19. Dezember 2010

Interviews führen: Vom Umgang mit Experten

In Abschlussarbeiten befragen Studenten gelegentlich Experten zu ihrem Thema. Experteninterviews sind ein gängiges qualitatives Erhebungsinstrument in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Interviews kann man zum Beispiel verwenden, um Themen breit zu erkunden („exploratives“ Vorgehen) oder um bestimmte Thesen aus der wissenschaftlichen Literatur zu überprüfen.

Wichtig sind sie vor allem, wenn Sie während der Recherche wenig Schriftliches finden. Oder wenn Sie sich auf einen wenig bekannten Fall konzentrieren, z.B. eine Entscheidung in einem Betrieb oder etwas sehr Aktuelles. Zusammen mit anderen Quellen können Interviews flexibel zur Informationsbeschaffung dienen, wenn sie planmäßig und mit wissenschaftlicher Systematik geführt werden. Eine Alltagsplauderei sind sie ja nicht.

Bei Experteninterviews kommt es darauf an, das besondere Wissen der Experten anzuzapfen. Dabei geht es oft um Hintergründe einer Entscheidung oder eines Prozesses.

Wer sind die Experten? Experten sind manchmal unabhängige Beobachter, manchmal auch Entscheidungsträger und Beteiligte eines Sachverhalts, den man untersuchen will. Wer Experte ist, entscheiden Sie selbst – möglichst begründet.

Allerdings ist das erfolgreiche Führen von Experteninterviews Erfahrungssache. Erfahrung haben die meisten Studenten aber nicht. Viele Interviews gelingen auf Anhieb, weil die Gesprächspartner Studenten gegenüber offen sind und gern Auskunft geben. Aber manche Interviews sind nicht so ertragreich, wie sie sein könnten. Das ist dann enttäuschend. Manchmal kommt es sogar zu kritischen Situationen. Ein gewisses Risiko ist also immer dabei. Schließlich kosten Interviews viel Zeit für Vor- und Nachbereitung. Grund genug, sich solide über die Methode zu informieren.

Ein guter Einstieg sind Online-Einführungen zur Methode wie:
Auch die Bibliothek bietet einiges an Ratgebern zur empirischen Sozialforschung und speziell zu qualitativen Befragungen. Einfach mal im WebOPAC und im Regal stöbern, beispielsweise Atteslander (2008), Methoden der empirischen Sozialforschung – das Standardwerk erhält einen guten Überblick zur Interviewführung. Weitere Empfehlungen:
  • Bogner et al. (2005) Das Experteninterview: Theorie, Methode, Anwendung
  • Froschauer (2003) Das qualitative Interview
  • Nohl (2009) Interview und dokumentarische Methode: Anleitungen für die Forschungspraxis
  • Lehmann (2001) Das Interview. Erheben von Fakten und Meinungen im Unternehmen
  • Britten (2008) Interviews planen, durchführen, verschriftlichen
  • Gläser/Laudel (2009) Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse
  • Küsters (2009) Narrative Interviews: Grundlagen und Anwendungen
  • Martens/Ritter (2008) Eliten am Telefon: neue Formen von Experteninterviews in der Praxis.
Es gibt also eine ganze Menge Praxistipps, die die Konzeption und Durchführung von Experteninterviews sehr erleichtern. Sinnvoll ist es außerdem, sich einige Bücher, Aufsätze und Abschlussarbeiten anzusehen, die mit Experteninterviews gearbeitet haben. Im Methodenkapitel finden sich Erläuterungen, wie die Interviews zu Stande gekommen sind; im Haupttext lässt sich erkennen, wie der Autor Interviewzitate eingebettet und ggf. kommentiert hat.

Kein Experte ist wie der andere: 10 Typen, die man in Interviews trifft

Speziell mit dem Verhalten von Befragten im Interview beschäftigt sich ein lesenswertes Paper von Kerstin Martens und Michael Brüggemann (Uni Bremen) „Kein Experte ist wie der andere: vom Umgang mit Missionaren und Geschichtenerzählern“ (TranState working papers 39, 2006).
Die Rolle, die der Experte im Interview einnimmt, so unsere These, ist dabei letztlich mitentscheidend für den Erfolg und die weitere Verwertbarkeit der durch ein Interview gesammelten Antworten. (...)

