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24. Juni 2012

Statista - trau, schau, wem

Statista.com erfreut sich bei Studenten immer größerer Beliebtheit -- kostenlose, leicht zugängliche Daten und nützliche Infografiken, die sich in jeder Seminararbeit gut machen.

Aber halt! Oft gibt es Missverständnisse oder ungenügendes Verständnis von dem, was Statista ist, was es anbietet, und wie man das Portal am besten nutzt. Darum hier ein paar Tipps -- und kleine Warnungen.

Zunächst: Statista ist keine Statistikbehörde, sondern ein kommerzieller Dienstleister. Das Unternehmen verdient Geld damit, Daten anderer einzusammeln, aufzubereiten und zugänglich zu machen. Statista erhebt selbst keine Statistiken.
Statista ist erst einmal "nur" ein komfortables Recherche-Tool, ein Katalog. 

Und: Statista bietet viel, aber das Beste ist nicht kostenlos. Studenten können aber auch an die hochwertigen Inhalte gelangen.

Nicht nur durch Gratis-Angebote zappen - Uni-Zugang nutzen

Studenten klicken sich meist durchs öffentlich frei zugängliche Web-Angebot. Dies ist nur ein kleiner Teil der Datenbank.

Wichtig: Wer alle Infos zur veröffentlichten Statistik sehen will, (z.B. den Herkunftsnachweis) muss sich ein Basisdienst-Konto freischalten lassen. Das ist erst einmal gratis.

Viele Angebote findet man zwar, sie sind jedoch gesperrt. Man braucht ein Premium-Account. Das kann sich der Student natürlich nicht leisten. Muss er aber auch nicht: Viele Hochschulbibliotheken haben Statista per Campus-Lizenz abonniert, so dass über die Uni oft die vollen Datensätze mit allen Infos für Studenten erreichbar sind!

Also: In die digitale Uni-Bibliothek einloggen und von dort aus in der gesamten Statista-Datenbank recherchieren. 

Woher stammen die Daten überhaupt? 

Statista wirbt damit, dass es 10.000 verschiedene Quellen hat. Allein diese hohe Zahl sollte misstrauisch machen. 

Gute, verlässliche Daten erheben ist teuer und aufwändig. Abgesehen von staatlichen Statistikämtern und öffentlichen Institutionen, die vom Steuerzahler unterhalten werden, haben Auftraggeber teurer Studien in der Regel kein Interesse daran, "einfach so" zum Nutzen der Allgemeinheit aufwändig erlangte Daten unters Publikum zu streuen.

Auftraggeber haben allenfalls ein Interesse daran, bestimmte Daten in die Öffentlichkeit zu bringen (und andere vielleicht nicht). Die Absicht: Sie können auf einen Werbeeffekt hoffen. Oder sie möchten Image-PR machen, mit den Daten etwas ins gute (oder schlechte) Licht rücken, eine Debatte beeinflussen oder anderes mehr.

Daher ist es sehr wichtig, dass Statista-Nutzer die Ursprungsquelle kennen – und sich einen Reim darauf machen, was die Absicht ist. Statista sagt:
"Zu jeder Statistik veröffentlichen wir die verfügbaren Metadaten wie Quelle, Veröffentlichungsdatum, Anzahl der Befragten usw. und machen so alle Angaben auf Statista überprüfbar. Aufbereitungen von Datensätzen erfolgen nach wissenschaftlichen Kriterien."
Klingt gut, aber: Das heißt noch nicht, dass die Ursprungsdaten streng neutral und nach allen Regeln wissenschaftlicher Transparenz und Methodik erhoben wurden. Und über die Selektivität der veröffentlichten Daten wissen wir damit auch nichts. Mag sein, dass die Leute bei Statista sehr sorgfältig sind. Aber sie sind nur Zweitverwerter. Sie zitieren nur.

An anderer Stelle sagt Statista:
"Statista kann Ihnen nicht die Entscheidung abnehmen, welcher Quelle und welcher Erhebung Sie Ihr Vertrauenschenken – oder welcher Methodik."

