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25. Januar 2011

Die Zahl der zitierten Quellen

"Welche Anzahl an Büchern muss zitiert werden?", lautet eine Originalfrage eines Studenten.

"Ihnen wird die Antwort nicht gefallen", sagt der Computer in Per Anhalter durch die Galaxis. Die Ultimative Antwort: 42.

Auf unsinnige Fragen gibt es eben unsinnige Antworten, murmelt der Wissenschaftler... Aber Scherz beiseite, für Studenten ist das praktisch relevant. Sie wissen (oder ahnen zumindest), dass eine zu schmale Literaturgrundlage zu schlechter Bewertung führt. Aber wieviel ist nun "genug"? Oder "gut"? Oder "sehr gut"?

Die korrekte Antwort ist leider nicht viel besser als "42" – nämlich: "Das hängt davon ab." Vom Anspruch der Arbeit und dem Abschlussniveau (Bachelor, Diplom, Master), von der Literaturlage (wieviel und was ist zu einem Thema überhaupt erschienen), vom Untersuchungskonzept der Arbeit.

Richtig ist, dass Gutachter auf den Umfang des Quellen- und Literaturverzeichnisses schauen. Bei einer Bachelorarbeit mit nur fünf belegten Quellen zieht sich die Stirn des Professors zusammen. 15-20 darf man bei den meisten Themen schon erwarten, vielleicht aber auch 30, 40, 50. Je nachdem.

"Ich soll 50 Bücher durchlesen?! Ich bin doch nicht verrückt!" Das verlangt auch niemand. Auch aus Büchern nimmt man sich nur das, was man wirklich braucht: ein Kapitel, vielleicht nur eine Seite.

Zudem: Es geht es keineswegs nur um "Bücher". Ein Kandidat kann in seiner Arbeit möglicherweise gar kein Buch zitieren und trotzdem eine erstklassige Bewertung nach Hause tragen – weil seine anderen Quellen so gut und umfangreich sind.

Ein 5-Seiten-Artikel aus einer Zeitschrift kann für ein Thema viel besser sein als ein ganzes Buch, weil er genau zur Fragestellung der Thesis passt, während die verfügbaren Bücher das Thema nur am Rande erwähnen. Oder weil er brandaktuell ist, während die verfügbaren Bücher, auch und gerade "Standardwerke" (die in 17. Auflage), veraltet sind.

Wenn Sie eine Handvoll solcher perfekt passenden Aufsätze haben, ist das vielleicht alles, was Sie brauchen. Sie müssen Sie nur finden. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden Sie aber einen Mix von Quellen haben – einige sehr passgenau und ergiebig, viele begrenzt brauchbar, einige so lala bis fast irrelevant. Einige Bücher darunter und einige Nicht-Bücher.

Die Kritik an der Frage richtet sich also auf das Missverständnis, dass die ultimative Quelle ein Buch ist.

Der gefühlte Goldstandard

Sicher, (wissenschaftliche) Bücher sind für eine studentische Abschlussarbeit zunächst einmal der gefühlte Goldstandard, man wähnt sich auf der sicheren Seite:
  • Sie sind im Bibliothekskatalog und -regal bequem zu finden.
  • Profs verweisen gern und häufig auf "Standardwerke", die man kennen und benutzen soll.
  • Autoritäten zwischen Buchdeckeln sind uneingeschränkt zitierfähig und zitierwürdig. 
  • Bücher werden auch von anerkannten Fachautoren besonders viel zitiert.
  • Und wenn man nicht gerade eine hochspezielle Doktorarbeit oder Habilitationsschrift erwischt, ist die Chance groß, dass sich das Buch an ein breiteres Publikum richtet, also halbwegs verständlich ist.

Mit "Büchern" war bei der Frage vermutlich in erster Linie (wissenschaftliche) Sekundärliteratur gemeint. Ein Jurist beispielsweise arbeitet vorwiegend mit (Primär-) Quellen wie Gesetzestexten und Gerichtsurteilen plus Sekundärliteratur, also Fachtexten über die (Primär-) Quellen. Ein Betriebswirt mag als (Primär-) Quellen Zahlen, Daten, Fakten, Berichte eines Unternehmens ansehen und zieht zusätzlich Sekundärliteratur heran, z.B. über die Branche, über Unternehmensfunktionen und Tätigkeitsbereiche (etwa Marketing, Personalwesen oder Controlling).

Vor allem Bachelor-Abschlussarbeiten arbeiten fast ausschließlich mit Sekundärliteratur, weil der wissenschaftliche Anspruch etwas geringer ist (siehe dazu den Beitrag: "Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied"). Bei einer BA-Thesis ist es auch akzeptabel, dass ein größerer Teil des Literaturverzeichnis aus Lehrbüchern und anderen Einführungswerken besteht, also Sekundärliteratur in Form von nicht allzu speziellen Monographien, und sogar Tertiärliteratur (Lexika, Handbücher usw.).

Ist der wissenschaftliche Anspruch größer (Diplom- und Masterarbeit), desto wichtiger sind, allgemein gesprochen:
  •  Primäre Quellen, d.h. Informationen am Ursprungsort, noch nicht von Experten und Wissenschaftlern gesammelt, analysiert und interpretiert;
  • spezielle Sekundärliteratur, also hochgradig spezialisierte Monographien (keine Lehr- und Einführungsbücher), die für Experten und nicht für junge Studis geschrieben werden;
  • und aktuelle Sekundärliteratur, die "den Stand der Forschung" wiedergibt; also z.B. aktuelle wissenschaftliche Aufsätze in einer Fachzeitschrift oder in Sammelbänden (die oft aus Tagungen entstehen), oder Studien oder Diskussionspapiere von Instituten und Fachgesellschaften.
Bücher sind aus dieser Sicht schon deshalb problematisch, weil sie schnell veraltet sind. Ein Buch zu schreiben, dauert lange; es zu veröffentlichen und zu verkaufen, auch. Den aktuellsten Stand der Forschung findet man daher eher nicht in den Büchern, die eine Hochschulbibliothek im Regal stehen hat. Schon gar nicht in der vertrauten Lehrbuchsammlung. 

Die Nicht-Bücher sind aber auch viel schwieriger zu finden, zu verstehen und zu benutzen. Die Recherche ist anspruchsvoller. Wohlgemerkt, es geht hier nicht um schnelles Herbeigoogeln beliebiger Internetseiten, sondern um wissenschaftlich taugliche Quellen.


Wenn Bücher kaum eine Rolle spielen: Empirische Arbeiten 

In den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften dominieren zwei Arten von Abschlussarbeiten: Literaturstudien und empirische Studien. Bei der ersten Gattung dreht sich alles, wie der Name schon sagt, um die Aufarbeitung der Fachliteratur zu einem Thema (oft eher theoretisch orientiert). Da werden dann ganz sicher auch viele Bücher genutzt, und die Diskussion der Bücher steht im Mittelpunkt.

Bei der zweiten Gattung untersucht die Kandidatin dagegen selbst empirisch, d.h. sie sammelt selbst die Informationen, z.B. durch Beobachtung, Befragung, statistische Erhebung oder Dokumentenrecherche. Sekundärliteratur dient dann nur dazu, ein Konzept für die eigentliche Untersuchung zu begründen. Vielleicht vergleicht die Autorin ihre Ergebnisse noch mit denen einer anderen Studie. Bücher werden daher eine untergeordnete Rollen spielen.

Ein Beispiel. Zugegebenermaßen ein eher extremes, was die Zahl der Quellen angeht. Ich hatte gerade eine ziemlich gute Master's Thesis mit einem hohen forscherischen Eigenanteil auf dem Schreibtisch. Das Thema drehte sich um ein EU-Gesetzgebungsverfahren.
  • Die Autorin hat sich dafür in die Datenbanken gestürzt und rund 160 Quellen belegt.
  • ...davon gut 40 Dokumente aus den an der Gesetzgebung beteiligten Institutionen und über 100 Dokumente von Unternehmen und Verbänden (Positionspapiere, Stellungnahmen, Pressemitteilungen, Redeskripte und vieles mehr), außerdem Medienberichterstattung. Diese Dokumentenanalyse war der methodische Kern der Arbeit. 
  • Hinzugezogen hat sie eine Handvoll an wissenschaftlichen Texten, aber da das Thema so aktuell war, gab es zum Speziellen nicht viel. Die wissenschaftlichen Aufsätze und Bücher dienten vorrangig dazu, den Forschungsansatz zu begründen und einen Rahmen für die Analyse und Interpretation der Dokumente aufzubauen. Insgesamt waren das rund 25 Texte der Sekundärliteratur, davon vielleicht 2 Monographien, ein Dutzend Aufsätze aus Sammelbänden, der Rest Aufsätze aus Fachzeitschriften oder separat erschienene Studien. 
Das klassische "Buch", nämlich die Monographie eines Einzelautors, spielte also in dieser Thesis so gut wie keine Rolle. Auch die Bücher, die eine Sammlung von Aufsätzen darstellen, sind nur begrenzt wichtig. Die Frage von ganz oben, "Welche Anzahl an Büchern muss zitiert werden?", ist hier marginal. Der Dreh- und Angelpunkt der Untersuchung sind die primären Quellen, alles keine Bücher.

