachzeitschriften-Inhalte durchblättern oder sich die Inhaltsverzeichnisse von Büchern ansehen.
Wenn Sie sich auskennen im "Fachdiskurs" und die wichtigen Zeitschriften kennen, wenn Sie wissen, in welchen wissenschaftlichen Fachgesellschaften wer mit wem über was bei welchen Kongressen und Tagungen diskutiert, ist das einfach. Viele Studenten kennen sich aber nicht so aus. Selbst wenn sie Virtuelle Fachbibliotheken oder Akademische Suchmaschinen nutzen, fällt die Orientierung oft schwer.
Die am besten geeigneten, spezialisierten, aktuellen Forschungsbeiträge zu finden, ist für Nichtexperten mühsam. Da ist der Griff zu Abschlussarbeiten, bei denen andere Studenten sich schon die Mühe gemacht haben, komfortabler. Die interessante Frage ist: Wieviel Mühe haben sie sich tatsächlich gemacht? Oder haben sie auch nur den bequemeren Weg gewählt?
Notabene: Es gibt viel mehr Studenten als Wissenschaftler, und Projekte von Studenten sind viel kürzer als Projekte von Wissenschaftlern. Der Output der Studenten ist größer. Insofern ist es bei oberflächlicher Recherche wahrscheinlicher, dass Sie auf eine aktuelle Abschlussarbeit stoßen als auf eine aktuelle Studie eines Berufsgelehrten.
Die Sache mit der Aktualität
Überhaupt, das Aktuelle. Ich höre oft das Argument der Aktualität: Die Abschlussarbeit sei doch die aktuellste wissenschaftliche Veröffentlichung zu Thema X. Naja:
Also: Aktuell nach welchem Maßstab? Wenn Sie die aktuellste wissenschaftliche Forschung haben wollen, dann suchen Sie in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, außerdem nach "working papers" und Einzelstudien, die von Lehrstühlen oder Instituten herausgegeben werden.
Suchen Sie nach Vortragsskripten und Präsentationen namhafter Wissenschaftler, von denen Sie bereits wissen, dass diese Experten für Ihr Thema sind. Gehen Sie auf die Homepages dieser Wissenschaftler und durchforsten Sie deren Publikationslisten und Neuigkeiten-Rubrik. Diese dürften relativ aktuell und gut gepflegt sein.
Suchen Sie nach aktuellen Tagungen, auf denen Forschungsergebnisse präsentiert werden. Diese werden meist von den wissenschaftlichen Fachgesellschaften veranstaltet, in denen die Forscher Mitglied sind. Fragen Sie Ihren Betreuer danach, wenn Sie sie nicht finden.
Fazit: Vorsichtig und selektiv vorgehen
Alles in allem: Vorsicht mit Abschlussarbeiten. Im Zweifelsfall sind die Studenten, die sie geschrieben haben, nicht besser oder schlauer oder sorgfältiger als Sie. Die beste Art, mit Abschlussarbeiten umzugehen, ist:
Prüfen Sie die Qualität der ganzen Arbeit, insbesondere die Quellengrundlage. Bilden Sie sich ein Urteil, bevor sie auf den Stapel der bevorzugten Quellen kommt.
Nutzen Sie vor allem das Quellenverzeichnis der Arbeit, um leichter zu erfassen, was für ein Thema wichtig ist, welche Autoren, Fachzeitschriften oder auch Internetportale guten Zugang zu spezialisierter Literatur bieten. Aber verlassen Sie sich nicht darauf, dass der Student, der diese Quellen recherchierte, den perfekten Blick auf die Literaturlage hatte. Wahrscheinlich hatte er ihn NICHT.
Wenn Sie in einer Abschlussarbeit ungemein passende, originelle Passage finden, die Sie unbedingt zitieren wollen, prüfen Sie genau, ob diese wirklich originell ist -- oder nur eine Zusammenfassung anderer Quellen, seien es Fakten oder Zahlen (diese sind ja selten das Produkt studentischer Forschung) oder Argumente und Interpretationen (oftmals auch nur Varianten anderer Autoren). Wann immer möglich, gehen Sie anhand der Quellenbelege zurück zur Ursprungsquelle!
Denken Sie schließlich daran, dass Studenten Fehler machen und manchmal pfuschen. Eine großartige, treffende Passage aus einer Abschlussarbeit, die keinen Quellenbeleg hat, mag die Leistung des Autors sein. Oder auch ein Plagiat. Und das wollen Sie bestimmt nicht in Ihrer Arbeit haben.
Wieder einmal dreht sich alles um das Begriffspaar "zitierfähig und zitierwürdig".Alle Abschlussarbeiten sind - anders als Seminararbeiten - dauerhaft öffentlich in einer Bibliothek verfügbar (es sei denn, es gilt ein Sperrvermerk). Zusätzlich stellen viele Absolventen ihre Arbeiten bei Online-Anbietern (z.B. GRIN-Verlag, Hausarbeiten.de u.v.a.) gegen Entgelt ein, oder sie publizieren sie sogar in einem Verlag (meist nur Diplom- und Masterarbeiten). Auch damit sind sie dauerhaft öffentlich verfügbar. Rein formal sind Abschlussarbeiten zitierfähig.
Die Zitierwürdigkeit ist damit noch nicht gegeben. Entscheidend ist die inhaltliche Qualität, und die ist sehr kritisch zu überprüfen, wie im o.g. Blogpost ausgeführt.
Wie "gut" sind Abschlussarbeiten?
Es gibt wissenschaftlich sehr gute, weniger gute und ziemlich miserable Abschlussarbeiten. Nur weil jemand einen Abschluss geschafft hat und deshalb seine Abschlussarbeit in einer Bibliothek steht, sagt über die Qualität wenig aus: höchstens, dass sie in jedem Fall die Mindeststandards erfüllt.
Zwar haben Professoren (besonders bei Bachelor-Arbeiten allerdings häufig auch Nicht-Professoren!) die Arbeit betreut und begutachtet. Das ist aber nicht dasselbe wie wissenschaftlicher Peer Review bei einer Fachzeitschrift oder wenigstens das Lektorat bei einem wissenschaftlichen Verlag, der auf seine Reputation achtet.
Ob jemand exzellent oder gerade mit Ach und Krach seine Prüfung bestanden hat, ob Teile davon gut oder schlecht von den Gutachtern der Arbeit bewertet wurden, was deren Maßstäbe waren oder ob die Gutachter die Thesis überhaupt genau angeschaut haben -- das wissen Sie alles nicht.
Jedenfallls: Sie sollten die ganze Arbeit kennen. Flugs zu googeln und dann einen dreiseitigen Auszug bei GRIN auszuwerten -- das ist schlecht, weil Sie sich dann kein Gesamturteil bilden können. Zum Beispiel mag eine Passage sehr gut klingen, aber wenn Sie die Einleitung und den Schlussteil lesen, die Gliederung oder das Quellenverzeichnis ansehen würden, könnten diese Ihnen wichtige Hinweise geben, ob der Autor solide gearbeitet oder geschlampt hat.
Lassen Sie sich per Fernleihe die Arbeit aus der jeweiligen Hochschulbibliothek kommen, wenn die Thesis nicht in Ihrer eigenen Bibliothek eingestellt ist.
Bachelor-Arbeiten: Abschlussarbeiten zweiter Klasse
Besonders vorsichtig wäre ich mit Bachelor-Arbeiten. Ohne irgendjemandem auf die Füße treten zu wollen: Bachelor-Arbeiten sind Abschlussarbeiten zweiter Klasse.
Lesen Sie dazu den Beitrag "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.2010). Eine Bachelor's Thesis erreicht nicht nur nicht den Umfang, sondern auch selten die Qualität einer Master-Arbeit. Selbstständige Forschung ist selten enthalten. Außerdem basieren Bachelor-Arbeiten vorwiegend auf Sekundärquellen, manchmal sogar stark auf Tertiärquellen wie Lehrbüchern und Lexika (dazu: "Primäre, sekundäre und tertiäre Quellen", 29.6.2012). Letzteres sollte nicht so sein, ist aber durchaus häufig.
Ob ein Bachelor-Abschluss wirklich ein wissenschaftlicher Abschluss ist, darüber wird unter Professoren seit jeher gestritten. Daraus ergibt sich die Frage, ob eine Bachelor-Arbeit wirklich eine wissenschaftliche Arbeit ist (oder nur so aussieht). Vom Umfang her ist sie einer Seminararbeit vergleichbar; viele der Papers, die meine Master-Studenten in einem Seminar schreiben, sind deutlich umfangreicher als die meisten Bachelor-Arbeiten. Und meistens besser.
Wenn Sie also Abschlussarbeiten heranziehen, dann möglichst Arbeiten auf höherem Niveau, also Master/Diplom (usw.).
Gründe, weshalb Sie Abschlussarbeiten zitieren wollen könnten
Warum genau wollen Sie die Abschlussarbeit zitieren? Wirklich deshalb, weil...
- die Arbeit besonders originelle Einsichten gewährt, die es anderswo noch nicht gab?
- sie sehr spezifisch Ihr Thema/Ihre Fragestellung trifft, das oder die so noch nicht aufgearbeitet wurde?
- sie brandaktuelle Ergebnisse eines eigenen Forschungsprojekts präsentiert?
Aber mal ehrlich: Vielfach...
- bieten Studenten in ihrer Thesis nur eine Zusammenfassung der existierenden Forschung. Sie ist nur eine Sekundärquelle unter anderen, und dabei sicher nicht die beste Wahl, verglichen mit den Publikationen etablierter Wissenschaftler.
- zitieren Studenten andere Studenten nur deshalb, weil die Arbeiten online oder offline komfortabel zu beschaffen sind. Mit anderen Worten: aus Bequemlichkeit.
Fakt: Es ist viel einfacher, eine "passende" Abschlussarbeit zu finden als eine "passende" Studie eines Wissenschaftlers. Forscher publizieren Bücher (Monographien) -- aber selten. Sie publizieren weit mehr Aufsätze in Fachzeitschriften oder Buchkapitel; beides finden Sie viel schlechter durch Googeln, Sie müssen in mehreren Literatur-Datenbanken recherchieren oder Fachzeitschriften-Inhalte durchblättern oder sich die Inhaltsverzeichnisse von Büchern ansehen.
Wenn Sie sich auskennen im "Fachdiskurs" und die wichtigen Zeitschriften kennen, wenn Sie wissen, in welchen wissenschaftlichen Fachgesellschaften wer mit wem über was bei welchen Kongressen und Tagungen diskutiert, ist das einfach. Viele Studenten kennen sich aber nicht so aus. Selbst wenn sie Virtuelle Fachbibliotheken oder Akademische Suchmaschinen nutzen, fällt die Orientierung oft schwer.
Die am besten geeigneten, spezialisierten, aktuellen Forschungsbeiträge zu finden, ist für Nichtexperten mühsam. Da ist der Griff zu Abschlussarbeiten, bei denen andere Studenten sich schon die Mühe gemacht haben, komfortabler. Die interessante Frage ist: Wieviel Mühe haben sie sich tatsächlich gemacht? Oder haben sie auch nur den bequemeren Weg gewählt?
Notabene: Es gibt viel mehr Studenten als Wissenschaftler, und Projekte von Studenten sind viel kürzer als Projekte von Wissenschaftlern. Der Output der Studenten ist größer. Insofern ist es bei oberflächlicher Recherche wahrscheinlicher, dass Sie auf eine aktuelle Abschlussarbeit stoßen als auf eine aktuelle Studie eines Berufsgelehrten.
Die Sache mit der Aktualität
Überhaupt, das Aktuelle. Ich höre oft das Argument der Aktualität: Die Abschlussarbeit sei doch die aktuellste wissenschaftliche Veröffentlichung zu Thema X. Naja:
- Erstens ist der Begriff "wissenschaftliche Veröffentlichung" oder überhaupt "Veröffentlichung" sehr dehnbar.
- Zweitens basieren Abschlussarbeiten, wie oben gesagt, häufig auf Sekundärquellen; und wie aktuell diese wiederum sind, ist offen. Eine 2012 eingereichte Arbeit mag wesentlich auf Sekundärquellen der Jahre 1995 bis 2005 beruhen. Wie aktuell ist das denn?
Also: Aktuell nach welchem Maßstab? Wenn Sie die aktuellste wissenschaftliche Forschung haben wollen, dann suchen Sie in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, außerdem nach "working papers" und Einzelstudien, die von Lehrstühlen oder Instituten herausgegeben werden.
Suchen Sie nach Vortragsskripten und Präsentationen namhafter Wissenschaftler, von denen Sie bereits wissen, dass diese Experten für Ihr Thema sind. Gehen Sie auf die Homepages dieser Wissenschaftler und durchforsten Sie deren Publikationslisten und Neuigkeiten-Rubrik. Diese dürften relativ aktuell und gut gepflegt sein.
Suchen Sie nach aktuellen Tagungen, auf denen Forschungsergebnisse präsentiert werden. Diese werden meist von den wissenschaftlichen Fachgesellschaften veranstaltet, in denen die Forscher Mitglied sind. Fragen Sie Ihren Betreuer danach, wenn Sie sie nicht finden.
Fazit: Vorsichtig und selektiv vorgehen
Alles in allem: Vorsicht mit Abschlussarbeiten. Im Zweifelsfall sind die Studenten, die sie geschrieben haben, nicht besser oder schlauer oder sorgfältiger als Sie. Die beste Art, mit Abschlussarbeiten umzugehen, ist:
Prüfen Sie die Qualität der ganzen Arbeit, insbesondere die Quellengrundlage. Bilden Sie sich ein Urteil, bevor sie auf den Stapel der bevorzugten Quellen kommt.
Nutzen Sie vor allem das Quellenverzeichnis der Arbeit, um leichter zu erfassen, was für ein Thema wichtig ist, welche Autoren, Fachzeitschriften oder auch Internetportale guten Zugang zu spezialisierter Literatur bieten. Aber verlassen Sie sich nicht darauf, dass der Student, der diese Quellen recherchierte, den perfekten Blick auf die Literaturlage hatte. Wahrscheinlich hatte er ihn NICHT.
Wenn Sie in einer Abschlussarbeit ungemein passende, originelle Passage finden, die Sie unbedingt zitieren wollen, prüfen Sie genau, ob diese wirklich originell ist -- oder nur eine Zusammenfassung anderer Quellen, seien es Fakten oder Zahlen (diese sind ja selten das Produkt studentischer Forschung) oder Argumente und Interpretationen (oftmals auch nur Varianten anderer Autoren). Wann immer möglich, gehen Sie anhand der Quellenbelege zurück zur Ursprungsquelle!
Denken Sie schließlich daran, dass Studenten Fehler machen und manchmal pfuschen. Eine großartige, treffende Passage aus einer Abschlussarbeit, die keinen Quellenbeleg hat, mag die Leistung des Autors sein. Oder auch ein Plagiat. Und das wollen Sie bestimmt nicht in Ihrer Arbeit haben.
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Plagiat,
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Textsorten,
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Wissenschaftliches Schreiben,
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29. Juni 2012
Graue Literatur und interne Dokumente
In einer Abschlussarbeit selbst empirische Daten erheben und untersuchen -- das ist echtes Forschen
und (leider) in vielen Fächern selten der Fall. Vor allem bei
Bachelor-Arbeiten, denn eigentlich ist die Bearbeitungszeit viel zu
kurz. Eine Studentin der Verwaltungswissenschaften will es aber wagen
und hat in einem Landkreisamt gute,praktische Forschungsobjekte. Nun
grübelt sie aber über diese Fragen:
Wenn es sich um Veröffentlichungen handelt, ist das typische "Graue Literatur" -- grob gesagt Publikationen von Institutionen und Organisationen, die nicht in Bibliotheken und von Verlagen vorgehalten werden.