Das ist eben der Grund, weshalb Statista Herkunfts- und Metadaten transparent macht. 

Tatsache ist, dass Statista unter den 10.000 Quellen z.B. auch Pressemitteilungen von Verbänden und Unternehmen nutzt. Wie genau werden diese überprüft? Wird die Methodik unter die Lupe genommen? Wohl kaum so, wie die höchste Qualität es erforderlich machen würde. Statista ist kein Statistik-TÜV. Statista lebt davon, möglichst viele Daten ins System zu bringen -- und haftet nicht für Unfug und Manipulation, die darin stecken.

Beispiel: Da verbreitet etwa eine Internet-Partnervermittlung über Statista die Ergebnisse einer User-Umfrage übers Online-Flirten -- schon an der Formulierung der Fragen erkennt man, dass da kein Wissenschaftler am Werk war, sondern clevere Marketingleute.

Jeder kennt diese lustigen Web-Umfragen und -Abstimmungstools. Mit seriöser, repräsentativer und methodisch sauberer Sozialforschung haben sie nicht unbedingt etwas zu tun. Also kritisch bleiben.

Damit soll nicht gesagt sein, dass Statista eine Deponie für Datenmüll ist. Nein, bei Statista finden sich ebenso hochseriöse Daten. Nur muss man sich selbst die Mühe machen, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Allgemein: Der größte Teil statistischer Daten, die kostenlos in die Öffentlichkeit gelangen und von diversen Medien (Zeitungen, Portalen, Blogs und eben auch Statista) verbreitet werden, wird im Bereich der Marktforschung produziert. Es gibt gute und schlechte Marktforschung, vor allem aber ist sie meist Auftragsforschung, und auf Märkten gibt es Käufer- und Verkäufer-Interessen.

Güte und Qualität der Erhebung sollte man abschätzen können. Repräsentativität ist so ein kritischer Punkt, aber auch zahlreiche andere Faktoren - von Auswahlkriterien über die Erhebungs- und Gewichtungsmethodik bis zur Frageformulierung. Selbst wenn keine Manipulationsabsicht besteht, können handwerkliche Fehler passieren, oder das Grundkonzept ist Mist.
Außerdem sollte man sich natürlich darüber klar sein, dass Statistik nicht gleich Statistik ist. Eine Meinungsumfrage ist etwas anderes als eine Güterzählung vom Zoll.

Im Zweifel zurück zum Original - keine Zitatzitate

Statista ist erst einmal ein komfortables Recherche-Tool, ein Katalog. Gerade in der wissenschaftlichen Arbeit sollte man aber nicht Statista als Quelle begutachten und zitieren, sondern zum Original gehen, wenn irgend möglich.

Viele Statista-Quellen sind nicht exklusiv bei Statista zu haben, sondern wurden anderswo bereits veröffentlicht -- oftmals eingebettet in größere Berichte oder angereichert um zusätzliche Daten und Präsentationen.

Verweist Statista unter einer hübschen Grafik etwa als Quelle auf den Branchenverband XYZ, wird man wahrscheinlich auf der Website von XYZ eine Publikation mit genau diesen Daten finden. Denn der Verband nutzt Statista als Veröffentlichungs-Plattform -- aber nicht als einzige. Möglicherweise sind beim Verband sogar noch hübschere Grafiken zu finden, vor allem aber wird der Kontext sichtbar. Und es gibt mehr zum Thema.

Ein anderes Beispiel: Wenn Statista etwas vom EU-Statistikamt Eurostat präsentiert, sollte man sich die Daten auch direkt bei Eurostat ziehen. Großer Vorteil: Dort lassen sich die Daten individuell zusammenstellen, außerdem ermöglichen Grafik-Tools diverse Darstellungsoptionen. Infografiken kann man sich also so bauen, wie sie für den Nutzer sinnvoll sind.

Studenten lernen im Studium, dass man Zitat-Zitate vermeiden soll. Wenn also Müller in einem Buch einen Aufsatz von Schmidt zitiert, und der Student möchte das Schmidt-Zitat in der Seminararbeit nutzen, sollte er den Schmidt-Aufsatz aufstöbern und daraus direkt zitieren -- statt sich darauf zu verlassen, dass Müller den Schmidt richtig zitiert hat.