Der Beitrag entwickelt eine Typologie unterschiedlicher Interviewpartner und stellt deren jeweilige Besonderheiten dar. Experten lassen sich nach ihrem Kommunikationsstil (detailverliebt, anekdotenhaft, abstrahierend, ausweichend, contra-faktisch) und nach ihrer Intention, an einem Interview teilzunehmen (Informationsweitergabe, Persuasion), unterscheiden. 
Entlang dieser beiden Dimensionen lassen sich zehn Typen von Experten unterscheiden. Eine solche Typologie hilft, Herausforderungen an eine Interviewsituation (Zeitmanagement, Faktensammlung, Ermittlung von Meinungen) frühzeitig zu erkennen und Interviewstrategien (aktives Zeitmanagement, Konkretisierung, Konfrontation, Bekenntnisstrategie, Versachlichungsstrategie) zu entwickeln, um möglichen problematischen Verhaltensmustern, die solche Experten zeigen, entgegenzuwirken.“
Die beiden Forscher stellen ihre Ergebnisse in dieser Tabelle dar (um sie zu verstehen, sollte man allerdings den Text lesen):



Die beiden haben 10 Typen beschrieben, die man allerdings in Reinform in der Realität nicht antreffen wird. Die charakteristischen Verhaltensweisen haben die Autoren zugespitzt und abgegrenzt. Ihnen geht es um eine grobe Skizze. Außerdem lassen sie die „unproblematischen“ Interviewpartner außen vor, also das Glück eines Forschers, auf stets bereitwillig, umfassend und systematisch antwortende Experten zu treffen. Ihnen geht es mehr um diejenigen, die dem Interviewer Probleme bereiten können.

    Der Bürokrat

    Zunächst gibt es da fünf eher Informations-orientierte Typen. So trifft man häufiger den „Bürokraten“, insbesondere im staatlichen Verwaltungsbetrieb. Der ist rational und stets auf Korrektheit bei Details bedacht, hält aber seine eigene Meinung hinterm Berg. Der Interviewer erhält sachliche, technisch detailgenaue Infos.

    Das Problem: Bürokraten überfrachten das Interviews mit zu vielen Einzelheiten, und plötzlich kommt der Interviewer nicht mehr zu wichtigen Fragen, weil die Zeit abgelaufen ist. Die Herausforderung liegt insbesondere beim Zeitmanagement der Gesprächsführung. Außerdem muss man ganz schön drücken, um die Befragten zu eindeutigen Bewertungen und Preisgabe persönlicher Einstellungen zu bewegen.

    Der Geschichtenerzähler

    Dann sind da die Geschichtenerzähler. Sie sind sehr kommunikativ und plaudern munter drauflos. „Geschichtenerzähler antworten auch auf einfache Faktenfragen mit einer Anekdote, die aufschlussreich sein soll, aber nicht unbedingt den Sachverhalt trifft.“ Wie die Bürokraten verlieren sie sich oft im Detail. Unterbrechen lassen sie sich nur schwer. Wo bleibt dann der rote Faden im Interview? Auch hier ist Zeitmanagement kritisch. Andererseits sind die konkreten Beispiele und „Geschichten“ oft wertvoll, manchmal faszinierend.

    Der Analytiker

    Der Typ Analytiker findet sich oft bei Wissenschaftlern. „Sie nehmen den wissenschaftlichen Fragern viel Arbeit ab, denn sie abstrahieren und synthetisieren Information.“ Aber gerade weil sie das tun, wandert das Interview weg von konkreten Fakten, Details und genauen Beschreibungen hin zu allgemeinen Interpretationen. Der Analytiker will sich nicht einfach befragen lassen, sondern greift mitten hinein in die Forschungsarbeit des Interviewers („Mit dieser Frage wollen Sie sicherlich herausfinden, warum … Nun, das ist so...“).