Wieviel ist genug?


Zurück zur Ausgangsfrage. Wieviel "genug" oder "gut" ist, kann Ihnen in Zahlen niemand sagen. Das entscheidet sich nach der inhaltlichen Qualität und Passgenauigkeit, mithin nach dem Erfolg Ihrer Recherche und dem Thema. Wenn Sie Glück haben, finden Sie schnell Quellen mit hoher Güte. 10 großartige, aussagekräftige Quellen sind besser als 50, die nur am Rande mit Ihrem Thema etwas zu tun haben. Aber das kann man vorher nicht wissen.

Schließlich kommt es darauf an, was Sie daraus machen. Manchmal haben Studenten Angst, dass Sie nicht genug Material zu einem Thema finden. Andere davor, dass sie zuviel finden. Es macht Ihre Thesis sicher nicht besser, wenn Sie Berge von Material auftürmen, die Sie nicht mehr bewältigen können. Weniger ist oft mehr.

Am Ende werden Sie nicht nach der schieren Quantität Ihrer Quellen bewertet, sondern nach Tiefgang in Darstellung und intelligenter Auswertung. Struktur und pointierte Aussagen zählen mehr als das kommentarlose Aneinanderreihen von Zitaten. Man kann also mit der Literatursuche viel Zeit verplempern, die besser in eine Auseinandersetzung mit der bereits gefundenen Literatur investiert wäre.

Eigentlich gibt es nur eine gültige Daumenregel, und sie bezieht sich nicht aufs Minimum, nicht aufs Optimum, sondern aufs Maximum. Wenn Sie bei einer hoffentlich gründlichen und systematischen Recherche und Lektüre merken, dass Sie nichts Neues mehr dazulernen oder sich das Altbekannte ständig wiederholt, dann sollten Sie mit dem Hinzufügen neuer Literatur aufhören.

Ökonomen sprechen hier vom "abnehmenden Grenznutzen" (1. Gossensches Gesetz). Sie können zwar ewig weiter nach Literatur suchen, aber mit jedem Text, den Sie jetzt noch finden, nimmt der Ertrag ab, den Sie davon noch haben. Anders gesagt, "Vollständigkeit" der Recherche kann nicht das Ziel sein. Man kann sich auch totrecherchieren. Eine Abschlussarbeit muss auch in dieser Hinsicht nicht perfekt sein; nur fertig werden muss sie.

Abschlussarbeit zu zweit?

"Besteht die Möglichkeit, eine Abschlussarbeit zu zweit zu schreiben – und wäre dies sinnvoll?", fragt mich ein Student.

Wie es geregelt wird

Der erste Teil der Frage ist noch relativ leicht - und positiv - zu beantworten. In den Prüfungsordnungen gibt es dazu fast immer eine klare Regelung. Beispielsweise heißt es in den Musterprüfungsordnungen der BA- und MA-Studiengänge an der TH Wildau: Die "Thesis kann auch in Form einer Gruppenarbeit erbracht werden, wenn der als Prüfungsleistung zu bewertende Beitrag des einzelnen Kandidaten aufgrund der Angabe von Abschnitten, Seitenzahlen oder anderen objektiven Kriterien, die eine eindeutigeAbgrenzung ermöglichen, deutlich unterscheidbar und bewertbar ist ". Außerdem: "Eine Gruppenarbeit ist auf maximal zwei Kandidaten beschränkt." Diese Regelung ist an den meisten Hochschulen ähnlich formuliert.

In jedem Fall müssen Sie also so planen, dass am Ende abgrenzbare Teile herauskommen, über denen jeweils nur ein Name steht. Und mehr als ein Duett wird daraus ohnehin nicht (anders als z.B. oft bei Seminarhausarbeiten).

Das mit der Abgrenzung klingt leichter, als es ist. Bei Teamarbeit geht es ja nicht nur um Arbeitsteilung, sondern um Zusammenarbeit. Während sich auf viele Seiten nur einer von zwei Namen schreiben lässt, sind die Grundlagen, die Recherche- und Konzepttätigkeiten bei einer Thesis oftmals wirklich Teamsache. Oder einer von zweien hat hier überproportional viel geleistet, ohne dass das im Text sichtbar wird.

Dass gemeinsam eingereichte Arbeiten auch ein gemeinsames Projekt sind, wissen Profs natürlich auch. Und wenn es nicht haarsträubende Unterschiede zwischen den Teilen einer Abschlussarbeit gibt, werden sich die Gutachter bemühen, möglichst ähnlich zu benoten.

Ob es sinnvoll ist

Die Frage nach dem Sinn hat viele Aspekte. Die positiven Seiten:
  • Sie können ein komplexeres und umfangreicheres Thema bearbeiten, wenn Sie arbeitsteilig vorgehen. Was einer allein nicht schaffen kann, können zwei durchaus stemmen.
  • Zwei Köpfe wissen mehr als einer und produzieren mehr Ideen. Es ist immer ein Sparringpartner da, um Ideen abzuklopfen, Konzepte zu entwickeln, Probleme zu diskutieren. Das kann die eigene Produktivität und Kreativität erhöhen. In der Schreibphase hat man immer einen Lektor, der Texte kritisch und sachkompetent gegenliest.
  • Teamarbeit verhindert Isolation in der Abschlussphase (damit haben viele Studenten zu kämpfen). Man motiviert, diszipliniert und stützt sich gegenseitig.
Allerdings gibt es auch Risiken:
  • In einer entscheidenden Phase des Studiums ist Ihr Erfolg an den Erfolg des Partners gekoppelt. Erfüllt Ihr Partner Ihre Erwartungen und das in ihn gesetzte Vertrauen nicht, haben Sie zusätzliche Probleme am Hals. Es kann zu Enttäuschungen, zu Streit und Zerwürfnissen kommen. Sie stehen beide unter Druck. Das kann eine freundschaftliche Beziehung auch unter Stress setzen. Wer damit nicht so gut umgehen kann, wird sich möglicherweise schnell fragen, ob die Zusammenarbeit der größte Fehler des Lebens war. Statt sich gegenseitig zu helfen, blockieren Sie sich gegenseitig. Möglicherweise haben Sie sehr unterschiedliche Vorstellungen von Konzept, Inhalt und Ziel der Arbeit. Arbeitweisen und Arbeitstempo können unterschiedlich sein. Oder der eine ist ambitionierter als der andere. Die eine geht im Thema auf, die andere findet es mühsam und sperrig. Möglicherweise ist die Arbeitsteilung nicht gut gelungen. Die eine schreibt viel, der andere wenig usw. Schließlich kann es noch externe Umstände geben: ein Unfall, ein Familien- oder Beziehungsdrama oder anderes, was den Partner aus der Bahn wirft – unverschuldet zwar, aber eben auch für Sie eine Belastung.

  • Inhaltlich kann die Arbeitsteilung dazu führen, dass die Thesis nicht "aus einem Guss" ist. Der rote Faden geht verloren, die Argumentation wird unklar, die Arbeit zerfällt in mehrere Teile, die zu wenig aufeinander abgestimmt sind. Hier ist ein erheblicher Mehraufwand für die Textredaktion einzuplanen – das sind Studenten oft nicht gewohnt.
Das will sorgsam bedacht sein. Mit dem besten Kumpel oder der Herzblatt-Freundin ein gemeinsames Projekt zu bearbeiten, kann viel Freude machen und ein herausragendes Ergebnis produzieren. Oder eben persönlich wie inhaltlich zu Problemen führen, die man allein nicht hätte. Manchmal täuscht man sich eben im Partner – aber das ist auch im Arbeitsleben so.

Vertrauen ist gut, offene Kommunikation und etwas Kontrolle, sprich Verbindlichkeit in allen Absprachen und regelmäßige Überprüfung, sind besser.

Das wissen die meisten Studenten auch. Während des Studiums sind Lerngruppen und Teamprojekte oft beliebt. Kooperatives Lernen ist wertvoll. Beim letzten großen Projekt gehen die meisten aber lieber den eigenen Weg allein.

Im Zweifel wäre mein Rat: Wenn Sie mit jemandem zusammenarbeiten wollen, stimmen Sie sich über das Thema eng ab und planen die Kooperation (und, ganz wichtig, informieren Sie Ihre Betreuer über die Zusammenarbeit), aber melden Sie getrennt Ihre Themen an. So ist jeder klar für sich selbst verantwortlich. Das ist eine eindeutige "Geschäftsgrundlage". Auf der Basis lässt sich die Zusammenarbeit besser steuern.

