26. Juni 2011

Alle Internetquellen im Anhang dokumentieren?


Eine Studentin fragt entsetzt: "Ist es wahr, dass wir die Internetquellen noch in irgendeiner Form mit dazu geben müssen? Ich habe 4 Seiten Literaturverzeichnis mit Berichten, die teilweise 400 Seiten lang sind. Das kann ich ja nicht alles hinten ran hängen."

In der Tat, das wäre Quatsch und ist auch nicht mehr Usus. Es gibt aber ein paar allgemein akzeptierte Wege, wie man trotzdem sinnvoll dokumentiert.

Zunächst ein kurzer Blick darauf, woher die oftmals gehörte Ansage kommt: Internetquellen können sich oftmals schnell verändern. Sie sind dann also in der zitierten Form nicht mehr verfügbar. Und Nachvollziehbarkeit der Quellen gehört ja in wissenschaftlichen  Arbeiten zum "Muss".

Ursprünglich - also in der Steinzeit, als es noch kein Internet gab und stark behaarte Menschen in Höhlen wohnten - war es so, dass Wissenschaftler fast ausschließlich Bücher und Zeitschriften auswerteten, die in Papierform von Verlagen, Bibliotheken und Archiven eingelagert und bei Bedarf verfügbar gemacht wurden. Damit war die "Zitierfähigkeit" formal gesichert. Wenn ein Autor andere Quellen der sogenannten "Grauen Literatur" (oder auch "flüchtigen Literatur") verwenden wollte, etwa ein Flugblatt, in kleinen Auflagen im Selbstverlag gedruckte Schriften oder Arbeitspapiere eines Instituts, interne Firmenunterlagen oder andere unveröffentlichte Dokumente, galt die Regel, dass diese mangels öffentlicher Verfügbarkeit möglichst im Anhang eines Werkes abgedruckt werden sollten. Denn sonst hatte der Leser ja gar keine Chance, die Originalquellen selbst zu sichten. Das wurde nie konsequent durchgehalten, aber es gab immerhin eine besondere Verantwortung des Autors, die nicht über die üblichen Wege verfügbare Literatur (Buchhandel, Bibliotheken, Archive) auszuweisen und z.B. wenigstens Bezugsadressen zu nennen.


In diesem Verständnis ist jede Website "graue Literatur". Im Internet kommt das besondere Problem der Flüchtigkeit hinzu: Websites ändern sich oft schnell. Das beste Beispiel dafür ist die Wikipedia (siehe Blogbeitrag "Quelle Wikipedia - verboten oder erlaubt?") und andere Formen des interaktiven Web 2.0.


Die Langzeitarchivierung von Internetquellen ist ein globales Problem. Es gibt auch kein umfassendes Internet-Archiv, in dem alle einmal publizierten Seiten gespeichert werden (trotz einzelner Archive wie www.archive.org). Viele Internetquellen "verschwinden" einfach sehr plötzlich.


Formal kann man sich im Quellenverzeichnis absichern, indem man einem Nachweis eine Angabe darüber anhängt, wann der Zugriff erfolgte ("Zugriff am 27. Juli 2011 um 15.34 Uhr"). Das hilft dem Leser zwar nicht weiter, wenn die Quelle verschwunden ist, aber zumindest zeigt der Autor, auf welche Version er verweist. 


Hilfreich sind hier PermaLinks, also permanente, dauerhafte Hyperlinks (von permanent und hyperlink). Wikipedia weiß, ein PermaLink
"ist ein dauerhafter Identifikator in Form einer URL. Normale URLs werden oft geändert, so dass darüber abrufbare Inhalte nicht mehr oder nur unter einer anderen Adresse verfügbar sind. Verweise auf diese URL werden entweder zu toten Links oder zeigen plötzlich auf andere Inhalte; bei der Einrichtung eines Permalinks wird dagegen angestrebt, die einmal über ihn referenzierten Inhalte dauerhaft und primär über diese URL verfügbar zu machen."
Gleich das Beispiel dazu: Den Artikel habe ich unter http://de.wikipedia.org/wiki/Permalink abgerufen. Der unten auf der Seite angebotene PermaLink dafür lautet aber http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Permanentlink&oldid=63856327 ("Wikipedia-Permanentlink auf die Version dieses Artikels vom 28. August 2009 um 10:57 Uhr"). Wie man sieht, gibt es bereits Unterschiede zwischen dem Text, der im PermaLink für den 28. August 2009 dargestellt wird, und dem Text zum Zeitpunkt, in dem ich diesen Artikel schreibe. Der tatsächliche PermaLink zur jetzigen Situation ist woanders zu finden, nämlich in der Rubrik "Werkzeuge" unter "Permanenter Link" oder "Seite zitieren": http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Permanentlink&oldid=88401665


Wer also Wikipedia unbedingt zitieren möchte, sollte das ausschließlich mit dem PermaLink und Angabe der Versionsdaten tun. Leider haben nicht alle Websites so komfortable PermaLinks und Zitierhilfen!



Welchen Aufwand man betreiben muss, um - auch für die eigene Recherche und Archivierung - das Wiederauffinden zu sichern, hängt von der Website ab
  • Bei den meisten privaten und Firmen-Seiten (z.B. Nachrichtenportale) ist grundsätzlich davon auszugehen, dass diese sich jederzeit ändern können, eine zitierte URL also schnell mal ins Nichts führen kann. Das gilt ganz besonders für dynamisch erzeugte Seiten, die also nicht statisch sind (klassischer HTML-Text), sondern ständig aktualisiert werden oder erst erzeugt werden, wenn ein User etwas aufruft. Bei vielen kommerziellen Nachrichtenangeboten ist es zudem so, dass Artikel entweder erst frei verfügbar sind und dann in ein passwortgeschütztes Archiv kommen, oder umgekehrt erst in einer Rumpfversion publiziert werden und dann nach einer Frist im Volltext verfügbar gemacht werden.
  • Bei den meisten amtlichen und wissenschaftlichen Dokumentenservern ist dagegen von einer gewissen Ewigkeitsgarantie auszugehen - auch Jahre später sollten Dokumente noch auf derselben Stelle zu finden sein. Aber auch hier sind Änderungen und Verschiebungen nie auszuschließen.
Für sich selbst kann man Websites auf der eigenen Festplatte abspeichern. Hilfreich sind auch Wissensmanagement-Helfer wie Zotero (www.zotero.org), die ein Abbild der Seite speichern. Zumindest könnten Sie einem misstrauischen Gutachter Ihrer Hausarbeit auf Nachfrage beweisen, dass es die Seite einmal gab, wenn sie verschwunden sein sollte.


Für den externen Leser gibt es keine perfekte Lösung. Sie könnten in der Tat alles ausdrucken und Tausende Seiten in den Anhang Ihrer Thesis einfügen, aber das macht kein Mensch. Außer Wissenschaftlern, die richtige Dokumentationsbände publizieren.

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