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10. Februar 2016

Deutsches Buch, englisches Original – was und wie zitieren?

Ein Student aus Österreich möchte in seiner Abschlussarbeit ein englisches Fachbuch von 1997 zitieren, hat aber nur die deutsche Ausgabe von 2001 auf dem Tisch. Es ist ihm aber aus fachhistorischen Gründen wichtig festzuhalten, dass das Werk 1997 erschien. Er fragt:

"Ich könnte nun einfach aus meiner deutschen Übersetzung von 2001 zitieren und diese in meiner Arbeit mit 1997 kennzeichnen. Abgesehen davon, dass man nicht sicher sein kann, dass der deutsch-sprachige übersetzte Inhalt auch 1:1 so im englischen Original vorkommt, scheint mir dieses Vorgehen nicht wissenschaftlich korrekt. Oder könnte man das notfalls auch machen?"

Und weiter: "Eine andere Vorgehensweise, die ich bereits in einer anderen Dissertation zur selben Problematik gesehen habe, ist, dass bei der  Erstnennung des Werks im Text beide Jahrzahlen angegeben werden: '[...] (Autor x, 1997, 2001).' Bei allen weiteren Erwähnungen dieses Werkes  wurde dieses es dann nur noch mit 'Autor x, 1997' angegeben und auf 2001 wurde kein weiteres Mal mehr Bezug genommen. Im Literaturverzeichnis wurden dann jedoch wieder beide Werke hintereinander angegeben, zuerst das englische Original von 1997 und gleich im Anschluss die deutsche Übersetzung von 2001. (beim Lesen dieser Dissertation hatte man den Eindruck, dass dem Autor ebenfalls nur die deutsche Übersetzung von 2001 vorlag und nicht das Original aus 1997)"

Die beschriebene Vorgehensweise in der Dissertation ist seltsam. Korrekt ist tatsächlich nur, das zu zitieren, was man vor Augen hat. Augenwischerei ist nicht statthaft. 

Wenn man etwas aus der deutschen Ausgabe 2001 entnimmt, muss man auch genau diese belegen! Dass es ein englischsprachiges Original von 1997 gab, ist eine vielleicht fachlich wichtige Einordnung, aber bibliographisch eine nicht weiter notwendige Zusatzinformation. Sie hat mit dem eigentlichen Quellenbeleg formal nichts zu tun.

Es ist aber grundsätzlich völlig in Ordnung, die deutsche Ausgabe zu zitieren. Übrigens sind vier Jahre Verzug bei der Übersetzung wissenschaftlicher Bücher keine lange Zeit.

Grundsätzlich kann man auch davon ausgehen, dass eine Übersetzung tatsächlich eine 1:1-Übersetzung ist -- wenn es eine gekürzte, veränderte oder erweiterte Ausgabe ist, sollte der Verlag das im Buch explizit angeben. Vielleicht hat der Übersetzer auch entsprechende Anmerkungen beigefügt.

Richtig ist, dass eine Übersetzung nicht nur sprachlich, sondern teilweise auch dem Sinn nach zu Veränderungen führen kann, die die Originalautoren vielleicht gar nicht beabsichtigt hatten. Manchmal ist das Original wirklich besser. Wer ganz sicher sein will, dass ein bestimmter Begriff oder eine Phrase so oder so auch im Original formuliert wurde und das Original zitieren will, muss sich definitiv das Original besorgen, etwa über die Fernleihe aus einer anderen Bibliothek. (Oft kann man solche Original-Checks aber auch leicht bei GoogleBooks oder in der Amazon-Vorschau vornehmen.)

Inhaltlich kann man das Problem aber ganz einfach im Text auffangen, Beispiel:
"1997 stellten Smith und Wesson in ihrem in Fachkreisen viel beachteten Buch The .357 Magnum Six Shooter (deutsch 2001 als Der Sechsschüsser im Magnum-Kaliber) ihr neues Modell vor. Sie betonten: "Blah blah blah, blah blah" (Smith & Wesson, 2001, S. 38)." 
Wenn es also fachlich wirklich nötig ist, auf das Erscheinungsdatum des Originals hinzuweisen, dann muss der Autor das im Text tun – ggf. in einer Fußnote statt im Fließtext.

16. August 2013

Englische Wörter übersetzen

"Gibt es eine Regel, inwiefern man englische Worte übersetzen muss?", fragt eine Studentin, deren Thema eine Tätigkeit im Ausland ist.

Das kommt auf die Wörter an. Ist es "irgendein" Fremdwort, das kein Fachwort ist, sollten Sie es möglichst übersetzen -- selbst wenn Sie persönlich es ständig im Mund oder im Betrieb als normalen Teil der Bürosprache kennengelernt haben.