"Graue Literatur" ist für den Leser schwer zu beschaffen, manchmal gar nicht. Formal wäre es daher angezeigt, die verwendeten Veröffentlichungen im Anhang als Kopie/Faksimile zu dokumentieren. Nur so lassen sich die Quellen ja nachvollziehen.
Aber: Praktisch ist es eher sinnlos, damit einen gewaltigen Anhang zu füllen. Bezieht man sich aber auf bestimmte Passagen oder Seiten, oder ist der Kontext oder die Machart wichtig, ist eine Kopie eines Auszugs sinnvoll -- z.B. wenn man zeigen möchte, auf welche Art die Verwaltung mit dem Bürger über ein Thema kommuniziert.
Handelt es sich um nicht-veröffentlichte Materialien, sondern um Interna, dann gilt dies nicht als "Graue Literatur". Das sind "Dokumente". (Allerdings kann man auch bei veröffentlichten Papieren von Dokumenten sprechen, aber spalten wir hier keine Haare.)
Beispiele sind interne Berichte, Aktenvermerke, Protokolle, Briefe, Emails oder Intranetdokumente, Verträge, interne Statistiken, sonstige Gebrauchstexte, Dienstanweisungen, Vortragsmanuskripte, PowerPoint-Präsentationen, Urkunden, Organigramme, Geschäftsverteilungspläne, interne Geschäftsordnungen und Verfahrensregeln, Aktenpläne, Dienstvereinbarungen, Stellenpläne und -beschreibungen, Jahres- und Tätigkeitsberichte, interne Untersuchungen, Haushaltsdokumente, Daten aus Benchmarking- und Kosten-Leistungs-Rechnung usw.
Diese Dokumente sind nun überhaupt nicht für einen Leser direkt zugänglich (es sei denn, sie sind bereits in einem öffentlichen Archiv). Wer also solche benutzt, hat eine besondere Verantwortung, Informationen über diese Quelle zu dokumentieren.
Vor allem gilt es zu prüfen, wie verlässlich die Quelle ist, ob sie vollständig ist, und wie man sie einordnen muss. Wenn Sie tatsächlich "Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können", in irgendeiner Akte vorfinden, ist Vorsicht geboten.
Im besten Fall gelingt es Ihnen, die fehlenden Informationen zu rekonstruieren -- durch Suche nach ähnlichen Dokumenten, durch Nachfragen o.ä.. Ob sich die detektivische Kleinarbeit lohnt, müssen Sie entscheiden. Fehlen Quelleninfos, und nutzen Sie die Quelle trotzdem, dürfen Sie den Leser über die Defizite nicht im Unklaren lassen. Machen Sie auch im Text Ihre quellenkritische Haltung deutlich. Erläutern Sie, warum Sie diese Quelle wie interpretieren und warum das legitim ist.
Natürlich müssen Sie wiederum genau im Quellenverzeichnis (Dokumente von Literatur trennen) bezeichnen, was für eine Quelle es ist -- und erneut ist eine Kopie des Dokuments, zumindest bestimmter Passagen, im Anhang sinnvoll. Ist die Quelle ganz zentral, gehört die Kopie eher in den Hauptteil.
- Wie geht man in der Bachelorarbeit genau mit selbst angelegten Onlineumfragen um (Belege etc.)? > Antwort "Selbst forschen: Umfragen, Interviews, Dokumente auswerten und belegen" (28.6.12)
- Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)?
- Wenn man jemanden interviewt, wie macht man dann genau den Beleg? > Antwort: "Qualitative Interviews -- Transkripte & Co." (29.6.12)
- Es führt kein Weg daran vorbei, das mit dem Betreuer detailliert zu besprechen. Persönliche Vorstellungen und Vorlieben, wie empirische Daten und Methoden zu dokumentieren sind, variieren erheblich.
- Gerade bei BA-Arbeiten sind viele Betreuer willens, pragmatisch Ansprüche herunterzuschrauben und Kompromisse bei einigen Dokumentationsstandards einzugehen, um die Belastung bei der extrem kurzen Bearbeitungszeit zu senken. Siehe dazu auch den Blogbeitrag: "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied" (28.12.10)
- Lesen Sie im Detail nach, was Handbücher und Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur empirischen Sozialforschung dazu sagen.
Graue Literatur und interne Dokumente
Frage 2. Wie geht man mit Materialien aus der Verwaltung um (Reden, die von Mitarbeitern gehalten wurden etc.; Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können; Kopien etc.)?Wenn es sich um Veröffentlichungen handelt, ist das typische "Graue Literatur" -- grob gesagt Publikationen von Institutionen und Organisationen, die nicht in Bibliotheken und von Verlagen vorgehalten werden.
- Dazu gehören bei einer Landkreisbehörde z.B. öffentliche Berichte, Broschüren, Merkblätter oder Formulare für Bürger, Pressemitteilungen oder auch veröffentlichte Reden des Landrats u.v.a. - online oder offline.
- Amtsblätter können Sie wie Zeitschriften belegen (es sind ja Periodika).
- Kreistagsvorlagen belegen Sie wie Parlamentaria und Rechtsquellen.
- Bei allen anderen veröffentlichten Materialien gibt es keine vollstandardisierte Belegweise: Versuchen Sie diese so genau wie möglich im Quellenverzeichnis zu beschreiben, also mit genauem Herausgeber/Autor, Erscheinungsdatum und -ort, Titel und Untertitel, ggf. Publikationsnummer (soweit angegeben), Art der Quelle (also z.B. Broschüre, Merkblatt...).
"Graue Literatur" ist für den Leser schwer zu beschaffen, manchmal gar nicht. Formal wäre es daher angezeigt, die verwendeten Veröffentlichungen im Anhang als Kopie/Faksimile zu dokumentieren. Nur so lassen sich die Quellen ja nachvollziehen.
Aber: Praktisch ist es eher sinnlos, damit einen gewaltigen Anhang zu füllen. Bezieht man sich aber auf bestimmte Passagen oder Seiten, oder ist der Kontext oder die Machart wichtig, ist eine Kopie eines Auszugs sinnvoll -- z.B. wenn man zeigen möchte, auf welche Art die Verwaltung mit dem Bürger über ein Thema kommuniziert.
Handelt es sich um nicht-veröffentlichte Materialien, sondern um Interna, dann gilt dies nicht als "Graue Literatur". Das sind "Dokumente". (Allerdings kann man auch bei veröffentlichten Papieren von Dokumenten sprechen, aber spalten wir hier keine Haare.)
Beispiele sind interne Berichte, Aktenvermerke, Protokolle, Briefe, Emails oder Intranetdokumente, Verträge, interne Statistiken, sonstige Gebrauchstexte, Dienstanweisungen, Vortragsmanuskripte, PowerPoint-Präsentationen, Urkunden, Organigramme, Geschäftsverteilungspläne, interne Geschäftsordnungen und Verfahrensregeln, Aktenpläne, Dienstvereinbarungen, Stellenpläne und -beschreibungen, Jahres- und Tätigkeitsberichte, interne Untersuchungen, Haushaltsdokumente, Daten aus Benchmarking- und Kosten-Leistungs-Rechnung usw.
Diese Dokumente sind nun überhaupt nicht für einen Leser direkt zugänglich (es sei denn, sie sind bereits in einem öffentlichen Archiv). Wer also solche benutzt, hat eine besondere Verantwortung, Informationen über diese Quelle zu dokumentieren.
- Was für eine Art Dokument ist es?
- Was sind die äußeren Merkmale, der Inhalt und die Aussagekraft?
- Was ist der Zweck, die Funktion?
- Ist es aktuell oder veraltet?
- Wie entstand das Dokument? Wann, wo? In welchem Kontext?
- Wie sind Sie an dieses Dokument gelangt?
Vor allem gilt es zu prüfen, wie verlässlich die Quelle ist, ob sie vollständig ist, und wie man sie einordnen muss. Wenn Sie tatsächlich "Ausdrucke, die nicht mehr wirklich zugeordnet werden können", in irgendeiner Akte vorfinden, ist Vorsicht geboten.
Im besten Fall gelingt es Ihnen, die fehlenden Informationen zu rekonstruieren -- durch Suche nach ähnlichen Dokumenten, durch Nachfragen o.ä.. Ob sich die detektivische Kleinarbeit lohnt, müssen Sie entscheiden. Fehlen Quelleninfos, und nutzen Sie die Quelle trotzdem, dürfen Sie den Leser über die Defizite nicht im Unklaren lassen. Machen Sie auch im Text Ihre quellenkritische Haltung deutlich. Erläutern Sie, warum Sie diese Quelle wie interpretieren und warum das legitim ist.
Natürlich müssen Sie wiederum genau im Quellenverzeichnis (Dokumente von Literatur trennen) bezeichnen, was für eine Quelle es ist -- und erneut ist eine Kopie des Dokuments, zumindest bestimmter Passagen, im Anhang sinnvoll. Ist die Quelle ganz zentral, gehört die Kopie eher in den Hauptteil.
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16. Mai 2012
Muss die "Fragestellung" eine Frage sein?
Zwei Studentinnen rätseln:
Ein Thema muss eingegrenzt werden, klar. Aber selbst wenn der Autorin das gut gelingt, hat sie immer noch unendliche Möglichkeiten, daraus Fragestellungen zu entwickeln.
In einem früheren Blogbeitrag(11.1.11) schrieb ich:
Der Titel der Arbeit hat übrigens mit der Fragestellung nicht unbedingt etwas zu tun. Im besten Fall lässt sich die Fragestellung aus dem Titel schon erkennen. Und manche Titel werden als Fragesatz formuliert. Eigentlich aber sind Fragestellungen deutlich zu komplex und differenziert, als dass sie sich in einen kurzen Titel quetschen ließen. Das geht also nur in Kurzform, wenn überhaupt. Die meisten Titel umreißen das Thema.
Die FH Nordwestschweiz schlägt vor, die Fragestellung nach einem Dreisatz zu entwickeln:
Maier & Palme (WU Wien) schreiben, eine gute Fragestellung soll
Ich hatte das mit den Forschungsfragen oben anders formuliert und meine, dass auch mehrere Forschungsfragen möglich sind -- unterscheide aber Hauptfrage und Nebenfragen. Ansonsten stimme ich den Kollegen aber zu.
Die Wiener führen weiter aus:
Alles in allem: Wenn Sie eine echte Frage mit Fragezeichen stellen, also klar durch die W-Fragewörter "wer?", "was?", "wie?", "wo?", "wann?", "warum?" gekennzeichnet, ist es vermutlich für die notwendige Präzisierung am besten.
Und das muss dann auch in der Einleitung Ihrer Arbeit entsprechend differenziert erläutert werden. Dafür ist die Einleitung da.
Weitere Tipps:
Verwandte Beiträge in diesem Blog:
- "wie die Fragestellung genau formuliert werden muss. Eher als eine Art Untertitel oder richtig als Frage?"
- "ob die Fragestellung" wirklich als Frage formuliert sein muss oder ob es genügt, wenn man als Thema 'XXX' angibt?
Ein Thema muss eingegrenzt werden, klar. Aber selbst wenn der Autorin das gut gelingt, hat sie immer noch unendliche Möglichkeiten, daraus Fragestellungen zu entwickeln.
In einem früheren Blogbeitrag(11.1.11) schrieb ich:
Studenten suchen meist nur "ein Thema". Professoren aber beharren darauf, dass Sie nicht nur ein "Thema" brauchen, sondern eine Fragestellung.
Das Thema ist der weit gefasste inhaltliche Gegenstand, mit dem sich eine Studie befasst (mehr oder weniger konkret). Eine Fragestellung ist dagegen ein Problem, das besser verstanden oder gelöst werden muss: Die Frage, die Sie mit Ihrer Arbeit beantworten. Daraus ist ein Untersuchungsziel zu entwickeln: die wichtigste Absicht oder der Zweck: Was wollen Sie erreichen? Dann entstehen die Forschungsfragen (immer mehrere): Fragen, die man in der Studie beantworten will. Wobei Haupt- und Nebenfragen zu unterscheiden sind. Bei der "Operationalisierung" schließlich geht es um das Zerlegen in viele Detailfragen, die Sie Schritt für Schritt bearbeiten können.Je klarer sich die Autorin darüber ist, auf was sie eigentlich eine Antwort finden will, desto leichter wird auch die Bearbeitung. Wer nur ein "Thema" formuliert, neigt oft dazu, sich darum herum zu mogeln. Leider sind nicht alle Betreuer einer Arbeit in der Konzeptionsphase pingelig -- hinterher mosern sie aber trotzdem über Defizite bei der Fragestellung.
Der Titel der Arbeit hat übrigens mit der Fragestellung nicht unbedingt etwas zu tun. Im besten Fall lässt sich die Fragestellung aus dem Titel schon erkennen. Und manche Titel werden als Fragesatz formuliert. Eigentlich aber sind Fragestellungen deutlich zu komplex und differenziert, als dass sie sich in einen kurzen Titel quetschen ließen. Das geht also nur in Kurzform, wenn überhaupt. Die meisten Titel umreißen das Thema.
Die FH Nordwestschweiz schlägt vor, die Fragestellung nach einem Dreisatz zu entwickeln:
- Ich untersuche / arbeite an / forsche über … [THEMA]
- ...weil ich herausfinden möchte, wer / was / wann / wo / welche / warum / wie / ob … [FRAGE - ERKENNTNISINTERESSE]
- ...um zu zeigen, wie / warum / ob ... [FRAGE - ABSICHT]
Maier & Palme (WU Wien) schreiben, eine gute Fragestellung soll
- eine klare Anleitung dafür geben, was zur Arbeit gehört und was nicht und
- die Ableitung eines Arbeitsplanes erlauben.
- "möglichst klare und präzise definierte Begriffe verwenden. Da Sie die Definition von Begriffen nicht in die Frage selbst packen können, beinhaltet eine gute Fragestellung neben der Formulierung der zu beantwortenden Frage auch noch eine Erläuterung und Präzisierung der wichtigsten darin verwendeten Begriffe. Stellen Sie sicher, dass Ihr Betreuer bzw. Ihre Betreuerin die von Ihnen formulierte Forschungsfrage genau so versteht wie Sie."
- "keine offenen Enden oder vagen Formulierungen aufweisen. Hüten Sie sich vor Formulierungen wie 'alle damit verbundenen Auswirkungen', 'alle wichtigen Einflussfaktoren', etc. Was 'alle' sind, ist völlig unklar und jede(r) kann darunter etwas anderes verstehen. Versuchen Sie nicht, alles zu versprechen. Dieses Versprechen können Sie nicht einlösen. Sagen Sie möglichst genau, welche Einflussfaktoren und welche Auswirkungen Sie für wichtig erachten und in Ihrer Arbeit behandeln wollen."
- "eine - nicht mehrere - Forschungsfragen aufwerfen. Natürlich kann man leicht zwei oder mehr Fragen in eine packen, wenn man sie mit 'und' verbindet. Beispielsweise: 'Wer wandert von Wien in das Wiener Umland, warum und wie wirkt sich diese Wanderung aus?' Diese Forschungsfrage stellt eigentlich drei Fragen, nämlich (1) wer wandert? (2) warum wird gewandert? und (3) wie wirkt sich diese Wanderung aus? Jede dieser Fragen erfordert eine andere Analysemethode und zum Teil auch andere theoretische Konzepte und Daten."