24. Januar 2011

Übungstests sind besser als Büffeln

"To really learn, quit studying and take a test", schreibt die New York Times über eine neue wissenschaftliche Studie. Im Vergleich zum klassischen Büffeln und Auswendiglernen, aber auch im Vergleich zu aktiven Lernmethoden wie dem "Concept Mapping", zeigte sich: Bei Übungstests bleibt mehr hängen.

Psychologen der Purdue University haben mehrere Lernmethoden verglichen. Am besten schnitten dabei Übungstests ab. Solche Tests sind also nicht nur passive Abfragemethoden, um den Wissensstand festzustellen, sondern unterstützen das Lernen.

Eine mögliche Erklärung für den Erfolg der Übungstest-Methode: Wer sich testen lässt, erkennt leichter seine Wissenslücken, setzt sich anders mit den Fragen auseinander, speichert und organisiert sein Wissen anders – es wird leichter "abrufbar".

In einem zweigeteilten Experiment lasen 200 Hochschüler einen naturwissenschaftlichen Text und mussten eine Woche später dazu Fragen beantworten. Diejenigen, die sich bereits vorher einem Übungstest unterzogen hatten, sammelten im Vergleich zu den anderen Studenten eine bis um die Hälfte bessere Punktzahl (siehe Abbildung links, Quelle). Die anderen Lernmethoden waren klassisches "Büffeln", also Lesen und Einprägen, und das von modernen Pädagogen gern genutzte Concept Mapping, bei dem Studenten sich die zu lernenden Inhalte mit selbsterstellten Diagrammen (z.B. Mind Maps) aneignen und Zusammenhänge grafisch darstellen sollen. Das Mapping wird vor allem von Lerntheoretikern empfohlen, die sagen, Studenten sollen nicht auswendiglernen, sondern ihr Wissen selbst aktiv konstruieren, indem sie es begründen und auf kreative Weise darstellen (sog. "Konstruktivismus"-Theorie).

Interessant auch, dass die Studenten in der ersten Lernrunde eine Voraussage abgeben sollten, wie gut sie bei der Prüfung abschneiden würden. Das Ergebnis der Prognose war das genaue Gegenteil der tatsächlichen Prüfungsergebnisse: Diejenigen, die einen Übungstest ablegten, schätzten ihren späteren Erfolg viel schlechter ein als diejenigen, die statt des Übungstests auf andere Weise gelernt hatten.

Eine Erklärung dafür: Wer sich einem Übungstest unterzieht, macht dabei nicht unbedingt positive Erfahrungen – es ist mühsam, man kämpft sich durch, und es fühlt sich nicht so an, als lerne man dabei etwas. Tatsächlich sorgen auch die Fragen, zu denen man nicht sofort eine Antwort weiß, real für einen Lerneffekt.

Was heißt das nun praktisch für Studierende?
  • Lehrbücher enthalten meist Übungsfragen. Nicht ignorieren, sondern bearbeiten.
  • begleitende Internetseiten (companion websites), die von den Lehrbuchverlagen angeboten werden, enthalten oft ein Übungs-Quiz zu den Kapiteln des Lehrbuchs. Mehrmals durchackern.
  • Übungsaufgaben, die der Dozent anbietet, lösen und wiederholen.
  • Mit einer Arbeitsgruppe einen eigenen Test entwerfen und sich gegenseitig abfragen.
  • Wenn alte Klausuren verfügbar sind: nicht nur ansehen, sondern die Aufgaben selbst lösen.
  • Im Internet nach Übungstests suchen.

11. Januar 2011

Ein Thema finden

Manche Studenten wissen schon mehrere Semester im voraus ganz genau, über welches Thema sie ihre Abschlussarbeit schreiben wollen. Für die meisten ist das eher ein schwieriges Unterfangen. Patentlösungen gibt es dafür natürlich nicht.

Mancher blättert erst einmal in alten Kursunterlagen. Ratgeberbücher zum wissenschaftlichen Arbeiten empfehlen gern Brainstorming, Mind-Mapping und diverse Kreativitätstechniken. Man kann aber auch Lektüre empfehlen, ein paar Stunden in der Bibliothek (auch in der Abteilung für Abschlussarbeiten) oder das Durchforsten von Internetportalen, auch von Anbietern von Abschlussarbeitensammlungen.

Wenn Sie schon eine Liste möglicher allgemeiner Themen haben, hier einige handfeste Tipps zur Entscheidung bzw. Erstellung einer "shortlist".

Interesse und Motivation: Das Thema sollte Sie so interessieren, dass Sie damit mehrere Monate ohne persönliche Quälerei verbringen können. Die Abschlussarbeit bringt oft schwierige Umstände mit sich, man arbeitet überwiegend allein, muss sich selbst motivieren und knifflige Probleme lösen. Dann hilft es sehr, wenn man das Thema wirklich mag und einen persönlichen Bezug dazu hat.

Zeitfaktor: Das Thema soll in der zur Verfügung stehenden Zeit sinnvoll, gründlich und solide zu bearbeiten sein. Dabei gibt es natürlich Unterschiede zwischen Bachelor- und Masterarbeiten. Das können Sie oft nicht selbst beurteilen, hier hilft nur Beratung durch den Betreuer.

Das Thema soll mit einer auch zeitlich passenden und den methodischen Fähigkeiten des Studenten entsprechenden Methode zu bearbeiten sein. So ist es ziemlich aussichtslos, eine quantitativ angelegte Befragung von 500 Personen sauber durchzuführen und auszuwerten, wenn man nur zwei Monate Zeit für eine BA-Thesis hat und noch nie eine längere Lehrveranstaltung zur empirischen Sozialforschung belegt hat. Mit Unterstützung des Betreuers kann man natürlich auch eine neue Methode anwenden, aber auch zum Kennenlernen der methodischen Finessen braucht man Zeit.

Sie sollten inhaltliche Vorkenntnisse mitbringen. Je weniger Sie über das Thema wissen, desto steiler ist die Lernkurve. Man kann sich vieles anlesen, aber die Einarbeitung kostet Zeit, und man kann sich dabei überfordern. Was ist, wenn Sie auf halbem Weg feststellen, dass Sie viel zu wenig Vorkenntnisse haben? Das frustriert möglicherweise.

Das Thema Ihrer Abschlussarbeit gibt Ihnen berufliches Profil auf dem Lebenslauf, bei einer Bewerbung macht es Sie für künftige Arbeitgeber interessant. Wenn Sie also ein klares Berufsziel vor Augen haben, sollte das Thema passen. Es sei denn, Sie entscheiden sich bewusst dafür, etwas völlig anderes zu bearbeiten – überlegen Sie sich das gut.

Studenten suchen meist nur "ein Thema". Professoren aber beharren darauf, dass Sie nicht nur ein "Thema" brauchen, sondern eine Fragestellung. Das Thema ist der weit gefasste inhaltliche Gegenstand, mit dem sich eine Studie befasst (mehr oder weniger konkret). Eine Fragestellung ist dagegen ein Problem, das besser verstanden oder gelöst werden muss: Die Frage, die Sie mit Ihrer Arbeit beantworten. Daraus ist ein Untersuchungsziel zu entwickeln: die wichtigste Absicht oder der Zweck: Was wollen Sie erreichen? Dann entstehen die Forschungsfragen (immer mehrere): Fragen, die man in der Studie beantworten will. Wobei Haupt- und Nebenfragen zu unterscheiden sind. Bei der "Operationalisierung" schließlich geht es um das Zerlegen in viele Detailfragen, die Sie Schritt für Schritt bearbeiten können.


Die größeren Schwierigkeiten macht nicht das Thema an sich, sondern dass, was darauf folgt: nämlich die Schritte vom Allgemeinen zum Spezifischen der Abschlussarbeit. Dabei werden Sie schnell merken, dass sich alles um die Eingrenzung des Themas (was bearbeite ich nicht?) dreht und das Konzept für die Untersuchung ("Forschungsdesign").

Ein Beispiel: Ein Student im Wildauer Studiengang "Verwaltung und Recht" möchte sich mit Personalveränderungen in unteren Verwaltungsbehörden Brandenburgs beschäftigen. Schönes Thema, er hat einen persönlichen Zugang dazu, es ist aber noch sehr allgemein. Was könnte die Fragestellung sein? Konkret entwickelt er: Das Problem des Führungskräftemangels als Ergebnis der Personalveränderungen in unteren Verwaltungsbehörden Brandenburgs. Sein Untersuchungsziel? Zu untersuchen, wie es zum Führungskräftemangel kommt und welche Möglichkeiten es im Personalmanagement gibt, das Problem zu begrenzen oder zu lösen. Jetzt beginnt er, einen Katalog möglicher Einzelfragen zu schreiben: u.a. wie zeigt sich der Führungskräftemangel? Wo? Wann? Unter welchen Bedingungen? Was ging ihm voraus, war er voraussehbar? Welche Folgen hat er? Wie kritisch sind die Folgen für das Funktionieren der Verwaltung? Wie wurde darauf reagiert? Welche Alternativen werden diskutiert?...

