17. Februar 2011

Quelle Wikipedia - verboten oder erlaubt?

Darf man Wikipedia  in einer wissenschaftlichen Arbeit zitieren? Keine Frage wird so häufig in Thesis-Workshops gestellt wie diese. Und es ist ja so: Keine Quelle wird von Studenten so häufig konsultiert wie Wikipedia, und dann eben auch zitiert.

2011 wird die "freie Enzyklopädie" zehn Jahre alt. Und seit es sie gibt, streiten sich Dozenten über die Zitierfähigkeit. Der Streit verunsichert Studierende seit einem Jahrzehnt. Sie sind damit aufgewachsen. Und fast jeder Wissensarbeiter benutzt Wikipedia, vielleicht sogar täglich.

Das eine Lager der Dozenten sagt, Zitate aus Wikipedia sind auf jeden Fall völlig tabu. Die anderen sagen, Wikipedia ist eine Internetquelle wie andere auch, und viele Dozenten bauen Wikipedia sogar in Seminare ein und lassen Studenten selbst Beiträge verfassen.

Academics.de hat den Streit jüngst aufgegriffen, mit einem jeweils gut differenzierten Pro und Kontra. Ein Blick auf die beiden Artikel lohnt sich, um zu verstehen, worum es beiden Seiten geht. Beide haben ein bisschen Recht.

Die Kritik an Wikipedia als wissenschaftliches Referenzwerk

Für die Kritiker schreibt die Historikerin Maren Lorenz (Uni Hamburg), Wikipedia sei durchaus alltagstauglich für die Orientierung über unbekannte Themen und zur Suche nach nützlichen Links zu vertrauensvolleren Quellen. Trotzdem verbietet sie ihren Studenten Wikipedia als Referenz und erklärt ihnen auch warum; "Das kostet leider viel Zeit und fruchtet nicht immer", sagt sie. Sie verbiete es  "nicht aus Traditionalismus, sondern in Sorge um das Bildungssystem Universität". Sie fürchte um die Informationskompetenz der Lernenden, Schlüsselkompetenzen wie Recherche, Selektion und Evaluation von Quellen und Belegen zur Informationsgewinnung.

Wikipedia benutzen, meint sie, ist Recherche der Marke "quick and dirty". Das Kernproblem sei die Manipulierbarkeit, das fehlende Qualitätsmanagement nach bewährten Standards der Wissenschaftlichkeit.  

Weder die sachliche Richtigkeit jeder einzelnen Aussage noch die dauerhafte Verlässlichkeit der zu jedem Moment angezeigten Information könnten garantiert werden. Wikipedia sei defizitär bei der Qualität, bei der Transparenz und bei der Autorschaft der Artikel. 

Zwar seien einzelne Wikipedia-Artikel von hoher Qualität, aber das sei irrelevant. Denn immer handele es sich um eine Momentaufnahme. Auch die Auszeichnung "gesichtete Seiten" lässt sie als Qualitätsmerkmal nicht zu, denn dahinter stünden nur "selbsternannte Verantwortliche".

Es fehle ein  klar definiertes Kontrollsystem und Professionalität. Es gibt schlicht kein Fachlektorat, stellt Lorenz fest. Das Abstimmungssystem der Redakteure sei fragwürdig, die technischen Spielregeln seien hochkomplex, die Identitäten der Redakteure unbekannt - und diese seien nach Umfragen meist junge männliche Singles, die bestimmt nicht das "Weltwissen" repräsentierten.Wer sich bei Wikipedia durchsetze, sei ein "permanenter intransparenter Prozess", bei dem es um Entscheidungsmacht und Deutungshoheit gehe. Lorenz meint: "Der Hartnäckigste mit der meisten Zeit setzt sich langfristig durch."
Die 'volksdemokratische' Wikipedia versagt in puncto Objektivität flächendeckend durch Edit-Wars, gezielte oft politisch, ideologisch und ökonomisch motivierte Manipulationen, vor allem bei technischen und soziokulturellen Themen, und durch nationale Bauchnabelperspektiven, wie sie in den verschiedenen Sprachen sinnfällig werden. Geschickte Manipulationen sind inhaltlich nur zeitlich aufwendig und technisch im strafbaren Einzelfall nur durch richterliche Genehmigung teuer nachzuweisen.

Sie fügt hinzu, dass selbst renommierte Nachschlagewerke (z.B. Meyers Taschenlexikon) in der Wissenschaft nicht zitiert werden, sondern nur als Einstieg in tiefere Recherchen dienen sollten. Viele Artikel der Wikipedia gingen in Umfang und Struktur jedoch weit über Lexika hinaus und erhöben den Anspruch detaillierter und differenzierter Information. Der Teufel liege meist im Detail -- und genau das werde weder von den ehrenamtlichen Redakteuren noch von den Nutzern erkannt. Zum Problem der unklaren Autorschaft bei sagt Lorenz, Wikipedia-Artikel basierten bestenfalls auf Artikeln aus Fachbüchern oder anderen Lexika. Woher wissen die Autoren, was sie wissen? Das ist selten wirklich klar.