Ich hatte das mit den Forschungsfragen oben anders formuliert und meine, dass auch mehrere Forschungsfragen möglich sind -- unterscheide aber Hauptfrage und Nebenfragen. Ansonsten stimme ich den Kollegen aber zu.
Die Wiener führen weiter aus:
"Uns ist bisher noch keine Fragestellung unter gekommen, die zu eng gefasst gewesen wäre. Der Grund für diese Zweifel und etwaige damit verbundene Panik-Attacken liegt darin, dass Sie als Student bzw. Studentin typischerweise nicht wissen, wie umfangreich die wissenschaftliche Literatur und wie tiefgehend die Diskussion zu der von Ihnen gewählten Fragestellung schon ist. Das heißt nicht, dass genau diese Frage schon untersucht wurde, sondern vielmehr, dass zahlreiche Detailaspekte, auf die Sie bei der Bearbeitung dieser Frage stoßen werden, ausführlich diskutiert sind. Etwa: Die Frage, wie man Untersuchungsgebiete sinnvoll abgrenzt, wie verschiedene Konzepte miteinander in Verbindung stehen und sich auch unterscheiden, welche Probleme bei bestimmten Datenquellen auftreten, welche Vor- und Nachteile verschiedene mögliche Analysemethoden aufweisen, usw.Eng und präzise soll sie also sein, die Fragestellung. Das fällt nicht vom Himmel in den Schoß, sondern ist mühsam. "Ein Prozess der Präzisierung", sagen die Wiener Kollegen. "Natürlich schneiden Sie, je enger und präziser Sie eine Fragestellung formulieren, zahlreiche Aspekte - die ja auch irgendwie damit zusammen hängen - weg." Schwierig, ja. Das erfordert ein Ordnen, Sortieren, In-Beziehung-Setzen, Vergleichen, schließlich eine Rangfolge der interessantesten und bevorzugten Fragen, und dann eine Entscheidung.
Sie sehen - hoffentlich -, dass auch in einer eng gefassten Fragestellung normalerweise genügend Material für Ihre wissenschaftliche Arbeit enthalten ist. Verfallen Sie also nicht in den Fehler, alles zu wollen oder zumindest alles zu versprechen."
Alles in allem: Wenn Sie eine echte Frage mit Fragezeichen stellen, also klar durch die W-Fragewörter "wer?", "was?", "wie?", "wo?", "wann?", "warum?" gekennzeichnet, ist es vermutlich für die notwendige Präzisierung am besten.
Und das muss dann auch in der Einleitung Ihrer Arbeit entsprechend differenziert erläutert werden. Dafür ist die Einleitung da.
Weitere Tipps:
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4. April 2012
Aufsätze mit "Peer Review"
Bei der Literaturrecherche verlangt Ihr Professor, dass Sie bitteschön Forschungsaufsätze aus wissenschaftlichen Fachzeitschriften mit "Peer Review" heraussuchen sollen. Und nachweisen sollen Sie das auch noch.
Dummerweise gibt es keine Kataloge und Recherchetools, mit denen sich die Aufgabe leicht lösen lässt. Und Fachzeitschriften haben kein einheitliches Format oder Symbol, mit dem "Peer Review" angezeigt wird. Was das ist, ist für Studenten ohnehin ein Rätsel. Der Professor murmelt nur etwas von "Königsklasse" der wissenschaftlichen Qualität. Aber warum soll das besser sein als ein Buch oder ein sonstiger richtig guter Artikel?
In einem solchen Gremium zu sein, bedeutet Prestige, wissenschaftliche Reputation -- und ein Quäntchen Macht über das, was die Fachdisziplin diskutiert. Das ist nicht nur ein Beirat, wie ihn praxisorientierte Zeitschriften oft haben.
Davon ist aber der Begutachtungsprozess getrennt zu sehen. Zwar entscheidet letztendlich das Redaktionsgremium, aber es bindet sich selbst an ein bestimmtes Verfahren: eben den "Peer Review". Es gibt auch andere Bezeichnungen. Englisch wird neben "peer-reviewed journal" auch von "juried journal" oder "refereed journal" gesprochen.
Mit "Peers" sind Kollegen gemeint -- Wissenschaftler sollen Wissenschaftler begutachten. Die "Reviewer" sind externe, unabhängige Gutachter. Auch als Reviewer tätig zu sein, ist ein Reputationsgewinn -- Honorar gibt es dafür sehr selten. Sie prüfen die eingereichten und vom Redakteur vorgeschlagenen Artikel, sie geben Hinweise und Korrekturtipps für den Autor, der den Aufsatz dann noch einmal überarbeiten kann (oder muss).
Nur wenn die Gutachter der Veröffentlichung zustimmen, wird veröffentlicht. Das Prestige einer Publikation ist oft umso höher, je höher die Ablehnungsquote ist.
Damit die Gutachter wirklich unabhängig sind, werden die Aufsatzvorschläge oftmals anonymisiert. Die Reviewer sind also "blind", sie wissen nicht, wer den Text geschrieben hat. Meist wird der Text von mehreren Personen begutachtet.
Das ist ein ziemlich großer Aufwand, und das Verfahren dauert viele Monate; manchmal sogar Jahre. Ein halbes Jahr kann man meist rechnen, wissenschaftliche Zeitschriften sind also nicht brandaktuell. Bei den veröffentlichten Aufsätzen findet sich daher oft eine "article history", die anzeigt, wann der Aufsatz einging, wie er durchs Verfahren lief, wann er endgültig akzeptiert wurde. So kann man die Publikationsgeschichte etwas nachverfolgen und sehen, wie aktuell er ist.
Wenn Sie den Aufsatz in einer Zeitschriften-Datenbank finden, achten Sie auf Hinweise und Symbole. In manchen Datenbanken können Sie explizit nach "peer-reviewed scholarly journals" suchen (und alles andere von der Suche ausschließen).
Der beste Weg führt zur Homepage der Zeitschrift. Das ist nicht dasselbe wie die Datenbank, die die Zeitschrift führt! Auf der Internetseite finden Sie in der Regel
Wichtig: Auch in einem "peer-reviewed journal" unterliegen nicht immer alle Beiträge einem Gutachterverfahren. Eine Zeitschrift kann z.B. mehrere Artikelkategorien haben: Forschungsaufsätze, kurze Beiträge zu Debattenforen, Leserbriefe, Buchrezensionen und Praktiker-Gastbeiträge, Mitteilungen von Fachverbände o.ä. In der Regel wird der Aufwand für den "Peer Review" nur für die großen Aufsätze, in denen Forschungsergebnisse präsentiert werden, betrieben.
Ein bißchen Medienkunde: Schauen Sie einmal, was Wikipedia allgemein zu Fachzeitschriften und zur Untergattung der wissenschaftlichen Zeitschriften zu sagen hat.
Nicht alles, was als "Fachliteratur" klassizifiziert werden kann, ist eine Fachzeitschrift. Es gibt Fachbücher, Loseblattsammlungen, irgendwelche "Papers", Vortragsskripte, Präsentationen, Online-Dienste...
Eine Fz ist ein Periodikum, erscheint also regelmäßig (ob gedruckt oder online oder beides), und richtet sich an Experten. Experten können auch Praktiker sein. Tatsächlich gibt es viele Magazine, Wochen- und Monatsblätter oder sonstige Zeitschriftenformate, die vorrangig praxisorientiert sind -- oder sich an ein gemischtes Publikum aus Praktikern und Wissenschaftlern richten.
Eine streng wissenschaftliche Fachzeitschrift tut das nicht. Sie präsentiert vorrangig wissenschaftliche Forschungsergebnisse und führt akademische Debatten. Wissenschaftler schreiben für Wissenschaftler (ohne Rücksicht auf Studenten und Amateure).
Typisch ist, dass die dortigen Aufsätze...
Es gibt viele Merkmale, an denen Sie die Unterschiede zwischen wissenschaftlichen Fachzeitschriften, praxisorientierten Branchen-Fachzeitschriften und - im noch größeren Kontrast - Publikumszeitschriften leicht erkennen können (zum Vergrößern auf Tabelle klicken):
Dummerweise gibt es keine Kataloge und Recherchetools, mit denen sich die Aufgabe leicht lösen lässt. Und Fachzeitschriften haben kein einheitliches Format oder Symbol, mit dem "Peer Review" angezeigt wird. Was das ist, ist für Studenten ohnehin ein Rätsel. Der Professor murmelt nur etwas von "Königsklasse" der wissenschaftlichen Qualität. Aber warum soll das besser sein als ein Buch oder ein sonstiger richtig guter Artikel?
Schnelleinstieg 1: Was ist "Peer Review"?
Um in der "scientific community" Akzeptanz zu erhalten, richtet eine wissenschaftliche Fachzeitschrift ein Herausgeber- oder Redaktionsgremium ("editorial board") aus Wissenschaftlern ein. Es sind also keine Fachjournalisten und Profiredakteure, sondern Professoren und Forscher, die die akademische Güte garantieren sollen. Oft wird eine Fachzeitschrift von einer wissenschaftlichen Fachvereinigung herausgegeben, die rekrutiert ihre Leute also genau aus diesem Verein.In einem solchen Gremium zu sein, bedeutet Prestige, wissenschaftliche Reputation -- und ein Quäntchen Macht über das, was die Fachdisziplin diskutiert. Das ist nicht nur ein Beirat, wie ihn praxisorientierte Zeitschriften oft haben.
Davon ist aber der Begutachtungsprozess getrennt zu sehen. Zwar entscheidet letztendlich das Redaktionsgremium, aber es bindet sich selbst an ein bestimmtes Verfahren: eben den "Peer Review". Es gibt auch andere Bezeichnungen. Englisch wird neben "peer-reviewed journal" auch von "juried journal" oder "refereed journal" gesprochen.
Mit "Peers" sind Kollegen gemeint -- Wissenschaftler sollen Wissenschaftler begutachten. Die "Reviewer" sind externe, unabhängige Gutachter. Auch als Reviewer tätig zu sein, ist ein Reputationsgewinn -- Honorar gibt es dafür sehr selten. Sie prüfen die eingereichten und vom Redakteur vorgeschlagenen Artikel, sie geben Hinweise und Korrekturtipps für den Autor, der den Aufsatz dann noch einmal überarbeiten kann (oder muss).
Nur wenn die Gutachter der Veröffentlichung zustimmen, wird veröffentlicht. Das Prestige einer Publikation ist oft umso höher, je höher die Ablehnungsquote ist.Damit die Gutachter wirklich unabhängig sind, werden die Aufsatzvorschläge oftmals anonymisiert. Die Reviewer sind also "blind", sie wissen nicht, wer den Text geschrieben hat. Meist wird der Text von mehreren Personen begutachtet.
Das ist ein ziemlich großer Aufwand, und das Verfahren dauert viele Monate; manchmal sogar Jahre. Ein halbes Jahr kann man meist rechnen, wissenschaftliche Zeitschriften sind also nicht brandaktuell. Bei den veröffentlichten Aufsätzen findet sich daher oft eine "article history", die anzeigt, wann der Aufsatz einging, wie er durchs Verfahren lief, wann er endgültig akzeptiert wurde. So kann man die Publikationsgeschichte etwas nachverfolgen und sehen, wie aktuell er ist.Schnelleinstieg 2: Wie stellt man fest, ob die Zeitschrift einen "Peer Review" hat?
Die "article history" gibt schon mal einen ersten Hinweis ("revised" heißt, der Autor musste wegen Gutachterkritik etwas ändern und neu einreichen; "accepted" heißt Annahme in der endgültigen Form.)Wenn Sie den Aufsatz in einer Zeitschriften-Datenbank finden, achten Sie auf Hinweise und Symbole. In manchen Datenbanken können Sie explizit nach "peer-reviewed scholarly journals" suchen (und alles andere von der Suche ausschließen).
Der beste Weg führt zur Homepage der Zeitschrift. Das ist nicht dasselbe wie die Datenbank, die die Zeitschrift führt! Auf der Internetseite finden Sie in der Regel
- eine Beschreibung des Ziels der Zeitschrift und ihrer inhaltlichen Schwerpunkte,
- eine Darstellung des Herausgebergremiums und ihrer Gutachter sowie der Verbindungen zu wissenschaftlichen Vereinigungen,
- eine Darstellung der Redaktions- und Veröffentlichungsverfahren,
- "Hinweise für Autoren", die dort veröffentlichen möchten,
- "Calls for papers", d.h. aktuelle Aufforderungen an Wissenschaftler, Beiträge für eine künftige Ausgabe mit Schwerpunktthemen einzureichen.
Wichtig: Auch in einem "peer-reviewed journal" unterliegen nicht immer alle Beiträge einem Gutachterverfahren. Eine Zeitschrift kann z.B. mehrere Artikelkategorien haben: Forschungsaufsätze, kurze Beiträge zu Debattenforen, Leserbriefe, Buchrezensionen und Praktiker-Gastbeiträge, Mitteilungen von Fachverbände o.ä. In der Regel wird der Aufwand für den "Peer Review" nur für die großen Aufsätze, in denen Forschungsergebnisse präsentiert werden, betrieben.
Kontext
Was ist überhaupt eine "wissenschaftliche" Fachzeitschrift?
Ein bißchen Medienkunde: Schauen Sie einmal, was Wikipedia allgemein zu Fachzeitschriften und zur Untergattung der wissenschaftlichen Zeitschriften zu sagen hat.
Nicht alles, was als "Fachliteratur" klassizifiziert werden kann, ist eine Fachzeitschrift. Es gibt Fachbücher, Loseblattsammlungen, irgendwelche "Papers", Vortragsskripte, Präsentationen, Online-Dienste...
Eine Fz ist ein Periodikum, erscheint also regelmäßig (ob gedruckt oder online oder beides), und richtet sich an Experten. Experten können auch Praktiker sein. Tatsächlich gibt es viele Magazine, Wochen- und Monatsblätter oder sonstige Zeitschriftenformate, die vorrangig praxisorientiert sind -- oder sich an ein gemischtes Publikum aus Praktikern und Wissenschaftlern richten.
Eine streng wissenschaftliche Fachzeitschrift tut das nicht. Sie präsentiert vorrangig wissenschaftliche Forschungsergebnisse und führt akademische Debatten. Wissenschaftler schreiben für Wissenschaftler (ohne Rücksicht auf Studenten und Amateure).
Typisch ist, dass die dortigen Aufsätze...
- über neueste wissenschaftliche Erkenntnisse berichten (aktueller als die meisten Bücher)
- immer Quellenbelege und ein langes Literaturverzeichnis haben
- den Fachjargon ihrer Disziplin benutzen und typische Schlüsselbegriffe (key terms) ausweisen, mit denen Wissenschaftler z.B. den Bezug zu etablierten Theorien und Sachgebieten identifizieren
- sich auf andere Wissenschaftler beziehen (Bezug zum Forschungsstand)
- ausführlich Methoden und Datenanalysen diskutieren
- einen langen, beschreibenden Titel haben (also selten "knackige" Headlines)
- in der Regel deutlich länger als 5 Seiten sind.
Es gibt viele Merkmale, an denen Sie die Unterschiede zwischen wissenschaftlichen Fachzeitschriften, praxisorientierten Branchen-Fachzeitschriften und - im noch größeren Kontrast - Publikumszeitschriften leicht erkennen können (zum Vergrößern auf Tabelle klicken):
![]() |
| Unterschiede von Fachzeitschriften, erweiterte eigene Darstellung und angelehnt an eine Aufstellung der ProQuest-Datenbank (Scholarly Journals, Trade Publications, and Popular Magazines) |
24. Februar 2012
"Zitierkartelle" und "Zwangszitate" in Fachzeitschriften
Dass sich Wissenschaftler gern gegenseitig zitieren und "Zitierkartelle" bauen, wissen Studenten in höheren Semestern meistens. Vielleicht auch, dass akademische Fachzeitschriften umso höhere Reputation einfahren, je häufiger sie zitiert werden.