Er grenzt also erst einmal das inhaltliche Gebiet ein, dass er bearbeiten möchte. Er sucht nach einem konkreten Problem, einem Konflikt oder Dilemma – etwas, was eine Lösung benötigt. Dann versucht er das an Belegen aus der Literatur oder aus der Praxis festzumachen. Er stellt sich die Frage:  Was wissen wir noch nicht darüber? Was fehlt in der Literatur? In der Praxis? Was sollten wir noch wissen? Und er überlegt sich, was das Ergebnis seiner Untersuchung bringen soll – und wem. Er hat nämlich eine recht konkrete Zielgruppe vor Augen, für die die Abschlussarbeit ein paar Erkenntnisse produzieren könnte. In diesem Fall den Personalverantwortlichen und Leitern der Behörden, die er untersuchen möchte.

Eine Abschlussarbeit wird auch Thesis genannt. Das ist eigentlich ein ganz guter Begriff.  Eine "These" beschreibt nicht einfach das Thema oder eine Beobachtung, sondern präsentiert eine Vermutung, Behauptung, Prognose, Sichtweise, Meinung, Idee, Problemlösung, um die man streiten kann, die Argumente braucht und die verteidigt werden muss. Haben Sie eine "These"? Dann können Sie diese auch untersuchen.

So mancher hat diffuse Vorstellungen, welcher Themenbereich interessant wäre. Man muss aber die anderen Schritte auch gehen, in Gedanken durchspielen. Diskutieren Sie das im Gespräch mit dem Betreuer Ihrer Wahl!

Manche Studenten machen es sich einfach und wählen den Weg des (vermeintlich) geringsten Widerstands. Sie wählen ein "Standardthema" aus einem Lehrbuch oder aus einer Vorlesung. Die Wahl eines Themas für eine Abschlussarbeit ist aber sehr persönlich und bietet die Chance, ein Projekt für sich selbst zu wählen und sich beruflich Profil zu geben. Manchmal braucht man Mut, um ein unbekanntes Terrain zu erforschen. Wenn die Motivation stimmt, lassen sich die meisten Themen auch bearbeiten.

28. Dezember 2010

Bachelor- und Masterarbeiten: der kleine, große Unterschied

Wer eine Bachelor-Abschlussarbeit hinter sich gebracht hat, fühlt sich mehr oder minder gut informiert darüber, was eine Master-Arbeit mit sich bringt:

Sie ist halt etwas anspruchsvoller, etwas länger und zählt ein bisschen mehr.

Das ist nicht falsch, aber greift etwas zu kurz. Schon auf dem Papier, also rein formal, sind die Unterschiede erheblich. In der Praxis und von Qualität und Inhalt her können sie gewaltig sein.

Formale Unterschiede

Nehmen wir als Beispiel die Studien- und Prüfungsordnungen an der TH Wildau, speziell des Studiengangs Europäisches Management (B.A. und M.A.). Fangen wir bei den Credit Points (CP) an, die den Zeit- und Leistungsaufwand messen.
  • Für die B.A.-Abschlussarbeit sind magere 10 von insgesamt 180 CP fürs Studium vorgesehen (bundesweit sollen es bei Bachelor-Studiengängen zwischen 6 und 12 CP sein, sagt ein Kultusministerratsbeschluss, Wildau liegt also nahe der oberen Grenze). Eine mündliche Prüfung gibt es dazu nicht. Für die Bearbeitungszeit sind 8 Wochen vorgesehen.
  • Die M.A.-Abschlussarbeit hingegen nimmt 24 CP ein (bundesweite Regelung: 15-30 CP, Wildau ist hier erneut an der Obergrenze). Hinzu kommt die mündliche Prüfung ("Verteidigung der Thesis") mit 6 CP. Das sind also gewaltige 30 von insgesamt 120 CP . Die Bearbeitungszeit beträgt 18 Wochen, für den mündlichen Teil werden 4 Wochen Vorbereitungszeit angesetzt. Das gesamte letzte der 4 Semester Studienzeit ist also Prüfungszeit!
Im Vergleich scheint es also so, als sei die Bachelor-Arbeit eine Art Nachgedanke zum Studium, eine Art Sahnehäubchen auf der Suppe; während die Master-Arbeit ein Viertel des gesamten Studiums ausmacht.

Auch bei der Wahl des betreuenden Hochschullehrers gibt es einen formalen Unterschied. Der Betreuer (Erstgutachter) einer Master-Arbeit muss ein "echter" Professor der Hochschule sein. Beim B.A. ist das nicht so, hier kann auch ein anderer prüfungsberechtigter Dozent oder externer Lehrbeauftragter die Arbeit betreuen.

Inhaltliche Unterschiede

Sowohl die Bachelor- als auch die Master-Abschlussarbeit sind definiert als "wissenschaftliche Arbeit". Grundsätzlich gelten also dieselben Qualitätsmerkmale für die Prüfungsleistung. Wenn man aber genau hinschaut, sind die Ansprüche etwas unterschiedlich formuliert.
  • Die Bachelor-Arbeit "soll zeigen, dass der Kandidat in der Lage ist, innerhalb einer vorgegebenen Frist ein Problem aus seinem Fachgebiet selbstständig zu bearbeiten", heißt es in der Prüfungsordnung.
  • Die Master-Arbeit "soll zeigen, dass der Kandidat in der Lage ist, innerhalb einer vorgegebenen Frist ein Problem aus seinem Fachgebiet selbstständig nach wissenschaftlichen Methoden zu bearbeiten", sagt die Prüfungsordnung.
Der kleine, aber gravierende Unterschied: "nach wissenschaftlichen Methoden".

Das ist nun etwas interpretationsbedürftig. Der Verzicht auf die drei Wörter bei der Zielsetzung der Bachelor-Arbeit heißt nicht, dass der BA-Prüfling keine wissenschaftlichen Methoden anwenden muss (oder gar darf). Klar darf er. Und der Betreuer darf das explizit verlangen, bevor er einwilligt, Betreuer zu sein. 

In jedem Fall muss die Bachelor-Arbeit wissenschaftlich "sauber" sein, eklatante Verstöße gegen wissenschaftliche Grundsätze sind also inakzeptabel. Es gibt aber mehr Spielraum, die Abschlussarbeit stärker an der Praxis auszurichten und die wissenschaftliche Methodik weniger umfangreich darzulegen.
  • Als Ausbildungsziel für das Bachelor-Studium ist glasklar festgelegt, dass die Studenten "zu wissenschaftlicher und anwendungsorientierter Arbeit" und "zur Anwendung wissenschaftlicher Methoden und Erkenntnisse im Beruf" befähigt werden. Bei der Abschlussarbeit steht allerdings das Leitbild des "ersten berufsqualifizierenden Hochschulabschlusses" stärker im Vordergrund. Die Absolventen sollen relevantes Wissen reproduzieren, aber nicht produzieren können.
    Allerdings: Wenn Sie sich nach dem Bachelor-Abschluss auf ein Master-Studium bewerben, kann der wissenschaftliche Anspruch Ihrer Thesis wichtig sein. Insbesondere wenn Sie von einer FH an die Universität wechseln wollen, kann das entscheidend sein.
  • Hingegen hat das Master-Studium neben der Berufsvorbereitung die "Ausbildung von qualifizierten Absolventen für die angewandte Forschung" im Auge. Konkret heißt das, auch an der Fachhochschule ist die Wissenschaftlichkeit des Abschlusses zentral – bis hin zur Gleichberechtigung der FH- mit Uni-Absolventen, wenn sie promovieren wollen (also eine Doktorarbeit schreiben, die Königsklasse der wissenschaftlichen Arbeit).
Das Master-Studium soll "hochspezialisiertes und hochqualifiziertes" Wissen vermitteln. Was ist daran "hoch"? Unter anderem Wissen darüber, wie Wissenschaft Wissen schafft. Der Master-Kandidat soll also sehr viel präziser mit wissenschaftlichen Methoden umgehen können, soll die wissenschaftliche Literatur berücksichtigen, Forschungsergebnisse, Theorien und wissenschaftlichen Kontext im Kopf haben. An der FH ist das zwar auch "anwendungsorientiert", wie es so schön heißt. Trotzdem fließt in die Bewertung der Prüfungsleistung viel stärker die Wissenschaftlichkeit des Abschlussprojekts ein.

Darum ist die Abschlussphase auch viel länger als beim Bachelor. Was die Wissenschaftlichkeit angeht, werden eher Minimalansprüche gestellt – zum Beispiel beim Umgang und Beleg von Quellen.


Dass der Bachelor-Kandidat hingegen erst einmal die Breite der zum Thema passenden Fachliteratur durchackert und die wesentlichen Ergebnisse der Forschung in seine Abschlussarbeit einfließen lässt, kann man genauso wenig erwarten wie die Durchführung aufwändiger empirischer Untersuchungen (z.B. quantitative Befragungen, umfangreiche Statistik- oder Dokumentenanalysen). Dafür reicht einfach die Zeit nicht. Und meistens auch nicht das dafür notwendige Wissen.