So ist es auch bei Statistiken. Statista ist wie Müller, der Schmidt zitiert. Nutzen Sie Statista, um Schmidt zu finden, und dann schauen Sie sich Schmidt an -- und zitieren Sie Schmidt.

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26. Januar 2011

Immer Trabbel mit Statistik

Suchen Sie nach Zahlen – egal, welches Thema Ihre Beleg- oder Abschlussarbeit oder Ihr Referat hat. 

Zahlen sind immer irgendwie beeindruckend. Sie lassen Darstellung und Interpretation handfester wirken als blanke Texte, stützen verlässlich das Argument. Daten sind das Fenster in die Wirklichkeit. Sie sind der ultimative Beleg in einer wissenschaftlichen Arbeit, und was wäre eine PowerPoint-Präse ohne Charts mit Tabellen, Kurven, Balken und Torten? Wer eine Parade von Zahlen aufmarschieren lässt, wirkt nie wie ein Dummschwätzer.

Ganz im Ernst: Zahlen sind in allen Wissenschaften gefragt. Mit Zahlen umgehen und "Daten sprechen lassen" zu können, gilt zu Recht als ein wichtiger Ausweis wissenschaftlichen Könnens, geht es doch um die Fähigkeit, Daten zu sammeln und auszuwerten. Es ist also ratsam, dieses Können auch bei einer Thesis zu zeigen – selbst wenn sie nicht als quantitative Untersuchung ausgelegt ist.

Das gilt insbesondere für die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Statistik jeder Art spielt hier eine zentrale Rolle. Leider sind die Grundlagen-Lehrveranstaltungen im Studium oft vorrangig theoretisch ausgelegt: Man lernt die Grundbegriffe, ein paar Werte und Formeln, vielleicht etwas über Statistiksoftware. Viel weniger aber darüber, wo man geeignete Zahlen findet (siehe dazu den Beitrag: "Statistik für den Gelegenheitsnutzer") und wie man sie in eine eigene Arbeit einbaut – und noch weniger darüber, wie man sie kritisch bewertet und wie man sich davor schützt, auf "getürkte" Zahlen hereinzufallen.


"Mit Zahlen lügen" ist der Titel einer Sendung des WDR-Wissenschaftsmagazins Quarks & Co von 2006. Dazu gibt es online ein gut gemachtes Begleitheft (PDF) und eine lohnenswerte Website, die z.B. erklärt, mit welchen Tricks Infografiker arbeiten ("Die schlechtesten Grafiken der Welt"). Die Sendung ist auf YouTube anzusehen (Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4). 

Es ist nicht schwer, sich schnell ein paar Statistiken herbeizugoogeln. Auf den Internetseiten von Presse und Sendern, Verbänden und Instituten, Ämtern und Unternehen, in Blogs und Foren findet sich vieles, was man flugs kopieren kann. Der Haken dabei ist:
  • Das sind meist schon aufbereitete Daten, das heißt, sie stammen aus einer anderen Quelle
  • In der Regel wird die Ursprungsquelle angegeben, aber nicht genau; und es wird auch nicht erklärt, wie die Daten zustande gekommen sind.
  • Wer die Zahlen benutzt, verfolgt damit einen Zweck. Er nimmt sich aller Wahrscheinlichkeiten nur die Zahlen, die zum Zweck passen – und präsentiert sie so, dass sie ihm noch besser dienen. "Halbe Wahrheiten" sind oft das Ergebnis.
  • Besonders problemanfällig sind Befragungen, vor allem aktuelle "Meinungsumfragen". Im Gegensatz zu den meisten "richtigen" Statistiken messen diese keine handfesten Tatsachen, zudem nur durch Stichproben; und Frageformulierungen und Fragekontext sind bei "Umfragen" weit leichter zu manipulieren als z.B. bei den oft ziemlich detailliert und verbindlich geregelten Messungen der öffentlichen Statistik.
Die meisten Studenten ignorieren das leider. Sie gehen nicht zur Ursprungsquelle (z.B. einer amtlichen Statistik) zurück, sondern verlassen sich blind darauf, dass die Vorauswahl stimmt. Sie übernehmen häufig auch die Darstellung, z.B. Grafiken. Das aber kann eine Falle sein.