Wie stark dabei aber manipuliert wird, ist nicht für Studenten, sondern auch für die meisten Profs ein Schocker: Eine Studie in Science ("Coercive Citation in Academic Publishing") enthüllte jüngst die skandalöse Dimension. Fürs deutsche Publikum fasst sie Olaf Storbeck im Handelsblatt-Blog zusammen ("Das schmutzige Geschäft mit Zwangszitaten").
Des Pudels Kern: Die Fachzeitschriften drängen Autoren dazu, in ihre Texte Extra-Zitate aus dem Blatt einzubauen, damit es im Zitate-Ranking noch weiter steigt. Sie drängen nicht nur, sondern sie zwingen auch -- wer's nicht tut, wird nicht veröffentlicht.
Die Herausgeber und Redakteure scheinen dabei völlig schamlos vorzugehen, wie man den Schilderungen aus der Befragung von 6700 Wissenschaftlern entnehmen kann. Die Autoren der Studie halten sie nicht für Einzelfälle. Das Übel hat System.
Die Befragten verurteilen die Nötigung natürlich -- sind aber mehrheitlich bereit, das Spiel mitzumachen, wenn sonst die Veröffentlichung in einer renommierten Publikation nicht möglich wäre.
So viel zum Thema wissenschaftliche Ethik!
Die Studie enthält sogar eine "Schwarze Liste" der besonders auffälligen Fachzeitschriften -- es sind überwiegend betriebswirtschaftliche Blätter (u.a. Journal of Business Research, Journal of Retailing, Marketing Science, Journal of Banking and Finance, Information and Management, Applied Economics, Academy of Management Journal, Group and Organization Management, Journal of Consumer Psychology, Psychology and Marketing).
Wie stark dabei aber manipuliert wird, ist nicht für Studenten, sondern auch für die meisten Profs ein Schocker: Eine Studie in Science ("Coercive Citation in Academic Publishing") enthüllte jüngst die skandalöse Dimension. Fürs deutsche Publikum fasst sie Olaf Storbeck im Handelsblatt-Blog zusammen ("Das schmutzige Geschäft mit Zwangszitaten").
Des Pudels Kern: Die Fachzeitschriften drängen Autoren dazu, in ihre Texte Extra-Zitate aus dem Blatt einzubauen, damit es im Zitate-Ranking noch weiter steigt. Sie drängen nicht nur, sondern sie zwingen auch -- wer's nicht tut, wird nicht veröffentlicht.
Die Herausgeber und Redakteure scheinen dabei völlig schamlos vorzugehen, wie man den Schilderungen aus der Befragung von 6700 Wissenschaftlern entnehmen kann. Die Autoren der Studie halten sie nicht für Einzelfälle. Das Übel hat System.
Die Befragten verurteilen die Nötigung natürlich -- sind aber mehrheitlich bereit, das Spiel mitzumachen, wenn sonst die Veröffentlichung in einer renommierten Publikation nicht möglich wäre.
So viel zum Thema wissenschaftliche Ethik!
Die Studie enthält sogar eine "Schwarze Liste" der besonders auffälligen Fachzeitschriften -- es sind überwiegend betriebswirtschaftliche Blätter (u.a. Journal of Business Research, Journal of Retailing, Marketing Science, Journal of Banking and Finance, Information and Management, Applied Economics, Academy of Management Journal, Group and Organization Management, Journal of Consumer Psychology, Psychology and Marketing).
13. Oktober 2011
Ich-Form
"Darf man wirklich nicht die Ich-Form benutzen? Muss ich immer 'man' schreiben?", fragt eine Studentin.
Der Streit ist uralt. Dreht er sich nur um eine Stilfrage? Geht's um persönlichen Geschmack?
Nicht ganz. In den meisten Wissenschaften ist die Haltung, dass die Autorin so weit wie möglich hinter der Materie zurücktreten soll. Wissenschaft soll so objektiv und unbelastet von persönlichen Einschätzungen und Einlassungen sein wie möglich. Das drückt sich auch im Stil aus. "Ich" soll inhaltlich gar keine Rolle spielen.
Allerdings: Das ist eher eine Konvention mit Symbolwert -- und vielfach fragwürdig.
Allerdings gibt es Studierende, die die sachorientierte Argumentation nicht gut beherrschen und einen wissenschaftlichen Text mit einem Erguss persönlicher Meinungen verwechseln. Da wimmelt es dann von persönlichen Bezügen: "Ich finde", "Ich meine", "Ich denke".
Das führt manchmal auf die falsche Bahn, denn der Autor führt sich selbst als Autorität anstelle einer Quelle oder eines Sacharguments ein.
Das "Ich" lenkt den Leser auch ab. Sie sollten also einen guten Grund haben, wenn Sie im Haupttext ein "Ich" verwenden. Meistens ist es vermeidbar, ohne die Sätze zu verrenken.
Ansonsten gilt: Sprechen Sie mit Ihrem Professor, ob er "Ich" erlaubt oder nicht. Fragen Sie ihn aber auch, warum er das so sieht.
Schließlich: Wir Deutschen sind da im internationalen Vergleich besonders leicht zu kitzeln. Die deutsche Sprache bietet viele Möglichkeiten, den einfachen aktiven Satz zu umgehen, und das ist selbst im Alltag ständig zu beobachten (wie dieser Satz mit zwei "zu" beweist). Eine kulturelle Eigenheit. Im Englischen finden sich viel mehr "Ich" und "Wir", auch in der Wissenschaftssprache; "one" (im Sinne des deutschen "man") sieht man selten, Passivkonstruktionen ebenso.
Der Streit ist uralt. Dreht er sich nur um eine Stilfrage? Geht's um persönlichen Geschmack?
Nicht ganz. In den meisten Wissenschaften ist die Haltung, dass die Autorin so weit wie möglich hinter der Materie zurücktreten soll. Wissenschaft soll so objektiv und unbelastet von persönlichen Einschätzungen und Einlassungen sein wie möglich. Das drückt sich auch im Stil aus. "Ich" soll inhaltlich gar keine Rolle spielen.
Allerdings: Das ist eher eine Konvention mit Symbolwert -- und vielfach fragwürdig.
- Ein Text wird nicht automatisch objektiver, nur weil der Autor das "Ich" sprachlich versteckt.
- Ein Text wird nicht lesbarer und schöner, wenn ein Autor umständliche Passivkonstruktionen benutzt ("Es wird untersucht" oder "Kapitel 3 untersucht" statt "Ich untersuche...") oder gar ständig "man" verwendet.
- Manche Autoren schreiben in der dritten Person: "Der Autor...", "Der Verfasser...". Studenten kostet das viel Überwindung, es ist ja auch ziemlich komisch, sich beim Schreiben von sich selbst zu distanzieren.
Allerdings gibt es Studierende, die die sachorientierte Argumentation nicht gut beherrschen und einen wissenschaftlichen Text mit einem Erguss persönlicher Meinungen verwechseln. Da wimmelt es dann von persönlichen Bezügen: "Ich finde", "Ich meine", "Ich denke".
Das führt manchmal auf die falsche Bahn, denn der Autor führt sich selbst als Autorität anstelle einer Quelle oder eines Sacharguments ein.
Das "Ich" lenkt den Leser auch ab. Sie sollten also einen guten Grund haben, wenn Sie im Haupttext ein "Ich" verwenden. Meistens ist es vermeidbar, ohne die Sätze zu verrenken.
Ansonsten gilt: Sprechen Sie mit Ihrem Professor, ob er "Ich" erlaubt oder nicht. Fragen Sie ihn aber auch, warum er das so sieht.
Schließlich: Wir Deutschen sind da im internationalen Vergleich besonders leicht zu kitzeln. Die deutsche Sprache bietet viele Möglichkeiten, den einfachen aktiven Satz zu umgehen, und das ist selbst im Alltag ständig zu beobachten (wie dieser Satz mit zwei "zu" beweist). Eine kulturelle Eigenheit. Im Englischen finden sich viel mehr "Ich" und "Wir", auch in der Wissenschaftssprache; "one" (im Sinne des deutschen "man") sieht man selten, Passivkonstruktionen ebenso.
7. Juni 2011
Studentische Hausarbeiten als Quelle? Zitierfähig, aber nicht zitierwürdig
"Ich habe eine interessante Hausarbeit von einem Studenten gefunden. Ist es angebracht, so etwas als Quelle anzugeben?", fragt mich eine Studentin.
Erst einmal eine Gegenfrage: In der Vorlesung sitzen um Sie lauter Kommilitonen herum. Würden Sie deren Belegarbeiten vom letzten Semester zitieren wollen, wenn Sie eine Fachautorität brauchen?
Also: Eher nicht. Bei unkonventionellen Quellen prüfen Sie stets "Zitierfähigkeit und Zitierwürdigkeit". Das Begriffspärchen steht für wichtige Bedingungen, die eine Quelle erfüllen sollte, bevor sie unter das Dach Ihres Werkes schlüpfen darf.
Die Zitierfähigkeit ist simpel. Es geht hier um die Frage, ob Ihr Leser die von Ihnen genutzte Quelle schnell auffinden kann, um sie selbst zu prüfen. Denn Nachvollziehbarkeit der Argumentation anhand der Quellen ist ein Qualitätsausweis der Wissenschaft. Das ist formale Verfügbarkeit, möglichst eine dauerhafte: Bücher und Zeitschriften stehen in Bibliotheken (und sind prinzipiell per Fernleihe zu haben, auch Abschlussarbeiten) und sind im Buchhandel lieferbar, viele Dokumente sind in wissenschaftlichen Datenbanken abgelegt. Easy. Nicht so einfach ist es, wenn Sie eine Broschüre, ein Flugblatt oder gar interne Vermerke der CIA zitieren. Darum ist man manchmal gezwungen, solche Quellen im Anhang als Volltext/Kopie zu dokumentieren.
Das Internet hat vieles verfügbar gemacht, was früher nicht so einfach verfügbar war. Dazu gehören auch studentische Hausarbeiten, weil Studenten gern versuchen, mit ihren Seminarleistungen über kommerzielle Hausarbeiten-Plattformen ein paar Euro dazuzuverdienen. Wenn die Arbeit dort eingestellt ist, ist sie formal verfügbar.
Manchmal ist eine Note angegeben. Das ist aber eine Angabe, die der Anbieter selbst macht. Und wer gibt schon "3,7" für eine Arbeit an, die er verkaufen will? Und selbst wenn es wirklich eine "1,3" war -- wer sagt, dass der Dozent diese Arbeit wirklich genau gelesen hat? Die üblichen Anbieter-Plattformen überprüfen die Arbeiten inhaltlich nicht.
Erst einmal eine Gegenfrage: In der Vorlesung sitzen um Sie lauter Kommilitonen herum. Würden Sie deren Belegarbeiten vom letzten Semester zitieren wollen, wenn Sie eine Fachautorität brauchen?
Also: Eher nicht. Bei unkonventionellen Quellen prüfen Sie stets "Zitierfähigkeit und Zitierwürdigkeit". Das Begriffspärchen steht für wichtige Bedingungen, die eine Quelle erfüllen sollte, bevor sie unter das Dach Ihres Werkes schlüpfen darf.
Die Zitierfähigkeit ist simpel. Es geht hier um die Frage, ob Ihr Leser die von Ihnen genutzte Quelle schnell auffinden kann, um sie selbst zu prüfen. Denn Nachvollziehbarkeit der Argumentation anhand der Quellen ist ein Qualitätsausweis der Wissenschaft. Das ist formale Verfügbarkeit, möglichst eine dauerhafte: Bücher und Zeitschriften stehen in Bibliotheken (und sind prinzipiell per Fernleihe zu haben, auch Abschlussarbeiten) und sind im Buchhandel lieferbar, viele Dokumente sind in wissenschaftlichen Datenbanken abgelegt. Easy. Nicht so einfach ist es, wenn Sie eine Broschüre, ein Flugblatt oder gar interne Vermerke der CIA zitieren. Darum ist man manchmal gezwungen, solche Quellen im Anhang als Volltext/Kopie zu dokumentieren.
Das Internet hat vieles verfügbar gemacht, was früher nicht so einfach verfügbar war. Dazu gehören auch studentische Hausarbeiten, weil Studenten gern versuchen, mit ihren Seminarleistungen über kommerzielle Hausarbeiten-Plattformen ein paar Euro dazuzuverdienen. Wenn die Arbeit dort eingestellt ist, ist sie formal verfügbar.
- Fazit 1: Wenn die studentische Hausarbeit dauerhaft verfügbar ist, kann man sie als formal zitierfähig bezeichnen.
- Fazit 2: Studentische Hausarbeiten aus einer Lehrveranstaltung gelten in der Regel als nicht zitierwürdig.
- Fazit 3: Nutzen Sie studentische Hausarbeiten vorrangig zur Information, um Ihre eigene Recherche voranzutreiben.
Manchmal ist eine Note angegeben. Das ist aber eine Angabe, die der Anbieter selbst macht. Und wer gibt schon "3,7" für eine Arbeit an, die er verkaufen will? Und selbst wenn es wirklich eine "1,3" war -- wer sagt, dass der Dozent diese Arbeit wirklich genau gelesen hat? Die üblichen Anbieter-Plattformen überprüfen die Arbeiten inhaltlich nicht.
- Fazit 4: Werten Sie studentische Arbeiten mit besonders kritischem Auge aus. Tappen Sie in keine Falle.
21. Februar 2011
Tipps von Master-Studenten: Wie man einen wissenschaftlichen Aufsatz liest
Aufsätze in wissenschaftlichen Fachzeitschriften sind anders als einführende Lehrbücher oder Zeitungsartikel. Für Studenten sind sie schwieriger zu lesen, denn sie werden von Experten für Experten geschrieben und präsentieren aktuelle, oft sehr spezialisierte Forschung in einer Fachdisziplin. Master-Studenten müssen sich damit auseinander setzen. Einige meiner Master-Studenten haben Vorschläge, wie man sich solche Texte erarbeiten kann (Zusammenfassung).
"Was wirklich hilft, ist, sich erst einmal eine grobe Übersicht über die Struktur des Artikels zu verschaffen. Als ersten Schritt überfliege ich die Überschriften und Zwischenüberschriften. Ich lese zuerst das Abstract und den Schluss. Dann habe ich so eine Grundidee, worum es geht. Spezielle Begriffe schlage ich z.B. mit Google nach. Dann lese ich Absatz für Absatz. Das Lesen und Verstehen kann viel Zeit kosten, da muss man sich Zeit fürs Noch-einmal-Lesen nehmen. Je mehr solche Texte man liest, desto besser versteht man die wissenschaftliche Schreibe -- ganz klar Übungssache!"
"1. Einführung und Fazit zuerst lesen. Dann weiß man, worum es geht. 2. Schlüsselbegriffe des Artikels markieren und im Hinterkopf behalten, immer darauf achten, wo und wie sie verwendet werden. 3. Den Hauptteil lesen, versuchen ihn zu strukturieren; Grundfragen klären - was, wer, warum? 4. Noch einmal das Fazit genau lesen, um den Inhalt des Hauptteils und seine Bedeutung zu resümieren."