Das gelegentliche Fremdwort ist kein Stolperstein. Aber je häufiger und zugleich unpräziser Sie ihre Sätze mit englischen Begriffen bepflastern, desto schlimmer wird es. Sätze mit vielen "buzz words" sind meist dämliches Denglisch. Das kennt man von Unternehmensberatern, Modeschöpfern und sonstigen Szenesprachkundigen.

Pseudowissenschaftliche Phrasendrescherei mit vielen englischen Wörtern nervt genauso. Es ist schlechter Stil und verkleistert den Inhalt.

Die Regel lautet: Drücken Sie sich verständlich und ohne Geschwurbel in echter deutscher Sprache aus, soweit und solange es geht.

Oft sind es just die Studenten, die sich mit Ziel, Struktur und Inhalt ihrer Arbeit schwer tun, die besonders schwer an Fremdwörteritis erkranken. Ob sie damit bewusst bluffen oder sich selber einreden, dass sie besonders professionell oder  wissenschaftlich schreiben, wenn sie kompliziert schreiben -- ich weiß es nicht.

Naja. In der Betriebswirtschaftslehre etwa wird es für Studenten immer schwieriger, sich korrekt ohne englische Vokabeln auszudrücken. Ein längst eingewandertes Wort wie Management müssen Sie nicht übersetzen; bei Performance würde ich sagen, das kann man vermeiden. Performanz ist allerdings kein Geniestreich für eine Übersetzung. Customer Relationship Management, kurz CRM, kann man eigentlich Kundenbeziehungsmanagement oder gar nur Kundenpflege nennen; soweit im Betrieb damit allerdings ein bestimmtes komplexes System gemeint ist, ist CRM sinnvoller als Fachbegriff. Team building mag ins Deutsche halb übersetzt als Teambildung oder Teamentwicklung Eingang finden. Hat eine Firma den feststehenden Begriff Customer Real Time Feedback, könnten Sie dies als Sofortkundendienst bezeichnen, aber etwas schief ist es doch; Kundenrückmeldung sagt aber niemand. Feedback ist ohnehin so gut wie ein deutsches Wort.

Benchmarking ist quasi zum Fachbegriff geworden, ebenso die jüngere Wortschöpfung Crowdsourcing. Beide lassen sich auf Deutsch umschreiben, aber eher umständlich. Die Unternehmensabteilung Public Affairs ließe sich oberflächlich völlig simpel und durchaus korrekt in "öffentliche Angelegenheiten" übersetzen, trotzdem gibt es gute Gründe, den Begriff auf Englisch stehen zu lassen. Product Engineering ist z.T. anders gemeint als nur schlichte Produktentwicklung. Eine Mind-Map ist eine Gedächtnislandkarte, Mind-Mapping ist das Entwerfen derselben, aber das sagt eben kein Mensch. Wenn Marketingleute für die Kunden- und Marktprognose damit eine Prospecting Map erstellen, nennen Sie diese halt so und umschreiben, worum es geht.

Und die Verben? Das Verb "managen" ist mündlich erlaubt, aber schriftlich zu vermeiden. Denglische Verben wie "performen", "benchmarken", "mind-mappen" und "crowdsourcen" tun in den Augen und Ohren weh. Da muss eine echte Übersetzung her, keine Eindeutschung.

Das Fremdwort als Fachbegriff 

Wie die Beispiele zeigen: Experten haben Expertensprache. Das ist legitim. Nicht jeder, der komisch redet, ist ein Experte, aber Experten reden nun einmal komisch. Wenn Sie mit dem Studium Expertin werden wollen, gehört das Erlernen und Verwenden von Expertensprache dazu.

Am Fachwort kommen Sie also kaum vorbei, auch wenn Sie Ihre Sätze nicht mit Fachbegriffen vollstopfen sollten. Fachausdrücke sind wichtige Kurzformeln, sie sparen Platz, Zeit und lange Umschreibungen. Vorausgesetzt, der Leser ist fachkundig, er versteht die Kurzformel daher problemslos. Das sollten Sie beurteilen können.

In vielen Wissenschaften und auch in manchen Praxisfeldern dominieren englische Bezeichnungen. Deutsche Ersatzbegriffe sind zum Teil unpopulär (Beispiel: "Corporate Governance"). Wenn das ihrer Beobachtung nach so ist, dann benutzen Sie das Fremdwort ohne schlechtes Gewissen.