Besonders problematisch ist es, wenn die Statistikdarstellung aus den Medien stammt. Da verlässt man sich z.B. darauf, dass eine seriöse Tageszeitung schon geprüft hat, ob die Statistik Hand und Fuß hat. Journalisten sind aber notorisch schlecht darin, Statistiken zu beurteilen. Sie sind darin kaum oder gar nicht ausgebildet, sie haben im Alltag keine Zeit und übernehmen vieles von dem, was ihnen irgendwelche PR-Leute liefern. Was halbwegs interessant und plausibel ist, wird gedruckt und gesendet. Eine Woche später möglicherweise eine Statistik, die das Gegenteil besagt. Dazu zucken die Journalisten mit den Schultern. Anders gesagt: Die Medien sind voll mit manipulierten Statistiken.

Weil Statistiken so schön Aussagen belegen, wird in allen Lebenslagen, vor allem aber in Wirtschaft und Politik, "verschleiert, übertrieben und manipuliert", wie die Berliner Zeitung jüngst in dem Beitrag "Die Tücken der Zahlen" festgestellt hat:

"Statistiken sind eine heikle Sache. Einerseits erscheinen Zahlen klar, objektiv und eindeutig. Sie sind Botschafter aus dem Reich der reinen Logik, der Mathematik. Andererseits kann man mit Zahlen verschleiern, übertreiben, manipulieren. Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, sagt der Volksmund. Gleichzeitig 'glauben viele Menschen an Zahlen, als wären sie eine Religion', sagt der Statistiker Gerd Bosbach. (...) Zahlen sind also gefährlich - aber nicht nutzlos. 'Wer vernünftige Entscheidungen treffen will, kommt um Statistiken nicht herum', so Bosbach. Statistiken zu ignorieren ist daher auch keine Option."

"Lügen mit Zahlen: Wie wir mit Statistiken manipuliert werden", heißt ein Buch, das Gerd Bosbach, einst am Statistischen Bundesamt (Destatis) und nun Professor der FH Koblenz, publiziert hat.

Das Buch knüpft nahtlos an einen anderen Bestseller an, der schon Generationen von Studenten begleitet hat: "So lügt man mit Statistik" von Walter Krämer (TU Dortmund) sowie "Statistik verstehen: Eine Gebrauchsanweisung" vom selben Autor.

Die Bücher knöpfen sich die Manipulationen von Grafiken vor, mit denen eine ohnehin fragwürdige Statistik-Aussage noch stärker verzerren lässt. Aber sie zeigen auch auf, wie die Auswahl und Zusammenstellung von Zahlen selbst zu überprüfen ist.