Gegenposition: Wikipedia ist OK – aber die Nutzung will gelernt sein

Die Gegenposition vertreten Johannes Becher (Doktorand an der Bucerius Law School, Hamburg) und Viktor Becher (wissenschaftlicher Mitarbeiter, Uni Hamburg). Sie plädieren gegen ein pauschales Wikipedia-Zitierverbot an den Hochschulen.

Sie stellen zunächst einmal fest, dass Wikipedia auch unter Wissenschaftlern immer beliebter geworden ist und sehr häufig in Aufsätzen und Büchern zitiert wird. Das stehe im krassen Gegensatz zum Zitierverbot für Studenten. Sie finden das Anti-Wikipedia-Dogma "äußerst bedauerlich".

Denn erstens werde die Aufbereitung und Vermittlung von Wissen im Internet in Zukunft noch stärker von Wikipedia und ähnlichen Formaten dominiert sein, als sie es ohnehin schon ist. Daher stünden Hochschulen in der Pflicht, ihren Studenten einen reflektierten Umgang mit dem Online-Nachschlagewerk beizubringen, statt pauschal zu verbieten. Zweitens stünden dahinter zahlreiche Missverständnisse und Vorurteile.

Die beiden Bechers führen einige Studien an, die zeigen, dass die Wikipedia-Qualität dem Vergleich mit renommierten Lexika wie Brockhaus oder Encyclopaedia Britannica standhält, oftmals aktueller sei und Themen präsentiere, die anderswo gar nicht auftauchten. Die Selbstkorrektur-Methode der Wikipedia sei schnell und effektiv, die Diskussionen der ehrenamtlichen Redakteure fruchtbar, das Ergebnis sei eine bemerkenswerte Objektivität und Ideologiefreiheit. Gerade aktuelle und besonders kontroverse Themen, wie zum Beispiel ein laufender Krieg, würden bei Wikipedia von Tausenden von Autoren diskutiert. "Dadurch ist sichergestellt, dass der entsprechende Artikel einen echten Konsens darstellt bzw. alle Meinungen in der Debatte in irgendeiner Form widergibt", sagen die Bechers. "Wikipedia ist damit resistent gegen ideologisch gefärbte und manipulative Inhalte wie kaum eine andere Informationsquelle."

Zur Veränderbarkeit der Artikel führen die Bechers an, dass die Funktion des "Permanentlinks" stets die Möglichkeit biete, eine ganz bestimmte Version zu zitieren.

Dass Wikipedia anfällig für Plagiarismus sei, bestreiten die Bechers nicht. Dieser Gefahr sollten sich Nutzer bewusst sein -- und selbst prüfen, z.B. per Suchmaschine. Das sei ein Nachteil, der jedoch durch viele Vorteile aufgewogen werde.

Sie wenden sich zudem gegen die Aussage, Wikipedia-Artikel seien unzuverlässig, weil Aussagen nur unzureichend belegt seien. "Dieses Vorurteil scheint aus der Anfangszeit von Wikipedia zu stammen, in der es tatsächlich an Belegen mangelte", meinen sie.
"Schon seit Jahren verlangen Wikipedias Autorenrichtlinien jedoch eine Stützung von Aussagen mit Belegen. Unbelegte Aussagen werden direkt im Artikel als solche gekennzeichnet und, sofern die Aussage nach einiger Zeit nicht belegt werden kann, gelöscht. Zudem sollten Studenten ohnehin lernen, ständig ein Auge darauf zu haben, ob Aussagen hinreichend belegt werden, denn auch in akademischen Publikationen finden sich bisweilen unbelegte Aussagen. In jedem Fall kann das vereinzelte Fehlen von Belegen keine schlüssige Begründung für ein grundsätzliches Wikipedia-Zitierverbot darstellen."
Nicht bestritten wird auch, dass bei einigen Artikeln anonyme Autoren am Werk seien. Die Bechers verweisen darauf, dass jederzeit die Versionsgeschichte aufgerufen werden könne, so dass die Zahl der mitarbeitenden Autoren ersichtlich sei; außerdem informiere die Diskussionsseite eines jeden Wikipedia-Artikels über Erwägungen und Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren.
"Dabei ist ein Artikel, der von über 200 Autoren kontrovers diskutiert worden ist, sicherlich als verlässlicher zu bewerten als ein Artikel, dessen Versionsgeschichte und Diskussionsseite nur wenige Einträge enthalten. Studenten erhalten bei Wikipedia die Gelegenheit, sich selbst ein Bild von der Kontroversität eines Themas zu machen - was natürlich voraussetzt, dass sie den korrekten Umgang mit Wikipedia gelernt haben."
Becher und Becher meinen also, dass die Wikipedia bei einem reflektierten und eigenverantwortlichen Umgang mit Quellen unübertrefflich sei. Genau dieses müsse an Hochschulen vermittelt werden. Ein Pauschalverbot sei kontraproduktiv. Jede Quelle müsse von Studenten überprüft werden. Auch bei herkömmlichen Quellen könne Qualität nicht vom Renommee des Autors und/oder des publizierenden Verlages abgeleitet werden.
"Das Problem besteht unseres Erachtens aber nicht darin, dass Studenten Wikipedia zitieren, sondern dass sie die Enzyklopädie nicht richtig gebrauchen bzw. sich übermäßig auf sie verlassen. Natürlich ist es unwissenschaftlich, z.B. die Hauptaussage einer Seminararbeit allein auf einen Artikel aus einer Enzyklopädie zu stützen - ganz gleich, ob es sich dabei um Wikipedia oder um eine traditionelle Enzyklopädie handelt. 
Unseres Erachtens spricht jedoch nichts dagegen, eine schöne Definition oder ein gutes Argument aus einem Wikipedia-Artikel aufzugreifen und dies in Form eines entsprechenden Hinweises zu würdigen. Anstatt Wikipedia pauschal zu verbieten, sollten Hochschullehrer in Zukunft verstärkt Wert darauf legen, ihren Studenten ein echtes Verständnis der Grundlagen wissenschaftlichen Zitierens zu vermitteln. Das Problem unangemessener Wikipedia-Zitate, dessen Ursache von den bestehenden Zitierverboten lediglich verschleiert wird, sollte sich dann wie von selbst erledigen."
Fazit