Vielleicht gibt es ein gutes deutsches Ersatzwort, aber das kennen Sie nicht. Dafür gibt es Fachwörterbücher (z.B. Englisch für Juristen, Englisch für Techniker...). Die üblichen Online-Wörterbücher spucken spezifische Übersetzungen meist (allerdings nicht immer) mit aus, aber oft ohne näher zu erläutern, wie welche Wörter von wem verwendet werden. Hier müssten Sie z.B. prüfen, ob ein Begriff in Fachforen und Fachpublikationen auf bestimmte Art verwendet wird.

Suchen Sie nach dem Kontext der Verwendung. Hier ist z.B. Linguee hilfreich, die Kombination aus Wörterbuch und Suchmaschine -- sie zeigt Textbeispiele mit vollständigen Sätzen.

In manchen Fällen gibt es trotzdem Ihrem Sprachgefühl nach kein gutes, treffendes deutsches Ersatzwort. Vielleicht möchten Sie das Originalwort benutzen, weil es sehr treffend ist, ein wichtiger Kontext und Subtext dazugehört, weil es etwas ganz Bestimmtes symbolisiert oder stilistisch "passt".

Jedes deutsche Ersatzwort wäre dann eine klapprige Krücke. Dann nehmen Sie lieber das Original.

Wenn das Wort inhaltlich einer Erklärung bedarf, weil der Leser es wahrscheinlich nicht kennt, erläutern Sie die Bedeutung halt einmal im Text oder in einer Fußnote.

Das Fremdwort als Eigenname

Handelt es sich um Eigennamen, sollten Sie diesen mindestens einmal im Original nennen, um präzise zu sein. Schreiben Sie etwa über die britische Justiz, etwa "Crown Court" und "Central Criminal Court", dann dürfen und sollten Sie ruhig nach erstmaliger Originalbezeichnung von Krongericht und Hauptstrafgericht schreiben. Wenn Sie die Fremdwörter behalten, achten Sie übrigens auf das Geschlecht. Intuitiv würde ich z.B. DER Crown Court sagen, aber es ist ja DAS Gericht. Genus-Schwankungen kommen bei derlei Wörtern häufiger vor...

Wichtigste Regel: Gehen Sie sparsam mit Fremdwörtern und Fachvokabeln um. Das ist wie mit direkten, wörtlichen Zitaten. Zu viele davon stören Ihren Text, statt ihn zu schmücken.





12. Juli 2011

Zitieren aus dem Englischen



Zwei Studentinnen grübeln bei ihrer Abschlussarbeit über das Zitieren aus dem Englischen. "Wenn ich aus einem englischen Text wörtlich zitieren will und ins Deutsche übersetze, handelt es sich dann um ein wörtliches Zitat oder kann dies bei einer Übersetzung nie vorliegen?", fragt die eine. "Ich bin mir unsicher, wenn ich englische Quellen nutze. Dann muss ich übersetzte Textpassagen doch sicher trotzdem als Zitate sichtbar machen? Ist dann ein Verweis bei der Quellenangabe wichtig, dass es sich um eine Übersetzung handelt?"

Einen Übersetzungszwang gibt es nicht. Im Gegensatz zu anderen Sprachen sind englischsprachige Originalzitate heute gang und gäbe. Wer das Original zitiert, hat den Vorteil, dass bei einer Übersetzung kein falscher Dreh in die Quelle kommt, und dass markante Begriffe so bleiben, wie sie sind. Der Nachteil: Sprachlich ist das nicht immer schön. Und wer zu viel zitiert, produziert in seinen Absätzen ein holperiges Denglisch.

Übersetzen ist erlaubt. Eine wörtlich übersetzte Quelle darf als wörtliches Zitat (also mit Anführungsstrichen) verwendet werden. Manchmal ist es nicht ganz einfach wortgetreu zu übersetzen. Die Alternative ist indirekte Rede (ohne Anführungszeichen, mit Konjunktiv) oder Paraphrasieren - eigene Zusammenfassung in Anlehnung an das Original. 

Freies Übersetzen ist zwar akzeptabel, aber eine Gratwanderung; notwendig ist das vor allem, wenn im Original schwer zu übersetzende Idiome auftauchen. Auf der IdiomSite gibt es eine schöne Sammlung englischsprachiger Idiome - bei vielen ist klar, dass eine wörtliche deutsche Übersetzung nur Unfug gebiert. Aber Online-Dictionaries bieten oft Foren, auf denen mögliche Übersetzungen diskutiert werden.

Wer ganz sichergehen will, gibt die Originalversion in einer Fußnote dazu -- aber das sollte die Ausnahme sein.

Wer übersetzt, fügt dem Kurzbeleg oder der Fußnote einen Hinweis hinzu, z.B. "(eigene Übersetzung)". Wer im gesamten Text übersetzte Quellenzitate benutzt, kann zu Beginn der Arbeit einmal darauf hinweisen, das reicht.