"Darauf achten, welche Begriffe eingeführt werden. Es ist wichtig, alle unklaren Begriffe zu finden und sein eigenes Verständnis des Themas zu überprüfen. Der Hauptunterschied zwischen einem wissenschaftlichen Aufsatz zu Lehrbüchern und Zeitungen ist, dass ein Aufsatz Hintergrundwissen voraussetzt. Darum musst man sich zusätzlich Hintergrundinformationen verschaffen, auch wenn das ganz schön viel Zeit kosten kann."
"Ich lese den Aufsatz einmal ganz durch und unterstreiche unbekannte Wörter. Ich lese ihn dann noch einmal, übersetze zentrale Begriffe und streiche die interessanten Sätze mit einem Textmarker an. Bei einem fremdsprachlichen Text, vor allem bei komplexen Sätzen, ist es sinnvoll, sich ein (einsprachiges) Wörterbuch daneben zulegen. Vor der Diskussion im Seminar lese ich den Text noch einmal, um beim Inhalt sicher zu sein."
"Manchmal muss man einen Text mehrmals lesen, bevor man in der Lage ist, ihn richtig wiederzugeben. Nicht beim ersten Mal aufgeben."
"Nicht demotivieren lassen, nur weil diese Aufsätze sehr komplex und lang scheinen. Am besten nicht auf die langen Fußnoten und Literaturnachweise schauen. Nicht frustrieren lassen, wenn da mal ein Wort ist, das man nicht versteht. Man muss nicht jedes einzelne Wort verstehen. Nachschlagen, wenn es so wichtig ist, dass der Kontext ohne dieses Wort nicht verstanden werden kann."
"Die meisten Aufsätze haben ein Abstract. Das sollte man unbedingt zuerst lesen, weil darin die Kernideen und der Ansatz enthalten sind. Die Einführung sagt in der Regel einiges darüber aus, an welcher Diskussion sich der Autor beteiligen will, welche Methoden er verwendet, und die zentrale Aussage findet sich hier auch. Einführung und Schluss muss man als eine Einheit sehen. Versteht man das, versteht man meist auch den Rest. Die Literaturliste zeigt, in welchem akademischen Zusammenhang der Autor schreibt. Da kann man sich auch etwas Zusatzwissen holen. Es ist sinnvoll, sich die wichtigen Aspekte der wesentlichen Absätze herauszuschreiben, wie ein Protokoll."
"Ich habe da meine eigene Reihenfolge, wie ich vorgehe. Ich überfliege den Text, damit ich weiß, worum es geht. Dann forsche ich ein bißchen im Internet oder in Büchern nach, um Hintergrundwissen zu bekommen. Wenn ich den Text gelesen haben, überprüfe ich: Habe ich's verstanden? Ich versuche, den Inhalt so zusammenzufassen und zu erklären, dass ihn jemand anderes verstehen kann."
"Wenn der Artikel zu groß ist, um alles auf einmal zu verstehen und ich den roten Faden verliere, dann teile ich mir den Artikel in mehrere Teile auf und lese stückweise, mit kurzen Pausen. Die Seminardiskussion ist ganz gut, um den Gesamtzusammenhang zu verstehen und zu klären, was einem fehlt."
"Der Textmarker ist für mich wichtig. Man muss nur aufpassen, dass man nicht jede Textzeile farbig markiert. Man sollte vor dem Markieren also wissen, worum es geht und was das zentrale Argument ist, sich auch ein paar Notizen machen. Nicht nur anstreichen, sondern auch am Rand wichtige Aussagen oder Fragen notieren. Man kann auch ein paar eigene Zwischenüberschriften einfügen."
"Mit der Zeit, also wenn man ein paar von diesen Aufsätzen gelesen hat, kommt Erfahrung. Der erste große wissenschaftliche Artikel, den man liest, ist der schwierigste. Nach und nach gewöhnt man sich an Struktur und Sprache. Von den nächsten Aufsätzen, die man liest, hat man dann auch mehr."
"Wissenschaftliche Aufsätze werden über sehr spezifische Themen geschrieben. Darum muss man sich fragen: Was weiß ich schon über das Thema, was sind meine Vermutungen, habe ich schon mal was darüber in Vorlesungen oder in anderen Büchern gehört. Nach dem Lesen solte man sich selbst ein paar Fragen zu Text und Thema notieren."
"So einen Aufsatz in der Bahn oder in kurzen Pausen zwischen Vorlesungen zu lesen, macht wenig Sinn. Man muss sich schon ziemlich konzentrieren. Es kostet Zeit zu lesen UND zu verstehen."
"Ich lese grundsätzlich zweimal. Beim ersten Mal gehts mir um die Übersicht, beim zweiten Mal um die Details, da will ich der Logik des Autors voll folgen können. Ich will auch immer wissen: Was sind hier die Fakten? Ohne die kann ich den Artikel nicht richtig analysieren. Allerdings sind nicht alle Fakten nützlich, wenn man die Kernidee eines Aufsatzes auswickeln will. Wichtig sind auch die Aussagen über den Zusammenhang von Ursache und Wirkung - was bewirkt was? Darüber sollte man sich dann auch eine eigene Meinung bilden können."
"Was wirklich hilft, ist, sich erst einmal eine grobe Übersicht über die Struktur des Artikels zu verschaffen. Als ersten Schritt überfliege ich die Überschriften und Zwischenüberschriften. Ich lese zuerst das Abstract und den Schluss. Dann habe ich so eine Grundidee, worum es geht. Spezielle Begriffe schlage ich z.B. mit Google nach. Dann lese ich Absatz für Absatz. Das Lesen und Verstehen kann viel Zeit kosten, da muss man sich Zeit fürs Noch-einmal-Lesen nehmen. Je mehr solche Texte man liest, desto besser versteht man die wissenschaftliche Schreibe -- ganz klar Übungssache!"
"1. Einführung und Fazit zuerst lesen. Dann weiß man, worum es geht. 2. Schlüsselbegriffe des Artikels markieren und im Hinterkopf behalten, immer darauf achten, wo und wie sie verwendet werden. 3. Den Hauptteil lesen, versuchen ihn zu strukturieren; Grundfragen klären - was, wer, warum? 4. Noch einmal das Fazit genau lesen, um den Inhalt des Hauptteils und seine Bedeutung zu resümieren."
"Darauf achten, welche Begriffe eingeführt werden. Es ist wichtig, alle unklaren Begriffe zu finden und sein eigenes Verständnis des Themas zu überprüfen. Der Hauptunterschied zwischen einem wissenschaftlichen Aufsatz zu Lehrbüchern und Zeitungen ist, dass ein Aufsatz Hintergrundwissen voraussetzt. Darum musst man sich zusätzlich Hintergrundinformationen verschaffen, auch wenn das ganz schön viel Zeit kosten kann."
"Ich lese den Aufsatz einmal ganz durch und unterstreiche unbekannte Wörter. Ich lese ihn dann noch einmal, übersetze zentrale Begriffe und streiche die interessanten Sätze mit einem Textmarker an. Bei einem fremdsprachlichen Text, vor allem bei komplexen Sätzen, ist es sinnvoll, sich ein (einsprachiges) Wörterbuch daneben zulegen. Vor der Diskussion im Seminar lese ich den Text noch einmal, um beim Inhalt sicher zu sein."
"Manchmal muss man einen Text mehrmals lesen, bevor man in der Lage ist, ihn richtig wiederzugeben. Nicht beim ersten Mal aufgeben."
"Nicht demotivieren lassen, nur weil diese Aufsätze sehr komplex und lang scheinen. Am besten nicht auf die langen Fußnoten und Literaturnachweise schauen. Nicht frustrieren lassen, wenn da mal ein Wort ist, das man nicht versteht. Man muss nicht jedes einzelne Wort verstehen. Nachschlagen, wenn es so wichtig ist, dass der Kontext ohne dieses Wort nicht verstanden werden kann."
"Die meisten Aufsätze haben ein Abstract. Das sollte man unbedingt zuerst lesen, weil darin die Kernideen und der Ansatz enthalten sind. Die Einführung sagt in der Regel einiges darüber aus, an welcher Diskussion sich der Autor beteiligen will, welche Methoden er verwendet, und die zentrale Aussage findet sich hier auch. Einführung und Schluss muss man als eine Einheit sehen. Versteht man das, versteht man meist auch den Rest. Die Literaturliste zeigt, in welchem akademischen Zusammenhang der Autor schreibt. Da kann man sich auch etwas Zusatzwissen holen. Es ist sinnvoll, sich die wichtigen Aspekte der wesentlichen Absätze herauszuschreiben, wie ein Protokoll."
"Ich habe da meine eigene Reihenfolge, wie ich vorgehe. Ich überfliege den Text, damit ich weiß, worum es geht. Dann forsche ich ein bißchen im Internet oder in Büchern nach, um Hintergrundwissen zu bekommen. Wenn ich den Text gelesen haben, überprüfe ich: Habe ich's verstanden? Ich versuche, den Inhalt so zusammenzufassen und zu erklären, dass ihn jemand anderes verstehen kann."
"Wenn der Artikel zu groß ist, um alles auf einmal zu verstehen und ich den roten Faden verliere, dann teile ich mir den Artikel in mehrere Teile auf und lese stückweise, mit kurzen Pausen. Die Seminardiskussion ist ganz gut, um den Gesamtzusammenhang zu verstehen und zu klären, was einem fehlt."
"Der Textmarker ist für mich wichtig. Man muss nur aufpassen, dass man nicht jede Textzeile farbig markiert. Man sollte vor dem Markieren also wissen, worum es geht und was das zentrale Argument ist, sich auch ein paar Notizen machen. Nicht nur anstreichen, sondern auch am Rand wichtige Aussagen oder Fragen notieren. Man kann auch ein paar eigene Zwischenüberschriften einfügen."
"Mit der Zeit, also wenn man ein paar von diesen Aufsätzen gelesen hat, kommt Erfahrung. Der erste große wissenschaftliche Artikel, den man liest, ist der schwierigste. Nach und nach gewöhnt man sich an Struktur und Sprache. Von den nächsten Aufsätzen, die man liest, hat man dann auch mehr."
"Wissenschaftliche Aufsätze werden über sehr spezifische Themen geschrieben. Darum muss man sich fragen: Was weiß ich schon über das Thema, was sind meine Vermutungen, habe ich schon mal was darüber in Vorlesungen oder in anderen Büchern gehört. Nach dem Lesen solte man sich selbst ein paar Fragen zu Text und Thema notieren."
"So einen Aufsatz in der Bahn oder in kurzen Pausen zwischen Vorlesungen zu lesen, macht wenig Sinn. Man muss sich schon ziemlich konzentrieren. Es kostet Zeit zu lesen UND zu verstehen."
"Ich lese grundsätzlich zweimal. Beim ersten Mal gehts mir um die Übersicht, beim zweiten Mal um die Details, da will ich der Logik des Autors voll folgen können. Ich will auch immer wissen: Was sind hier die Fakten? Ohne die kann ich den Artikel nicht richtig analysieren. Allerdings sind nicht alle Fakten nützlich, wenn man die Kernidee eines Aufsatzes auswickeln will. Wichtig sind auch die Aussagen über den Zusammenhang von Ursache und Wirkung - was bewirkt was? Darüber sollte man sich dann auch eine eigene Meinung bilden können."
17. Februar 2011
Quelle Wikipedia - verboten oder erlaubt?
Darf man Wikipedia in einer wissenschaftlichen Arbeit zitieren? Keine Frage wird so häufig in Thesis-Workshops gestellt wie diese. Und es ist ja so: Keine Quelle wird von Studenten so häufig konsultiert wie Wikipedia, und dann eben auch zitiert.
2011 wird die "freie Enzyklopädie" zehn Jahre alt. Und seit es sie gibt, streiten sich Dozenten über die Zitierfähigkeit. Der Streit verunsichert Studierende seit einem Jahrzehnt. Sie sind damit aufgewachsen. Und fast jeder Wissensarbeiter benutzt Wikipedia, vielleicht sogar täglich.
Das eine Lager der Dozenten sagt, Zitate aus Wikipedia sind auf jeden Fall völlig tabu. Die anderen sagen, Wikipedia ist eine Internetquelle wie andere auch, und viele Dozenten bauen Wikipedia sogar in Seminare ein und lassen Studenten selbst Beiträge verfassen.
Academics.de hat den Streit jüngst aufgegriffen, mit einem jeweils gut differenzierten Pro und Kontra. Ein Blick auf die beiden Artikel lohnt sich, um zu verstehen, worum es beiden Seiten geht. Beide haben ein bisschen Recht.
Die Kritik an Wikipedia als wissenschaftliches Referenzwerk
Für die Kritiker schreibt die Historikerin Maren Lorenz (Uni Hamburg), Wikipedia sei durchaus alltagstauglich für die Orientierung über unbekannte Themen und zur Suche nach nützlichen Links zu vertrauensvolleren Quellen. Trotzdem verbietet sie ihren Studenten Wikipedia als Referenz und erklärt ihnen auch warum; "Das kostet leider viel Zeit und fruchtet nicht immer", sagt sie. Sie verbiete es "nicht aus Traditionalismus, sondern in Sorge um das Bildungssystem Universität". Sie fürchte um die Informationskompetenz der Lernenden, Schlüsselkompetenzen wie Recherche, Selektion und Evaluation von Quellen und Belegen zur Informationsgewinnung.
Wikipedia benutzen, meint sie, ist Recherche der Marke "quick and dirty". Das Kernproblem sei die Manipulierbarkeit, das fehlende Qualitätsmanagement nach bewährten Standards der Wissenschaftlichkeit.
Weder die sachliche Richtigkeit jeder einzelnen Aussage noch die dauerhafte Verlässlichkeit der zu jedem Moment angezeigten Information könnten garantiert werden. Wikipedia sei defizitär bei der Qualität, bei der Transparenz und bei der Autorschaft der Artikel.
Zwar seien einzelne Wikipedia-Artikel von hoher Qualität, aber das sei irrelevant. Denn immer handele es sich um eine Momentaufnahme. Auch die Auszeichnung "gesichtete Seiten" lässt sie als Qualitätsmerkmal nicht zu, denn dahinter stünden nur "selbsternannte Verantwortliche".
Es fehle ein klar definiertes Kontrollsystem und Professionalität. Es gibt schlicht kein Fachlektorat, stellt Lorenz fest. Das Abstimmungssystem der Redakteure sei fragwürdig, die technischen Spielregeln seien hochkomplex, die Identitäten der Redakteure unbekannt - und diese seien nach Umfragen meist junge männliche Singles, die bestimmt nicht das "Weltwissen" repräsentierten.Wer sich bei Wikipedia durchsetze, sei ein "permanenter intransparenter Prozess", bei dem es um Entscheidungsmacht und Deutungshoheit gehe. Lorenz meint: "Der Hartnäckigste mit der meisten Zeit setzt sich langfristig durch."
Sie fügt hinzu, dass selbst renommierte Nachschlagewerke (z.B. Meyers Taschenlexikon) in der Wissenschaft nicht zitiert werden, sondern nur als Einstieg in tiefere Recherchen dienen sollten. Viele Artikel der Wikipedia gingen in Umfang und Struktur jedoch weit über Lexika hinaus und erhöben den Anspruch detaillierter und differenzierter Information. Der Teufel liege meist im Detail -- und genau das werde weder von den ehrenamtlichen Redakteuren noch von den Nutzern erkannt. Zum Problem der unklaren Autorschaft bei sagt Lorenz, Wikipedia-Artikel basierten bestenfalls auf Artikeln aus Fachbüchern oder anderen Lexika. Woher wissen die Autoren, was sie wissen? Das ist selten wirklich klar.