Wenn dagegen ein ganzes Semester zur Verfügung steht, darf man vom Kandidaten ein umfangreiches und gut begründetes Forschungsprojekt erwarten. Das heißt konkret: 
  • breitere Literaturbasis: es soll erkennbar sein, dass der Student sich intensiv mit der Literaturrecherche beschäftigt hat und seine Arbeit an Fach- und Forschungsergebnisse anschließt.
  • spezialisiertere Recherche: Ein Bachelor-Student wird vor allem Sekundärliteratur heranziehen (also Lehr- und Einführungswerke, Grundlagenliteratur, Lexika) und diese bei Spezialfragen durch relativ einfach zugängliche und beschaffbare Fachquellen (z.B. Web-Recherche) ergänzen. Von einem Master-Studenten kann man erwarten, dass er weit  tiefer schürft und Fundorte für Spezialisten erschließt. Er zeigt, dass er sich in der Fachwelt bestens auskennt. Beispielsweise heißt das systematische Recherche in wissenschaftlichen Datenbanken, um aktuelle Studien und Fachaufsätze aus (auch internationalen) wissenschaftlichen Zeitschriften zu finden.
  • sicherer Umgang mit Primärquellen und eigene Untersuchungen: Statt sich auf Darstellung, Analyse und Interpretation anderer Autoren zu verlassen, soll ein Master-Student in der Lage sein, sich wissenschaftliches "Rohmaterial" zu beschaffen. Er soll den Apfel also selbst pflücken und putzen. Egal, ob es um betriebliche oder Branchen-Daten, Gerichtsurteile, Marktforschungsdaten, EU-Statistiken, Börsenkurse, Parlamentsprotokolle oder Positionspapiere von Verbänden geht: der Master-Student arbeitet viel stärker mit "Rohmaterial". Dazu muss er nicht nur wissen, wo er es findet, sondern vor allem, was man damit macht (und was man damit nicht machen darf). Er muss ordnen, sortieren, filtern, abwägen, bewerten, und das nach wissenschaftlichen Maßstäben und nicht "irgendwie".
Die Master-Arbeit: Eine Forschungsarbeit?

Heißt das, eine Master-Arbeit ist definitiv eine Forschungsarbeit? Nein und Ja.
  • Nein, weil sie nicht im Regelfall völlig neues wissenschaftliches Wissen produzieren soll (wie z.B. eine Doktorarbeit). 
  • Ja, weil sie ein Problem mit Hilfe wissenschaftlicher Forschungswerkzeuge bearbeitet und, wenn das Problem neuartig ist, auch zu neuen Antworten kommen kann.
Am Ende geht es darum, wieviel "Neues" in einer Arbeit produziert wird (das ist auch eine Frage des Umfangs), wie relevant es ist, mit welchem methodischem Aufwand und wie eigenständig der Student vorgeht.
  • Es gibt Master-Arbeiten, die bereiten eigentlich nur "altes" Wissen auf, stellen es zu einer bestimmten Fragestellung zusammen oder wenden es auf einen "üblichen" Fall an. Das ist dann eher keine Forschung. Insbesondere dann nicht, wenn es schon viele wissenschaftliche Beiträge (auch Abschlussarbeiten) zum Thema gibt. Es mag dann für den Studenten neu sein, nicht aber für die Wissenschaft. Der Student reproduziert im Wesentlichen schon Bekanntes, nur mit einem speziellen Zuschnitt.
  • Andere Master-Arbeiten betreten inhaltlich Neuland: durch eine aktuelle Untersuchung mit besonderem Zuschnitt, durch das Ausleuchten von Forschungslücken, durch Auswertung bisher ungenutzter Quellen, Sammlung empirischer Daten, wo es bisher keine gab, durch innovative Neuauswertung alter Daten, einen anspruchsvollen Vergleich, eine umfangreiche Fallstudie mit erheblichem Informationswert, oder die Entwicklung neuer Konzepte mit einer gewissen Komplexität. Das ist dann eher Forschung, ob nun anwendungsnah oder nicht.
Das war übrigens auch zu Zeiten von Diplom- und Magister-Arbeiten so. In manchen steckte viel Forschung, in anderen nur ein bisschen, in anderen gar keine. Das hängt oft von externen Faktoren ab:
  • dem Betreuer: Erwartet er von Ihnen eine Arbeit mit Forschungscharakter? Forscht er selbst? Beteiligt er Sie an seiner eigenen Forschung, bearbeiten Sie ein Teilgebiet eines größeren Forschungsprojekts? Sind Sie Teil eines Teams? Ist das Ziel eine Präsentation auf einer wissenschaftlichen Konferenz oder eine wissenschaftliche Publikation?
  • der Fachkultur: In manchen Fächern geht es bei Abschlussarbeiten oft um praktische Projekte, z.B. wenn Sie in der Wirtschaftsinformatik ein Programm schreiben oder in Technik- und Naturwissenschaften Labortests durchführen. In Wirtschafts- und Sozialwissenschaften werden häufig empirische Daten erhoben oder Fallstudien konzipiert, die Projektcharakter haben. In Rechtswissenschaften werden Sie dagegen selten "Projekte" definieren.
  • dem Betrieb: Wenn Sie die Arbeit als Werkstudent/Praktikant mit oder in einem Unternehmen oder einer Organisation schreiben, hat diese/s Interesse an wissenschaftlicher Forschung oder eher nicht?
Eine Master-Arbeit darf durchaus praxisorientiert sein, zum Beispiel auf die Lösung eines praktischen Problems in einem bestimmten Fall ausgelegt sein. Das ist dann "angewandte Forschung". Auch bei praktischen Problemen muss aber die wissenschaftliche Methode stets erkennbar sein, selbst wenn die Arbeit sich verhältnismäßig wenig mit Theorien und Forschungsergebnissen beschäftigt. Wenn Sie also z.B. einen Marketingplan für ein Unternehmen oder eine Organisation erarbeiten, werden Sie anders als bei einem Konzept, das nur in einem Unternehmen entwickelt wird, auch wissenschaftliche Bezugspunkte zur Marketingforschung darlegen und die Methode der Marketingplanerstellung diskutieren müssen. Das wäre bei einer BA-Arbeit anders, hier wäre der "blanke" Marketingplan eher akzeptabel (je nach Anleitung Ihres Betreuers).

Klar ist: Jede Abschlussarbeit sammelt systematisch Informationen und wertet sie aus, um eine Frage zu beantworten. Das ist "Recherche". Die Abgrenzung zwischen Recherche und Forschung ist schwierig. Im Englischen gibt es diese gar nicht, research heißt gleichermaßen "Recherche" wie "Forschung". Research findet in einer Master-Arbeit ganz sicher statt. Das hochtrabende deutsche Wort "Forschung" klingt immer nach einem Ziel wie den Nobelpreis in Astrophysik. Wenn man es aber nicht so hoch hängt, ist eine Master-Arbeit de facto eine Forschungsarbeit im weiteren Sinne.

Nun ist die Frage, wie wissenschaftlich die Recherche ist. Das hat mit den Quellen zu tun, aber eben auch mit den verwendeten Methoden. Ein hoher Forschungsanspruch setzt voraus, dass es ein umfassendes Forschungskonzept (research design) gibt: ein nachvollziehbares und detailliertes Konzept, wie man die Fragestellung in Einzelfragen zerlegt und wie man diese mit bestimmten Untersuchungsschritten systematisch, verlässlich und überprüfbar beantwortet. Mit der Methodik muss sich der Master-Kandidat also viel stärker auseinandersetzen und darlegen, warum er welche Methode anwendet – und z.B. zeigen, dass er ähnliche wissenschaftliche Untersuchungen kennt und darauf aufbaut.

Eine Master-Arbeit ist (noch) keine Doktorarbeit, aber sie nähert ihr sich an. Eine Master-Arbeit dauert Monate, eine Doktorarbeit Jahre – und Doktoranden haben keine festen Bearbeitungs- und Abgabefristen. Von einem Master-Studenten wird – im Gegensatz zu einem Doktoranden – nicht erwartet, dass er eine relevante Forschungslücke füllt und die Wissenschaft einen Sprung nach vorn bringt. Die Master-Arbeit erledigt aber das, was für den Doktoranden ebenfalls nötig ist: Sie soll – unter Anleitung des Betreuers – den aktuellen Forschungsstand zu einem Spezialthema erschließen. Der angehende Doktor würde darauf nun seine eigenständige, neuartige Forschung aufbauen, und zwar weitgehend allein (ohne Anleitung eines Betreuers).

