17. Dezember 2010

Labern vermeiden: Der MEAL-Plan

Die Menüplanung der Mensaköche ist nicht gemeint, wenn vom "MEAL Plan" die Rede ist. Vielmehr steckt hinter dem Begriff eine Kurzanleitung für pointiertes wissenschaftliches Schreiben. Sie ahnen es schon: Es waren clevere Amerikaner, die den Begriff geprägt haben. Der "MEAL Plan" wird an US-Hochschulen gerne in den Writing Centers verwendet, um das Schreibhandwerk zu vermitteln.
  • Es ist ein Konzept für Textabsätze, die es in sich haben:
    MEAL steht für Main idea, Evidence/Examples, Analysis, Link. 
Besonders für ungeübte Schreiber ist dies ein recht hilfreiches Konzept, um Selbstdisziplin bei der Textgestaltung zu wahren und "Labern" zu vermeiden.

In der Schule haben Sie vermutlich gelernt: Ein gut strukturierter Aufsatz oder Essay hat eine Einleitung (am besten mit einer These), einen Hauptteil und einen Schluss. Was im Großen gilt, gilt auch im Kleinen – was für den Aufsatz gilt, gilt auch für den Absatz.

"Main Idea"
Ein Absatz sollte eine Grundidee haben, eine Kernaussage, ein zentrales Thema. Nicht mehr. (Bevor Sie in ein neues Thema rutschen, machen Sie lieber einen neuen Absatz.)

Ein Absatz stellt also eine Idee vor und erläutert diese. Beim wissenschaftlichen Schreiben geht es meist um ein zentrales Argument.

In der Regel wird es im ersten Satz vorgestellt – das muss aber nicht so sein. Man will ja auch nicht wie ein Roboter schreiben, sondern einigermaßen elegant und flüssig.
Eigentlich ist es egal, ob die zentrale Idee im ersten, zweiten oder letzten Satz auftaucht. Es ist auch in Ordnung, wenn zwei oder drei zusammenhängende Ideen präsentiert werden, solange sie unters selbe Dach passen. Wichtig ist allein, dass der Leser am Ende eines Absatzes klar im Bilde ist, was den Absatz ausmacht.

Denken Sie an Ihre schlechten Lehrbücher: Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie ständig die Absätze zweimal lesen müssen, um sie zu verstehen, kann's nicht gut sein.

"Evidence / Examples"
Wissenschaftlichkeit beruht darauf, dass jede Behauptung durch stützendes Material unterfüttert wird. Im besten Fall ein Beweis, ein Beleg, zumindest ein Beispiel

Stellen Sie sich vor, Sie seien Rechtsanwalt oder Staatsanwalt in einem Gerichtsprozess. Sie können nicht einfach nur etwas behaupten – das wird den Richter nicht beeindrucken, und die gegnerische Partei wird Sie auseinandernehmen. Was tun Sie also? Sie rufen Zeugen auf, bringen Beweismaterial (Dokumente, Fotos, Videos, Spuren, Fingerabdrücke) bei, lassen Sachverständige aussagen, holen Gutachten ein, beziehen sich auf Vorschriften, vergleichbare Fälle und höchstrichterliche Entscheidungen. Wenn das alles nicht eindeutig ist, versuchen Sie's wenigstens mit Indizien ("Hilfstatsachen"). Außerdem versuchen Sie die Beweismittel der Gegenseite zu widerlegen oder wenigstens in Zweifel zu ziehen.

Ihr Leser (z.B. Ihr Professor) ist Ihr Richter – möglicherweise parteiisch und der Gegenseite zugeneigt. Ist er von der Richtigkeit Ihrer Behauptung nicht überzeugt, weil sie nicht begründet und belegt wird, haben Sie schlechte Karten. Also: Für jede Idee, die Sie einführen, bringen Sie Beweise, Belege und Beispiele bei. Das sind typischerweise Zitate aus der Literatur, Definitionen, Zahlen, Daten, Fakten, Beispiele aus verschiedenen Quellen.

"Analysis"
Beschreibung allein ist ein bißchen dünn; Fakten und Verweise sprechen nicht für sich. Sie müssen erklärt und erläutert werden. Der Leser muss wissen, wie er das gezeigte Material zu deuten hat. Und was Ihre Perspektive als Autor ist. Mithin: Worauf es beim wissenschaftlichen Schreiben ankommt (und was aus befriedigenden Texten gute macht), das ist Analyse.

Bei der Analyse geht es darum, den Untersuchungsgegenstand in seine Bestandteile zu zerlegen und diese genauer zu sortieren, zu untersuchen und zu interpretieren. Bekanntlich ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile, darum muss der Gesamtzusammenhang betrachtet werden – Kontext ist wichtig. Trotzdem gilt erst einmal: nachvollziehbar in Einzelteile zerlegen, vergleichen, Stärken und Schwächen abwägen. Zeigen Sie, dass Sie mit dem unter "E" wie "Evidence/Example" beigebrachten Material wirklich arbeiten, statt es nur zu sammeln.

Viele Studenten meinen, die fleißige Zusammenstellung von Zitaten sei schon die ganze Arbeit. Irrtum. Ein Schuh wird erst draus, wenn Sie die Zitate ordnen, gewichten, bewerten, wenn Sie erläutern, worin der Wert des Zitats liegt. Jedes Zitat sollte also eingebettet werden in Ihre eigenen Worte.

Professoren reagieren negativ, wenn ein Text nur aus einer Batterie von Zitaten besteht ("hat der auch 'ne eigene Meinung? Weiß der überhaupt, wovon die zitierten Autoren sprechen?"). Es soll ja Ihr Text sein und kein Cocktail fremder Texte. Ihre eigene Leistung zeigen Sie dadurch, dass Sie die Zitate interpretieren. Lassen Sie also Zitate, und seien sie noch so toll formuliert, nicht alleine stehen. 

Oder anders gesagt: Lassen Sie den Leser nicht mit den Zitaten und Fakten allein! Sie mögen denken, der Leser kommt doch selbstständig zum richtigen Schluss. Nein, kommt er nicht. Nehmen Sie ihn bei der Hand.


"Link"
Mit Link ist Verbindung gemeint, oder auch Übergang. Man könnte auch Nahtstelle sagen, zum nächsten Absatz nämlich, zum vorherigen Absatz möglicherweise auch und zum Gesamtzusammenhang Ihres Textes.

Sie kennen doch die Redensart vom "roten Faden"? Mit dem roten Faden nähen Sie die Absätze zusammen. Sie zeigen, wie der Absatz zu Ihrer übergeordneten Untersuchung beigetragen hat. Wie das eine zum anderen gehört.

Es geht um die Relevanz des Absatzes, den Sie gerade geschrieben haben. Zeigen Sie dem Leser, warum der Absatz für den Text wichtig war. Muss aber nicht unbedingt mit dem Holzhammer sein, Sie dürfen auch andeuten und implizit formulieren.

Jedenfalls: Am Ende eines Absatzes sollte klar werden, auf welches Konto der Absatz einzahlt. Das ist der Moment, in dem Sie beim Leser ein "Aha!" erzeugen können, weil sich ihm die Logik und der Aufbau Ihres Textes erschließt. Je mehr "Ahas!", desto besser.

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