Gegenposition: Wikipedia ist OK – aber die Nutzung will gelernt sein
Die Gegenposition vertreten Johannes Becher (Doktorand an der Bucerius Law School, Hamburg) und Viktor Becher (wissenschaftlicher Mitarbeiter, Uni Hamburg). Sie plädieren gegen ein pauschales Wikipedia-Zitierverbot an den Hochschulen.
Sie stellen zunächst einmal fest, dass Wikipedia auch unter Wissenschaftlern immer beliebter geworden ist und sehr häufig in Aufsätzen und Büchern zitiert wird. Das stehe im krassen Gegensatz zum Zitierverbot für Studenten. Sie finden das Anti-Wikipedia-Dogma "äußerst bedauerlich".
Denn erstens werde die Aufbereitung und Vermittlung von Wissen im Internet in Zukunft noch stärker von Wikipedia und ähnlichen Formaten dominiert sein, als sie es ohnehin schon ist. Daher stünden Hochschulen in der Pflicht, ihren Studenten einen reflektierten Umgang mit dem Online-Nachschlagewerk beizubringen, statt pauschal zu verbieten. Zweitens stünden dahinter zahlreiche Missverständnisse und Vorurteile.
Die beiden Bechers führen einige Studien an, die zeigen, dass die Wikipedia-Qualität dem Vergleich mit renommierten Lexika wie Brockhaus oder Encyclopaedia Britannica standhält, oftmals aktueller sei und Themen präsentiere, die anderswo gar nicht auftauchten. Die Selbstkorrektur-Methode der Wikipedia sei schnell und effektiv, die Diskussionen der ehrenamtlichen Redakteure fruchtbar, das Ergebnis sei eine bemerkenswerte Objektivität und Ideologiefreiheit. Gerade aktuelle und besonders kontroverse Themen, wie zum Beispiel ein laufender Krieg, würden bei Wikipedia von Tausenden von Autoren diskutiert. "Dadurch ist sichergestellt, dass der entsprechende Artikel einen echten Konsens darstellt bzw. alle Meinungen in der Debatte in irgendeiner Form widergibt", sagen die Bechers. "Wikipedia ist damit resistent gegen ideologisch gefärbte und manipulative Inhalte wie kaum eine andere Informationsquelle."
Zur Veränderbarkeit der Artikel führen die Bechers an, dass die Funktion des "Permanentlinks" stets die Möglichkeit biete, eine ganz bestimmte Version zu zitieren.
Dass Wikipedia anfällig für Plagiarismus sei, bestreiten die Bechers nicht. Dieser Gefahr sollten sich Nutzer bewusst sein -- und selbst prüfen, z.B. per Suchmaschine. Das sei ein Nachteil, der jedoch durch viele Vorteile aufgewogen werde.
Sie wenden sich zudem gegen die Aussage, Wikipedia-Artikel seien unzuverlässig, weil Aussagen nur unzureichend belegt seien. "Dieses Vorurteil scheint aus der Anfangszeit von Wikipedia zu stammen, in der es tatsächlich an Belegen mangelte", meinen sie.
Im Grunde also sind die hier zusammengefassten Pro und Kontra-Beiträge kompatibel: nämlich in dem Punkt, dass Informations- und Recherchekompetenz notwendig sind, um eine Wikipedia sinnvoll nutzen zu können. Dass es daran bei Studenten oft hapert, da sind sich die Kontrahenten einig.
In zwei entscheidenden Punkten liegen sie aber weit auseinander:
Wahrscheinlich ist, dass in Zukunft beides parallel stattfindet und miteinander verknüpft wird. Internetquellen sind heute aus dem wissenschaftlichen Alltag überhaupt nicht mehr wegzudenken. Auch die Wikipedia - oder ähnliche Lexika - werden bleiben. Ein pauschales Wikipedia-Verbot is tatsächlich, da muss man den Bechers Recht geben, kontraproduktiv und wirkt immer seltsamer.
Andererseits ist Lorenz' Sorge um zu viel Bequemlichkeit berechtigt. Sorgfalt und Skepsis werden für die Nutzer des Web 2.0 immer wichtiger. Dass man alles leicht ergoogeln könne und Wikipedia auf alles vollständige Antworten parat hält, ist naiv. Die Anfälligkeit für Manipulationen im Web 2.0 muss jedem Studenten bewusst sein. Es gibt kein professionelles Korrektiv.
Mehr denn je gilt, was in den USA früher gern auf Autoaufklebern und gesprüht auf Häuserwänden gefordert wurde: Question authority! Jede Art von Autorität ist zu hinterfragen, wissenschaftlich oder nicht. Und Wikipedia ist vom Ansatz her überhaupt keine "Autorität". Wer Wikipedia traut, trägt ein Risiko -- und immer noch ein größeres Risiko als etablierteren Referenzwerken. Wer Wikipedia zitiert, muss dafür gute Gründe haben. Und sorgfältig prüfen.
2011 wird die "freie Enzyklopädie" zehn Jahre alt. Und seit es sie gibt, streiten sich Dozenten über die Zitierfähigkeit. Der Streit verunsichert Studierende seit einem Jahrzehnt. Sie sind damit aufgewachsen. Und fast jeder Wissensarbeiter benutzt Wikipedia, vielleicht sogar täglich.
Das eine Lager der Dozenten sagt, Zitate aus Wikipedia sind auf jeden Fall völlig tabu. Die anderen sagen, Wikipedia ist eine Internetquelle wie andere auch, und viele Dozenten bauen Wikipedia sogar in Seminare ein und lassen Studenten selbst Beiträge verfassen.
Academics.de hat den Streit jüngst aufgegriffen, mit einem jeweils gut differenzierten Pro und Kontra. Ein Blick auf die beiden Artikel lohnt sich, um zu verstehen, worum es beiden Seiten geht. Beide haben ein bisschen Recht.
Die Kritik an Wikipedia als wissenschaftliches Referenzwerk
Für die Kritiker schreibt die Historikerin Maren Lorenz (Uni Hamburg), Wikipedia sei durchaus alltagstauglich für die Orientierung über unbekannte Themen und zur Suche nach nützlichen Links zu vertrauensvolleren Quellen. Trotzdem verbietet sie ihren Studenten Wikipedia als Referenz und erklärt ihnen auch warum; "Das kostet leider viel Zeit und fruchtet nicht immer", sagt sie. Sie verbiete es "nicht aus Traditionalismus, sondern in Sorge um das Bildungssystem Universität". Sie fürchte um die Informationskompetenz der Lernenden, Schlüsselkompetenzen wie Recherche, Selektion und Evaluation von Quellen und Belegen zur Informationsgewinnung.
Wikipedia benutzen, meint sie, ist Recherche der Marke "quick and dirty". Das Kernproblem sei die Manipulierbarkeit, das fehlende Qualitätsmanagement nach bewährten Standards der Wissenschaftlichkeit.
Weder die sachliche Richtigkeit jeder einzelnen Aussage noch die dauerhafte Verlässlichkeit der zu jedem Moment angezeigten Information könnten garantiert werden. Wikipedia sei defizitär bei der Qualität, bei der Transparenz und bei der Autorschaft der Artikel.
Zwar seien einzelne Wikipedia-Artikel von hoher Qualität, aber das sei irrelevant. Denn immer handele es sich um eine Momentaufnahme. Auch die Auszeichnung "gesichtete Seiten" lässt sie als Qualitätsmerkmal nicht zu, denn dahinter stünden nur "selbsternannte Verantwortliche".
Es fehle ein klar definiertes Kontrollsystem und Professionalität. Es gibt schlicht kein Fachlektorat, stellt Lorenz fest. Das Abstimmungssystem der Redakteure sei fragwürdig, die technischen Spielregeln seien hochkomplex, die Identitäten der Redakteure unbekannt - und diese seien nach Umfragen meist junge männliche Singles, die bestimmt nicht das "Weltwissen" repräsentierten.Wer sich bei Wikipedia durchsetze, sei ein "permanenter intransparenter Prozess", bei dem es um Entscheidungsmacht und Deutungshoheit gehe. Lorenz meint: "Der Hartnäckigste mit der meisten Zeit setzt sich langfristig durch."
Die 'volksdemokratische' Wikipedia versagt in puncto Objektivität flächendeckend durch Edit-Wars, gezielte oft politisch, ideologisch und ökonomisch motivierte Manipulationen, vor allem bei technischen und soziokulturellen Themen, und durch nationale Bauchnabelperspektiven, wie sie in den verschiedenen Sprachen sinnfällig werden. Geschickte Manipulationen sind inhaltlich nur zeitlich aufwendig und technisch im strafbaren Einzelfall nur durch richterliche Genehmigung teuer nachzuweisen.
Sie fügt hinzu, dass selbst renommierte Nachschlagewerke (z.B. Meyers Taschenlexikon) in der Wissenschaft nicht zitiert werden, sondern nur als Einstieg in tiefere Recherchen dienen sollten. Viele Artikel der Wikipedia gingen in Umfang und Struktur jedoch weit über Lexika hinaus und erhöben den Anspruch detaillierter und differenzierter Information. Der Teufel liege meist im Detail -- und genau das werde weder von den ehrenamtlichen Redakteuren noch von den Nutzern erkannt. Zum Problem der unklaren Autorschaft bei sagt Lorenz, Wikipedia-Artikel basierten bestenfalls auf Artikeln aus Fachbüchern oder anderen Lexika. Woher wissen die Autoren, was sie wissen? Das ist selten wirklich klar.
Gegenposition: Wikipedia ist OK – aber die Nutzung will gelernt sein
Die Gegenposition vertreten Johannes Becher (Doktorand an der Bucerius Law School, Hamburg) und Viktor Becher (wissenschaftlicher Mitarbeiter, Uni Hamburg). Sie plädieren gegen ein pauschales Wikipedia-Zitierverbot an den Hochschulen.
Sie stellen zunächst einmal fest, dass Wikipedia auch unter Wissenschaftlern immer beliebter geworden ist und sehr häufig in Aufsätzen und Büchern zitiert wird. Das stehe im krassen Gegensatz zum Zitierverbot für Studenten. Sie finden das Anti-Wikipedia-Dogma "äußerst bedauerlich".
Denn erstens werde die Aufbereitung und Vermittlung von Wissen im Internet in Zukunft noch stärker von Wikipedia und ähnlichen Formaten dominiert sein, als sie es ohnehin schon ist. Daher stünden Hochschulen in der Pflicht, ihren Studenten einen reflektierten Umgang mit dem Online-Nachschlagewerk beizubringen, statt pauschal zu verbieten. Zweitens stünden dahinter zahlreiche Missverständnisse und Vorurteile.
Die beiden Bechers führen einige Studien an, die zeigen, dass die Wikipedia-Qualität dem Vergleich mit renommierten Lexika wie Brockhaus oder Encyclopaedia Britannica standhält, oftmals aktueller sei und Themen präsentiere, die anderswo gar nicht auftauchten. Die Selbstkorrektur-Methode der Wikipedia sei schnell und effektiv, die Diskussionen der ehrenamtlichen Redakteure fruchtbar, das Ergebnis sei eine bemerkenswerte Objektivität und Ideologiefreiheit. Gerade aktuelle und besonders kontroverse Themen, wie zum Beispiel ein laufender Krieg, würden bei Wikipedia von Tausenden von Autoren diskutiert. "Dadurch ist sichergestellt, dass der entsprechende Artikel einen echten Konsens darstellt bzw. alle Meinungen in der Debatte in irgendeiner Form widergibt", sagen die Bechers. "Wikipedia ist damit resistent gegen ideologisch gefärbte und manipulative Inhalte wie kaum eine andere Informationsquelle."
Zur Veränderbarkeit der Artikel führen die Bechers an, dass die Funktion des "Permanentlinks" stets die Möglichkeit biete, eine ganz bestimmte Version zu zitieren.
Dass Wikipedia anfällig für Plagiarismus sei, bestreiten die Bechers nicht. Dieser Gefahr sollten sich Nutzer bewusst sein -- und selbst prüfen, z.B. per Suchmaschine. Das sei ein Nachteil, der jedoch durch viele Vorteile aufgewogen werde.
Sie wenden sich zudem gegen die Aussage, Wikipedia-Artikel seien unzuverlässig, weil Aussagen nur unzureichend belegt seien. "Dieses Vorurteil scheint aus der Anfangszeit von Wikipedia zu stammen, in der es tatsächlich an Belegen mangelte", meinen sie.
"Schon seit Jahren verlangen Wikipedias Autorenrichtlinien jedoch eine Stützung von Aussagen mit Belegen. Unbelegte Aussagen werden direkt im Artikel als solche gekennzeichnet und, sofern die Aussage nach einiger Zeit nicht belegt werden kann, gelöscht. Zudem sollten Studenten ohnehin lernen, ständig ein Auge darauf zu haben, ob Aussagen hinreichend belegt werden, denn auch in akademischen Publikationen finden sich bisweilen unbelegte Aussagen. In jedem Fall kann das vereinzelte Fehlen von Belegen keine schlüssige Begründung für ein grundsätzliches Wikipedia-Zitierverbot darstellen."Nicht bestritten wird auch, dass bei einigen Artikeln anonyme Autoren am Werk seien. Die Bechers verweisen darauf, dass jederzeit die Versionsgeschichte aufgerufen werden könne, so dass die Zahl der mitarbeitenden Autoren ersichtlich sei; außerdem informiere die Diskussionsseite eines jeden Wikipedia-Artikels über Erwägungen und Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren.
"Dabei ist ein Artikel, der von über 200 Autoren kontrovers diskutiert worden ist, sicherlich als verlässlicher zu bewerten als ein Artikel, dessen Versionsgeschichte und Diskussionsseite nur wenige Einträge enthalten. Studenten erhalten bei Wikipedia die Gelegenheit, sich selbst ein Bild von der Kontroversität eines Themas zu machen - was natürlich voraussetzt, dass sie den korrekten Umgang mit Wikipedia gelernt haben."Becher und Becher meinen also, dass die Wikipedia bei einem reflektierten und eigenverantwortlichen Umgang mit Quellen unübertrefflich sei. Genau dieses müsse an Hochschulen vermittelt werden. Ein Pauschalverbot sei kontraproduktiv. Jede Quelle müsse von Studenten überprüft werden. Auch bei herkömmlichen Quellen könne Qualität nicht vom Renommee des Autors und/oder des publizierenden Verlages abgeleitet werden.
"Das Problem besteht unseres Erachtens aber nicht darin, dass Studenten Wikipedia zitieren, sondern dass sie die Enzyklopädie nicht richtig gebrauchen bzw. sich übermäßig auf sie verlassen. Natürlich ist es unwissenschaftlich, z.B. die Hauptaussage einer Seminararbeit allein auf einen Artikel aus einer Enzyklopädie zu stützen - ganz gleich, ob es sich dabei um Wikipedia oder um eine traditionelle Enzyklopädie handelt.
Unseres Erachtens spricht jedoch nichts dagegen, eine schöne Definition oder ein gutes Argument aus einem Wikipedia-Artikel aufzugreifen und dies in Form eines entsprechenden Hinweises zu würdigen. Anstatt Wikipedia pauschal zu verbieten, sollten Hochschullehrer in Zukunft verstärkt Wert darauf legen, ihren Studenten ein echtes Verständnis der Grundlagen wissenschaftlichen Zitierens zu vermitteln. Das Problem unangemessener Wikipedia-Zitate, dessen Ursache von den bestehenden Zitierverboten lediglich verschleiert wird, sollte sich dann wie von selbst erledigen."Fazit
Im Grunde also sind die hier zusammengefassten Pro und Kontra-Beiträge kompatibel: nämlich in dem Punkt, dass Informations- und Recherchekompetenz notwendig sind, um eine Wikipedia sinnvoll nutzen zu können. Dass es daran bei Studenten oft hapert, da sind sich die Kontrahenten einig.