    Der Skeptiker

    Skeptiker sind misstrauisch. Das sind Leute, die eher ungern kommunizieren und repräsentieren. Vielleicht haben sie ins Interview nur eingewilligt, weil ein Vorgesetzter das so wollte oder sie sich aus anderem Grund nicht entziehen mochten. Der Skeptiker will genau wissen, welche seiner Aussagen wie verwendet werden; diskutiert über die Spielregeln des Interviews oder sperrt sich auch mal bei Fragen. Er weicht aus, verweist auf andere, bleibt im Allgemeinen oder erzählt Selbstverständliches, gibt nichts Konkretes heraus. Konkrete Informationen muss man ihm aus der Nase ziehen – und scheitert bisweilen an dem Sturkopf.

    Der Pädagoge

    Hilfreicher sind die Pädagogen. Sie geben gern Infos und verpacken sie schön. Der Interviewer wird zum Schüler, den man belehren muss und für den man – zum Beispiel mit fiktiven Beispielen – Erklärungen der Wirklichkeit parat hat. Gut gemeint, aber für den Interviewer ist das eine Falle. Statt sich auf den Sachverhalt in der Realität zu beziehen, präsentiert der Pädagoge unpassende und ablenkende Beispiele. Immerhin ist der Mitteilungsdrang der Pädagogen so groß, dass man gut beim Konkreten nachfassen kann.

    Der Besserwisser

    Nun kommen die Autoren zu den fünf Typen, die eher überzeugen als Infos liefern wollen. Wer vor allem Fakten sammeln will, hat es mit diesen eher schwer. Dafür kann man bei Ihnen einiges zur Ideologie, zu Weltbildern, Perspektiven und Meinungen einsammeln. Weil sie aber überzeugen wollen, manipulieren sie den Interviewer aber auch immer ein bisschen. Und manchmal auf ziemlich dreiste Weise.

    Besserwisser geben gern ein Interview und wollen dabei zeigen, wie gut sie im Thema stehen. Sie sehen sich ja selbst als Experten und wollen auch so behandelt werden. „Die Anfrage nach einem Interview überrascht den Besserwisser nicht, sondern es erscheint ihm ganz natürlich befragt zu werden“. Nur sind sie leider Egozentriker. Statt auf Fragen zu antworten, wollen sie das Interview dominieren („Also wissen Sie, eigentlich ist das gar kein Thema für ein Forschungsprojekt, ich habe ja auch promoviert und …“). Der Besserwisser kritisiert dann schon mal ausführlich die Formulierung der Fragen. Auf einfache Sachfragen kommen nicht konkrete Aussagen, sondern viel Meinung.

    Außerdem neigen sie zur Anspielung: „Sie deuten ihr Insiderwissen an, geben es aber nur in kleinen Häppchen preis. Wenn sich die Fragende auf diese Strategie einlässt, wird sie gegebenenfalls zu interessanten Einsichten in die Weltsicht der Besserwisser kommen, aber möglicherweise von den eigentlichen Fragen abkommen.“ Immerhin plaudert der Besserwisser gern über Interna, wenn er sich damit selbst in ein gutes Licht setzt.

    Der Missionar

    Für den Typ Missionar ist das Interview ein Medium, um seine „Botschaft“ einem größeren Publikum zu vermitteln. Sehr gesprächig, mogelt er sich aber gerne um die eigentlichen Fragen herum und kommt immer wieder zu seiner „Botschaft“ zurück. Dadurch sinkt dann schnell der Informationswert  des Interviews. „Die Parabel ist ein wichtiges Element ihres Kommunikationsstil, allerdings ist Missionaren die Moral der Geschichte wichtiger als die sachliche Präzision.“

    Der Verkäufer

    Verwandt sind die Missionare mit dem Verkäufer. „Verkäufer sind die säkularisierte Form des Missionars. Oft findet sich dieser Typus in den mit der Außendarstellung befassten Stellen einer Organisation. Verkäufer wollen überzeugen, aber ihre Dogmatik bezieht sich weniger auf quasi-metaphysische Überzeugungen als auf ihr professionelles Interesse, ihre Institution ins beste Licht zu stellen.“ Ein Interview ist die Chance für ein „Verkaufsgespräch“. Verkäufer sind offen, hilfsbereit, vermitteln weitere Ansprechpartner.