Ihr "Meisterstück"

Professoren hören Vergleiche mit dem Handwerk nicht gern, aber hier trifft es den Nagel auf den Kopf: Die Bachelor-Arbeit ist einem Gesellenstück vergleichbar, die Master-Arbeit einem Meisterstück.
  • Der Geselle zeigt mit dem Abschlusswerk seiner Ausbildung, dass er sachgerecht erlernte Fähigkeiten beherrscht, um ein solides Werkstück herzustellen, das den allgemeinen Standards des Berufs entspricht. 
  • Der Meister hingegen (der ja nach der Meisterprüfung selbst einen Meisterbetrieb führen darf) muss darüber deutlich hinausgehen, muss einen anspruchsvollen, ja kunstvollen Beweis seines Rundum-Könnens abliefern. Dazu gehört eine eigene "Handschrift", eine persönliche Note, ein Beleg seiner Selbstständigkeit in seinem Fach. 
Eine gelungene Master-Arbeit gibt Ihnen Profil, akademisch wie beruflich. Ein halbes Jahr ein wissenschaftliches Projekt mit hohem Anspruch durchzuführen, ist kein Klacks. Das erfährt Wertschätzung, auch von Personalchefs. Eine Master-Arbeit kann eine Eintrittskarte in den Beruf sein, nicht nur als formale Qualifikation. Gute Master-Arbeiten haben zudem die Chance, als Buch veröffentlicht zu werden und so viele Leser in Praxis und Wissenschaft zu erreichen, die das Buch natürlich auch kritisch lesen werden. Das muss man wollen.

25. Dezember 2010

Einen Text analysieren: Kritisches Denken und die CLUES-Formel

In Klausuren (Essayfragen), Belegarbeiten und bei Gruppen- und Hausaufgaben geht es oft darum, einen Text zu analysieren, z.B. einen Kommentar aus einer Zeitung oder einen Auszug aus einem wissenschaftlichen Artikel. Zunächst einmal: Was soll bei solchen Textanalyse-Aufgaben geprüft werden? Sie können zeigen,
  • dass Sie Ihre Analyse organisieren können,
  • dass Sie die Lektüre und Lernmaterialien eines Kurses gelesen und verstanden haben,
  • dass Sie ein Argument in einem eigenen Text entwickeln und formulieren können,
  • dass Sie zum kritischen Denken fähig sind.
    Was ist "kritisches Denken"?
    Das mit dem "kritischen Denken" ist für viele Studenten verwirrend – was soll das denn sein?
    • Geht es darum, den Text grundsätzlich negativ zu sehen und zu kritisieren? Nein. Es geht nicht um Ablehnung oder Zustimmung. Sie können einen Text mit "kritischem Denken" auseinandernehmen und ihm am Ende vollen Herzens zustimmen
    "Kritisches Denken" ist ein Ausbildungsziel an Hochschulen (Sie können das in den Studien- und Prüfungsordnungen der TH Wildau nachlesen). Kritisches Denken soll Klarheit herstellen und mehr produzieren als nur eine Beschreibung. Man kann einen Text lesen und darüber etwas schreiben, ohne es "kritisch" zu tun. "Kritisch" heißt, dass Sie genauer hinsehen, sich intensiv mit dem Text beschäftigen.

    Ein kritischer Denker nimmt eine Aussage nicht einfach hin, sondern untersucht sie, prüft sie, hinterfragt sie, stellt sie in einen Zusammenhang, wägt sie ab, vergleicht sie mit dem eigenen Wissen, gibt eine Bewertung ab. "Kritisches Denken" bezieht sich also auf Ihre Untersuchungs- und Urteilsfähigkeiten. 

    Das Ergebnis einer Analyse und Ihr Urteil sollen klar und glaubwürdig sein, genau, präzise formuliert, relevant und fair.

    Viele Studenten verwechseln Analyse mit einer Inhaltsangabe. Eine Analyse ist aber mehr als die Beschreibung eines Textes.
    • Eine Analyse nimmt den Text auseinander, leuchtet die Hintergründe seiner Argumente aus und bewertet diese auf der Grundlage eigenen Wissens. 
    • Sie sollen rational, also mit Hilfe Ihrer Vernunft, zu begründeten Schlüssen kommen. 
    • Sie sollen mehr in einem Text entdecken, als auf den ersten Blick erkennbar ist. 
    • Sie sollen Zusammenhänge herstellen, auf Argumentationsmuster hinweisen, problematische Stellen finden – und natürlich auch kritisieren, wenn es nötig ist.
    Das heißt also, für den kritischen Denker ist ein Text nicht einfach nur ein Text, sondern ein Problem: ein Problem, das gelöst werden will. Eine Textanalyse ist also die systematische und tiefe Problembearbeitung. Sie werden daran gemessen, ob Sie die "Problemhaftigkeit" erkennen und mit geistigen Werkzeugen bearbeiten. Hier geht es um Textverständnis, um Prioritäten (was ist wichtig?), um das Herausarbeiten der zentralen Informationen (Relevanz), um das Zwischen-den-Zeilen-Lesen (wovon geht der Autor aus, was impliziert er, ohne es offen zu sagen? Welche Ziele und Werte stecken hinter Argumenten?), um Interpretation der Informationen, um eine Bewertung der Logik (passen die Argumente zusammen, ist die Schlussfolgerung richtig?), um Schlüsse und Verallgemeinerungen.

    5 Schritte für die Textanalyse: CLUES-Formel

    Hilfreich bei der Textanalyse ist die CLUES-Formel. Das englische Wort clue heißt soviel wie Hinweis, Anhaltspunkt oder Schlüssel zum Verständnis. CLUES ist in diesem Fall eine Abkürzung für 5 Schritte einer Textanalyse.

    Das CLUES-Konzept (Zusammenfassung) geht zurück auf die Politikwissenschaft, wo Textanalyse zur Bearbeitung von Quellen und Dokumenten zentral ist. Konkret auf zwei amerikanische Professoren, Christine Barbour (Indiana University) und Matthew Streb (Loyola Marymount University), Autoren der weit verbreiteten Politiklehrbücher Keeping the Republic und Clued In to Politics. Man kann die Methode aber ohne Weiteres auf andere Fachdisziplinen anwenden. Kritisches Denken ist in jeder Wissenschaft gefragt.

    CLUES steht für:
    1. Consider the source and the audience.
    2. Lay out the argument and the underlying values and assumptions.
    3. Uncover the evidence.
    4. Evaluate the conclusion.
    5. Sort out the political implications.
    CLUES 1: Consider the source and the audience.

    Jede Art von Kommunikation hat einen Sender und einen Empfänger. Den Zweck eines Textes versteht man besser, wer für wen geschrieben hat. Wer also ist der Autor, wo erschien die Quelle, wo stehen Autor und Quelle? Und: Wer soll den Text lesen? Wer ist das Publikum? Was könnte die Leser an diesem Text eigentlich interessieren?

    Vorrangig geht es darum, die Absicht des Autors zu verstehen. Wenn man weiß, woher der Autor (und die Quelle) kommen, ist das ein zentraler Hinweis (eben ein clue) auf die Absicht.

    Nehmen wir eine Tageszeitung wie das Handelsblatt, eine Wirtschaftszeitung. Diese wird von Wirtschaftsjournalisten geschrieben, die für die Wirtschaft relevante Nachrichten und Hintergründe liefern wollen. Die Leser sind oft Manager, Investoren und andere wirtschaftsinteressierte Leser. Die wollen auf den Nachrichtenseiten Qualitätsjournalismus, "objektive", zumindest verlässliche, unabhängige und verlässliche, gut recherchierte Informationen. Das Ziel ist umfassende Information der Leser. Auf den Meinungsseiten hingegen geht es um Meinung, Kommentar, Einordnung und Urteil, um Interpretationen und ideologische (weltanschauliche) Richtungen. Hier sollen die Leser von einer bestimmten Position überzeugt werden. Das Handelsblatt vertritt dabei in der Regel eher wirtschaftsfreundliche, eher liberale und konservative Überzeugungen, ist eher "rechts von der Mitte" und nicht "links", ist eher für den Markt, eher gegen staatliche Eingriffe in das Marktgeschehen. Umgekehrt ist es bei Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau oder der taz. Das muss man wissen, das steht nicht oben drüber. Wenn man es weiß (und zeigt, dass man es weiß), hilft das bei der Analyse.

    CLUES 2: Lay out the argument and the underlying values and assumptions.

    Nun zum eigentlichen Inhalt des Textes. Mit was beschäftigt sich der Autor? Welche Argumente stellt er zusammen, wie baut er Argumente auf? Wo will er hin? Was ist sein Ausgangspunkt, welche Annahmen stecken dahinter?

    Hier geht es auch um grundlegende Werte, die dem Autor wichtig sind: Nehmen wir noch einmal das Beispiel eines Meinungsartikels aus einer Wirtschaftszeitung wie dem Handelsblatt. Der Autor kommentiert z.B. die Euro-Krise 2010: Was sollte die EU oder die deutsche Regierung tun oder nicht tun, und warum? Stellt der Artikel ausreichend klar, worum es dabei geht (auch die Begriffe, die der Autor benutzt)?