In zwei entscheidenden Punkten liegen sie aber weit auseinander:
- Die Sicht auf den Nutzer - faul oder kritisch? Die Bechers meinen, dass auch jedes andere Lexikon geprüft werden muss -- und dass Wikipedia eine prima Gelegenheit ist, um den das zu lernen. Die Bechers trauen dem Nutzer zu, diesen Anspruch zu erfüllen. Für Lorenz allerdings ist Wikipedia nur eine Fassade, die den faulen Nutzer in Sicherheit wiegt, die es nicht gibt; und der von den Bechers geforderte kritische Umgang mit Wikipedia entspricht, folgt man Lorenz, nicht der Alltagswirklichkeit.
- Die Sicht auf die Macher - Profis oder Amateure, Experten oder Laien? Verlässliche Qualität kann für Lorenz nur durch ein professionelles Fachlektorat - also Experten - gesichert werden, während die Bechers auch der Schwarmintelligenz einer Redaktionsgemeinschaft aus Amateuren zutrauen, ein ebenso gutes Lexikon zu produzieren. Nach Lorenz muss sich der Nutzer auf die Profis verlassen können (und dafür auch bereit sein zu zahlen). Für die Bechers ist das Diskurs- und Korrekturprinzip des Web 2.0 jedoch im Endergebnis genauso leistungsfähig, wenn nicht sogar leistungsfähiger.
Wahrscheinlich ist, dass in Zukunft beides parallel stattfindet und miteinander verknüpft wird. Internetquellen sind heute aus dem wissenschaftlichen Alltag überhaupt nicht mehr wegzudenken. Auch die Wikipedia - oder ähnliche Lexika - werden bleiben. Ein pauschales Wikipedia-Verbot is tatsächlich, da muss man den Bechers Recht geben, kontraproduktiv und wirkt immer seltsamer.
Andererseits ist Lorenz' Sorge um zu viel Bequemlichkeit berechtigt. Sorgfalt und Skepsis werden für die Nutzer des Web 2.0 immer wichtiger. Dass man alles leicht ergoogeln könne und Wikipedia auf alles vollständige Antworten parat hält, ist naiv. Die Anfälligkeit für Manipulationen im Web 2.0 muss jedem Studenten bewusst sein. Es gibt kein professionelles Korrektiv.
Mehr denn je gilt, was in den USA früher gern auf Autoaufklebern und gesprüht auf Häuserwänden gefordert wurde: Question authority! Jede Art von Autorität ist zu hinterfragen, wissenschaftlich oder nicht. Und Wikipedia ist vom Ansatz her überhaupt keine "Autorität". Wer Wikipedia traut, trägt ein Risiko -- und immer noch ein größeres Risiko als etablierteren Referenzwerken. Wer Wikipedia zitiert, muss dafür gute Gründe haben. Und sorgfältig prüfen.
28. Januar 2011
"Sie haben uns völlig falsch aufs Studium vorbereitet!"
Charlotte Haunhorst hat den Bachelor hinter sich und wirft ihrem früheren Schul-Lehrer vor: "Sie haben uns völlig falsch aufs Studium vorbereitet!" Lehrer Christian Bode antwortet: "Es tut mir leid! Ich konnte es nicht besser, aber ich habe eine Entschuldigung: Man hat mich völlig falsch auf das Lehrerleben vorbereitet!" Fazit: "Das Hochschulsystem war auch früher schon absurd". So die lesenswerte offene Korrespondenz bei Jetzt.de, dem Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung.
Ich poste das auf Facebook, und nach ein paar Minuten tackert einer meiner Studenten an meine Pinnwand: "Ich befürchte, den Brief könnten wir alle schreiben..."
Umso dramatischer wird es, stellt man das nun noch in die Kulisse der häufigen Klagen über Erschöpfung, Prüfungs- und Leistungsdruck an den Hochschulen (jüngste Spiegel-Artikel: "Ausgebrannte Studenten: Lost in Perfection", "Warum Studieren ein Knochenjob ist"; "Studenten im Optimierungswahn: Karriere, Karriere, Knick").
Charlotte Haunhorst hat gelernt, dass Selberdenken und Tiefschürfen an der Uni nicht gefragt ist. Dass Auswendiglernen von Vorlesungsskripten bessere Noten produziert, als sich zum motivierten Selbststudium anstiften zu lassen. Dass Lernbulimie der Weg zum Überleben ist. Sie lernt, dass Studenten, die ihr Studium ohne Lektüre irgendeines Buches absolvieren, nicht blöd sind, sondern schlau und erfolgreich. Dass man seine Individualität abgeben und konform sein muss. Dass das Selbstvertrauen erschüttert wird, wenn man sich eigene Ziele setzt. Und dass leidenschaftliche Lehrer ein Versprechen abgeben, dass die Welt nicht halten wird. Irgendwann ist der Wille gebrochen, dem System zu trotzen. Ratschlag an den Lehrer: "Nehmen Sie Abstand von Ihrem Bildungsideal. Lehren Sie nur das Vorgeschriebene und schwören Sie die Kinder möglichst früh darauf ein, nichts mehr zu hinterfragen. Das ist sowieso eher lästig und obendrauf noch anstrengend."
Realismus vs. Romantik: Der Konflikt um Bildungsideale, Nützlichkeit und Leistungsstandards ist in der Tat ein alter. Auch Hollywood hat ihn oft in Szene gesetzt, vom "Club der Toten Dichter" (Robin Williams) über "Club der Cäsaren" (Kevin Kline) bis zu "Mona Lisas Lächeln" (Julia Roberts) – DVD-Klappentext: "In einer Welt, die ihnen vorschrieb, wie man lebt, lehrte sie sie, wie man denkt".
Bei aller augenfeuchten Sentimentalität und Sympathie für den leidenschaftlichen Lehrer, der zum eigenen Denken anregt, inspiriert und motiviert, steht am Ende immer die Frage: Wer später an der Hochschule, im Beruf, im Leben vorankommen will – wird der nicht besser vorbereitet, wenn er rechtzeitig beigebracht bekommt, wie man sich an die Spielregeln hält und sich die Belohnung für Leistung abholen kann, die an den Standards und Maßstäben der maßgeblichen Leute gemessen wird? Das ist auch der Kontext der aktuellen Debatte um die Erziehungsmethoden der "Tigermutter" Amy Chua. Die sagt schließlich auch, ihr asiatischer Leistungs-Drill macht die Kinder nicht nur erfolgreicher, sondern glücklicher.
Mit beiden Beinen fest auf der Erde. Das macht den Realisten aus. Realitätssinn und Rationalität sind wichtig und notwendig, ja. Erst recht im Studium. Das bedeutet aber nicht totale Anpassung, sondern intelligente Balance.
Man kann wissenschaftliche Ausbildung nicht betreiben, ohne Standards, Spielregeln und gesicherte Methoden zu vermitteln und abzuprüfen. Das kann Neugier und Inspiration dämpfen, sogar abstumpfen, keine Frage. Auf der anderen Seite besteht Wissenschaft auch darin, hinter die Annahmen zu schauen, altes Wissen zu hinterfragen und neues Terrain zu erkunden. Wer sich das austreiben lässt, versteht den ganzen Sinn der Ausbildung falsch. Mag ein, dass die Hochschule diese Botschaft nicht immer so vermittelt, wie sie es sollte. Aber wer die Botschaft hören will, der kann sie im Studium auch hören.
Weil er selbst so ermattet und enttäuscht klingt, ist Lehrer Bodes Antwortbrief nicht halb so bemerkenswert wie Charlotte Haunhorsts Klageschrift. "Du schaffst es schon!", schreibt er mit tröstenden Worten; sie soll sich nicht verbittern lassen, sondern ihren eigenen Weg gehen. "Den von dir so vermissten Transfer hast du schon selbst geleistet. Du hast erkannt, dass Lehranstalten und universitärer Massenbetrieb einem niemals das vermitteln können, was in einem selbst als Talent und Passion angelegt ist und wofür man sich zu engagieren bereit ist."
Wahr; und auch nicht wahr. Ideen und Inspiration, Aha-Momente und neue Perspektiven lassen sich an Hochschulen immer noch besser sammeln als an vielen anderen Orten. Vielleicht liegt es daran, dass hier weniger Realisten zu finden sind als anderswo.
Ich poste das auf Facebook, und nach ein paar Minuten tackert einer meiner Studenten an meine Pinnwand: "Ich befürchte, den Brief könnten wir alle schreiben..."
Umso dramatischer wird es, stellt man das nun noch in die Kulisse der häufigen Klagen über Erschöpfung, Prüfungs- und Leistungsdruck an den Hochschulen (jüngste Spiegel-Artikel: "Ausgebrannte Studenten: Lost in Perfection", "Warum Studieren ein Knochenjob ist"; "Studenten im Optimierungswahn: Karriere, Karriere, Knick").
Charlotte Haunhorst hat gelernt, dass Selberdenken und Tiefschürfen an der Uni nicht gefragt ist. Dass Auswendiglernen von Vorlesungsskripten bessere Noten produziert, als sich zum motivierten Selbststudium anstiften zu lassen. Dass Lernbulimie der Weg zum Überleben ist. Sie lernt, dass Studenten, die ihr Studium ohne Lektüre irgendeines Buches absolvieren, nicht blöd sind, sondern schlau und erfolgreich. Dass man seine Individualität abgeben und konform sein muss. Dass das Selbstvertrauen erschüttert wird, wenn man sich eigene Ziele setzt. Und dass leidenschaftliche Lehrer ein Versprechen abgeben, dass die Welt nicht halten wird. Irgendwann ist der Wille gebrochen, dem System zu trotzen. Ratschlag an den Lehrer: "Nehmen Sie Abstand von Ihrem Bildungsideal. Lehren Sie nur das Vorgeschriebene und schwören Sie die Kinder möglichst früh darauf ein, nichts mehr zu hinterfragen. Das ist sowieso eher lästig und obendrauf noch anstrengend."
Realismus vs. Romantik: Der Konflikt um Bildungsideale, Nützlichkeit und Leistungsstandards ist in der Tat ein alter. Auch Hollywood hat ihn oft in Szene gesetzt, vom "Club der Toten Dichter" (Robin Williams) über "Club der Cäsaren" (Kevin Kline) bis zu "Mona Lisas Lächeln" (Julia Roberts) – DVD-Klappentext: "In einer Welt, die ihnen vorschrieb, wie man lebt, lehrte sie sie, wie man denkt".
Bei aller augenfeuchten Sentimentalität und Sympathie für den leidenschaftlichen Lehrer, der zum eigenen Denken anregt, inspiriert und motiviert, steht am Ende immer die Frage: Wer später an der Hochschule, im Beruf, im Leben vorankommen will – wird der nicht besser vorbereitet, wenn er rechtzeitig beigebracht bekommt, wie man sich an die Spielregeln hält und sich die Belohnung für Leistung abholen kann, die an den Standards und Maßstäben der maßgeblichen Leute gemessen wird? Das ist auch der Kontext der aktuellen Debatte um die Erziehungsmethoden der "Tigermutter" Amy Chua. Die sagt schließlich auch, ihr asiatischer Leistungs-Drill macht die Kinder nicht nur erfolgreicher, sondern glücklicher.
- In einer Schlüsselszene im "Club der Toten Dichter" sagt Lehrerkollege McAllister zum charismatischen Englischlehrer Keating: „Ich finde es sehr riskant, diese Jungs zu ermutigen, Künstler zu werden, John, denn wenn sie feststellen, daß sie keine Rembrandts, Shakespeares oder Mozarts sind, werden sie Sie verachten.“ Er sei kein Zyniker, betont McAllister, nur Realist, und zitiert den englischen Dichter Lord Tennyson: "Zeig’ mir ein Herz, das frei ist von törichten Träumen, und ich zeig’ Dir einen zufriedenen Menschen.“
Mit beiden Beinen fest auf der Erde. Das macht den Realisten aus. Realitätssinn und Rationalität sind wichtig und notwendig, ja. Erst recht im Studium. Das bedeutet aber nicht totale Anpassung, sondern intelligente Balance.
Man kann wissenschaftliche Ausbildung nicht betreiben, ohne Standards, Spielregeln und gesicherte Methoden zu vermitteln und abzuprüfen. Das kann Neugier und Inspiration dämpfen, sogar abstumpfen, keine Frage. Auf der anderen Seite besteht Wissenschaft auch darin, hinter die Annahmen zu schauen, altes Wissen zu hinterfragen und neues Terrain zu erkunden. Wer sich das austreiben lässt, versteht den ganzen Sinn der Ausbildung falsch. Mag ein, dass die Hochschule diese Botschaft nicht immer so vermittelt, wie sie es sollte. Aber wer die Botschaft hören will, der kann sie im Studium auch hören.
Weil er selbst so ermattet und enttäuscht klingt, ist Lehrer Bodes Antwortbrief nicht halb so bemerkenswert wie Charlotte Haunhorsts Klageschrift. "Du schaffst es schon!", schreibt er mit tröstenden Worten; sie soll sich nicht verbittern lassen, sondern ihren eigenen Weg gehen. "Den von dir so vermissten Transfer hast du schon selbst geleistet. Du hast erkannt, dass Lehranstalten und universitärer Massenbetrieb einem niemals das vermitteln können, was in einem selbst als Talent und Passion angelegt ist und wofür man sich zu engagieren bereit ist."
Wahr; und auch nicht wahr. Ideen und Inspiration, Aha-Momente und neue Perspektiven lassen sich an Hochschulen immer noch besser sammeln als an vielen anderen Orten. Vielleicht liegt es daran, dass hier weniger Realisten zu finden sind als anderswo.
26. Januar 2011
Immer Trabbel mit Statistik
Suchen Sie nach Zahlen – egal, welches Thema Ihre Beleg- oder Abschlussarbeit oder Ihr Referat hat.
Zahlen sind immer irgendwie beeindruckend. Sie lassen Darstellung und Interpretation handfester wirken als blanke Texte, stützen verlässlich das Argument. Daten sind das Fenster in die Wirklichkeit. Sie sind der ultimative Beleg in einer wissenschaftlichen Arbeit, und was wäre eine PowerPoint-Präse ohne Charts mit Tabellen, Kurven, Balken und Torten? Wer eine Parade von Zahlen aufmarschieren lässt, wirkt nie wie ein Dummschwätzer.
Ganz im Ernst: Zahlen sind in allen Wissenschaften gefragt. Mit Zahlen umgehen und "Daten sprechen lassen" zu können, gilt zu Recht als ein wichtiger Ausweis wissenschaftlichen Könnens, geht es doch um die Fähigkeit, Daten zu sammeln und auszuwerten. Es ist also ratsam, dieses Können auch bei einer Thesis zu zeigen – selbst wenn sie nicht als quantitative Untersuchung ausgelegt ist.
Das gilt insbesondere für die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Statistik jeder Art spielt hier eine zentrale Rolle. Leider sind die Grundlagen-Lehrveranstaltungen im Studium oft vorrangig theoretisch ausgelegt: Man lernt die Grundbegriffe, ein paar Werte und Formeln, vielleicht etwas über Statistiksoftware. Viel weniger aber darüber, wo man geeignete Zahlen findet (siehe dazu den Beitrag: "Statistik für den Gelegenheitsnutzer") und wie man sie in eine eigene Arbeit einbaut – und noch weniger darüber, wie man sie kritisch bewertet und wie man sich davor schützt, auf "getürkte" Zahlen hereinzufallen.