    Unangenehm wird es dann aber bei kritischen Fragen. Das haben die Verkäufer nicht so gern, sie weichen aus und flüchten ins Abstrakte. „Insgesamt ist von ihnen eher unvollständige Information zu erwarten beziehungsweise von ihnen selektiv instrumentalisierte Information.“ Und wenn sie plaudern, stellt man hinterher fest, dass man die Infos genauso gut anderswo hätte bekommen können.

    Der Zyniker

    Weiter gibt es noch die Zyniker. Das sind die „Anti-Verkäufer“. Sie sind sehr nützliche Informationsquellen, weil sie gern und viel darüber reden, was schief läuft, was frustriert, was anders gemacht werden sollte. Sie sind so einseitig und ausweichend wie der Verkäufer, nur seitenverkehrt. 

    „Häufig lassen Zyniker ihrer Frustration freien Lauf, insbesondere wenn sie den Eindruck haben, nichts mehr verlieren zu können – daher fürchten sie auch nicht, dass ihnen ein Interview noch schaden kann. Sie glauben, die von der Organisation aufgrund ihrer Funktion und Position vorgegebene Rolle nicht mehr spielen zu müssen, weil sie sich schon am Ende ihrer persönlichen Karriereleiter sehen oder kurz vor der Pensionierung stehen.“

    Der Haken: Zyniker übertreiben, ohne dass man es merkt. Sie sind nicht immer so differenziert und sachlich, wie man es als Interviewer gern hätte.

    Der Demagoge

    Schließlich sind da die Demagogen. Eher eine seltene Spezies, weil sie an tiefschürfenden Einzelgesprächen mit Wissenschaftlern eher wenig Interesse haben und weniger oft Interviews geben. Sie hätten lieber ein großes Publikum. Das sind öfter große Tiere, an der Spitze einer Organisation, politische Leute. Im Interview sehen auch sie die Chance, das Bild in der Öffentlichkeit zu steuern oder den Forscher auf ihre Seite zu ziehen. „Sie wollen überzeugen, sind dafür aber auch bereit, bewusst Unwahrheiten zu verbreiten und zu manipulieren. Sie werden viel Negatives und Insiderwissen über ihre Gegenspieler verbreiten und vor keiner Übertreibung zurückschrecken. Über das eigene Verhalten und die eigene Gruppe werden sie entweder schönfärberisch oder zurückhaltend Auskunft geben.“ 

    Beim Gespräch muss man also auf der Hut sein. Die Demagogie und Irreführungen muss man erkennen. Sehr aufschlussreich kann das schon sein, wie da jemand argumentiert. Nur ist es schwierig, alles zu entschlüsseln, was der Interviewpartner einem erzählt. Was die Wahrheit ist und was nicht, das bleibt oft im Nebel.

    Strategien für den Umgang mit den Expertentypen

    Wie geht man nun mit diesen Typen um? Wie führt man das Interview so, dass der Ertrag groß ist und die Fallen vermieden werden? Wie lockt man die zögerlichen Experten aus der Reserve? Kann man spielerisch provozieren? Wie kommt man zurück auf den eigenen Interview-Leitfaden, den eigenen Fragenkatalog? Wie fragt man nach, um Konkretes zu bekommen? Wie unterbricht man einen Redeschwall und managt die zur Verfügung stehende Zeit? Wie wechselt man geschickt das Thema?

    Darüber haben die Autoren auch einiges zu sagen.
    „Informationsvermittlern kann mit einer Bekenntnisstrategie entgegnet werden; Experten, deren Intention es ist, die Forscherin von einem ihnen wichtigen Inhalt zu überzeugen, sollte man mit einer Versachlichungsstrategie entgegentreten. Drei weitere Strategien betreffen jeweils eine Teilmenge der dargestellten Experten: Detailverliebten und anekdotenreichen Erzählern muss mit aktivem Zeitmanagement begegnet werden. Abstrahierende und ausweichende Experten können mit der Konkretisierungsstrategie festgelegt werden. Wenn der Wahrheitsgehalt von Aussagen in Frage steht, hilft möglicherweise eine Konfrontationsstrategie.“ (Mehr dazu im Paper)

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