Im Grunde also sind die hier zusammengefassten Pro und Kontra-Beiträge kompatibel: nämlich in dem Punkt, dass Informations- und Recherchekompetenz notwendig sind, um eine Wikipedia sinnvoll nutzen zu können. Dass es daran bei Studenten oft hapert, da sind sich die Kontrahenten einig.

In zwei entscheidenden Punkten liegen sie aber weit auseinander:
  • Die Sicht auf den Nutzer - faul oder kritisch? Die Bechers meinen, dass auch jedes andere Lexikon geprüft werden muss -- und dass Wikipedia eine prima Gelegenheit ist, um den das zu lernen. Die Bechers trauen dem Nutzer zu, diesen Anspruch zu erfüllen. Für Lorenz allerdings ist Wikipedia nur eine Fassade, die den faulen Nutzer in Sicherheit wiegt, die es nicht gibt; und der von den Bechers geforderte kritische Umgang mit Wikipedia entspricht, folgt man Lorenz, nicht der Alltagswirklichkeit.
  • Die Sicht auf die Macher - Profis oder Amateure, Experten oder Laien? Verlässliche Qualität kann für Lorenz nur durch ein professionelles Fachlektorat - also Experten - gesichert werden, während die Bechers auch der Schwarmintelligenz einer Redaktionsgemeinschaft aus Amateuren zutrauen, ein ebenso gutes Lexikon zu produzieren. Nach Lorenz muss sich der Nutzer auf die Profis verlassen können (und dafür auch bereit sein zu zahlen). Für die Bechers ist das Diskurs- und Korrekturprinzip des Web 2.0 jedoch im Endergebnis genauso leistungsfähig, wenn nicht sogar leistungsfähiger.
Ähnliche Diskussionen über das Mitmach-Web finden sich in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, beispielsweise zu Fragen wie: Ist Amateur- und Blogger-Journalismus so gut wie die ausgebildeten Reporter und Redakteure der etablierten Massenmedien, die über Jahrhundert die "Gatekeeper" des Nachrichtenwesens waren? Sind politische Web-Plattformen, Internet-Bürgerinitiativen und e-Voting so gut wie die Debatte und Entscheidung gewählter Volksvertreter?

Wahrscheinlich ist, dass in Zukunft beides parallel stattfindet und miteinander verknüpft wird. Internetquellen sind heute aus dem wissenschaftlichen Alltag überhaupt nicht mehr wegzudenken. Auch die Wikipedia - oder ähnliche Lexika - werden bleiben. Ein pauschales Wikipedia-Verbot is tatsächlich, da muss man den Bechers Recht geben, kontraproduktiv und wirkt immer seltsamer.

Andererseits ist Lorenz' Sorge um zu viel Bequemlichkeit berechtigt. Sorgfalt und Skepsis werden für die Nutzer des Web 2.0 immer wichtiger. Dass man alles leicht ergoogeln könne und Wikipedia auf alles vollständige Antworten parat hält, ist naiv. Die Anfälligkeit für Manipulationen im Web 2.0 muss jedem Studenten bewusst sein. Es gibt kein professionelles Korrektiv.

Mehr denn je gilt, was in den USA früher gern auf Autoaufklebern und gesprüht auf Häuserwänden gefordert wurde: Question authority! Jede Art von Autorität ist zu hinterfragen, wissenschaftlich oder nicht. Und Wikipedia ist vom Ansatz her überhaupt keine "Autorität". Wer Wikipedia traut, trägt ein Risiko -- und immer noch ein größeres Risiko als etablierteren Referenzwerken. Wer Wikipedia zitiert, muss dafür gute Gründe haben. Und sorgfältig prüfen.

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