Die Berliner Zeitung greift einige Beispiele aus dem Bosbach-Buch auf: 
Vor zwei Jahren legte die Bundesregierung eine milliardenschwere Abwrackprämie auf. Ziel: Stützung der heimischen Autoindustrie. Im Sommer 2009 hieß es jedoch, Nutznießer der Prämie seien vor allem ausländische Konzerne, allen voran Hyundai. Der koreanische Autobauer hatte seine Verkäufe in Deutschland um 146 Prozent erhöht, bei VW lag das Plus nur bei 26 Prozent. Tatsächlich war es umgekehrt: In absoluten Zahlen lag VW mit 330000 zusätzlich verkauften Autos auf Platz eins der Prämien-Profiteure. Hyundai verbuchte zwar die größte prozentuale Steigerung, verkaufte aber letztlich nur knapp 50000 Autos mehr.
Oder ein Beispiel aus der Sozialpolitik:
So schreckte das Arbeitsministerium die Bevölkerung mit der Meldung auf, zwischen 1991 und 2008 seien die Sozialausgaben von rund 400 auf über 700 Milliarden Euro gestiegen - ein Plus von 75 Prozent! Das stimmt zwar, ist aber nicht weiter verwunderlich, denn in diesem langen Zeitraum sind auch fast alle anderen Ausgaben stark gestiegen. Aussagekräftiger als die absoluten Zahlen ist daher der Anteil der Sozialausgaben an der Wirtschaftsleistung. Und hier zeigt sich: Dieser Anteil lag 2008 bei etwa 28 Prozent und damit so hoch wie 1992. "Wenn die sozialen Probleme größer werden, wir für ihre Bewältigung aber einen stagnierenden Anteil des BIP ausgeben, müsste man eher von einem Abbau des Sozialstaates sprechen als von Wildwuchs", so Bosbach.
Oder aus der Finanzwelt:
In anderen Fällen stehen geldwerte Interessen hinter den Statistiken. Zum Beispiel die der Finanzberater. Bei ihren Berechnungen kann ihnen die Wahl des Zeitraums gute Dienste leisten, um Kunden zu Aktieninvestments zu bewegen. So können sie darauf verweisen, dass der Deutsche Aktienindex in den vergangenen zwei Jahren um 60 Prozent gestiegen ist. Das klingt beeindruckend. Weniger beeindruckend ist hingegen die Wertentwicklung über drei Jahre: minus drei Prozent.
Oder die Bevölkerungsentwicklung:
Mit der Wahl eines geeigneten Zeitraums der Betrachtung kann man auch aus der Alterung Deutschlands eine "Demografie-Bombe" machen. Derzeit kommen auf 100 erwerbsfähige Menschen 34 Menschen über 65 Jahren. Bis 2050 soll dieser Altenquotient auf 65 steigen. Wer deshalb vor einer Demografie-Bombe warnt, "verschweigt, dass sich der Altenquotient von 1950 bis heute auch verdoppelt hat - von 17 auf 34", mahnt Bosbach - ohne eine Katastrophe auszulösen."
Oder Ausländer und Kriminalität:
Anfällig für Missbrauch sind Ausländer-Statistiken. So liegt der Anteil der Ausländer an den Kriminellen stets höher als bei Inländern. Sind Ausländer also per se krimineller? Wohl kaum, so Bosbach. Dass mehr Ausländer kriminell sind als Inländer, bedeute nicht, dass der Grund dafür in ihrem Ausländer-Dasein liegt. So sind Migranten im Schnitt jünger als Deutsche - und Kriminalität ist stets ausgeprägter bei jungen Menschen. Auch ist der Anteil der Männer bei Ausländern höher - wie bei allen Kriminellen. Zudem leben Migranten häufiger in Großstädten und sind eher arm - beides Merkmale, die bei Straftätern öfter auftreten als im Durchschnitt.
Da denkt man dann auch gleich an die Kontroverse um das mit vielerlei Statistiken gewürzte Buch "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin. Seine Zahlenspielereien waren die ultimative Statistikdebatte im Jahr 2010 – wobei zu betonen ist, dass der Medien-Krawall vor allem durch die Schlussfolgerungen ausgelöst wurde, die sehr viel mit Grundwerten und politischer Richtung zu tun hatten.

Das alles heißt nun nicht, dass man auf Statistik verzichten sollte. Der ganz oben gegebene Rat, gezielt nach Zahlen zu suchen, gilt. Allerdings:
  • Gehen Sie mit Zahlen genauso vorsichtig und distanziert um wie mit Texten: Zahlen sind nicht per se "wahr", genauso wenig wie Behauptungen in einem Text.
  • Bei Sekundärquellen gehen Sie möglichst zur Ursprungsquelle zurück. Amtliche Statistiken und wissenschaftliche Studien sind (in der Regel) verlässlichere Quellen.
  • Lesen Sie das "Kleingedruckte" und versuchen Sie zu verstehen, wie die Daten erhoben und bearbeitet wurden.
  • Achten Sie auf die typischen "Tricks" – Auswahl der Merkmale, des Zeitraums usw. – und bei Grafiken, ob zu stark vereinfacht oder verzerrt wurde.
  • Stellen Sie die Frage, warum jemand eine Statistik präsentiert, und bringen Sie das ggf. auch in Ihrem Text unter, wenn Sie die Zahlen zitieren.
  • Suchen Sie gezielt nach anderen Interpretationen. Beispiel: Sie haben zum Arbeitsmarkt Zahlen vom WSI-Forschungsinstitut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung und checken das gegen beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft Köln, bei der Bundesagentur für Arbeit, bei Destatis oder Uni-Wissenschaftlern oder anderen Forschungsinstituten, die sich mit Arbeitsmarktpolitik beschäftigen. Hilfreich kann dabei das ThinkTankDirectory sein, ein Verzeichnis von Denkfabriken.
Siehe auch: 
Blogbeitrag: "Statistik für den Gelegenheitsnutzer"