    Das Handelsblatt ist eine ziemlich gute Zeitung, aber nicht jeder Artikel ist ziemlich gut. Auch in einem solchen Blatt erscheinen Texte, die nicht so gut und klar argumentiert sind. Mancher Text ist oberflächlich gut formuliert, aber hinter der Rhetorik steckt ein unsauberes, unklares oder unlogisches Argument. Manches Argument wird hinter allerlei Kulissen versteckt. In der Analyse sollen Sie das entdecken und dann auch sagen, wenn etwas unklar ist. Lassen Sie sich nicht verwirren oder einschüchtern, räumen Sie den Sprachmüll beiseite und legen Sie das Kernargument offen, das übrigbleibt.

    Die Profs Barbour und Streb nennen ein Beispiel: Man will sich nicht von jemandem einlullen lassen, der sich als überzeugter Verfechter der Demokratie präsentiert, wenn man hinterher feststellen muss, dass der Autor ein völlig anderes Verständnis von Demokratie hat als Sie selbst. Wenn ein Autor also etwas als "demokratisch" darstellt, finden Sie also heraus, was er mit "demokratisch" eigentlich meint.

    CLUES 3: Uncover the evidence.

    Mit evidence sind Belege und Beweise gemeint. Nehmen Sie den Autor ins Kreuzverhör, überprüfen Sie, was er anbietet: Zahlen, Daten, Fakten, Erkenntnisse von Experten, historische Parallelen und aktuelle Beispiele – alles, was man zur Stützung eines Arguments beibringen kann. Das Beweismaterial sollte möglichst "hart" sein, also in der Wirklichkeit überprüfbar. Oder zumindest eine solide Begründung, die logisch ist, also in sich stimmig (Ableitung von einem Prinzip). Oder beides. Wenn es also eine saubere Begründung gibt – gut. Wenn ein Argument mit seinen Belegen dieser Überprüfung standhält, dann darf man das auch akzeptieren.

    Wenn es keine harten Fakten gibt und auch keine logische Ableitung, worauf stützt sich der Autor dann? Wenn Sie genau hinschauen, entdecken Sie vielleicht, dass der Autor nur "aus dem Bauch" heraus argumentiert. Er appelliert vielleicht an Ihr Gefühl oder allgemeine Wunschvorstellungen, oder er bezieht sich auf Gerüchte und Hörensagen, nennt keine genauen Quellen, bleibt im Ungefähren, hat keine Zeugen und belastbaren Materialien in der Hand. Das ist dann nicht überzeugend: weg damit! 

    CLUES 4: Evaluate the conclusion.

    Der Autor kommt zu irgendeinem Schluss. Ist sein Fazit richtig? Finden Sie es überzeugend? Warum? Oder warum nicht? Nachdem Sie den Text gelesen haben, hat sich bei Ihnen etwas verändert? Sehen Sie die Sache jetzt anders, in einem neuen Licht? Haben Sie etwas Neues dazugelernt? Passt das Neue zu dem, was Sie vorher gedacht haben? Wenn Sie den Schluss des Autors akzeptieren, bedeutet das, dass Sie Ihre eigene Einstellung oder Annahmen verwerfen müssen?

    Hier geht es noch einmal um Logik: Wenn A und B richtig sind, muss auch C richtig sein. Können Sie das nachvollziehen? Eine Aussage kann als richtig angesehen werden, wenn das Argument gut begründet ist. Was also ist die Begründungskette? Wie stichhaltig ist sie?

    Der Autor ist ein "Verkäufer", der mit seinem Leser ein "Verkaufsgespräch" führt. Er vermarktet seine Aussagen. Kaufen Sie, oder kaufen Sie nicht? Warum?

    CLUES 5: Sort out the political implications.

    In einem politischen Text geht es natürlich auch um die Analyse weiterreichender Folgen. Der Sinn der Sache ist es, die größere Bedeutung herauszuarbeiten. Wer A sagt, muss auch B sagen. Was ist in diesem Sinn der Wert einer politischen Aussage, die in einem Text gemacht wird? Ziehen Sie das Argument also "größer": Was sind die Konsequenzen, wenn man dem Autor folgt? Wohin führt das alles? Was macht den Text bedeutsam, was bedeutet er? Verändert es Ihr Verständnis der politischen Welt und wie sie funktioniert? Politik ist – nach der Definition von Harold Lasswell – immer auch die Frage "Who Gets What, When, How" , wer bekommt was, wann und wie? Und in der Politik geht es ums Gewinnen und Verlieren: Wer gewinnt, wer verliert, wenn man dem Autor folgt? Wer hat etwas davon?

    Nehmen wir an, im Handelsblatt schreibt ein Autor zur Euro-Krise 2010, der Euro-Rettungsschirm sei schlecht, weil er "fatale Fehlanreize" für internationale Anleger auf den Kapitalmärkten setze. Also den Leuten, die z.B. auf riskante Staatsanleihen Griechenlands oder unsichere Anlagen in der griechischen Wirtschaft gewettet haben, obwohl sie wussten, dass in Griechenland nicht alles mit rechten Dingen zugeht: "Gläubiger erhalten den Eindruck, dass sie von den Steuerzahlern Europas abgesichert werden. Das kann auf Dauer nicht gutgehen." Der Autor sagt dann, dass die Regierungen Europas auch von den Anlegern verlangen, dass sie die finanziellen Verluste mittragen.

    Wie beurteilen Sie das? Ist das eine gute Idee? Ist das gute Politik? Ist es sinnvoll, dass Griechenland nur gerettet wird, wenn Banken, Investoren usw. mit die Zeche zahlen? Was wären die Konsequenzen einer solchen Bedingung für jede Rettungsaktion? Wenn es nicht nur um Griechenland geht, sondern um Irland, Spanien, Portugal, Italien oder welches Land auch immer? Was bedeutet ein solches Signal für die Kapitalmärkte, für die Wirtschaft Europas? Was spricht also insgesamt dafür oder dagegen?

    Beantworten können Sie das natürlich nur, wenn Sie die Zusammenhänge kennen. Darum ist das der anspruchsvollste Teil der Analyse. Sie müssen Ihr Kontextwissen nutzen, sonst funktioniert es nicht. Sie erkennen sonst nicht die Wichtigkeit bestimmter Aussagen, oder hängen fest, wenn Sie interpretieren müssen. Notwendig ist also der Hintergrund aus Buchlektüre, Vorlesungen, Erkenntnissen aus Diskussionen und Arbeitsgruppen.

    Sie verlassen hier ja den Text und gehen darüber hinaus. Es geht nicht nur darum, den Textinhalt zu sezieren, sondern eine eigene Position zu finden und zu begründen. Egal, ob Sie dem Text zustimmen oder ihn ablehnen.

    21. Dezember 2010

    Klausuren schreiben

    Ich mag keine Klausuren. Es gibt bessere Prüfungsformen für die wissenschaftliche Ausbildung. Aber Klausuren haben nun einmal ihren festen Platz an der Hochschule und in der Studien- und Prüfungsordnung. Als Hochschullehrer muss ich Klausuren entwerfen, die Studenten eine faire Chance geben, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zu zeigen.

    Zur Fairness gehören ein paar Tipps, wie man aus Klausuren das Beste herausholt. Im Folgenden gehe ich auf Klausuren in meinen Fächern ein (Europapolitik, Wirtschaftspolitik, Sozialsysteme in Europa, Internationales Management). Juristische Klausuren, Sprachfächerklausuren oder solche, bei denen Sie "rechnen" müssen, haben naturgemäß andere Schwerpunkte.

    Standardisierte Fragen
    Ankreuz-Fragen gibt es in mehreren Formaten. Im "Richtig/Falsch"-Format wird eine Aussage präsentiert, die entweder falsch oder richtig ist. Bei "Multiple Choice" gibt es, wie der Name schon sagt, mehrere Antwortmöglichkeiten auf eine Frage – sozusagen R/F-Fragen mit mehreren Optionen. Zudem sind Lückentext-Fragen und Kurzantwort-Fragen möglich.

    Eine lange Batterie von Fragen kann furchteinflößend sein. Wichtig ist zu wissen, dass die Fragen selten stets dasselbe Niveau haben, selbst wenn es für alle dieselbe Punktzahl gibt. Es gibt einfache, mittelschwere und schwere. Einige MC oder R/F-Fragen fragen ganz simpel nur nach einem Fachbegriff oder einer Tatsache. Andere erfordern eine Auseinandersetzung mit einem Konzept oder gar analytisches Denken. Einige sind vielleicht sehr speziell.