"Mit Zahlen lügen" ist der Titel einer Sendung des WDR-Wissenschaftsmagazins Quarks & Co von 2006. Dazu gibt es online ein gut gemachtes Begleitheft (PDF) und eine lohnenswerte Website, die z.B. erklärt, mit welchen Tricks Infografiker arbeiten ("Die schlechtesten Grafiken der Welt"). Die Sendung ist auf YouTube anzusehen (Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4).
Es ist nicht schwer, sich schnell ein paar Statistiken herbeizugoogeln. Auf den Internetseiten von Presse und Sendern, Verbänden und Instituten, Ämtern und Unternehen, in Blogs und Foren findet sich vieles, was man flugs kopieren kann. Der Haken dabei ist:
Besonders problematisch ist es, wenn die Statistikdarstellung aus den Medien stammt. Da verlässt man sich z.B. darauf, dass eine seriöse Tageszeitung schon geprüft hat, ob die Statistik Hand und Fuß hat. Journalisten sind aber notorisch schlecht darin, Statistiken zu beurteilen. Sie sind darin kaum oder gar nicht ausgebildet, sie haben im Alltag keine Zeit und übernehmen vieles von dem, was ihnen irgendwelche PR-Leute liefern. Was halbwegs interessant und plausibel ist, wird gedruckt und gesendet. Eine Woche später möglicherweise eine Statistik, die das Gegenteil besagt. Dazu zucken die Journalisten mit den Schultern. Anders gesagt: Die Medien sind voll mit manipulierten Statistiken.
Weil Statistiken so schön Aussagen belegen, wird in allen Lebenslagen, vor allem aber in Wirtschaft und Politik, "verschleiert, übertrieben und manipuliert", wie die Berliner Zeitung jüngst in dem Beitrag "Die Tücken der Zahlen" festgestellt hat:
"Statistiken sind eine heikle Sache. Einerseits erscheinen Zahlen klar, objektiv und eindeutig. Sie sind Botschafter aus dem Reich der reinen Logik, der Mathematik. Andererseits kann man mit Zahlen verschleiern, übertreiben, manipulieren. Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, sagt der Volksmund. Gleichzeitig 'glauben viele Menschen an Zahlen, als wären sie eine Religion', sagt der Statistiker Gerd Bosbach. (...) Zahlen sind also gefährlich - aber nicht nutzlos. 'Wer vernünftige Entscheidungen treffen will, kommt um Statistiken nicht herum', so Bosbach. Statistiken zu ignorieren ist daher auch keine Option."
"Lügen mit Zahlen: Wie wir mit Statistiken manipuliert werden", heißt ein Buch, das Gerd Bosbach, einst am Statistischen Bundesamt (Destatis) und nun Professor der FH Koblenz, publiziert hat.
Das Buch knüpft nahtlos an einen anderen Bestseller an, der schon Generationen von Studenten begleitet hat: "So lügt man mit Statistik" von Walter Krämer (TU Dortmund) sowie "Statistik verstehen: Eine Gebrauchsanweisung" vom selben Autor.
Die Bücher knöpfen sich die Manipulationen von Grafiken vor, mit denen eine ohnehin fragwürdige Statistik-Aussage noch stärker verzerren lässt. Aber sie zeigen auch auf, wie die Auswahl und Zusammenstellung von Zahlen selbst zu überprüfen ist.
Die Berliner Zeitung greift einige Beispiele aus dem Bosbach-Buch auf:
Das alles heißt nun nicht, dass man auf Statistik verzichten sollte. Der ganz oben gegebene Rat, gezielt nach Zahlen zu suchen, gilt. Allerdings:
Blogbeitrag: "Statistik für den Gelegenheitsnutzer"
Zahlen sind immer irgendwie beeindruckend. Sie lassen Darstellung und Interpretation handfester wirken als blanke Texte, stützen verlässlich das Argument. Daten sind das Fenster in die Wirklichkeit. Sie sind der ultimative Beleg in einer wissenschaftlichen Arbeit, und was wäre eine PowerPoint-Präse ohne Charts mit Tabellen, Kurven, Balken und Torten? Wer eine Parade von Zahlen aufmarschieren lässt, wirkt nie wie ein Dummschwätzer.
Ganz im Ernst: Zahlen sind in allen Wissenschaften gefragt. Mit Zahlen umgehen und "Daten sprechen lassen" zu können, gilt zu Recht als ein wichtiger Ausweis wissenschaftlichen Könnens, geht es doch um die Fähigkeit, Daten zu sammeln und auszuwerten. Es ist also ratsam, dieses Können auch bei einer Thesis zu zeigen – selbst wenn sie nicht als quantitative Untersuchung ausgelegt ist.
Das gilt insbesondere für die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Statistik jeder Art spielt hier eine zentrale Rolle. Leider sind die Grundlagen-Lehrveranstaltungen im Studium oft vorrangig theoretisch ausgelegt: Man lernt die Grundbegriffe, ein paar Werte und Formeln, vielleicht etwas über Statistiksoftware. Viel weniger aber darüber, wo man geeignete Zahlen findet (siehe dazu den Beitrag: "Statistik für den Gelegenheitsnutzer") und wie man sie in eine eigene Arbeit einbaut – und noch weniger darüber, wie man sie kritisch bewertet und wie man sich davor schützt, auf "getürkte" Zahlen hereinzufallen.
"Mit Zahlen lügen" ist der Titel einer Sendung des WDR-Wissenschaftsmagazins Quarks & Co von 2006. Dazu gibt es online ein gut gemachtes Begleitheft (PDF) und eine lohnenswerte Website, die z.B. erklärt, mit welchen Tricks Infografiker arbeiten ("Die schlechtesten Grafiken der Welt"). Die Sendung ist auf YouTube anzusehen (Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4).
Es ist nicht schwer, sich schnell ein paar Statistiken herbeizugoogeln. Auf den Internetseiten von Presse und Sendern, Verbänden und Instituten, Ämtern und Unternehen, in Blogs und Foren findet sich vieles, was man flugs kopieren kann. Der Haken dabei ist:
- Das sind meist schon aufbereitete Daten, das heißt, sie stammen aus einer anderen Quelle.
- In der Regel wird die Ursprungsquelle angegeben, aber nicht genau; und es wird auch nicht erklärt, wie die Daten zustande gekommen sind.
- Wer die Zahlen benutzt, verfolgt damit einen Zweck. Er nimmt sich aller Wahrscheinlichkeiten nur die Zahlen, die zum Zweck passen – und präsentiert sie so, dass sie ihm noch besser dienen. "Halbe Wahrheiten" sind oft das Ergebnis.
- Besonders problemanfällig sind Befragungen, vor allem aktuelle "Meinungsumfragen". Im Gegensatz zu den meisten "richtigen" Statistiken messen diese keine handfesten Tatsachen, zudem nur durch Stichproben; und Frageformulierungen und Fragekontext sind bei "Umfragen" weit leichter zu manipulieren als z.B. bei den oft ziemlich detailliert und verbindlich geregelten Messungen der öffentlichen Statistik.
Besonders problematisch ist es, wenn die Statistikdarstellung aus den Medien stammt. Da verlässt man sich z.B. darauf, dass eine seriöse Tageszeitung schon geprüft hat, ob die Statistik Hand und Fuß hat. Journalisten sind aber notorisch schlecht darin, Statistiken zu beurteilen. Sie sind darin kaum oder gar nicht ausgebildet, sie haben im Alltag keine Zeit und übernehmen vieles von dem, was ihnen irgendwelche PR-Leute liefern. Was halbwegs interessant und plausibel ist, wird gedruckt und gesendet. Eine Woche später möglicherweise eine Statistik, die das Gegenteil besagt. Dazu zucken die Journalisten mit den Schultern. Anders gesagt: Die Medien sind voll mit manipulierten Statistiken.
Weil Statistiken so schön Aussagen belegen, wird in allen Lebenslagen, vor allem aber in Wirtschaft und Politik, "verschleiert, übertrieben und manipuliert", wie die Berliner Zeitung jüngst in dem Beitrag "Die Tücken der Zahlen" festgestellt hat:"Statistiken sind eine heikle Sache. Einerseits erscheinen Zahlen klar, objektiv und eindeutig. Sie sind Botschafter aus dem Reich der reinen Logik, der Mathematik. Andererseits kann man mit Zahlen verschleiern, übertreiben, manipulieren. Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, sagt der Volksmund. Gleichzeitig 'glauben viele Menschen an Zahlen, als wären sie eine Religion', sagt der Statistiker Gerd Bosbach. (...) Zahlen sind also gefährlich - aber nicht nutzlos. 'Wer vernünftige Entscheidungen treffen will, kommt um Statistiken nicht herum', so Bosbach. Statistiken zu ignorieren ist daher auch keine Option."
"Lügen mit Zahlen: Wie wir mit Statistiken manipuliert werden", heißt ein Buch, das Gerd Bosbach, einst am Statistischen Bundesamt (Destatis) und nun Professor der FH Koblenz, publiziert hat.Das Buch knüpft nahtlos an einen anderen Bestseller an, der schon Generationen von Studenten begleitet hat: "So lügt man mit Statistik" von Walter Krämer (TU Dortmund) sowie "Statistik verstehen: Eine Gebrauchsanweisung" vom selben Autor.
Die Bücher knöpfen sich die Manipulationen von Grafiken vor, mit denen eine ohnehin fragwürdige Statistik-Aussage noch stärker verzerren lässt. Aber sie zeigen auch auf, wie die Auswahl und Zusammenstellung von Zahlen selbst zu überprüfen ist.
Die Berliner Zeitung greift einige Beispiele aus dem Bosbach-Buch auf:
Vor zwei Jahren legte die Bundesregierung eine milliardenschwere Abwrackprämie auf. Ziel: Stützung der heimischen Autoindustrie. Im Sommer 2009 hieß es jedoch, Nutznießer der Prämie seien vor allem ausländische Konzerne, allen voran Hyundai. Der koreanische Autobauer hatte seine Verkäufe in Deutschland um 146 Prozent erhöht, bei VW lag das Plus nur bei 26 Prozent. Tatsächlich war es umgekehrt: In absoluten Zahlen lag VW mit 330000 zusätzlich verkauften Autos auf Platz eins der Prämien-Profiteure. Hyundai verbuchte zwar die größte prozentuale Steigerung, verkaufte aber letztlich nur knapp 50000 Autos mehr.Oder ein Beispiel aus der Sozialpolitik:
So schreckte das Arbeitsministerium die Bevölkerung mit der Meldung auf, zwischen 1991 und 2008 seien die Sozialausgaben von rund 400 auf über 700 Milliarden Euro gestiegen - ein Plus von 75 Prozent! Das stimmt zwar, ist aber nicht weiter verwunderlich, denn in diesem langen Zeitraum sind auch fast alle anderen Ausgaben stark gestiegen. Aussagekräftiger als die absoluten Zahlen ist daher der Anteil der Sozialausgaben an der Wirtschaftsleistung. Und hier zeigt sich: Dieser Anteil lag 2008 bei etwa 28 Prozent und damit so hoch wie 1992. "Wenn die sozialen Probleme größer werden, wir für ihre Bewältigung aber einen stagnierenden Anteil des BIP ausgeben, müsste man eher von einem Abbau des Sozialstaates sprechen als von Wildwuchs", so Bosbach.Oder aus der Finanzwelt:
In anderen Fällen stehen geldwerte Interessen hinter den Statistiken. Zum Beispiel die der Finanzberater. Bei ihren Berechnungen kann ihnen die Wahl des Zeitraums gute Dienste leisten, um Kunden zu Aktieninvestments zu bewegen. So können sie darauf verweisen, dass der Deutsche Aktienindex in den vergangenen zwei Jahren um 60 Prozent gestiegen ist. Das klingt beeindruckend. Weniger beeindruckend ist hingegen die Wertentwicklung über drei Jahre: minus drei Prozent.Oder die Bevölkerungsentwicklung:
Mit der Wahl eines geeigneten Zeitraums der Betrachtung kann man auch aus der Alterung Deutschlands eine "Demografie-Bombe" machen. Derzeit kommen auf 100 erwerbsfähige Menschen 34 Menschen über 65 Jahren. Bis 2050 soll dieser Altenquotient auf 65 steigen. Wer deshalb vor einer Demografie-Bombe warnt, "verschweigt, dass sich der Altenquotient von 1950 bis heute auch verdoppelt hat - von 17 auf 34", mahnt Bosbach - ohne eine Katastrophe auszulösen."Oder Ausländer und Kriminalität:
Anfällig für Missbrauch sind Ausländer-Statistiken. So liegt der Anteil der Ausländer an den Kriminellen stets höher als bei Inländern. Sind Ausländer also per se krimineller? Wohl kaum, so Bosbach. Dass mehr Ausländer kriminell sind als Inländer, bedeute nicht, dass der Grund dafür in ihrem Ausländer-Dasein liegt. So sind Migranten im Schnitt jünger als Deutsche - und Kriminalität ist stets ausgeprägter bei jungen Menschen. Auch ist der Anteil der Männer bei Ausländern höher - wie bei allen Kriminellen. Zudem leben Migranten häufiger in Großstädten und sind eher arm - beides Merkmale, die bei Straftätern öfter auftreten als im Durchschnitt.Da denkt man dann auch gleich an die Kontroverse um das mit vielerlei Statistiken gewürzte Buch "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin. Seine Zahlenspielereien waren die ultimative Statistikdebatte im Jahr 2010 – wobei zu betonen ist, dass der Medien-Krawall vor allem durch die Schlussfolgerungen ausgelöst wurde, die sehr viel mit Grundwerten und politischer Richtung zu tun hatten.
Das alles heißt nun nicht, dass man auf Statistik verzichten sollte. Der ganz oben gegebene Rat, gezielt nach Zahlen zu suchen, gilt. Allerdings:
- Gehen Sie mit Zahlen genauso vorsichtig und distanziert um wie mit Texten: Zahlen sind nicht per se "wahr", genauso wenig wie Behauptungen in einem Text.
- Bei Sekundärquellen gehen Sie möglichst zur Ursprungsquelle zurück. Amtliche Statistiken und wissenschaftliche Studien sind (in der Regel) verlässlichere Quellen.
- Lesen Sie das "Kleingedruckte" und versuchen Sie zu verstehen, wie die Daten erhoben und bearbeitet wurden.
- Achten Sie auf die typischen "Tricks" – Auswahl der Merkmale, des Zeitraums usw. – und bei Grafiken, ob zu stark vereinfacht oder verzerrt wurde.
- Stellen Sie die Frage, warum jemand eine Statistik präsentiert, und bringen Sie das ggf. auch in Ihrem Text unter, wenn Sie die Zahlen zitieren.
- Suchen Sie gezielt nach anderen Interpretationen. Beispiel: Sie haben zum Arbeitsmarkt Zahlen vom WSI-Forschungsinstitut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung und checken das gegen beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft Köln, bei der Bundesagentur für Arbeit, bei Destatis oder Uni-Wissenschaftlern oder anderen Forschungsinstituten, die sich mit Arbeitsmarktpolitik beschäftigen. Hilfreich kann dabei das ThinkTankDirectory sein, ein Verzeichnis von Denkfabriken.
Blogbeitrag: "Statistik für den Gelegenheitsnutzer"
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