29. Dezember 2010

Statistik für den Gelegenheitsnutzer

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler haben viel mit amtlichen Statistiken zu tun. Zu den wichtigsten (in Studiengängen wie "Europäisches Management") gehören Daten, die man beim EU-Statistikamt Eurostat finden kann.

Der Haken daran ist, dass die Rohdaten stark interpretationsbedürftig sind. Man muss sich oft ganz schön hineinarbeiten. Wer nur Gelegenheitsnutzer ist, findet das nicht sehr komfortabel. Aber:

Die Statistikämter sind glücklicherweise dazu übergegangen, nutzerfreundliche Angebote zu erstellen – mit erläuternden Artikeln, Visualisierungen, Glossaren und dergleichen. Für Studenten wichtig, da die Barriere abgesenkt wird: So sind die Daten für Referate, Arbeitsgruppen, Beleg- und Abschlussarbeiten viel schnell und besser nutzbar.


Eurostat hat seit einiger Zeit eine hilfreiche Internetseite "Statistics Explained". Auf der Seite lässt sich ein "Themenbaum" für die Suche ebenso gut nutzen wie der Katalog der Statistik-Kategorien. Freie Suche gibt's natürlich auch.
Die inzwischen rund 900 Artikel will Eurostat als eine Art Enzyklopädie verstanden wissen. Die Artikel sind als Wikis formatiert, sie sehen aus wie bei Wikipedia. Bisher alles nur in Englisch, Deutsch und Französisch sind noch im Aufbau. Aber immerhin.

Das Statistische Bundesamt (Destatis) gibt sich auch viel Mühe bei der Nutzerfreundlichkeit und "Popularisierung" seiner Arbeit, lobenswert sind z.B. das STATmagazin als Web-Magazin und die interaktiven Präsentationen. Die meisten Landesämter für Statistik und ihre kommunalen Kollegen in Städten und Kreisen sind noch nicht so gut aufgestellt, aber auch sie machen Fortschritte.
  • Übrigens: Auch Studenten dürfen die kostenlosen Auskunftsdienste der Statistikämter (national, regional, kommunal) in Anspruch nehmen. Wenn Sie etwas nicht finden oder eine spezielle Frage haben: Die Fachreferenten helfen Ihnen bei der Recherche! Nur keine Bange, Helfen gehört zu deren Job. Bei Destatis werden jedes Jahr Hunderttausende Fragen beantwortet, vielfach von Wissenschaftlern und Studenten.
  • Eurostat hat ebenfalls einen Unterstützungsdienst, allerdings muss man sich zunächst online registrieren.
Eine weitere gute Quelle für Wirtschaftsstatistiken sind
Wer nach Statistiken sucht, trifft im Web häufig auf Statista.de. Das ist kein amtliches Portal, sondern ein kommerzielles.  Es ist ein sehr gutes Rechercheportal, weil es zahlreiche Statistikquellen und auch Grafiken und Kurzartikel bietet, aber die meisten Inhalte sind online nicht frei zugänglich. Allerdings: Hochschulbibliotheken - auch unsere in Wildau - bieten über eigene Lizenz den kostenfreien Zugang für Studenten (über VPN Client erst mit Bibliothek verbinden, dann zu Statista).