21. Dezember 2010

Klausuren schreiben

Ich mag keine Klausuren. Es gibt bessere Prüfungsformen für die wissenschaftliche Ausbildung. Aber Klausuren haben nun einmal ihren festen Platz an der Hochschule und in der Studien- und Prüfungsordnung. Als Hochschullehrer muss ich Klausuren entwerfen, die Studenten eine faire Chance geben, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zu zeigen.

Zur Fairness gehören ein paar Tipps, wie man aus Klausuren das Beste herausholt. Im Folgenden gehe ich auf Klausuren in meinen Fächern ein (Europapolitik, Wirtschaftspolitik, Sozialsysteme in Europa, Internationales Management). Juristische Klausuren, Sprachfächerklausuren oder solche, bei denen Sie "rechnen" müssen, haben naturgemäß andere Schwerpunkte.

Standardisierte Fragen
Ankreuz-Fragen gibt es in mehreren Formaten. Im "Richtig/Falsch"-Format wird eine Aussage präsentiert, die entweder falsch oder richtig ist. Bei "Multiple Choice" gibt es, wie der Name schon sagt, mehrere Antwortmöglichkeiten auf eine Frage – sozusagen R/F-Fragen mit mehreren Optionen. Zudem sind Lückentext-Fragen und Kurzantwort-Fragen möglich.

Eine lange Batterie von Fragen kann furchteinflößend sein. Wichtig ist zu wissen, dass die Fragen selten stets dasselbe Niveau haben, selbst wenn es für alle dieselbe Punktzahl gibt. Es gibt einfache, mittelschwere und schwere. Einige MC oder R/F-Fragen fragen ganz simpel nur nach einem Fachbegriff oder einer Tatsache. Andere erfordern eine Auseinandersetzung mit einem Konzept oder gar analytisches Denken. Einige sind vielleicht sehr speziell.

Die Mischung ist im Idealfall so, dass der Großteil der Studenten den Großteil der Fragen richtig beantworten können, wenn sie halbwegs gut aufgepasst und sich den Stoff kontinuierlich angeeignet haben. Einige Fragen sind dagegen schwierig und erfordern etwas Knobelei. Das sind sozusagen die Fragen für "Einser"-Kandidaten

Verschaffen Sie sich zunächst eine Übersicht über die Themengebiete, die mit solchen standardisierten Fragen abgeprüft werden.

Rechnen Sie überschlägig, wie viel Zeit Sie für die einzelne Fragen aufwenden können. Gesamtzeit der Klausur und Zeit für andere, nichtstandardisierte Klausurteile einbeziehen. Wenn der Teil mit den standardisierten Fragen 40% aller möglichen Punkte der Klausur umfasst, planen Sie auch nur 40% der Zeit dafür ein – und rechnen Sie das auf die Anzahl der Fragen herunter.

Effiziente Klausurlöser gehen die Einzelfragen ziemlich schnell durch. Eine gute Regel ist es, den Fragenkatalog dreimal durchzugehen: Beim ersten Durchlauf beantworten Sie zunächst die für Sie einfachen Fragen. Halten Sie sich mit Fragen, die Sie nicht auf Anhieb beantworten können, nicht auf. Markieren Sie diese und gehen sofort weiter. Beim zweiten Durchlauf konzentrieren Sie sich auf die problematischen Fragen. Beim dritten Durchlauf überprüfen Sie alle Antworten und, wenn Sie auf eine Frage wirklich keine Antwort wissen, raten Sie bei den übriggebliebenen Fragen.

In jedem Fall sollten Sie ALLE Fragen beantworten. Zumindest in meinen Klausuren gibt es keine Punktabzüge für falsche Antworten. Selbst wenn Sie raten müssen: Bei einer Richtig/Falsch-Frage haben Sie eine 50%-Chance, die korrekte Antwort anzukreuzen. Bei einer Multiple-Choice-Frage mit vier Antwortmöglichkeiten liegt die Chance immerhin noch bei 25%. Das ist besser als die Frage auszulassen (= 0%).

Lesen Sie sehr genau. Flüchtiges Lesen der Frage kann sich rächen. Achten Sie vor allem auf Wörter, die die Frage/Aussage stark verallgemeinern oder stark begrenzen ("alle", "keiner", "jeder", "nie", "immer"). In der Wissenschaft geht es oft um Differenzierung und Einschränkungen, daher sollten Pauschalaussagen immer kritisch betrachtet werden. Heißt: solche Aussagen sind der Tendenz nach falsch.

Etwas tricky sind negative Formulierungen (Verneinungen). Aufgrund der Frage-Antwort-Struktur lassen diese sich für den Autor einer Klausur mit Multiple-Choice-Elementen kaum vermeiden. Achten Sie also genau darauf, was die Verneinung beinhaltet. Streichen Sie das negative Wort (nicht, nie, Präfix un- usw.) und überprüfen Sie, ob die Aussage dann stimmt.

Manchmal wird bei Richtig/Falsch-Fragen eine Aussage präsentiert, die aus zwei Teilen besteht: der eine Teil ist richtig, der andere nicht. Dann ist aber die Gesamtaussage falsch. Also genau lesen: Stimmt die Gesamtaussage?

Wenn Sie die Frage gelesen haben, überlegen Sie zuerst ohne Blick auf die vorgegebenen Antworten, wie Ihre spontane eigene Antwort lauten würden. Und erst dann überprüfen Sie, welche der vorgegebenen Antwortmöglichkeiten dieser entspricht.