    Die Mischung ist im Idealfall so, dass der Großteil der Studenten den Großteil der Fragen richtig beantworten können, wenn sie halbwegs gut aufgepasst und sich den Stoff kontinuierlich angeeignet haben. Einige Fragen sind dagegen schwierig und erfordern etwas Knobelei. Das sind sozusagen die Fragen für "Einser"-Kandidaten

    Verschaffen Sie sich zunächst eine Übersicht über die Themengebiete, die mit solchen standardisierten Fragen abgeprüft werden.

    Rechnen Sie überschlägig, wie viel Zeit Sie für die einzelne Fragen aufwenden können. Gesamtzeit der Klausur und Zeit für andere, nichtstandardisierte Klausurteile einbeziehen. Wenn der Teil mit den standardisierten Fragen 40% aller möglichen Punkte der Klausur umfasst, planen Sie auch nur 40% der Zeit dafür ein – und rechnen Sie das auf die Anzahl der Fragen herunter.

    Effiziente Klausurlöser gehen die Einzelfragen ziemlich schnell durch. Eine gute Regel ist es, den Fragenkatalog dreimal durchzugehen: Beim ersten Durchlauf beantworten Sie zunächst die für Sie einfachen Fragen. Halten Sie sich mit Fragen, die Sie nicht auf Anhieb beantworten können, nicht auf. Markieren Sie diese und gehen sofort weiter. Beim zweiten Durchlauf konzentrieren Sie sich auf die problematischen Fragen. Beim dritten Durchlauf überprüfen Sie alle Antworten und, wenn Sie auf eine Frage wirklich keine Antwort wissen, raten Sie bei den übriggebliebenen Fragen.

    In jedem Fall sollten Sie ALLE Fragen beantworten. Zumindest in meinen Klausuren gibt es keine Punktabzüge für falsche Antworten. Selbst wenn Sie raten müssen: Bei einer Richtig/Falsch-Frage haben Sie eine 50%-Chance, die korrekte Antwort anzukreuzen. Bei einer Multiple-Choice-Frage mit vier Antwortmöglichkeiten liegt die Chance immerhin noch bei 25%. Das ist besser als die Frage auszulassen (= 0%).

    Lesen Sie sehr genau. Flüchtiges Lesen der Frage kann sich rächen. Achten Sie vor allem auf Wörter, die die Frage/Aussage stark verallgemeinern oder stark begrenzen ("alle", "keiner", "jeder", "nie", "immer"). In der Wissenschaft geht es oft um Differenzierung und Einschränkungen, daher sollten Pauschalaussagen immer kritisch betrachtet werden. Heißt: solche Aussagen sind der Tendenz nach falsch.

    Etwas tricky sind negative Formulierungen (Verneinungen). Aufgrund der Frage-Antwort-Struktur lassen diese sich für den Autor einer Klausur mit Multiple-Choice-Elementen kaum vermeiden. Achten Sie also genau darauf, was die Verneinung beinhaltet. Streichen Sie das negative Wort (nicht, nie, Präfix un- usw.) und überprüfen Sie, ob die Aussage dann stimmt.

    Manchmal wird bei Richtig/Falsch-Fragen eine Aussage präsentiert, die aus zwei Teilen besteht: der eine Teil ist richtig, der andere nicht. Dann ist aber die Gesamtaussage falsch. Also genau lesen: Stimmt die Gesamtaussage?

    Wenn Sie die Frage gelesen haben, überlegen Sie zuerst ohne Blick auf die vorgegebenen Antworten, wie Ihre spontane eigene Antwort lauten würden. Und erst dann überprüfen Sie, welche der vorgegebenen Antwortmöglichkeiten dieser entspricht.

    Bei Multiple-Choice-Fragen: Nutzen Sie das Ausschlussverfahren: Streichen Sie die Antwortoptionen, die auf keinen Fall stimmen können. Gibt es mehrere "gute" Antworten, wählen Sie die "beste".

    Wenn Sie eine mögliche Antwort nicht verstehen, mag das nicht an Ihrer Unfähigkeit liegen. Dozenten bauen durchaus Antwortoptionen ein, die unsinnig und unlogisch sind und mit dem Thema der Frage nichts zu tun haben; bei Fachbegriffen kommen oft Begriffe vor, die ähnlich klingen wie der gesuchte richtige Begriff, die es aber nicht gibt oder die etwas völlig anderes bedeuten.

    Kurze und lange Essayfragen
    Bei kurzen Essayfragen geht es meist um Fachbegriffe und Konzepte, die man knapp und kurz beantworten kann. Wenn ein Antwort in 2-5 Sätzen gefragt ist, ist es ausgeschlossen, dass ein komplexer Sachverhalt differenziert erläutert werden soll. Es geht also nur darum, einige wenige Punkte präzise zu treffen, z.B. einen Schlüsselbegriff zu nennen und die damit zusammenhängende Problematik. Manchmal dreht sich die Frage um einen typischen Fall, der in der Lehrveranstaltung eingehender behandelt wurde – oder einen ähnlichen. Auch hier gilt: Lesen Sie die Frage genau.

    Lange Essayfragen geben Ihnen dagegen Raum, um Ihr komplexes Wissen auszubreiten und anzuwenden. Hier kann es um Theorien und Thesen gehen, bei denen es keine pauschal richtige Antwort gibt. Vielmehr ist gefragt, dass Sie einen Ansatz entwickeln, ein Problem analytisch aufdröseln, Ihr Wissen auf einen größeren Fall anwenden, eine Argumentationskette anlegen, differenzieren und erläutern – möglicherweise interpretieren und eine persönliche Position vertreten.

    Bei langen Essays haben Studenten oft Schwierigkeiten mit der Konzept- und Zeitplanung. Der Sinn eines Essays ist, dass Sie eine überzeugende, in sich stimmige Argumentation vorbringen können. Ihr Essay mag am Ende kurz wirken, aber wenn es solide strukturiert und präzise formuliert ist, bringt es Ihnen volle Punktzahl. Umgekehrt gilt: Labertexte, bei denen ein Student fehlendes Wissen mit vielen Worten kaschiert, beeindrucken nicht. Wenn Sie einfach drauflosschreiben, vergessen Sie möglicherweise wichtige Dinge. Unbedingt vorher eine Skizze über die Inhalte anfertigen, die hineinmüssen (im Sinne einer Checkliste). Und bitte geben Sie die Skizze mit ab, denn wenn Sie nicht fertig werden, kann ich Ihnen immerhin noch Punkte geben für die dort enthaltenen Ideen, selbst wenn sie nicht ausformuliert wurden.

    Wenn Sie argumentieren, stützen Sie Ihre Argumente Beispiele aus der Vorlesung und aus Ihrer Lektüre, zitieren Sie, zeigen Sie Bezüge zu in der Lehrveranstaltung diskutierten Fragen auf. Kratzen Sie nicht nur an der Oberfläche, vermeiden Sie zu allgemeine Aussagen, werden Sie konkret.

    Achten Sie auch hier auf die Frageformulierung. "Beschreiben Sie..." heißt etwas anderes als "Vergleichen Sie..." Wenn dort steht: "Interpretieren Sie kritisch und formulieren Sie eine eigene Position", dann will ich sehen, dass Sie über die Text- oder Datengrundlage hinausblicken, etwas kritisch betrachten und eine Meinung vertreten können – egal, ob pro oder contra, so oder so, nur nicht einerseits-andererseits, wischi-waschi. Hier zählt Positionierung und Originalität.

    "Open Book"
    In manchen Klausuren ermögliche ich, Lehrbücher und Lernmaterialien bei der Klausur zu benutzen. Das soll Sie von der Strategie "Auswendiglernen" abhalten und etwas den Druck nehmen.

    Dadurch wird die Klausur aber nicht per se einfacher. Es liegt auf der Hand, dass es in einer solchen Klausur weniger um die Reproduktion von einfachem Faktenwissen als vielmehr um Problemverständnis und Zusammenhänge geht. Eine Open-Book-Klausur prüft Ihre Fähigkeit, das Gelernte auf neue Fragestellungen oder Fälle anzuwenden, neue Texte (z.B. einen Zeitungskommentar) zu analysieren und zu strukturieren.

    Die zugelassenen Bücher und Mitschriften werden Ihnen nicht helfen, wenn Sie diese nicht kennen. Wenn Sie die Klausurzeit mit wildem Blättern und Suchen verschwenden, kostet Sie das viel zu viel Zeit. Beschäftigen Sie sich also vorab intensiv mit Buch- und Materialorganisation, ordnen Sie Ihre Papiere und das Buch (z.B. durch Markierungen, Klebezettel, Kurznotizen).

    Arbeiten Sie zunächst die Fragen durch, für die Sie Buch und Mitschriften nicht benötigen. Fragen, bei denen Sie nachschlagen müssen, bearbeiten Sie erst später.

    In Essayfragen können Sie aus dem Buch zitieren, um Ihre Argumente zu stützen. Schreiben Sie aber bitte keine Zitate-Parade. Weniger ist mehr: Der Schwerpunkt liegt auf Ihren eigenen Gedanken.