Bei Multiple-Choice-Fragen: Nutzen Sie das Ausschlussverfahren: Streichen Sie die Antwortoptionen, die auf keinen Fall stimmen können. Gibt es mehrere "gute" Antworten, wählen Sie die "beste".

Wenn Sie eine mögliche Antwort nicht verstehen, mag das nicht an Ihrer Unfähigkeit liegen. Dozenten bauen durchaus Antwortoptionen ein, die unsinnig und unlogisch sind und mit dem Thema der Frage nichts zu tun haben; bei Fachbegriffen kommen oft Begriffe vor, die ähnlich klingen wie der gesuchte richtige Begriff, die es aber nicht gibt oder die etwas völlig anderes bedeuten.

Kurze und lange Essayfragen
Bei kurzen Essayfragen geht es meist um Fachbegriffe und Konzepte, die man knapp und kurz beantworten kann. Wenn ein Antwort in 2-5 Sätzen gefragt ist, ist es ausgeschlossen, dass ein komplexer Sachverhalt differenziert erläutert werden soll. Es geht also nur darum, einige wenige Punkte präzise zu treffen, z.B. einen Schlüsselbegriff zu nennen und die damit zusammenhängende Problematik. Manchmal dreht sich die Frage um einen typischen Fall, der in der Lehrveranstaltung eingehender behandelt wurde – oder einen ähnlichen. Auch hier gilt: Lesen Sie die Frage genau.

Lange Essayfragen geben Ihnen dagegen Raum, um Ihr komplexes Wissen auszubreiten und anzuwenden. Hier kann es um Theorien und Thesen gehen, bei denen es keine pauschal richtige Antwort gibt. Vielmehr ist gefragt, dass Sie einen Ansatz entwickeln, ein Problem analytisch aufdröseln, Ihr Wissen auf einen größeren Fall anwenden, eine Argumentationskette anlegen, differenzieren und erläutern – möglicherweise interpretieren und eine persönliche Position vertreten.

Bei langen Essays haben Studenten oft Schwierigkeiten mit der Konzept- und Zeitplanung. Der Sinn eines Essays ist, dass Sie eine überzeugende, in sich stimmige Argumentation vorbringen können. Ihr Essay mag am Ende kurz wirken, aber wenn es solide strukturiert und präzise formuliert ist, bringt es Ihnen volle Punktzahl. Umgekehrt gilt: Labertexte, bei denen ein Student fehlendes Wissen mit vielen Worten kaschiert, beeindrucken nicht. Wenn Sie einfach drauflosschreiben, vergessen Sie möglicherweise wichtige Dinge. Unbedingt vorher eine Skizze über die Inhalte anfertigen, die hineinmüssen (im Sinne einer Checkliste). Und bitte geben Sie die Skizze mit ab, denn wenn Sie nicht fertig werden, kann ich Ihnen immerhin noch Punkte geben für die dort enthaltenen Ideen, selbst wenn sie nicht ausformuliert wurden.

Wenn Sie argumentieren, stützen Sie Ihre Argumente Beispiele aus der Vorlesung und aus Ihrer Lektüre, zitieren Sie, zeigen Sie Bezüge zu in der Lehrveranstaltung diskutierten Fragen auf. Kratzen Sie nicht nur an der Oberfläche, vermeiden Sie zu allgemeine Aussagen, werden Sie konkret.

Achten Sie auch hier auf die Frageformulierung. "Beschreiben Sie..." heißt etwas anderes als "Vergleichen Sie..." Wenn dort steht: "Interpretieren Sie kritisch und formulieren Sie eine eigene Position", dann will ich sehen, dass Sie über die Text- oder Datengrundlage hinausblicken, etwas kritisch betrachten und eine Meinung vertreten können – egal, ob pro oder contra, so oder so, nur nicht einerseits-andererseits, wischi-waschi. Hier zählt Positionierung und Originalität.

"Open Book"
In manchen Klausuren ermögliche ich, Lehrbücher und Lernmaterialien bei der Klausur zu benutzen. Das soll Sie von der Strategie "Auswendiglernen" abhalten und etwas den Druck nehmen.

Dadurch wird die Klausur aber nicht per se einfacher. Es liegt auf der Hand, dass es in einer solchen Klausur weniger um die Reproduktion von einfachem Faktenwissen als vielmehr um Problemverständnis und Zusammenhänge geht. Eine Open-Book-Klausur prüft Ihre Fähigkeit, das Gelernte auf neue Fragestellungen oder Fälle anzuwenden, neue Texte (z.B. einen Zeitungskommentar) zu analysieren und zu strukturieren.

Die zugelassenen Bücher und Mitschriften werden Ihnen nicht helfen, wenn Sie diese nicht kennen. Wenn Sie die Klausurzeit mit wildem Blättern und Suchen verschwenden, kostet Sie das viel zu viel Zeit. Beschäftigen Sie sich also vorab intensiv mit Buch- und Materialorganisation, ordnen Sie Ihre Papiere und das Buch (z.B. durch Markierungen, Klebezettel, Kurznotizen).

Arbeiten Sie zunächst die Fragen durch, für die Sie Buch und Mitschriften nicht benötigen. Fragen, bei denen Sie nachschlagen müssen, bearbeiten Sie erst später.

In Essayfragen können Sie aus dem Buch zitieren, um Ihre Argumente zu stützen. Schreiben Sie aber bitte keine Zitate-Parade. Weniger ist mehr: Der Schwerpunkt liegt auf Ihren eigenen Gedanken.

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